{"id":6113,"date":"2019-03-31T22:47:00","date_gmt":"2019-03-31T20:47:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6113"},"modified":"2019-04-14T21:56:06","modified_gmt":"2019-04-14T19:56:06","slug":"im-gespraech-erneuerer-oder-totengraeber-des-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6113","title":{"rendered":"Im Gespr\u00e4ch: Erneuerer oder Totengr\u00e4ber des Sozialismus?"},"content":{"rendered":"<h5>Eine entlarvende Publikation<\/h5>\n<pre>Rezension zu: <em>Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar. Gespr\u00e4che in Wien, Moskau und Prag. <\/em><em>Herausgegeben und \u00fcbersetzt von Klaus Kukuk; <\/em><em>Berlin 2019, Verlag am Park, 236 S., 15 Euro<\/em><\/pre>\n<p><em>von <strong>Anton Latzo<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Klaus Kukuk, bekannt f\u00fcr seine Analysen \u00fcber die Vorg\u00e4nge in der CSSR im Jahre 1968, hat eine \u00dcbersetzung der drei Gespr\u00e4che angefertigt, die Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar, f\u00fchrender Akteur des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c, in den Jahren 1993 und 1994 in Wien, Moskau und Prag gef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Der Gespr\u00e4chsband hat drei Hauptteile. Im ersten Teil wird \u2013 ankn\u00fcpfend an ihre gemeinsame Studienzeit an der Moskauer Lomonossow-Universit\u00e4t von 1950 bis 1955 \u2013 ihre Sicht auf die Sowjetunion der 1950er Jahre pr\u00e4sentiert. In einem zweiten Gespr\u00e4ch konzentrieren sich Gorbatschow und Mlynar auf die Amtszeit von Gorbatschow und im dritten Teil werden wichtige Elemente ihrer konzeptionellen Vorstellungen zum Sozialismus und zu internationalen Entwicklungslinien behandelt.<\/p>\n<p>In ihren Gespr\u00e4chen behandeln sie zwar zentrale Fragen der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und der internationalen Auseinandersetzung. Aber: ihre Betrachtungen zu gemeinsamer Studienzeit, zur Geschichte der Sowjetunion und zur Au\u00dfenpolitik der UdSSR in den 1980er Jahren sind davon gepr\u00e4gt, ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen und als positiv und alternativlos zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte ja sagen, dass sie das alles mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren m\u00fcssen. Aber das Problem besteht darin, dass sie ihr subjektives Verhalten dem Leser als Apologie des Revisionismus vermitteln. Es geht ihnen nicht darum, die Geschehnisse objektiv und unter dem Gesichtspunkt des Lernens zu betrachten. Sie stellen Deformationen in den Mittelpunkt, identifizieren diese mit Sozialismus und wollen so \u201ebeweisen\u201c, wie schwer sie es hatten, wie ausweglos ihre Situation war. Sie beteuern, Marxisten zu sein, Sozialismus zu wollen und sind in Wirklichkeit bem\u00fcht, den Menschen den Revisionismus als Marxismus einzufl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n<p>Sich, ihre Konzeption und ihre Politik entlarven sie selbst, wenn z.B. Mlynar im dritten Gespr\u00e4ch feststellt: \u201eWenn wir unsere heutige Vorstellung von Sozialismus knapp zusammenfassen wollen, k\u00f6nnen wir das ungef\u00e4hr so formulieren: Sozialismus ist vor allem ein Entwicklungsprozess, eine bestimmte Tendenz, die in der Industriegesellschaft (und der k\u00fcnftigen postindustriellen) danach strebt, Werte zu realisieren, die mit der sozialistischen Idee verbunden sind\u201c. (S. 184)<\/p>\n<p>Und Gorbatschow f\u00e4hrt fort: \u201eUnd wir zwei sollten uns \u00f6ffentlich zu dem gro\u00dfen Fehler bekennen, den wir als Vertreter der kommunistischen Ideologie begangen haben, als wir Bernsteins These \u201aDie Bewegung ist alles \u2013 das Ziel ist nichts\u2018 als Verrat am Sozialismus erkl\u00e4rten. Der Sinn von Bernsteins Gedanken bestand darin, das der Sozialismus nicht als System begriffen werden darf, welches infolge des gesetzm\u00e4\u00dfigen Zusammenbruchs des Kapitalismus entsteht, sondern dass Sozialismus die schrittweise Realisierung des Prinzips der gleichberechtigten Selbstbestimmung der Menschen bedeutet, die die Gesellschaft, die \u00d6konomie und den Staat schaffen.\u201c (S. 185)<\/p>\n<p>Indem sie Bernstein, den Stammvater des Revisionismus, zu ihrem Bannertr\u00e4ger machen, weisen sich beide als w\u00fcrdige Vertreter des Spie\u00dfb\u00fcrgers und des Arbeiteraristokraten aus, der die Notwendigkeit des revolution\u00e4ren \u00dcbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus verworfen hat und ein \u00dcbereinkommen mit der Bourgeoisie sucht.<\/p>\n<p>Sie beteuern, dass es ihnen sowohl in der CSSR als auch in der UdSSR immer um eine Erneuerung im Sinne der St\u00e4rkung des Sozialismus gegangen w\u00e4re. Die genannten Standpunkte werfen aber die Frage auf, ob solche Beteuerungen auch immer ehrlich waren. Gorbatschow spricht z.B. in Zusammenhang mit der Perspektive der UdSSR nach 1990 davon, dass er davon ausging, \u201edass schon ein neuer Sozialismusbegriff wirken w\u00fcrde\u201c. (S. 79)<\/p>\n<p>Diskutiert wurde zwischen ihnen \u00fcber diesen \u201eBegriff\u201c offensichtlich schon lange vor den im Buch behandelten Gespr\u00e4chen! Sonst h\u00e4tte Mlynar nicht zu Gorbatschow sagen k\u00f6nnen: \u201eAber erinnere dich bitte: Als wir uns 1989 trafen, sch\u00e4tzten wir die Lage in den L\u00e4ndern des realen Sozialismus einschlie\u00dflich m\u00f6glicher Perspektiven des Sozialismus im Sinne eines dritten Wegs anders ein.\u201c (S. 83)\u00a0 Mlynar spricht wohl nicht zuf\u00e4llig von einem \u201e\u00dcbergang von einem totalit\u00e4ren System zur Demokratie\u201c von \u201eeiner Systemver\u00e4nderung\u201c, die \u201esehr kompliziert und widerspr\u00fcchlich\u201c sei. (S. 80) Und Gorbatschow best\u00e4tigt: \u201eEs war mir bewusst, dass der Weg zu einer neuen Gesellschaft sehr kompliziert sein w\u00fcrde, dass es notwendig war, ihn Schritt f\u00fcr Schritt, also auf evolution\u00e4ren Wegen zu gehen und es unvermeidlich war, mit Widerstand der Nomenklatura zu rechnen.\u201c(S. 72) An anderer Stelle sagt er: \u201eErst Ende 1987 gelangten wir zu dem Schluss, dass wir ohne eine politische Reform nicht auskommen w\u00fcrden. Die ersten freien Wahlen \u00f6ffneten neuen Leuten den Weg zur Macht, \u2026 Es begann ein unabh\u00e4ngiges Parlament zu arbeiten, das schwierige Entscheidungen im Geiste der Perestroika \u00fcbernahm. M\u00fchsam, aber stetig begann sich die Struktur der Regierung zu ver\u00e4ndern, es erfolgte die Demontage der alten Staatsmaschinerie. Neue gesellschaftliche Organisationen schossen wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. In der Gesellschaft brodelte es, uns allen war manchmal unwohl, aber wir behielten die grundlegende Entwicklungsrichtung bei.\u201c (S. 76\/77)<\/p>\n<p>Unter dem Schirm \u201epolitische Reformen\u201c wurden also die politischen Machtpositionen erobert und gesichert, die \u201eDemontage der alten Staatsmaschinerie\u201c durchgef\u00fchrt, indem man \u201eneue gesellschaftliche Organisationen\u201c schuf, die wie Pilze aus dem Boden schossen, und \u201ein der Gesellschaft \u00a0brodelte es\u201c, also Instabilit\u00e4t war angesagt. Eine nicht unbekannte Strategie \u2013 schon 1968 in der CSSR und auch 1989\/1990 sowie danach, von Jugoslawien, Syrien und bis heute, in Venezuela g\u00fcltig! \u00a0Beachtenswert ist dabei auch eine weitere Aussage von Mlynar, die nicht weiter kommentiert werden muss. \u201eIch war gleicherma\u00dfen \u00fcberzeugt, dass es \u2013 bliebe Frieden! \u2013 eine endg\u00fcltige L\u00f6sung nur durch die \u00dcberwindung der totalit\u00e4ren Macht geben k\u00f6nnte. \u2026 Dein Aufstieg warf pl\u00f6tzlich neue Fragen auf. \u2026 Trotz dieser Selbstzweifel musste ich in der Presse, bei Fernsehauftritten und in wichtigen politischen Konsultationen eine eindeutige Haltung beziehen. Im Westen war ich zudem der Einzige, der dich pers\u00f6nlich gut kannte \u2013 zumindest aus der gemeinsamen Studienzeit. Nicht nur Journalisten, auch Politiker wie Kreisky und Brandt, Diplomaten und Informationsspezialisten aus den USA und auch aus China waren pl\u00f6tzlich an Konsultationen mit mir interessiert.\u201c (S. 56\/57)<\/p>\n<p>Diesen Rahmen muss man schon beachten, will man die zahlreichen Aussagen zu den Grundfragen des Sozialismus wie Partei, Demokratie, Staat usw. und des weltweiten Kampfes um nationale und soziale Befreiung und Frieden richtig bewerten. Ihre Aussagen, Wertungen und Positionen zu innenpolitischen Fragen und zu den internationalen Entwicklungen werden gepr\u00e4gt von dem Standpunkt, den Gorbatschow so formuliert: \u201eDie gegenw\u00e4rtige Gesellschaft ist nicht mehr gepr\u00e4gt vom Konflikt zweier Klassen. Es ist erforderlich geworden, Probleme der weiteren Entwicklung au\u00dferhalb dieses Schemas zu suchen. Das gilt auch f\u00fcr die Entwicklung von Institutionen einer demokratischen Gesellschaft. Ich sehe heute eine hoffnungsvolle M\u00f6glichkeit f\u00fcr die Weiterentwicklung der Konzeption der sozialen Partnerschaft\u201c. (S.179) Und Mlynar sekundiert an anderer Stelle, \u201edass man den Sozialismus nicht als antikapitalistische Formation begreifen d\u00fcrfe\u201c. S.149)<\/p>\n<p>Wie gesagt: eine entlarvende Publikation!<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Prof. Dr. Anton Latzo ist Historiker und Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar. Gespr\u00e4che in Wien, Moskau und Prag. <\/em><em>Herausgegeben und \u00fcbersetzt von Klaus Kukuk; <\/em><em>Berlin 2019, Verlag am Park, 236 S., 15 Euro<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild: Collage unter Verwendung des Titelbildes des rezensierten Buches<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Rezension von Anton Latzo<\/b><br \/>\nKlaus Kukuk, bekannt f\u00fcr seine Analysen \u00fcber die Vorg\u00e4nge in der CSSR im Jahre 1968, hat eine \u00dcbersetzung der drei Gespr\u00e4che angefertigt, die Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar, f\u00fchrender Akteur des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c, in den Jahren 1993 und 1994 gef\u00fchrt haben.<br \/>\nIn ihren Gespr\u00e4chen behandeln sie zwar zentrale Fragen der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und der internationalen Auseinandersetzung. Aber: ihre Betrachtungen zu gemeinsamer Studienzeit, zur Geschichte der Sowjetunion und zur Au\u00dfenpolitik der UdSSR in den 1980er Jahren sind davon gepr\u00e4gt, ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen und als positiv und alternativlos zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":6115,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[6],"tags":[1115,1116,1118,1117,954,430,564],"class_list":["post-6113","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-publikationen-fuer-freidenker","tag-buch","tag-cssr","tag-reform","tag-reformen","tag-rezension","tag-sowjetunion","tag-sozialismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/kukuk_gespraeche_800x445_mhg.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-1AB","jetpack-related-posts":[{"id":16385,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=16385","url_meta":{"origin":6113,"position":0},"title":"Gorbatschow: ein St\u00f6rfaktor f\u00fcr den &#8222;Westen&#8220;?","author":"Webredaktion","date":"30. 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September 2022","format":false,"excerpt":"Beitrag von\u00a0Renato Lorenz Ein sicherlich v\u00f6llig unzureichendes soziales Gesellschaftssystem aufzugeben, das immerhin in der Lage war, den schlimmsten Feind der Menschheit, den Faschismus, zu vernichten, das dem \u00fcbergro\u00dfen Feind der Menschheit, den nach globaler Herrschaft strebenden US-amerikanischen Imperialismus Schranken aufzuzeigen in der Lage war, das sein aggressives Vorgehen eind\u00e4mmte, das\u2026","rel":"","context":"In &quot;Demokratie \u2013 Medien \u2013 Aufkl\u00e4rung&quot;","block_context":{"text":"Demokratie \u2013 Medien \u2013 Aufkl\u00e4rung","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?cat=12"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/gorbatschow_bruessel_2008_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/gorbatschow_bruessel_2008_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200 1x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/gorbatschow_bruessel_2008_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=525%2C300 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/09\/gorbatschow_bruessel_2008_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=700%2C400 2x"},"classes":[]}],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6113","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6113"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6113\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/6115"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.freidenker.org\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}