{"id":56,"date":"2013-04-01T17:00:48","date_gmt":"2013-04-01T15:00:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=56"},"modified":"2019-06-27T21:27:54","modified_gmt":"2019-06-27T19:27:54","slug":"vor-dreihundert-jahren-discourse-of-free-thinking","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=56","title":{"rendered":"Vor dreihundert Jahren \u2013 \u201eDiscourse of Free-thinking\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>von Horst Schild, erschienen im <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=772\">FREIDENKER 1 &#8211; 2013<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Jahrestage und Jubil\u00e4en geben zu vielerlei Anlass. So kann an historische Wurzeln erinnert und damit Stolz auf eine gegebenenfalls lange erfolgreiche eigene Geschichte geweckt werden. Auch darf an ihnen nachzuzeichnen sein, ob und wie aus den Wurzeln eine Pflanze wurde, ob sie kr\u00e4ftig geworden ist und das Interesse und Engagement der Menschen auf sich zu ziehen vermochte.<\/p>\n<p>Zu fragen ist dabei sicher auch immer, was man zum eigenen Erbe z\u00e4hlen will oder gar, was Traditionen begr\u00fcnden k\u00f6nnte.<\/p>\n<h4>I.<\/h4>\n<p>Im Jahr 1713 erschien in London ein Buch mit dem Titel \u201eDiscourse of Free-thinking\u201c (dt. \u201eAbhandlung \u00fcber das freie Denken\u201c). In ihm r\u00fcckten erstmals die Begriffe \u201eFreidenker\u201c und \u201efreies Denken\u201c ins \u00f6ffentliche Bewusstsein.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Sein Verfasser war Anthony Collins (1676 bis 1729). Collins stammte aus einigerma\u00dfen beg\u00fcterten Verh\u00e4ltnissen, er war Vertreter einer Gruppe englischer deistischer (Fr\u00fch-)Aufkl\u00e4rer, die sich selbst Freethinkers, also Freidenker, nannten.<\/p>\n<p>Wie Francis Bacon und Ren\u00e9 Descartes die Naturerkenntnis und Thomas Hobbes die Staatstheorie von kirchlicher Autorit\u00e4t befreit und auf sich selbst, also auf Natur, Gesellschaft und Vernunft gestellt hatten, so will der Deismus die Religion von kirchlicher Dogmatik und dem blinden Bibel- und Geschichtsglauben losl\u00f6sen und ausschlie\u00dflich aus der nat\u00fcrlichen Erkenntnis ableiten. Der Deismus stellte dem kirchlichen Autorit\u00e4tsglauben und den etablierten positiven Religionen die allen Menschen gemeinsame Vernunft und die sich darauf gr\u00fcndende nat\u00fcrliche Religion entgegen. Er setzte f\u00fcr die gesamte objektive Realit\u00e4t die Existenz von Naturgesetzlichkeit voraus und \u00fcberlie\u00df einer g\u00f6ttlichen Instanz lediglich einen ersten Ansto\u00df. Schon Herbert von Cherbury (1582-1648) hatte in seinen Schriften daf\u00fcr einen theoretischen Grundstein gelegt.<\/p>\n<p>Collins war eng mit John Locke (1632 bis 1704), dem f\u00fchrenden und einflussreichsten philosophischen Kopf seiner Zeit, befreundet und teilte dessen staatspolitische und erkenntnistheoretische Ansichten. In seinen Werken, zun\u00e4chst anonym ver\u00f6ffentlicht, geriet Collins meist in Widerspruch zur damaligen \u00f6ffentlichen Meinung. Besonders von klerikaler Seite wurde lautstark und umfassend gegen seine Auffassungen polemisiert. Mehrmals musste Collins wegen des Drucks seiner Gegner aus den Reihen der Priesterschaft und der offiziellen Theologie nach Holland fl\u00fcchten. Collins jedoch blieb bis an sein Lebensende seinen Auffassungen treu, forderte und verteidigte die Befreiung des Denkens von jeglichen Dogmen. Bildung war f\u00fcr ihn das Recht aller Schichten der Gesellschaft, er sah in Unbildung die Hauptquelle sozialer Verwerfungen. Auf seinen \u201eDiscourse\u201c antworteten neben Bef\u00fcrwortern auch zahlreiche Gegner in insgesamt 35 Publikationen.<\/p>\n<h4>II.<\/h4>\n<p>England hatte eine Revolution erlebt, einen B\u00fcrgerkrieg, die Republik unter Oliver Cromwell und schlie\u00dflich den Klassenkompromiss von 1688\/89, die sogenannte \u201eGlorious Revolution\u201c.<\/p>\n<p>Deren politisches Ergebnis l\u00e4sst sich kurz so ausdr\u00fccken: Die Aristokratie durfte weiter bzw. wieder repr\u00e4sentieren, sogar mit einem K\u00f6nig als Staatsoberhaupt, aber das B\u00fcrgertum regierte fortan f\u00fchrend. Indes ging die zwischenzeitlich errungene religi\u00f6se Toleranz zun\u00e4chst wieder weitgehend verloren; Protestanten und Katholiken, Anglikaner und Puritaner betonten in wechselseitiger heftiger Schuldzuweisung den eigenen Anspruch auf das \u201ewahre\u201c und alleinseligmachende Christentum.<\/p>\n<p>England aber stieg zur f\u00fchrenden Handels- und Kapitalmacht auf, erreichte ein \u00dcbergewicht zur See und sicherte sich das Monopol f\u00fcr den Sklavenhandel. Die klassische Form der urspr\u00fcnglichen Akkumulation, sp\u00e4ter anschaulich und drastisch von Karl Marx geschildert, nahm ihren Anfang. Der Kampf zwischen Kapital und Lohnarbeit ebenso.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Die Klassenauseinandersetzungen und der politische Sieg des B\u00fcrgertums wurden begleitet von einem Aufstieg der Naturwissenschaften bei steigenden Anforderungen an technische Entwicklungen. Die Arbeitsproduktivit\u00e4t erfuhr einen rasanten Aufschwung, bef\u00f6rdert nicht zuletzt durch bahnbrechende Erfindungen, eingeschlossen die neuer Antriebsmaschinen, etwa 1698 durch Thomas Savery oder 1711 durch Thomas Newcomen. Auf diese Weise entstanden aber auch R\u00e4ume f\u00fcr ein religionsfreies Denken. Denn die Denkprozesse in den experimentierenden Wissenschaften, der Mathematik, den technischen Versuchen, der Philosophie entzogen sich schrittweise dem Einfluss der Kirchen. Ein fortschreitendes, sukzessiv die verschiedenen Gebiete erfassendes freies Denken entwickelte sich. Die unterschiedlichen christlichen Konfessionen sowie auch ihre Einrichtungen unterlagen diesen Umw\u00e4lzungen wie auch denen innerhalb der Sozialstrukturen. Allm\u00e4hlich erfolgte die Befreiung von totaler religi\u00f6ser \u00dcberformung. Philosophen von Francis Bacon bis John Locke hatten daf\u00fcr mit erneuerten materialistischen Ans\u00e4tzen, ihrem gl\u00fchenden Erkenntnisoptimismus (\u201eWissen ist Macht!\u201c), der wiedererweckten Wertsch\u00e4tzung der experimentellen Methode bedeutsame weltanschauliche Wegmarken gesetzt.<\/p>\n<h4>III.<\/h4>\n<p>Das Infragestellen christlicher Dogmen und zentraler Objekte des Glaubens, etwa der Erbs\u00fcnde, ewiger H\u00f6llenstrafen, der Existenz eines strafenden Gottes \u00fcberhaupt, der Unsterblichkeit der Seele, der g\u00f6ttlichen Trinit\u00e4t oder gar der Offenbarung enthalten Keime atheistischen Denkens. So sahen sich die deistischen Freethinkers in Gegenschriften und Predigten meist dem Vorwurf eines offenen oder versteckten Atheismus ausgesetzt. Dieser Vorwurf, so ist zu bedenken, wog umso schwerer, als es damals noch als \u00e4u\u00dferst amoralisch galt, die Nichtexistenz einer g\u00f6ttlichen Instanz auch nur im Ansatz zu denken. Obwohl sich darum gegen solcherart Vorw\u00fcrfe vehement gewehrt wurde, l\u00e4sst der Grad des Losl\u00f6sens von tradierten Vorstellungen und Gef\u00fchlen ahnen, wie tiefgreifend das Gedankengut des freien Denkens in die Grundlagen des ideologischen \u00dcberbaus der Gesellschaft eingriff. Weil die Freethinkers \u201eden Menschen Selbstverst\u00e4ndnis und Naturerkenntnis, Innerweltlichkeit und menschenw\u00fcrdiges Handeln zutrauen und ihnen damit gegen\u00fcber Abwertung durch die Gesellschafts- und Weltkonzeption der Religion in Schutz nehmen, sehen sie sich in Konflikt zu Religion und Kirche. \u2026 Daher sind Religion und Kirchen in Konfrontation zu Auffassungen, die als zugeh\u00f6rig zu Atheismus und als ihre eigene dialektische Negation verstanden werden.\u201c (H. Ley. A.a.O., S. 473)<\/p>\n<p>Das Bem\u00fchen der Freethinkers beeinflusste den Fortgang der Aufkl\u00e4rung des beginnenden 18. Jahrhunderts wesentlich. Es wurde zu einer weltanschaulichen Grundlage f\u00fcr Gelehrte, Instrumentenbauer und den sich langsam herausbildenden Stand der Ingenieure. Es vermochte auch fortschreitend gr\u00f6\u00dfere Menschengruppen zu erreichen, nicht aber schon die Volksmassen.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Zu den wichtigen Freethinkers, es k\u00f6nnen hier nicht alle behandelt werden, z\u00e4hlte William Coward (1656 bis 1725). Er greift jede tradierte Vorstellung der Religion von der Seele an. Indem er leugnete, dass moralisches (gottgef\u00e4lliges) Handeln einer immateriellen Seele zuzuschreiben ist, musste er als ein provokanter Atheist erscheinen. Coward begr\u00fcndete die K\u00f6rperlichkeit der Seele durchaus aus naturtheoretischer und philosophischer \u00dcberlegung heraus. Ein zweifellos materialistischer Ansatz! Vehement verfocht Coward die Auffassung, wonach die Papstkirche den eigentlichen Sinn christlicher Religion verf\u00e4lscht und korrumpiert habe. Es wurde durch sie schrittweise \u201eNeuerungen\u201c eingef\u00fchrt, f\u00fcr die es keinerlei biblisches Schriftzeugnis gebe. F\u00fcr Coward war es selbstverst\u00e4ndlich, dass sich Freidenker die Freiheit nehmen d\u00fcrfen, ohne konfessionelle Grenzen \u00fcber Gott nachzudenken und zu sprechen. F\u00fcr sie gelte das in gleicher Weise wie f\u00fcr Naturwissenschaftler, die mit ihren Resultaten auch keine R\u00fccksicht auf Tradition, Vorurteil und Denkgewohnheiten n\u00e4hmen.<\/p>\n<p>Im gewissen Sinne war John Toland (1670 bis 1722) das Haupt des englischen Freidenkertums. Er war fr\u00fchzeitig vom Katholizismus zum Protestantismus konvertiert und gelangte bald zu deistischen und rationalistischen Auffassungen. Toland galt als ein Mann von \u201egro\u00dfer Gelehrsamkeit und wenig Religion\u201c. 1696 erschien anonym sein Werk \u201eChristianity not mysterious\u201c (Christentum ohne Geheimnisse).<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> Toland sucht nach dem rationalen Wesen aller Religion, die f\u00fcr ihn nicht an eine spezifische konfessionelle Auspr\u00e4gung des Glaubens gebunden ist. Mit den Schriften der Bibel will er dies beweisen. Nachdr\u00fccklich bestreitet er die M\u00f6glichkeiten der Theologie, einen wie immer gearteten Zugang zur Wirklichkeit zu finden. Vielmehr versuche sie, dies via Mysterien und Mythologie zu bewerkstelligen. Freilich versichert Toland, dass er lediglich die Absicht habe, die Wahrheit der (nat\u00fcrlichen) Religion gegen Atheisten und alle Religionsfeinde zu verteidigen. Aber die tats\u00e4chlichen Hauptfeinde Tolands sind die Kirchenleute selbst, weil sie bestreiten, dass wahre Religion vern\u00fcnftig und einleuchtend sein m\u00fcsse. Der Klerus als W\u00e4chter der religi\u00f6sen Mysterien ist nicht f\u00e4hig, diese Mysterien einleuchtend zu erkl\u00e4ren. Es sei darum v\u00f6llig widersinnig, etwas anbeten zu sollen, was unerkl\u00e4rbar, folglich unverst\u00e4ndlich ist. Darum d\u00fcrften in der Religion keine Absurdit\u00e4ten, keine realen oder scheinbaren Widerspr\u00fcche zugelassen werden. Gestatte eine Kirche Mysterien, dann ist sie antichristlich. Glaube habe ein Wissen und Verstehen zur Bedingung.<\/p>\n<p>Die Brisanz solcher Forderungen war evident, und sie bef\u00f6rderte nachhaltig materialistische und atheistische Ansichten.<\/p>\n<h4>IV.<\/h4>\n<p>In seinem \u201eDiscourse of Free-thinking\u201c nimmt Collins, dabei noch \u00fcber Locke hinausgehend, das freie, uneingeschr\u00e4nkte, nur sich selbst verantwortliche Denken als Menschenrecht der Vernunft in Anspruch, das er dann selbst auf die Kritik der Bibel und der Gotteserkenntnis anwendet. Im Unterschied zu Argumenten der meisten Kleriker und Theologen seiner Zeit, die er scharf angreift<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a>, geht es Collins um Belege, die er aus Vernunft, Logik und Erfahrung zieht. Nur darauf k\u00f6nne wahrer Glaube beruhen. Freies Denken h\u00e4lt Collins f\u00fcr ein Recht, das durch nichts eingeschr\u00e4nkt werden d\u00fcrfe, denn es ist das einzige Mittel zur Wahrheitserkenntnis und tr\u00e4gt wesentlich zum Wohlergehen der Gesellschaft bei. Es sei nicht nur erlaubt, frei zu denken, sondern auch durch die Bibel auferlegt.<\/p>\n<p>Als das \u201eL\u00e4cherlichste von der Welt\u201c findet Collins, wenn Theologen verschiedener Konfessionen den jeweils anderen \u00fcber einen Gegenstand unterrichten und belehren wollen, den sie selbst aber nicht begriffen haben.<\/p>\n<p>Collins war Anh\u00e4nger eines strengen Determinismus, der davon ausging, dass nichts, was einen Anfang habe, ohne Ursache existiere. Das m\u00fcsste auch f\u00fcr die Willensfreiheit des Menschen gelten, die er aus diesem Grunde nicht akzeptiert. Vielmehr sei der Mensch in seinen Handlungen und als intelligentes, mit Sinnen versehenes Wesen durch seine Vernunft und seine Wahrnehmungen determiniert. Quelle der Irrt\u00fcmer ist Unkenntnis der Ursachen. Der Name Gottes sollte darum genauso definierbar und als determinierte Idee in unserem Verstande sein wie etwa die eines Dreiecks oder Quadrates. Gebe es diese Klarheit nicht, dann sei der Name Gottes nur eine sinnentleerte Worth\u00fclse. Collins r\u00e4umt aber ein, das Finden von Klarheit zur Idee Gottes sei nicht g\u00e4nzlich unm\u00f6glich. Allerdings halte er es f\u00fcr unwahrscheinlich, f\u00fcr Gott oder die Engel solch eine strenge Determination aufzuzeigen wie etwa f\u00fcr Uhren oder M\u00fchlen.<\/p>\n<p>Die Kirchen haben sich im Verlauf ihrer Entwicklung immer mehr von den Zielen des Urchristentums entfernt, sie haben Riten und Zeremonien, Sakramente usw. eingef\u00fchrt, die im Widerspruch zur nat\u00fcrlichen bzw. Vernunftreligion stehen. F\u00fcr sie gibt es in der Bibel keinerlei Belege, deshalb h\u00e4lt er sie f\u00fcr unchristlich. Wie alle Freidenker ist auch Collins bem\u00fcht, jedes Paradoxon des Glaubens und seiner theologischen Deutung rational zu analysieren. Aus einer Dialektik der Fakten entstehen so Elemente dialektischen Denkens. Explizit versucht er mit Erfolg, die im Alten Testament mit Bezug auf die Wiederkehr des Messias enthaltenen Prophezeiungen zu widerlegen. Das weckt gewichtige Zweifel am Offenbarungsglauben, damit aber an einem Fundament des Christentums!<\/p>\n<p>Einen fanatischen, am Buchstaben orientierten Glauben bezeichnet Collins f\u00fcr gef\u00e4hrlicher als jeden Atheismus. Trotz dieser Beteuerung, die vorrangig dem eigenen Schutz dient, geht der Deismus Anthony Collins merklich in einen offenen Atheismus \u00fcber.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Entwicklung des neuen atheistischen Bewusstseins beginnt nicht jungfr\u00e4ulich, nicht ohne Voraussetzungen. Schon die ersten englischen Materialisten hatten ein \u201einniges Verh\u00e4ltnis zu Demokrit und Epikur\u201c (s. K. Marx\/F. Engels. A.a.O., S. 133). F\u00fcr die fr\u00fchen deistischen Aufkl\u00e4rer, die Freethinkers, kann Gleiches behauptet werden. Alle Aufkl\u00e4rer versprachen sich sicher zu viel von Vernunft und Wissenschaft, waren sich aber \u00fcber die Unvereinbarkeit von Glauben und Wissen wesentlich einig.<\/p>\n<p>F\u00fcr Materialisten ist der Deismus eine mehr oder weniger \u201ebequeme und nachl\u00e4ssige Weise, die Religion loszuwerden\u201c. (ebd., S. 136) Zwar erreichten die englischen Fr\u00fchaufkl\u00e4rer nie wie einige Jahrzehnte sp\u00e4ter die franz\u00f6sischen Enzyklop\u00e4disten die gleiche Radikalit\u00e4t und Massenwirksamkeit, aber ihr Wirken bef\u00f6rderte u. a. eine nachhaltige Festigung der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft ohne religi\u00f6se Bevormundung. In ihr ist eine Entwicklung von Wissenschaft und Technik eingeschlossen, die zu einer zuvor nie gekannten Erh\u00f6hung der Produktivit\u00e4t der Arbeit f\u00fchrte. Ein Element, das sp\u00e4ter England zur Werkstatt der Welt machte sollte, freilich auch mit damals nicht vorhergesehenen gravierenden Klassenantagonismen.<\/p>\n<p>Es verbietet sich von selbst, die Ans\u00e4tze atheistischen Denkens im England der Fr\u00fchaufkl\u00e4rung gleichzusetzen mit dem sp\u00e4teren und heutigem b\u00fcrgerlichen Atheismus oder gar dem proletarischen Atheismus. Jedoch sollte es unstrittig sein, dass ohne dieses Vor-Denken die nachfolgenden geistigen Entwicklungen kaum m\u00f6glich geworden w\u00e4ren. So k\u00f6nnen wir Freidenker uns auch getrost als Erben der Freethinkers bezeichnen, die wir prim\u00e4r nicht an ihren Fehlern und Irrt\u00fcmern zu messen haben, sondern an dem, was sie in ihrer Zeit f\u00fcr den gesellschaftlichen Fortschritt zu leisten vermochten und auch unter pers\u00f6nlichen Opfern leisteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dr. Horst Schild, Dresden, ist Referent des Verbandsvorstandes f\u00fcr Weltanschauungsfragen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Verwendete Literatur:<\/h5>\n<p>&#8211; Collins, Anthony: A Discourse on Free-thinking. (dt. und engl.). Herausgegeben, \u00fcbersetzt und eingeleitet von G\u00fcnther Gawlick, Stuttgart\/Bad Cannstadt 1965<\/p>\n<p>&#8211; Falckenberg, Richard: Geschichte der neueren Philosophie. 9. Aufl., Berlin und Leipzig 1927<\/p>\n<p>&#8211; Ley, Hermann: Geschichte der Aufkl\u00e4rung und des Atheismus. Band 3\/2, Berlin 1980<\/p>\n<p>&#8211; Marx. Karl: Das Kapital. Erster Band. In: MEW, Bd. 23. Berlin 1971<\/p>\n<p>&#8211; Marx, Karl\/Engels Friedrich: Die heilige Familie: In: ebd. Bd. 2. Berlin 1977<\/p>\n<p>&#8211; Windelband, Wilhelm: Lehrbuch der Geschichte der Philosophie. 11. Aufl., T\u00fcbingen 1924<\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anthony_Collins\">http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anthony_Collins<\/a><\/p>\n<p>&#8211; <a href=\"http:\/\/plato.stanford.edu\/entries\/collins\/\">http:\/\/plato.stanford.edu\/entries\/collins\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Fu\u00dfnoten<\/h5>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Vermutlich zum ersten Mal wurde die Bezeichnung \u201eFreidenker\u201c 1697 von William Molyneux in einem Brief an John Locke gebraucht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Zun\u00e4chst freilich als Kampf zwischen Arbeiter und Maschinen: \u201eHasste man zuvor die Hexen, so nun die Maschinen.\u201c (H. Ley. A.a.O., S. 436)<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Das lag auch daran, dass dem freien Denken der Fr\u00fchaufkl\u00e4rung ein gewisser elit\u00e4rer Zug eigen war: Die Vernunftreligion f\u00fcr die Gebildeten, die Kirchenlehren der positiven Religionen f\u00fcr die Masse!<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Es erzeugte bis 1761 sagenhafte rund 45 Gegenschriften!<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Collins unterscheidet zwischen guten und schlechten Priestern. Die guten sind die, die die Freiheit der Gedanken anerkennen. Die schlechten hingegen verfolgen die Menschen, welche die Wahrheit der Religion zu ergr\u00fcnden suchen.<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1076\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?resize=32%2C32\" alt=\"\" width=\"32\" height=\"32\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon_32\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" \/>\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/frei01-2013-horst-schild.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Horst Schild:\u00a0 Vor dreihundert Jahren \u2013 \u201eDiscourse of Free-thinking\u201c<\/a> (Auszug aus FREIDENKER 1-13, ca. 130 KB)<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 12pt;\">Foto: Fotograf: dancwart , Ort: Trinity College Dublin; Quelle: <a href=\"http:\/\/piqs.de\/fotos\/189056.html\">http:\/\/piqs.de\/fotos\/189056.html<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Horst Schild aus FREIDENKER 1-13<\/strong><br \/>\nIm Jahr 1713 erschien in London ein Buch mit dem Titel \u201eDiscourse of Free-thinking\u201c (dt. \u201eAbhandlung \u00fcber das freie Denken\u201c). In ihm r\u00fcckten erstmals die Begriffe \u201eFreidenker\u201c und \u201efreies Denken\u201c ins \u00f6ffentliche Bewusstsein.  Sein Verfasser war Anthony Collins (1676 bis 1729). Collins stammte aus einigerma\u00dfen beg\u00fcterten Verh\u00e4ltnissen, er war Vertreter einer Gruppe englischer deistischer (Fr\u00fch-)Aufkl\u00e4rer, die sich selbst Freethinkers, also Freidenker, nannten.<br \/>\nWie Francis Bacon und Ren\u00e9 Descartes die Naturerkenntnis und Thomas Hobbes die Staatstheorie von kirchlicher Autorit\u00e4t befreit und auf sich selbst, also auf Natur, Gesellschaft und Vernunft gestellt hatten, so will der Deismus die Religion von kirchlicher Dogmatik und dem blinden Bibel- und Geschichtsglauben losl\u00f6sen und ausschlie\u00dflich aus der nat\u00fcrlichen Erkenntnis ableiten.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":57,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[1162,16],"tags":[213,491,495,371,279,38,33],"class_list":["post-56","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-weltanschauung-philosophie","tag-freies-denken","tag-geschichte","tag-philosophie","tag-religion","tag-religionskritik","tag-weltanschauung","tag-wissenschaftliche-weltanschauung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/books.png?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-U","jetpack-related-posts":[{"id":4223,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=4223","url_meta":{"origin":56,"position":0},"title":"was &#8211; wie &#8211; warum: Atheistisches Lexikon","author":"Webredaktion","date":"17. 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