{"id":5434,"date":"2018-09-17T23:05:25","date_gmt":"2018-09-17T21:05:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/?p=5434"},"modified":"2018-12-15T14:51:02","modified_gmt":"2018-12-15T13:51:02","slug":"die-leere-der-frankfurter-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5434","title":{"rendered":"Die Leere der Frankfurter Schule"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5422\">\u201eFREIDENKER\u201c Nr. 3-18<\/a>, September 2018, S. 26-41, 77. Jahrgang<\/p>\n<p><em>von <\/em><strong><em>Klaus Linder<br \/>\n<\/em><\/strong><\/p>\n<pre>Rede auf der Wissenschaftlichen Konferenz des Deutschen Freidenker-Verbandes am 28.04.2018 in Hannover<\/pre>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Institut f\u00fcr Sozialforschung, also die sp\u00e4tere Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Leo L\u00f6wenthal war urspr\u00fcnglich dem Marxismus verbunden. Es entstand aus dem von Carl Gr\u00fcnberg begr\u00fcndeten \u201eArchiv f\u00fcr die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung\u201c, das von 1911 bis 1930 erschien. Es hatte, wie dieser 1911 schrieb, \u201enicht nur rein wissenschaftlich und namentlich f\u00fcr die Geschichte der politischen \u00d6konomie, sondern wohl auch praktisch-politisch das h\u00f6chste Interesse\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. 1923 \u00fcbernahm er die Leitung des von Felix Weil finanzierten und an der Universit\u00e4t Frankfurt gegr\u00fcndeten \u201eInstituts f\u00fcr Sozialforschung\u201c.<\/p>\n<p>1930 trat Max Horkheimer die Nachfolge an. Aus dem Gr\u00fcnberg-Archiv wurde die \u201eZeitschrift f\u00fcr Sozialforschung\u201c. Im Gegensatz zur marxistischen, auf Arbeiterklasse und Arbeiterparteien orientierenden Ausrichtung ging Horkheimer 1932 im Vorwort zum I. Band der Zeitschrift an die Aufl\u00f6sung der Einheit von Theorie und Praxis: \u201eDie Verpflichtung auf wissenschaftliche Kriterien trennt die Sozialforschung methodisch auch von der Politik\u201c, die Zeitschrift werde \u201evornehmlich auf eine Theorie des historischen Verlaufs der gegenw\u00e4rtigen Epoche eingestellt\u201c.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Noch vertrat Horkheimer die dem Marxismus wesentliche Auffassung einer \u201eWissenschaft des Gesamtzusammenhangs\u201c (Engels). 1932 beschrieb er die Aufgaben des Instituts: \u201eDie Untersuchungen auf den verschiedensten Sachgebieten und Abstraktionsebenen (\u2026) werden durch die Absicht zusammengehalten, dass sie die Theorie der gegenw\u00e4rtigen Gesellschaft als ganzer f\u00f6rdern sollen. Dieses vereinigende Prinzip (\u2026) erstrebt Erkenntnis des gesamtgesellschaftlichen Verlaufs.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Auf dieser Grundlage h\u00e4tte sich fruchtbar machen lassen, was zentraler Beitrag der Frankfurter Schule zur Auseinandersetzung mit dem Faschismus wurde: Die Frage des inneren Widerspruchs des humanistischen Erbes der klassischen, b\u00fcrgerlichen Aufkl\u00e4rungskultur, ihres Umschlags in die Barbarei und Antihumanit\u00e4t unter der faschistischen Herrschaftsform; damit verbunden: die Zersetzung der Aufkl\u00e4rungsvernunft des fr\u00fchen revolution\u00e4ren B\u00fcrgertums in die zerst\u00f6rerische Irrationalit\u00e4t des imperialistischen F\u00e4ulnisstadiums.<\/p>\n<p>Diese Gedanken spiegeln sich noch in Horkheimers Sp\u00e4twerk in verk\u00fcmmerter Form im Begriff der \u201einstrumentellen Vernunft\u201c. H\u00e4tten er und seine Mitarbeiter an der \u201eWissenschaft des Gesamtzusammenhangs\u201c festgehalten, w\u00e4re kritisch-revolution\u00e4re Einheit f\u00fcr das philosophische und wissenschaftstheoretische Herangehen an diese Fragenkomplexe gegeben.<\/p>\n<p>Die R\u00fcckbildung b\u00fcrgerlichen wissenschaftlichen Denkens zu \u201eTeilrationalit\u00e4ten\u201c unter obwaltender Unvernunft der imperialistischen Widerspr\u00fcche w\u00e4re geschichtlich konkret aus den Bewegungsgesetzen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft bestimmbar gewesen. Als bestimmte Negation der bestehenden Verh\u00e4ltnisse h\u00e4tte die Kritische Theorie, obwohl sie sich auf Fragen der kulturellen und ideologischen Entwicklung verengte,\u00a0 Wege ihrer praktischen und theoretischen \u00dcberwindung weisen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Fr\u00fch wurde der marxistische Anspruch auf Erkenntnis des Gesamtzusammenhangs \u00fcber Bord geworfen, und damit auf die Erkennbarkeit der Welt, der widerspr\u00fcchlichen Totalit\u00e4t des gesellschaftlichen und materiellen Seins. Der Widerruf kam als antihegelscher Satz in Adornos 1944-47 geschriebenen \u201eMinima Moralia \u2013 Reflexionen aus dem besch\u00e4digten Leben\u201c. Der lautet: \u201eDas Ganze ist das Unwahre\u201c. Damit wird sowohl Materialismus als auch objektivem Idealismus die Abfuhr erteilt. \u201eTotalit\u00e4t\u201c, das Ganze, wurde nun als \u201edas Negative\u201c schlechthin aufgefa\u00dft. Was wie ein Wortspiel klang, verfestigte die politische Position der Frankfurter Schule, erkenntnistheoretisch verh\u00fcllt: Die Gleichsetzung von \u201eTotalit\u00e4t\u201c und \u201eTotalit\u00e4r\u201c. Aufkl\u00e4rungsrationalit\u00e4t bis Marx und Engels, die mit der Theorie des dialektischen Widerspruchs die geschichtliche Perspektive des Gattungswesens Mensch angibt, wurde mit der Max Weberschen Zweck-Rationalit\u00e4t gleichgesetzt. Obzwar als Ideologie bezeichnet, wurde diese irrationale Zweckrationalit\u00e4t nun mit dem Wesen der bestehenden sogenannten \u201eentwickelten Industriegesellschaften\u201c identifiziert, der imperialistischen ebenso wie der sozialistischen. Sie alle wurden letztlich unter dem vagen Oberbegriff \u201everwaltete Welt\u201c subsumiert.<\/p>\n<p>Die Konsequenzen daraus zog die kurz vor der Befreiung vom Faschismus in den USA geschriebene \u201eDialektik der Aufkl\u00e4rung\u201c von Adorno und Horkheimer. Nach deren Meinung sollte das Buch \u2013\u00a0 im Moment des Sieges der Humanit\u00e4t im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg &#8211; den geschichtlichen Augenblick\u00a0 der \u201eSelbstzerst\u00f6rung der Aufkl\u00e4rung\u201c festhalten. Die Grundthese war, da\u00df \u201edie Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt\u201c:\u00a0 \u201eWir hegen keinen Zweifel, dass die Freiheit in der Gesellschaft vom aufkl\u00e4renden Denken unabtrennbar ist. Jedoch glauben wir, genauso deutlich erkannt zu haben, dass der Begriff eben dieses Denkens, nicht weniger als die konkreten historischen Formen, die Instititutionen der Gesellschaft, in die es verflochten ist, schon den Keim zu jenem R\u00fcckschritt enthalten, der heute \u00fcberall sich enteignet.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Eine Perspektive des bewu\u00dften Fortschreitens ins Reich der Freiheit aus der Naturnot\u00adwendigkeit, planvolle Beherrschung des Ver\u00adh\u00e4ltnisses der menschlichen Gattung zu den Bedingungen ihrer Erhaltung, war hieraus nicht mehr zu gewinnen. Die eingeschr\u00e4nkt \u201einstrumentelle\u201c Vernunft wurde zur Erscheinungsform von Vernunft \u00fcberhaupt, zur Unentrinnbarkeit \u201etotaler Herrschaft\u201c. \u201eNaturbeherrschung\u201c wurde einzig unter dem Aspekt sich entwickelnder Produktivkr\u00e4fte gesehen, ohne diese noch in Beziehung zu den Produktionsverh\u00e4ltnissen zu setzen, die die Wirklichkeit des Gesellschaftswesens Mensch bestimmen.<\/p>\n<p>Mit der Ersetzung des dialektischen Widerspruchs durch einen neu-Kantianischen Dualismus von Sein und Sollen, wird \u201eder Mensch\u201c zu einer au\u00dfergeschichtlichen Gr\u00f6\u00dfe, der als ebenso au\u00dfergeschichtliches Fixum \u201edie Natur\u201c gegen\u00fcbersteht: Das Verh\u00e4ltnis beider wurde nur noch unter der Kategorie \u201eHerrschaft\u201c gefa\u00dft.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Nicht nur der Begriff der Totalit\u00e4t, sondern die Allgemeinheit des Begriffs \u00fcberhaupt, wird als ideologisches Instrument der Repression \u201eentlarvt\u201c. Wurde Aufkl\u00e4rung selber\u00a0 mit totaler Herrschaft gleichgesetzt, so das begriffliche und wissenschaftliche Denken und Handeln zur blo\u00dfen Herrschaft \u00fcber die Sache, \u00fcber \u201eDas Nichtidentische\u201c. Naturbeherrschung wird zum S\u00fcndenfall der Menschheit, die Befreiung der Gattung durch Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte Zwangsherrschaft, die nur in neue Zwangsherrschaft f\u00fchrt.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Marxismus die L\u00f6sung des gesellschaftlichen Antagonismus durch die in seinem Scho\u00dfe heranwachsenden Produktivkr\u00e4fte bestimmt, verschob sich den Kritischen Theoretikern somit der Antagonismus der kapitalistischen Klassengesellschaft auf die Gegen\u00fcberstellung von Individuum und Gesellschaft, und schlie\u00dflich von \u201eGeist\u201c und \u201eMacht\u201c. Aus scheinbar widerspruchsloser Totalit\u00e4t f\u00fchrt kein Klassenkampf hinaus, da die Theorie \u201etotaler Integration\u201c keine im Innern des Systems heranreifende Perspektive der Befreiung anerkennt.<\/p>\n<p>S\u00e4mtliche sp\u00e4teren Versuche Herbert Marcuses (die ihn zum Guru des antikommunistischen Linksradikalismus bef\u00f6rderten) sogenannte \u201eRandgruppen\u201c, \u201eMarginalisierte\u201c zu \u201erevolution\u00e4ren\u201c Ersatzsubjekten zu erkl\u00e4ren, basieren auf dieser antimarxistischen Geschichtslosigkeit der \u201eKritischen Theorie\u201c. Daraus wurde heute die postmoderne \u201eIdentit\u00e4tenpolitik\u201c.<\/p>\n<p>Das war die Folge der konsequenten Separierung der Theorie von der k\u00e4mpfenden Arbeiterklasse. Schon 1937 schrieb Horkheimer, dass sich Kritische Theorie \u201eweder auf bestehende noch auf zuk\u00fcnftige Macht\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> \u2013 also weder auf die Bourgeoisie noch auf die Arbeiterklasse \u2013 st\u00fctzt. Kurzum:<\/p>\n<p>Die dialektische Figur der Negation der Negation wird aufgegeben \u2013 das ist der Kern der ber\u00fchmten \u201enegativen Dialektik\u201c, auf die Marcuse, Adorno und Horkheimer ihre vermeintliche Radikalkritik \u201eDes Bestehenden\u201c st\u00fctzten.\u00a0 Dem wurde allenfalls die irreale Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft entgegengesetzt, die nur im isolierten Denken, in der immer wieder beschworenen \u201eTranszendenz\u201c aufscheine \u2013 oder aber, wenn sie \u201epraktisch\u201c wird, in putschistischer \u201edirekter Aktion\u201c.<\/p>\n<p>So wie Neopositivismus und Existentialismus ist also die Kritische Theorie eine Schule b\u00fcrgerlicher Philosophie im Verfall, die entschieden die Wendung zum subjektiven Idealismus vollzog. Ihre marxisierenden Ankl\u00e4nge machen sie zum Instrument der R\u00fcckentwicklung des Sozialismus von der Wissenschaft zur Utopie. Sie schritt konsequent zur Widerrufung der materialistischen Geschichtsauffassung &#8211; objektive Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten und soziale Antagonismen werden durch ethische Deklamationen und transzendentalen Rigorismus ersetzt. In \u201eDialektik der Aufkl\u00e4rung\u201c liest sich das so: \u201eWeil die Geschichte als Korrelat einheitlicher Theorie, als Konstruierbares nicht das Gute, sondern eben das Grauen ist, so ist Denken in Wahrheit ein negatives Element\u201c.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a><\/p>\n<p>Geschichte wird blo\u00dfes \u201eKorrelat\u201c einheitlichen Denkens und blo\u00df \u201eKonstruierbares\u201c &#8211; hier wurde die Grundfrage aller Philosophie \u00fcber Sein und Bewu\u00dftsein wieder auf den Kopf gestellt.<\/p>\n<p>1937 schrieb Horkheimer: \u201eDas Ziel, das (kritisches Denken) erreichen will, gr\u00fcndet zwar in der Not der Gegenwart. Mit dieser Not ist jedoch das Bild ihrer Beseitigung nicht schon gegeben. Die Theorie, die es entwirft, arbeitet nicht im Dienst einer schon vorhandenen Realit\u00e4t; sie spricht nur ihr Geheimnis aus\u201c.<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> Mit der irrationalen Kategorie \u201eGeheimnis\u201c deutet sich bereits der \u00dcbergang in politische Theologie an.<\/p>\n<p>Wird der identifizierende Begriff mit Repressivit\u00e4t gleichgesetzt und nicht als Instrument zur Widerspiegelung widerspr\u00fcchlicher Sachverhalte aufgefa\u00dft, wird gegen jedes Allgemeine die nominalistische \u201eSingularit\u00e4t\u201c des Seienden behauptet, so\u00a0 liegt die Konsequenz nahe, die die Postmoderne zog: Identit\u00e4t wird zur blo\u00dfen \u201eKonstruktion\u201c vor der ohnm\u00e4chtigen Beschw\u00f6rung\u00a0 des \u201eNicht-Identischen\u201c, \u201eHeterogenen\u201c, \u201eAnderen\u201c. Die Dialektik der Aufkl\u00e4rung sagte es so: \u201eDie\u00a0 unvers\u00f6hnte Sache, der genau jene Identit\u00e4t mangelt, die der Gedanke surrogiert, ist widerspruchsvoll und sperrt sich gegen jeden Versuch ihrer einstimmigen Deutung\u201c.<\/p>\n<p>Von hier aus trat die irrationalistische Verfa\u00dftheit dieser\u00a0 Theorie immer offener hervor. Auch bei Marcuse. Ihn f\u00fchrte negative Scheindialektik zur Ersetzung des historischen Materialismus durch mystischen Messianismus, zur auf keine objektiven Bedingungen gr\u00fcndbaren Hoffnung auf das \u201eGanz Andere\u201c. Reform und Revolution werden vor diesem ethischen Voluntarismus gleicherma\u00dfen gegenstandslos. Marcuse glaubt, \u201edass auch die materialistische Dialektik noch im Bann der idealistischen Vernunft, der Positivit\u00e4t, bleibt, solange sie nicht die Konzeption des Fortschritts destruiert, nach der die Zukunft immer schon im Bestehenden verwurzelt ist\u201c<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a>: Er endete bei einer Neuauflage der Max Stirnerschen \u201eEmp\u00f6rung\u201c, womit ein Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr den b\u00fcrgerlichen Teil der 68er Rebellion vorgegeben war.<\/p>\n<h5>Faschismus<\/h5>\n<p>Ab 1933 organisierte Horkheimer die Emigration des Instituts in die USA, Felix Weil sicherte die Existenz der Denkfabrik durch Vermachung seines Millionenerbes.<\/p>\n<p>1936 schickte das Institut sich an, \u201eendlich \u2026 das Faschismusproblem in Angriff\u201c zu nehmen\u201c. Man versprach sich, laut Adorno, durch das Studium der \u201eReklame\u201c \u201ezu den tiefsten Einsichten in die Struktur des Faszismus zu gelangen\u201c, da\u00a0 Reklame im diktatorischen System \u201eerstmals ins politische Zentrum \u2013 oder besser in den politischen Vordergrund\u201c trete. Daraus wurde ein Beitrag Kracauers nicht etwa zur faschistischen, sondern zur \u201eTotalit\u00e4ren Propaganda\u201c, dessen Ver\u00f6ffentlichung Adorno allerdings unterdr\u00fcckte.<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Bezeichnend ist zweierlei:<\/p>\n<p>Erstens: Reduziert die Frankfurter Schule zun\u00e4chst das Problem des Faschismus auf Propaganda und Reklame \u2013 unter Ausblendung des Klasseninhaltes, da der unspezifische Begriff sich auf Gesellschaften unterschiedlichsten Typs anwenden l\u00e4\u00dft: imperialistisch-faschistische, imperialistisch-\u201cdemo\u00adkratische\u201c und nicht-imperialistische sowie revolution\u00e4re.<\/p>\n<p>Zweitens: Wird ihre Fixierung auf den \u00dcberbau der Gesellschaft deutlich. Die Problemstellung zeigt, dass es ihnen unter den Begriffen \u201eReklame, Propaganda\u201c bereits um den Gedankenkreis ging, den Adorno und Horkheimer dann unter dem Terminus \u201eKulturindustrie\u201c zusammenfa\u00dften.<\/p>\n<p>Adorno bezeichnete einen eigenen Aufsatz als Durchbruch zur Theorie der \u201eKulturindustrie\u201c, der ebenfalls 1936, in der Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung erschien \u2013 dessen Thema\u00a0 war Jazzmusik. Dieser hatte eine faschistische Vorgeschichte:<\/p>\n<p>Adorno glaubte w\u00e4hrend einiger Jahre in Nazideutschland bleiben zu k\u00f6nnen. In der Zeitschrift \u201eDie Musik\u201c ver\u00f6ffentlichte er 1934 eine Besprechung von Chor-Liedern auf Texte des &#8222;Reichsjugendf\u00fchrers&#8220; Baldur von Schirach. Er lobte, der Zyklus hebe sich aus den j\u00fcngsten Chorpublikationen heraus, \u201eweil er bewu\u00dft nationalsozialistisch markiert\u201c ist; er hob die \u201eM\u00f6glichkeit einer neuen Volksmusik\u201c hervor: \u201eEs wird dem Bild einer neuen Romantik nachgefragt: vielleicht von der Art, die Goebbels als &#8218;romantischen Realismus&#8216; bestimmt hat.\u201c F\u00fcr den \u201ekritischen Theoretiker\u201c stand au\u00dfer Zweifel, dass \u201eein St\u00fcck wie \u201aDer Tote\u2018\u201c &#8211; gemeint war ein toter SA-Mann \u2013 \u201evon der denkbar st\u00e4rksten &#8211; und auch einer sehr originellen Wirkung sein mu\u00df\u201c.<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a><\/p>\n<p>Die kulturkritische Anrufung Goebbels&#8216; war kein Einzelfall. Um die Zeit schrieb Adorno einen Text \u201eRundfunkautorit\u00e4t und Schlagersendung\u201c.<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\">[12]<\/a> Was er als &#8222;Autorit\u00e4t&#8220; begr\u00fc\u00dfte, waren die Gleichschaltungsm\u00f6glichkeiten des faschistischen Propagandastaatsfunks. Der Aufsatz m\u00fcnzt die scheinbar \u201eideologiekritische\u201c Beschreibung des \u00dcberbaus in dessen Rechtfertigung um. Zufrieden erkannte er an: \u201eDer gegenw\u00e4rtige Rundfunk ist Instrument des Staates und hat in den entscheidenden Monaten in dessen Dienst eine politisch-\u00f6ffentliche Schlagkraft erwiesen, die dem qu\u00e4kenden Begleiter des h\u00e4uslichen Lebens keiner je zugetraut h\u00e4tte und die alle Privatsph\u00e4ren unter sich begrub. Das Pro\ufb01t-Interesse gilt da nicht mehr: zum drastischen Zeichen dessen hat man jegliche Rundfunkreklame privater Firmen unterbunden\u201c.<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\">[13]<\/a><\/p>\n<p>Er entschied sich angesichts der kulturellen Repression f\u00fcr den Staatsmonopolismus in seiner terroristischen Form, dem er in aparter Pseudo-Dialektik mit pseudo-marxistischer Begrifflichkeit theoretische Weihen verlieh. Der Terror wird als Ausschaltung von &#8222;Profitinteressen&#8220; von &#8222;politisch-\u00f6ffentlicher Schlagkraft&#8220; dargestellt, als ginge es um eine revolution\u00e4re \u00dcberwindung des Konkurrenzkapitalismus.<\/p>\n<p>Im Berliner Sender Funkstunde war im M\u00e4rz 1933 ein v\u00f6lliges Verbot von Jazzmusik erlassen worden. Adorno monierte, dass Goebbels keine ganze Arbeit geleistet hatte. Die Reste von Liberalismus h\u00e4tten anst\u00e4ndige Menschen nicht nur emp\u00f6rt, weil es wirke, \u201eals wenn hinten weit bei den Negern die Synkopen aufeinanderschlagen\u201c: \u201eDie leichte Musik aber, oder, um es genauer und minder freundlich zu sagen: die Schlager sind geblieben. Die H\u00f6lle der Dummheit, in der die Schlagermacher sich tummeln, hat der Autorit\u00e4t gespottet, und es wird weiterhin R\u00fccksicht auf Majorit\u00e4ten ge\u00fcbt, die in der Politik vernommen zu werden wenig Aussicht mehr h\u00e4tten.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>Das \u201efalsche Bewu\u00dftsein\u201c jener Mehrheiten, der Massen, deren gr\u00f6\u00dfter Feind der Faschismus ist &#8211; als \u201eH\u00f6lle der Dummheit\u201c apostrophiert &#8211; wird im B\u00fcndnis mit der terroristischen Finanzbourgeoisie so ausgeschaltet, dass \u201eMajorit\u00e4ten\u201c keine Aussicht mehr haben d\u00fcrfen, \u201ein der Politik vernommen zu werden\u201c. Der gegen den \u201eAutoritarismus\u201c der Unterschichten so sensibel-allergische sp\u00e4tere\u00a0 \u201eErzieher nach Ausch\u00adwitz\u201c in der BRD appelliert an die Autorit\u00e4t von Dr. Goebbels:<\/p>\n<p>\u201eEs w\u00e4re an der Zeit, da\u00df damit ernsthaft Schlu\u00df gemacht und die spukhaft entfremdeten Musikwaren aus den Sendern herausgefegt w\u00fcrden. An der Zeit: weil es heute m\u00f6glich ist; [ . . . ] weil ein Wort der ma\u00dfgebenden Stelle gen\u00fcgt (\u2026)\u201c.<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\">[15]<\/a><\/p>\n<p>Wir haben keinen\u00a0 Ausrutscher politischer Naivit\u00e4t vor uns, sondern den Problemkern der Kritischen Theorie. Hier geht vermeintlicher Humanismus, eine verschlepptes liberalistisches Freiheitsaxiom, in Antihumanit\u00e4t \u00fcber. Der Elitismus dieses Menschenbildes kann zum anarcho-putschistischen Revoluzzertum oder zum Faschismus neigen.<br \/>\nAdornos Angriffspunkt im Kampf gegen \u201eKulturindustrie\u201c ist das verha\u00dfte Bewu\u00dftsein der Majorit\u00e4ten, nicht die Herrschaft der Finanzbourgeoisie. Er erkennt die propagandistische \u201eLeistung\u201c der Faschisten an:<\/p>\n<p>\u201eWas h\u00e4tte wohl eine politische Propaganda erreichen k\u00f6nnen, die den Bewu\u00dftseinsstand ihres Publikums als konstant angenommen und sich nach ihm gerichtet h\u00e4tte, anstatt von sich aus (\u2026) einzugreifen und zu ver\u00e4ndern? In der musikalischen Propaganda aber \u2014 und musikalischer Rundfunk hei\u00dft nichts anderes als musikalische Propaganda \u2014 h\u00e4lt man noch nicht so weit.\u201c<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\">[16]<\/a><\/p>\n<p>Adorno entwirft einen musikalischen Pogrom:<\/p>\n<p>\u201edie Verbreitung von Schlagern (&#8230;) durch den Rundfunk des deutschen Volkes wird verboten und das Verbot \u2014 um es mit einem Ausdruck der politischen Propaganda zu sagen \u2014 \u201aschlagartig\u2018 durchgef\u00fchrt. \u2026\u00a0 kurz, der Schlager wird mit den unwiderstehlichen Mitteln, die die heutige Zentralisierung der Propaganda bietet, verfemt. (&#8230;) Man kann getrost eine Propagandawoche \u201aSCHLAGT DEN SCHLAGER\u2018 veranstalten (&#8230;). Es m\u00fc\u00dfte mit dem Teufel zugehen, wenn nicht binnen vier Wochen Luft geschaffen w\u00e4re.\u201c<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/p>\n<p>Am 12. Oktober 1935 verk\u00fcndet Reichssendeleiter Hadamovsky \u201eein endg\u00fcltiges Verbot des Niggerjazz f\u00fcr den gesamten deutschen Rundfunk\u201c. Auch wurde eine Propagandaserie gegen den Jazz durchgef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Adorno ging das zu wenig \u201eschlagartig\u201c. Er hatte 1933 vorgelegt mit einem Aufsatz, den er \u201eAbschied vom Jazz\u201c nannte.<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a> Daraus wurde umgearbeitet 1936 jener\u00a0 Aufsatz f\u00fcr die &#8222;Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung&#8220;, den er als Durchbruch seiner Theorie der Kulturindustrie einsch\u00e4tzte. In &#8222;Abschied vom Jazz&#8220; befand er, mit dem Verbot von 1933 werde &#8222;nicht der musikalische Einflu\u00df der Negerrasse auf die n\u00f6rdliche ausgemerzt; auch kein Kulturbolschewismus, sondern ein St\u00fcck schlechtes Kulturgewerbe.&#8220;<\/p>\n<p>Bei Adorno f\u00fchrt die pseudo-marxistische Kritik einer warenf\u00f6rmigen profitorientierten Kulturindustrie zur Beglaubigung imperialistischer Herrschaft. Die Kolonisierung wird als Schuld auf die Kolonisierten selber verschoben, da die &#8222;Vitalit\u00e4t&#8220; des Jazz &#8222;nicht von Wilden, sondern von domestizierten Leibeigenen bezogen&#8220; sei.<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> Als Motiv f\u00fcr die Ausmerzung wird ausgef\u00fchrt, dass die Subjekte ihren Freiheitsanspruch mit\u00a0 der Individualit\u00e4t einb\u00fc\u00dften, &#8211; die aber nur als abstrakte Negation\u00a0 von \u201eOrdnung\u201c, als anarchische \u201eDestruktivit\u00e4t\u201c und \u201eBedrohlichkeit\u201c gefa\u00dft wird:<\/p>\n<p>\u201eSo wenig er mit echter Negermusik zu tun hat, die hier l\u00e4ngst industriell gegl\u00e4ttet und gef\u00e4lscht ward, so wenig wieder eignet ihm Destruktives und Bedrohliches; selbst die respektlose Verwertung Beethovenscher oder Wagnerscher Themen, (&#8230;) ist in Wahrheit lediglich Ausdruck der Armseligkeit einer Musikfabrikation, die derart genormt und auf den Konsum eingestimmt ward, dass das letzte bisschen Freiheit, der Einfall, ihr verloren ging (\u2026).\u201c<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a><\/p>\n<p>Zu diesem Begriff von \u201eEntfremdung\u201c w\u00e4re einiges anzumerken. F\u00fcr Marxisten erfolgt Entfremdung, ihre verkehrte Spiegelung im Bewu\u00dftsein, aus der Unterordnung der Produzierenden unter die Produktion. Die Verselbst\u00e4ndigung umfa\u00dft alle Prozesse, die Marx in den 3 B\u00e4nden des Kapitals darlegte, nicht nur den Warenfetischismus der ersten Kapitel.<\/p>\n<p>Die Kritische Theorie, die die Ursache von Entfremdung auf \u201eIdentit\u00e4t\u201c zur\u00fcckf\u00fchrt, beschr\u00e4nkt sich darauf, den Kern des \u00dcbels im \u00c4quivalententausch mit der abstrakten Identit\u00e4sbildung W=G=W zu erblicken. Die\u00adse Auffassung von Warenfetischmismus wird losgel\u00f6st von den ihn erzeugenden Ausbeutungsverh\u00e4ltnissen in ihrer Totalit\u00e4t und wird damit zu einer blo\u00df erkenntnistheoretischen Kategorie. Entsprechend wird die Herrschaft des Produkts \u00fcber den Produzenten nur noch in der Konsumsph\u00e4re aufgesp\u00fcrt, nicht im gesellschaftlichen Gesamtprozess, der aus der Trennung des Arbeiters von seinen sachlichen Produktionsbedingungen resultiert. Die Kritische Theorie verkehrt in ihrem Entfremdungsbegriff das Prim\u00e4re und Sekund\u00e4re, und verf\u00e4llt ihrerseits der kritisierten Entfremdung.<a href=\"#_ftn21\" name=\"_ftnref21\">[21]<\/a><\/p>\n<p>Adorno macht vor, wie subjektiv-idealistische \u201eKritik an der entfremdeten Warenform\u201c in rassistisch get\u00f6nten Nihilismus \u00fcbergehen kann, sobald die Subjekte nicht das \u201eGanz Andere\u201c der Kritischen Theorie verk\u00f6rpern: \u201eNegermusik\u201c sei nicht negerhaft, die Wildheit des Jazz nicht \u201ewild\u201c, f\u00fcr die Anspr\u00fcche des Mittelklasse-Revolution\u00e4rs nicht \u201edestruktiv\u201c, \u201ebedrohlich\u201c genug. Es ist die Haltung, die sich von jedem beliebigen \u201erevolution\u00e4ren Subjekt\u201c die \u201eBefreiung\u201c erwartet, au\u00dfer von der k\u00e4mpfenden Arbeiterklasse, deren Entwaffnung sie zustimmt. Es ist das Kokettieren mit dem Umsturz der \u201eNatur\u201c gegen die Gesellschaft, das jede auch noch so br\u00fcchige \u201eSubjektivit\u00e4t\u201c der \u201eIntegration\u201c bezichtigt, wenn sie nach Adorno \u201egegen eine Kollektivmacht aufbegehrt, die sie selber ist\u201c.<a href=\"#_ftn22\" name=\"_ftnref22\">[22]<\/a> Daraus wurde sp\u00e4ter die &#8222;\u00c4sthetik der Gro\u00dfen Weigerung&#8220; von Marcuse, die die logische Folge der Bestimmung des Ganzen als das Unwahre ist.<\/p>\n<p>Zur Pervertierung bei Adorno geh\u00f6rt die Wendung, dass die Musik der Afroamerikaner\u00a0 \u201eVerweigerung der Warenform\u201c, \u201eWiderstand gegen den Kulturbetrieb\u201c usw. zu verk\u00f6rpern habe \u2013 oder wie man es sp\u00e4ter nannte \u201esubversive Gegenkultur\u201c. Die Einhaltung des Viervierteltaktes wird deshalb als zwanghafte Unterwerfung unter das Bestehende psychoanalysiert und die Verschiebungen des Taktschwerpunkts als sich selbst kastrierendes Aufbegehren.<\/p>\n<p>Adorno verwahrte sich sp\u00e4ter so gegen den Vorwurf des Rassimus: \u201eIch habe kein Vorurteil gegen die Neger, als da\u00df sie von den Wei\u00dfen durch nichts sich unterscheiden als durch die Farbe\u201c.<a href=\"#_ftn23\" name=\"_ftnref23\">[23]<\/a> Das liegt bereits auf der Linie der antisemitischen Antideutschen von heute, die Juden Sprechverbot erteilen, weil sie sich nach ihren Kategorien nicht j\u00fcdisch genug verhalten.<\/p>\n<h5>Antifaschismus?<\/h5>\n<p>W\u00e4hrend die Kritischen Theoretiker ihr Verh\u00e4ltnis zum Faschismus erkundeten, formulierte 1935 der VII. Weltkongre\u00df der KI \u201edie Aufgaben der Kommunisten im Kampf f\u00fcr die Volksfront gegen Krieg und Faschismus\u201c.<\/p>\n<p>Es war eine Weiterentwicklung der Leninschen Imperialismustheorie, die auf dem Studium der Verh\u00e4ltnisse s\u00e4mtlicher Klassen basiert. Hieraus bestimmte Dimitroff den Klasseninhalt des Faschismus in der bekannten Definition, also ganz kurz \u201eFaschismus ist die Macht der Finanzbourgeoisie\u201c \u2013 und eben nicht der \u201eMitte\u201c, der kleinb\u00fcrgerlichen Schichten usw.. Das trifft den Gegensatz zwischen Klasseninhalt und Massenbasis des Faschismus \u2013 und nur unter diesem Aspekt die ideologisch-demagogischen Erscheinungsweisen zur Irref\u00fchrung dieser Massenbasis gegen ihre Interessen.<\/p>\n<p>Marxismus-Leninismus bestimmt den Faschismus nicht als Ideologie, sondern als Herrschaftsform der imperialistischen Bourgeoisie, mit m\u00f6glichen vorbereitenden Etappen. Wesentlich f\u00fcr diese Faschismusanalyse \u2013 darum muss man Dimitroffs Referat zum Faschismus mit dem von Togliatti zur Kriegsvorbereitung zusammen lesen \u2013 ist der innerste Zusammenhang von Faschismus und Kriegspolitik im Zuge der imperialistischen Neuaufteilung der Welt, sowie die Abw\u00e4lzung der vollen Krisenlasten auf breiteste Schichten.<\/p>\n<p>Das war zu erinnern, um zu vergegenw\u00e4rtigen, welche Zusammenh\u00e4nge in der b\u00fcrgerlichen Faschismustheorie der Frankfurter Schule nicht ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n<p>Wenden wir uns den in USA durchgef\u00fchrten Faschismusforschungen zu, die der Frankfurter Schule den Ruf als Verfechter empirischer Soziologie einbrachten. Sie sind mit Untersuchungen zur sogenannten autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit verbunden.<\/p>\n<p>Ich kann hier nur auf das Instrument eingehen, mit dem die Forscher glaubten, Bewu\u00dftseinshaltungen nachweisen und\u00a0 messen zu k\u00f6nnen, aus denen unter den Massen Faschismusgefahr abzulesen sei. Dieses nannten sie\u00a0 \u201eF-Skala\u201c. Sie besteht aus Aussages\u00e4tzen, die den Probanden, unabh\u00e4ngig von jeder Widerspiegelung konkreter gesellschaftlicher Situationen, vorgelegt wurden. Sie kreuzen sie auf einer mehrstufigen Skala zwischen Ja und Nein an. \u00dcberwiegt Zustimmung, stehen sie hoch oben auf der Faschismusskala. Daraus soll ein Bild des dominierenden Sozialcharakters einer Gesellschaft extrahiert werden.<\/p>\n<p>Aus der Psychoanalyse bezog man das Argument, dass politische Einstellungen nicht durch direkte Fragen zu ermitteln seien. Man ging davon aus, dass sie vor dem Befrager verheimlicht w\u00fcrden und die Probanden durch \u00dcberlistung dazu gebracht werden m\u00fcssten, ihren latenten Faschismus als manifesten zu erkennen zu geben. Die Auswertungen wurden unter die Arbeitsbegriffe \u201eVorurteil\u201c und \u201eAntisemitismus\u201c gestellt. Daf\u00fcr war ein Schwenk bezeichnend, der sich in einem Brief Horkheimers 1940 an Adorno ank\u00fcndigte und eine weitere Stufe der Abkehr vom Marxismus festschrieb. Horkheimer teilte mit, dass die Frage der Zeit nicht l\u00e4nger der Klassenkampf sei, sondern die Judenfrage.<\/p>\n<p>Es ergibt sich ein erster Einwand: Offenbar wurde au\u00dfer Acht gelassen, dass Antisemitismus nicht zum ideologisch-demagogischen Kern von Faschisierung geh\u00f6ren mu\u00df. Der v\u00f6lkisch-antisemitische Charakter der damaligen Nazi-Ideologiespielart wurde zur universellen Wesenseigenschaft von Faschismus erkl\u00e4rt; im Gegensatz zur KI vertauschte man die Ideologie mit der Herrschaftsform, einmal mehr: das Sekund\u00e4re mit dem Prim\u00e4ren.<\/p>\n<p>Um den Apriorismus dieser Zuordnung von formalen Sprachmustern zu angeblich faschistischem Inhalt zu demonstrieren, drei Beispiele:<a href=\"#_ftn24\" name=\"_ftnref24\">[24]<\/a><\/p>\n<p>Man entwickelte Oberkategorien \u201eautorit\u00e4rer Denkmuster\u201c und ebenso fixe \u201eMerkmale\u201c, die den Tests\u00e4tzen zugeordnet wurden:<\/p>\n<p><em>Aussage:<\/em> \u201eDer Gesch\u00e4ftsmann und der Fabrikant sind viel wichtiger f\u00fcr die Gesellschaft als der K\u00fcnstler und der Professor.\u201c Merkmal: \u201eAbwehr des Subjektiven, des Phantasievollen, Sensiblen, , Imaginativen und Sch\u00f6ngeistigen\u201c.<\/p>\n<p>\u201eAutorit\u00e4res Denkmuster\u201c: \u201eAnti-Intrazeption. (Abwehr von Innerlichkeit)<\/p>\n<p><em>Aussage:<\/em> \u201eWeder Schw\u00e4che noch Schwierigkeiten k\u00f6nnen uns zur\u00fcckhalten, wenn wir genug Willenskraft haben.\u201c<\/p>\n<p>Merkmal: \u201eDenken in Dimensionen wie Herrschaft \u2013 Unterwerfung, stark \u2013 schwach, F\u00fchrer \u2013 Gefolgschaft; Identifizierung mit Machtgestalten; \u00dcberbetonung der konventionalisierten Attribute des Ich; \u00fcbertriebene Zurschaustellung von St\u00e4rke und Robustheit.<\/p>\n<p>\u201cAutorit\u00e4res Denkmuster\u201c: \u201eMachtdenken und Kraftmeierei\u201c.<\/p>\n<p><em>Aussage:<\/em> \u201eDie meisten Menschen erkennen nicht, in welchem Ausma\u00df unser Leben durch Verschw\u00f6rungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden.\u201c<\/p>\n<p>Merkmal: \u201eVeranlagung, an w\u00fcste und gef\u00e4hrliche Vorg\u00e4nge in der Welt zu glauben; Projektion unbewusster Triebimpulse auf die Au\u00dfenwelt \u201c<\/p>\n<p>\u201eAutorit\u00e4res Denkmuster\u201c: \u201eProjektion\u201c<\/p>\n<p>Halten wir einige Charakteristika fest \u2013 <em>Erstens:<\/em> Die Losl\u00f6sung der Sprachzeichen von objektiver Wirklichkeit erlaubt keine Interpretation \u00fcber ihren gesellschaftlichen Gehalt. Keiner der S\u00e4tze mu\u00df f\u00fcr eine irrationale Deutung der Klassenverh\u00e4ltnisse stehen. Der Satz \u201eWeder Schw\u00e4che noch Schwierigkeiten k\u00f6nnen uns zur\u00fcckhalten usw.\u201c kann von einem Antifaschisten im Kampf gesagt werden. Darin kann sich ein klassenm\u00e4\u00dfig vern\u00fcnftiges Verh\u00e4ltnis zu Autorit\u00e4t ausdr\u00fccken<\/p>\n<p><em>Zweitens:<\/em> Die meisten S\u00e4tze der F-Skala laufen auf das hinaus, was als \u201eVerschw\u00f6rungstheorien\u201c bezeichnet wird. Sie w\u00e4ren aber klassenm\u00e4\u00dfig einzuordnen: Die Realistik von Verschw\u00f6rungen durch die herrschende Klasse steht und f\u00e4llt mit dem materiellen Nachweis \u00fcber Hintergr\u00fcnde und Motive solcher Verschw\u00f6rungen. Irrational w\u00e4re nur die Annahme, dass die herrschende Klasse stets sichtbar und offen agiert.<\/p>\n<p><em>Drittens:<\/em> Der vorgeordnete Begriff \u201eAutorit\u00e4t\u201c steht im Bann des subjektiven Idealismus der Frankfurter Schule: Sie setzen das Autorit\u00e4tsverh\u00e4ltnis formationsunabh\u00e4ngig mit dem gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnis gleich.<\/p>\n<p><em>Viertens:<\/em> Die Methode gibt vor deskriptiv zu sein, ist aber normativ: Es wird damit festgelegt, dass ein gewisser Typ von Aussagen \u00fcber die Gesellschaft \u201efaschismusaffin\u201c oder \u201eregressiv\u201c w\u00e4re. Dadurch wird der Umkehrschluss aufgedr\u00e4ngt: Wer solche Aussagen nicht macht oder zu vermeiden wei\u00df, wird als progressiver Demokrat und Antifaschist eingestuft. Da aber der Klasseninhalt entscheidet, kann eine gesellschaftliche Lage eintreten, wo die Faschismusgefahr genau umgekehrt zu verorten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Von den Kritischen Theoretikern wurde gesehen, dass der Gegenstand nicht nur spontane Bewu\u00dftseinsbildungen, sondern auch gezielte Agitation umfasst.<\/p>\n<h5>Exkurs: \u201eFaschistische Agitationselemente\u201c<\/h5>\n<p>Der Schritt von der \u201eF-Skala\u201c zum \u201eAgitator\u201c wurde mit Leo L\u00f6wenthals Buch: \u201eFalsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation\u201c gemacht.<a href=\"#_ftn25\" name=\"_ftnref25\">[25]<\/a> Die Studie basiert ebenfalls auf Sprachmustern. L\u00f6wenthal collagiert Schnipsel aus us-amerikanischen Agitationsreden, die er vorab als \u201efaschistisch\u201c einstuft, zu einer Art Urtext, den er einer \u00fcberpers\u00f6nlichen Kunstfigur namens \u201eDer Agitator\u201c in den Mund legt. Sie stammen von randst\u00e4ndigen \u201eLaienpredigern\u201c, \u00fcber deren gesellschaftliche Bedeutung nichts mitgeteilt wird.<\/p>\n<p>Beispiele nach L\u00f6wenthal:<\/p>\n<p>\u201eManchmal sind diese wenigen internationalen Finanziers nicht einmal an Preis oder Profit interessiert. Sie gebrauchen ihre monopolistische Kontrolle, um die Lebensstandards der Menschen festzulegen. Sie w\u00fcrden eher Arbeitslosigkeit, Fabrik- und Minenschlie\u00dfungen und weitverbreitete Armut in Kauf nehmen, wenn sie dadurch die Erf\u00fcllung ihrer eigenen geheimen Pl\u00e4ne erreichen k\u00f6nnten.\u201c<a href=\"#_ftn26\" name=\"_ftnref26\">[26]<\/a><\/p>\n<p>\u201eWenn wir irgendwelches Geld f\u00fcr nichts anzubieten haben, zu verleihen oder einfach wegzugeben, w\u00fcrden wir es besser zuerst unseren Leuten geben.\u201c<a href=\"#_ftn27\" name=\"_ftnref27\">[27]<\/a><\/p>\n<p>\u201eHinter solchen Ungerechtigkeiten stehen die Internationalen Banker, die unser monet\u00e4res System entwickelten\u00a0 und kontrollieren, und\u00a0 unsolides Geld ausgeben\u201c.<a href=\"#_ftn28\" name=\"_ftnref28\">[28]<\/a><\/p>\n<p>\u201eIn USA Geborene begehen Selbstmord, weil sie nichts zu essen haben, w\u00e4hrend Fl\u00fcchtlinge ihre Jobs bekommen\u201c.<a href=\"#_ftn29\" name=\"_ftnref29\">[29]<\/a><\/p>\n<p>Tauschen wir einmal das Wort USA gegen DDR aus:<\/p>\n<p>\u201eIn der DDR Geborene begehen Selbstmord, weil sie nichts zu essen haben, w\u00e4hrend Fl\u00fcchtlinge ihre Jobs bekommen\u201c.<\/p>\n<p>Die kritisch-theoretische Methode kann dann benutzt werden, den Unmut der DDR-B\u00fcrger \u00fcber soziales und nationales Unrecht unter Faschismusverdacht zu stellen.<\/p>\n<p>Die blo\u00dfe Verwendung eines Oktopus (Krake) als Agitationselement, wird von L\u00f6wenthal auf den Faschismus-Index gesetzt.<a href=\"#_ftn30\" name=\"_ftnref30\">[30]<\/a> Das zeigt einmal mehr, dass wir es bei dieser Methode mit einem Katalog verbotener Zeichen und Sprache zu tun haben, nicht mit Aufkl\u00e4rung \u00fcber ihre sinnvolle Verwendung im Kampf gegen die Monopolherrschaft.<\/p>\n<p>L\u00f6wenthal charakterisiert den fiktiven faschistischen \u201eAgitator\u201c folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>\u201eDie Feinde des Agitators sind ber\u00fcchtigt wegen ihrer Laxheit in moralischen Fragen: sie geben sich dem Luxus hin&#8230;\u201c<a href=\"#_ftn31\" name=\"_ftnref31\">[31]<\/a><\/p>\n<p>\u201eEr findet zahllose verleumdende und b\u00f6sartige Feinde, aber nirgends kann er eine deutlich definierte soziale Ursache entdecken..\u201c<a href=\"#_ftn32\" name=\"_ftnref32\">[32]<\/a><\/p>\n<p>Damit verschiebt L\u00f6wenthal die Fragestellung auf die sogenannte Personalisierung, die zum Merkmal faschistoider Beeinflussung stilisiert wird.<\/p>\n<p>\u201eWie ein roter Faden ziehen sich durch alle \u00c4u\u00dferungen des Agitators W\u00f6rter wie Schwindel\/Falschmeldung, korrupt, unaufrichtig, betrogen\/zum Narren gehalten, manipuliert.\u201c<a href=\"#_ftn33\" name=\"_ftnref33\">[33]<\/a><\/p>\n<p>\u201eDer Agitator gibt zu verstehen, da\u00df zwar eine \u00dcberf\u00fclle materieller und geistiger G\u00fcter vorhanden ist, die Massen jedoch um ihren rechtm\u00e4\u00dfigen Anteil gebracht werden. Die Gelder amerikanischer Steuerzahler werden zum Nutzen aller anderen, nur nicht ihrer selbst verwandt.\u201c<a href=\"#_ftn34\" name=\"_ftnref34\">[34]<\/a><\/p>\n<p>In all dem fehlt nicht der Topos der \u201eUnterkomplexit\u00e4t\u201c:<\/p>\n<p>\u201eStereotypen wie \u201eWallstreetmachenschaften\u201c, \u201emonopolistische Verschw\u00f6rungen\u201c oder \u201einternationale Spione\u201c bezeichnen nicht etwa Vorstellungen von bestimmten Ereignissen und Gegebenheiten, sondern sind eher gleichsam versuchsweise Verd\u00e4chtigungen, mittels derer man \u00fcber die Bedeutung komplexer Ph\u00e4nomene Klarheit zu erhalten erhofft (&#8230;)\u201c<a href=\"#_ftn35\" name=\"_ftnref35\">[35]<\/a><\/p>\n<p>Die agitierten Massen beschreibt L\u00f6wen\u00adthal so: \u201eGew\u00f6hnlich f\u00fchrt geistige Unterlegenheit zum Ausschluss aus der Gesellschaft der Erfolgreichen. (\u2026) Obgleich (der Agitator) seinen Zuh\u00f6rern nicht das Gef\u00fchl\u00a0 gibt, intellektuelle Einsichten gewonnen zu haben oder als eigenst\u00e4ndige Individuen anerkannt zu sein, macht er es ihnen doch m\u00f6glich, sich in ihrer unver\u00e4nderten Minderwertigkeit einzurichten.\u201c<a href=\"#_ftn36\" name=\"_ftnref36\">[36]<\/a><\/p>\n<p>Charakteristisch f\u00fcr das Demokratieverst\u00e4ndnis L\u00f6wenthals, als Grundlage seines Begriffs von Faschismus, ist das Axiom, dem wir schon bei Adorno begegneten: ureigene Aufgabe des Staatswesen sei Schutz der Minderheiten vor der Mehrheit. Er wirft \u201edem Agitator\u201c vor: \u201eSo wird Demokratie aus einem System, das Minorit\u00e4tenrechte garantiert, in ein System verwandelt, das den privilegierten Status der Majorit\u00e4t zu best\u00e4tigen hat.\u201c<a href=\"#_ftn37\" name=\"_ftnref37\">[37]<\/a><\/p>\n<p>Und so ist auch f\u00fcr L\u00f6wenthal gemeinsamer Nenner all dieser angeblich dem Faschismus inh\u00e4renten Versatzst\u00fccke die \u201eVerschw\u00f6rungstheorie\u201c: \u201eihr\u00a0 Gef\u00fchl (der agitierten Massen), ausgeliefert zu sein, wird dazu benutzt, den Glauben zu n\u00e4hren, dass sie das Objekt einer permanenten Verschw\u00f6rung seien\u201c.<a href=\"#_ftn38\" name=\"_ftnref38\">[38]<\/a> 38)<\/p>\n<p>\u201eDas Forcieren der Verschw\u00f6rungsidee lenkt nicht nur vom Versuch ab, soziale Prozesse zu erforschen, sondern es verwischt auch die Identit\u00e4t der als Verschw\u00f6rer bezeichneten Gruppen. Dieselben Stereotypen, die einmal mehr oder weniger bestimmt auf soziale Oligarchien bezogen\u00a0 waren, werden jetzt gigantischen, aber unbestimmten, geheimen internationalen Intrigen zugeschrieben. Das Bild des \u201eOctopus\u201c (\u2026) wird jetzt f\u00fcr die \u201einternationalen, unsichtbaren Herren\u201c verwendet. Diese fantastischen Vorstellungen und Bilder scheinen vor allem das starke Bed\u00fcrfnis der Zuh\u00f6rer nach einer Erkl\u00e4rung ihrer Leiden zu befriedigen\u201c.<a href=\"#_ftn39\" name=\"_ftnref39\">[39]<\/a><\/p>\n<p>Wir sehen: In all diesen Aussagen h\u00e4tte aufkl\u00e4rerische, revolution\u00e4re Agitation feste Ankn\u00fcpfungen, um aus spontaner Wahrnehmung die Keime von Klassenbewusstsein weiterzuentwickeln.<\/p>\n<p>Die Auffassung der Frankfurter Schule von der angeblich faschistischen Mentalit\u00e4t wird nun gesellschaftlich bestimmter: Es handelt sich um Aussagen, die einer spontanen, bereits teilaufgekl\u00e4rten Verarbeitung der Realit\u00e4ten des Monopolkaitalismus durch die nichtmonopolistischen Klassen entspringen. Verd\u00e4chtigungen der herrschenden Klasse \u2013 oft explizit der Finanzbourgeoisie \u2013 werden mit Adorno und L\u00f6wenthal nach ein und demselben Schema interpretiert: Als Verd\u00e4chtigung der beherrschten Klassen selber, ein zumindest irrationalistisches Weltbild zu hegen.<\/p>\n<p>Es findet so eine Verschiebung von der eigentlich zu untersuchenden gesellschaftlichen Wirklichkeit auf eine ahistorische Archentypenlehre von Zeichen und Symbolen statt. Diese ist nicht gar zu weit entfernt von der Lehre C. G. Jungs von den seelischen Archetypen, die angeblich unser gesellschaftliches Sein bestimmen. Fatal, und charakteristisch f\u00fcr die heutigen antideutschen Kampagnen, die ihr ideologisches R\u00fcstzeug aus der Frankfurter Schule beziehen, ist nun, dass sie die Verschiebung wieder umkehren: Wo immer solche Archetypen als Aussagen \u00fcber die herrschende Klasse auftauchen, taugen sie zur Denunziation beliebiger Positionen als \u201erechtsaffin\u201c. Damit eignen sie sich aber, tats\u00e4chliche Triebkr\u00e4fte von Faschisierung aus dem Visier zu nehmen.<\/p>\n<p>Um einen Begriff des faschistischen Agitators zu entfalten, w\u00e4re eben herauszuarbeiten, worin aufkl\u00e4rerische Agitation \u00fcber das Wesen dieser Herrschaft besteht. Das w\u00fcrde eine Bestimmung der Klassenkr\u00e4fte realer Faschisierung bedeuten, wie sie auf dem VII. Weltkongress geleistet wurde. Ausgehend von diesen ist erst zu den m\u00f6glichen Ideologieformen \u00fcberzugehen. L\u00f6wenthal und die Kritische Theorie gehen den umgekehrten Weg.<\/p>\n<p>Bemerkenswert an L\u00f6wenthals Traktat ist, dass es wirkt, als sei es die inoffizielle Fibel der heutigen Pro-NATO-Tansatlantifa. Der Katalog von \u201eBeweisf\u00fchrungen\u201c, mit denen aus diesen Kreisen gegen die Friedensbewegung Stimmung gemacht wird, sobald sie gegen NATO und antirussische Propaganda Stellung bezieht, ist bei L\u00f6wenthal vorgegeben. Als faschistisch, rechtsoffen, antisemitisch usw. gelten: Verd\u00e4chtigung der Finanzbourgeoisie, ja bereits das Wort; Personalisierung von Herrschaft; Unterkomplexit\u00e4t; Verschw\u00f6rungstheorie; Verwendung neutraler Bilder wie des Oktopus usw. Dazu kommt die Gleichsetzung von Faschismus und Antisemitismus.<\/p>\n<p>Die explizite Vorsto\u00df zur Ersetzung kommunistischer Faschismustheorie durch die \u201eFalschen Propheten\u201c Leo L\u00f6wenthals blieb allerdings dem jW-Redakteur Daniel Bratanovi\u0107 vorbehalten (z.B. \u201eElit\u00e4r plebiszit\u00e4r\u201c, jW, 19.5.2016). Nicht ohne Grund trug eines seiner Pamphlete gegen die Friedensbewegung in Anlehnung an \u201eFalsche Propheten\u201c den Titel \u201eFalsche Friedensfreunde\u201c (jW 23.4.2014).<\/p>\n<p>Das Buch von L\u00f6wenthal erschien 1949, markiert also den \u00dcbergang der Frankfurter Schule von der Anti-Hitler-Koalition in den Kalten Krieg auf Seiten der USA und der wiederaufzur\u00fcstenden BRD.<\/p>\n<p>In den USA galt es mit seinem zentralen Kampfbegriff \u201eVerschw\u00f6rungstheorie\u201c seit seinem Erscheinen als Standardwerk der Faschismusforschung.<\/p>\n<h5>KritischeTheorie gegen die Friedensbewegung<\/h5>\n<p>Ein Teil der Frankfurter Schule blieb nach 1945 in den USA \u2013 Marcuse, L\u00f6wenthal. Horkheimer und Adorno gingen in die BRD, wo 1950 das Institut f\u00fcr Sozialforschung neu er\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n<p>Auf den Bruch des Potsdamer Abkommens folgten die Spaltung Deutschlands, G\u00fcndung des westdeutschen Separatstaates, Restauration der Monopolherrschaft mit Nazikadern unter US Hegemonie, Einbeziehung der BRD in die NATO- und Atomwaffenstrategie der USA, Expansion der westdeutschen R\u00fcstungsindustrie, Abbau der antifaschistischen und demokratischen Gehalte des BRD-Grundgesetzes. Die Aufgaben des Instituts f\u00fcr Sozialforschung wurden auf ideologische Dienstleisungen f\u00fcr den antikommunistischen Frontstaat festgelegt. Ihre antifaschistische Reputation verb\u00fcrgte die Brauchbarkeit f\u00fcr die Re-Education im US-BRD-imperialistischen Sinne.<\/p>\n<p>Auf dem Feld der Philosophie wurde fr\u00fch der Wiederaufstieg der BRD zu einer der f\u00fchrenden M\u00e4chte des imperialistischen Lagers vorbereitet. So Theodor Litt, seit 1950 Pr\u00e4sident der Allgemeinen Gesellschaft f\u00fcr Philosophie in Deutschland in der Programmrede \u201eDer Westen hat eine Idee\u201c: Es gelte die weltanschaulichen Grundlagen f\u00fcr ein \u201eBekenntnis zum Antikommunismus\u201c zu schaffen\u201c.<a href=\"#_ftn40\" name=\"_ftnref40\">[40]<\/a> Diesem Ziel verpflichtete sich mit den konkurrierenden b\u00fcrgerlichen Philosophenschulen der BRD auch die Frankfurter Schule.<\/p>\n<p>Karl Jaspers, feinsinniger Existentialist, trat als Apologet der Atombombe gegen die sozialistischen Staaten hervor. Er fasste zusammen: \u201eDie Solidarit\u00e4t verlangt heute bedingungslosen Zusammenschlu\u00df aller europ\u00e4ischen freien Staaten und Amerikas\u201c.<a href=\"#_ftn41\" name=\"_ftnref41\">[41]<\/a> \u201eUnterentwickelten V\u00f6lkern ist materiell nicht zu helfen, wenn sie die Hilfe als Z\u00fcndung der Selbsthilfe gar nicht wollen. Aber es ist ihnen ihr Raum zu lassen, auf ihre Weise zu leben, zu hungern, in Massen geboren zu werden und hinzusterben. Sie haben das Recht zu ihrer Freiheit.\u201c<a href=\"#_ftn42\" name=\"_ftnref42\">[42]<\/a><\/p>\n<p>Ein Leben im Sozialismus bezeichnete er als lebensunwertes Dasein.<a href=\"#_ftn43\" name=\"_ftnref43\">[43]<\/a> Angesichts der Brechung des Atomwaffenmonopols durch die SU f\u00fchrte er gegen diese die atomare Vernichtung als vorzuziehende \u201eWahl\u201c ins Feld mit der philosophischen Begr\u00fcndung: \u201eDie Ehrfurcht vor dem Leben ist nicht das letzte\u201c<a href=\"#_ftn44\" name=\"_ftnref44\">[44]<\/a>. Eine neue Spielart der Faschisierung nahm Gestalt an: die Herrschaft des imperialistischen Antikommunismus vermittels der Atombombe. Eine Spielart, f\u00fcr die sich nun die Vereinigung von Prinzipien der Nazipropaganda mit US-amerikanischen Reklametechniken vollzog, die Adorno schon 1936 so faszinierte.<\/p>\n<p>Der tiefe Fall b\u00fcrgerlicher Philosophie in imperialistischen Nihilismus blieb nicht auf Jaspers beschr\u00e4nkt. Die Sprache von Max Horkheimer war nicht weniger bluts\u00e4uferisch, wenn es gegen die Friedensbewegung\u00a0 ging \u2013 nur dass er offener den antislawischen Rassismus und Nihilismus zum Ausdruck brachte, den wir in der Propaganda von heute wiederfinden. In einem Brief an Ludwig Marcuse (24.X.1961) schrieb er: \u201eDer Besetzung durch russische und mongolische Barbaren ziehe ich ohnehin eine H-bomb direkt auf den Hinterkopf vor\u201c.<a href=\"#_ftn45\" name=\"_ftnref45\">[45]<\/a><\/p>\n<p>Die F-Skala hatte zwar keine verwertbaren Resultate \u2013 sie sollte nun aber zum praktischen Einsatz kommen, n\u00e4mlich zur pseudo-antifaschistischen Bem\u00e4ntelung der Wiederbewaffnung der BRD mit Wehrmachtskadern. Diese stie\u00df auf breiten Widerstand der Bev\u00f6lkerung, getragen von der KPD unter Mobilisierung der Gewerkschaften, der SPD und der Kirchen \u2013 das f\u00fchrte zum Verbot der Kommunistischen Partei. Um die Stimmung umzukehren, erfassten die Machthaber in der BRD schnell den Wert der unkritischen Praxis der kritischen Theoretiker.<\/p>\n<p>Horkheimer sah die M\u00f6glichkeiten seines Einflusses als Ordinarius der Frankfurter Universit\u00e4t zur Beeinflussung der Studentenschaft f\u00fcr die Wiederbewaffnung. 1952 sagte er einem Interview: \u201eWir fanden bei unseren Nachforschungen heraus, da\u00df die Studenten eine ganz vern\u00fcnftige Haltung gegen\u00fcber der Wiederaufr\u00fcstung einnehmen. Ihrer Reden kurzer Sinn ist: \u201aNat\u00fcrlich halten wir nicht viel davon, aber schlie\u00dflich bleibt uns kein anderer Ausweg.\u2018\u201c<a href=\"#_ftn46\" name=\"_ftnref46\">[46]<\/a><\/p>\n<p>Das Amt Blank zum Aufbau der Bundeswehr wurde gegr\u00fcndet. Im Januar 1953 fanden erste Gespr\u00e4che des Instituts f\u00fcr Sozialforschung mit der Dienststelle statt. Interessant wurden die Gruppenuntersuchungen zur F-Skala f\u00fcr die milit\u00e4rische Kaderpolitik, weil sie versprachen, Motivlagen und Verhaltensweisen diskret ermitteln zu k\u00f6nnen. Das Institut sollte die psychologischen Tests von Offiziersanw\u00e4rtern vornehmen. Mit anderen Worten: Eine Methode wurde erarbeitet, um der Rekrutierung einer Angriffsarmee im imperialistischen B\u00fcndnis den politisch korrekten Anstrich neuer Sprach-\u00a0 und Verhaltensnormen zu verpassen \u2013 und zugleich breite Bev\u00f6lkerungsstimmungen auszuhorchen und psychologisch zu beeinflussen. Zur Camouflage wurden etliche Vorsichtsma\u00dfregeln eingehalten.<\/p>\n<p>Der think tank operierte bewusst gegen den Widerstand der demokratischen \u00d6ffentlichkeit, hatte aber zugleich, als scheinbar linke, antifaschistische, gar \u201emarxistische\u201c Schule die wachsende Unzufriedenheit insbesondere von Studenten mit dem restaurierten Monopolkapitalismus zu absorbieren und zu neutralisieren.<\/p>\n<p>Horkheimers und Adornos Vorsicht kam die Forderung aus dem Amt Blank entgegen, die Regelungen f\u00fcr Staatsgeheimnisse gem\u00e4\u00df \u00a7\u00a7 99\u2013101 StGB strikt einzuhalten. So blieb die Auswahlstudie und Mitwirkung der Kritischen Theoretiker geheim, die meisten Akten tragen den Stempel \u201estreng vertraulich\u201c.<\/p>\n<p>In einem Brief an seine Eltern hatte Ador\u00adno 1943 seine Vorstellungen \u00fcber die Befreiung mitgeteilt: \u201eFast mu\u00df man bitten, da\u00df es nicht zu schnell geht, da\u00df nicht ein politischer Zusammenbruch erfolgt, der den Deutschen die offene milit\u00e4rische Niederlage erspart&#8220;<a href=\"#_ftn47\" name=\"_ftnref47\">[47]<\/a>, er w\u00fcnschte: \u201em\u00f6chten die Horst G\u00fcntherchens in ihrem Blut sich w\u00e4lzen und die Inges den polnischen Bordellen \u00fcberwiesen werden, mit Vorzugsscheinen f\u00fcr Juden\u201c.<a href=\"#_ftn48\" name=\"_ftnref48\">[48]<\/a><\/p>\n<p>Und am 1. Mai 1945: \u201eAlles ist eingetreten, was man sich jahrelang gew\u00fcnscht hat, das Land verm\u00fcllt, Millionen von Hansj\u00fcrgens und Utes tot.\u201c Und L\u00f6wenthals Reaktion angesichts der Zerst\u00f6rungen in Wien: \u201eZu wenig\u201c.<a href=\"#_ftn49\" name=\"_ftnref49\">[49]<\/a><\/p>\n<p>Unschwer l\u00e4\u00dft sich in dieser Haltung jener nationale Nihilismus als Untergrund des b\u00fcrgerlichen Antifaschismus wiederfinden, gegen den sich Dimitroff und die KI gewandt hatten. Dieser stand im Gegensatz zu der Humanit\u00e4t einer Zukunftsperspektive, wie sie durch den Sieg der Roten Armee und mit dem Aufbau der DDR gegeben war. Er setzt sich heute fort in \u201eantideutschen\u201c Losungen wie: \u201eBomber Harris do it again\u201c oder dem tweet der Frau von Ditfurth vom 24. September 2017: \u201eEs war ein Fehler, <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/hashtag\/dresden?source=feed_text\">#Dresden<\/a> wieder aufzubauen. All die kuscheligen Pegidaversteher*&#8230; Merke: Nazis t\u00e4tscheln macht Nazis gro\u00df.\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Adornos Kosmopolitismus den \u00fcberlebenden Horst G\u00fcnthers und Utes nun allenfalls als Objekten f\u00fcr die F-Skala begegnete, pflegte er Freundschaft mit dem ehemaligen Generalstabsmitglied in Rommels Afrikacorps, Wolf Graf von Baudissin, einem der Architekten der Wiederbewaffnung der BRD und des sp\u00e4teren NATO-\u201eDoppelbeschlusses\u201c. Erw\u00e4rmt schrieb er ihm: \u201eIch war sehr beeindruckt von dem Ma\u00df nicht nur an gutem Willen, sondern auch an Einsicht und Erfahrung, das ich bei den mitarbeitenden Offizieren fand. Im Grunde eine erfreulichere und sachlichere Atmosph\u00e4re als eine Fakult\u00e4tssitzung\u201c.<a href=\"#_ftn50\" name=\"_ftnref50\">[50]<\/a> Horkheimer lud von Baudissin in den Frankfurter Universit\u00e4tsclub ein, um vor akademischem Publikum f\u00fcr die Wiederaufr\u00fcstung zu werben.<\/p>\n<h5>Ende der Geschichte<\/h5>\n<p>W\u00e4hrend sch\u00e4rfster Zuspitzung zwischen den imperialistischen und antiimperialistischen Bl\u00f6cken hielt Adorno 1962 einen Vortrag zum Thema \u201eFortschritt\u201c.<\/p>\n<p>Er stellte voran, \u201eReflexionen \u00fcber den Fortschritt\u201c h\u00e4tten \u201ezur\u00fcckzutreten von l\u00e4hmenden Fakten und Spezialbedeutungen\u201c.<a href=\"#_ftn51\" name=\"_ftnref51\">[51]<\/a> Als Kern nannte er die \u201eBesinnung dar\u00fcber, ob die Menschheit die Katastrophe zu verhindern mag\u201c.<a href=\"#_ftn52\" name=\"_ftnref52\">[52]<\/a> Jedoch: \u201eDie Angewiesenheit des Fortschritts auf Totalit\u00e4t\u201c kehre \u201eeinen Stachel wider ihn\u201c.<a href=\"#_ftn53\" name=\"_ftnref53\">[53]<\/a><\/p>\n<p>Indem Adorno die materialistischen Motive der Geschichtsphilosophie Walter Benjamins beiseite schob, berief er sich auf ihn, um den Begriff des Fortschritts mit dem der \u201eErl\u00f6sung\u201c in eins zu setzen. Dabei verkehrte er das Marxsche Wort von der \u201eVorgeschichte\u201c in eine der Schein-Aporien der \u201enegativen Dialektik\u201c: Es sei n\u00e4mlich \u201ekein Fortschritt derart zu unterstellen, als w\u00e4re die Menschheit \u00fcberhaupt schon und k\u00f6nne deshalb fortschreiten. Vielmehr w\u00e4re er erst ihre Herstellung&#8230;\u201c.<a href=\"#_ftn54\" name=\"_ftnref54\">[54]<\/a><\/p>\n<p>Die Menschheit bleibt also eingefangen in der \u201eTotalit\u00e4t\u201c &#8211; da es damit keine Menschheit im eigentlichen Sinne gibt, ist kein Fortschritt und da kein Fortschritt ist, ist keine Menschheit&#8230; Das Kriterium f\u00fcr das Vorhandensein einer Menschheit sei n\u00e4mlich die Abwesenheit von Totalit\u00e4t, weil diese den Sprung ins Immanuel Kantsche Weltb\u00fcrgertum verhindere: \u201eErst wo das Grenzen setzende Prinzip der Totalit\u00e4t, w\u00e4re es auch blo\u00df das Gebot ihr gleich zu sein, zerginge, w\u00e4re Menschheit und nicht ihr Trugbild\u201c.<a href=\"#_ftn55\" name=\"_ftnref55\">[55]<\/a> Es ist also im Kontinuum der Zeit kein Subjekt geschichtlicher Perspektive gegeben.<\/p>\n<p>Parallel zur in der Praxis betriebenen Kriegspolitik unter NATO-Vorherrschaft, wird der R\u00fcckfall der Theorie in den Neu-Kantianismus des ewigen Friedens benutzt, um der k\u00e4mpfenden Friedensbewegung sei\u00adner Zeit philosophisch die Grundlage wegzuziehen. Platzhalter der Menschheit sei nach Adorno nur noch \u201eextreme Individuation\u201c.<a href=\"#_ftn56\" name=\"_ftnref56\">[56]<\/a><\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Kritische Theorie nun Auschwitz und Hiroshima f\u00fcr die irrationale Beschw\u00f6rung des Endes der Geschichte einsetzt, werden ihr die Kriege des US-Imperialismus zum Kampf f\u00fcr Freiheit und Menschenrechte. Dies hob Horkheimer zum Vietnamkrieg hervor (wobei der antislawische Rassismus sich in einem antichinesischen fortsetzt). Er liefert damit nicht nur den Offenbarungseid der negativen Dialektik als Negation von Dialektik, sondern auch die ideologische Blaupause des kosmopolitischen Menschenrechts-Imperialismus:<\/p>\n<p>\u201eDie Lage Amerikas in S\u00fcdvietnam ist ein gro\u00dfes Ungl\u00fcck. (&#8230;) Aber mit einiger Sicherheit l\u00e4\u00dft sich sagen, da\u00df der R\u00fcckzug (&#8230;) den Weg der Chinesen zum Rhein beschleunigen w\u00fcrde. Ganz Asien w\u00fcrde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die ungl\u00fccklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde] der amerikanischen Kriegsf\u00fchrung. Was sie nicht sehen, ist die H\u00f6lle einer chinesischen Weltherrschaft.\u201c<a href=\"#_ftn57\" name=\"_ftnref57\">[57]<\/a> &#8222;Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu f\u00fchren, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte.\u201c<a href=\"#_ftn58\" name=\"_ftnref58\">[58]<\/a><\/p>\n<p>Die Doktrin l\u00fcckenloser Totalit\u00e4t, von Marcuse und Adorno auch \u201eEindimensionalit\u00e4t\u201c genannt, kann nur in den mystischen und gef\u00e4hrlichen Kitsch des gro\u00dfen Ausnahmezustands, des \u201eGanz Anderen\u201c f\u00fchren, oder in R\u00fcckzug auf die Innerlichkeit und negative Theologie. Bei allen drei Varianten der \u201eGro\u00dfen Weigerung\u201c beruhte die Leugnung einer in Widerspr\u00fcchen fortschreitenden Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Geschichte darauf, dass sie der Arbeiterklasse jede M\u00f6glichkeit absprach, die fortschrittliche Seite des Widerspruchs im Innern der Totalit\u00e4t aufgrund der erkannten Einheit von Theorie und Praxis zu verk\u00f6rpern. Horkheimer, Marcuse, Adorno, L\u00f6wenthal &#8211; sie alle setzten die imperialistischen Gesellschaften mit den sozialistischen gleich. Dabei waren sie aber objektiv \u2013 und in den meisten Lebenslagen auch subjektiv \u2013 Ideologen des angreifenden Imperialismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es war in der\u00a0 Phase eines aufkeimenden westdeutschen und us-amerikanischen Linksradikalismus, dass die Frankfurter Schule aufgrund ihrer Scheinradikalit\u00e4t und ihres \u201emarxistischen\u201c Rufes die Aufgabe wahrnahm, gro\u00dfe Teile der studentischen Intelligenz von einer nicht-revisionistischen Aneignung des Marxismus sowie der k\u00e4mpfenden Arbeiterklasse und ihren Parteien fernzuhalten.<\/p>\n<p>Als neue Eliten standen sie nach der Konterrevolution 1990 Gewehr bei Fu\u00df. Sie wurden Schreibtischt\u00e4ter des Jugoslawienkrieges, nachdem sie sich wenige Jahre zuvor an einer kritisch-theoretischen Karikatur des Marxismus berauscht hatten. Das sollte bedacht werden, wenn heute wieder\u00a0 Kr\u00e4fte, die der Frankfurter Schule weitaus n\u00e4her stehen als dem Marxismus-Leninismus, in neuer Demagogie gegen die Friedensbewegung die Unterstellung vortragen, man wisse dort nicht, was\u201clinks\u201c und was \u201erechts\u201c sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Klaus Linder, Berlin, ist Mitglied des gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Verbandsvorstandes des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<h5>Fu\u00dfnoten<\/h5>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a>\u00a0Zitiert nach: Hans Heinz Holz: Deutsche Ideologie nach 1945, Essen 2003, S. 165<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung I (1932), S.III<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung I (1932), S.1<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a>\u00a0Max Horkheimer, Theodor W.Adorno: Dialektik der Aufkl\u00e4rung. Frankfurt am Main 1979, S.3<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a>\u00a0Siehe auch ausf\u00fchrlicher: Walter Jopke: Grundlagen der Erkenntnis- und Gesellschaftstheorie Adornos und Horkheimers, in: Die \u201eFrankfurter Schule\u201c im Lichte des Marxismus, Frankfurt am Main 1970, S. 48ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a>\u00a0Max Horkheimer: Autorit\u00e4rer Staat, in: Walter Benjamin zum Ged\u00e4chtnis, herausgegeben vom Institut f\u00fcr Sozialforschung, Los Angeles 1942, S.153<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Zitiert nach Jopke (1970), S.51<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Zeitschrift f\u00fcr Sozialforschung VI (1937), S. 270<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a>\u00a0Herbert Marcuse, Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1969, S.186<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0zitiert nach: Momme Brodersen: Siegfried Kracauer. Rheinbek bei Hamburg 2001, S.113ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a>\u00a0Adorno, Rezension von \u201eHerbert M\u00fcntzel, Die Fahne des Verfolgten. Ein Zyklus f\u00fcr M\u00e4nnerchor nach dem gleichnamigen Gedichtband von Baldur von Schirach, in: Die Musik 9. Juni 1934, S. 712 (jetzt: Gesammelte Schriften Bd. 19. S.331). Siehe auch: Joachim Dyck: \u201eSchlechtes Kunstgewerbe ausgemerzt\u201c, in: Die Welt, 1.IX.2003<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a>\u00a0Adorno, Rundfunkautorit\u00e4t und Schlagersendung, in: Frankfurter Adorno Bl\u00e4tter VII\/2001, S. 90-93<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a>\u00a0Adorno, Rundfunkautorit\u00e4t, S.90<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a> ebd. S.90<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> ebd. S.91<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> ebd., S. 92<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a> ebd., S.93<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a> Adorno, Abschied vom Jazz,. In: GS, Bd. 18<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a> Adorno, GS, Bd. 17, S. 83<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a> Adorno, Abschied vom Jazz<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref21\" name=\"_ftn21\">[21]<\/a>\u00a0vgl. auch: Wolfgang Heise: Aufbruch in die Illusion. Zur Kritik der b\u00fcrgerlichen Philosophie in Deutschland. Berlin Hauptstadt 1964<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref22\" name=\"_ftn22\">[22]<\/a> Adorno, GS Bd. 17, S.77f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref23\" name=\"_ftn23\">[23]<\/a> Adorno, GS, Bd 10.2, S.808f<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref24\" name=\"_ftn24\">[24]<\/a> f\u00fcr den schnellen \u00dcberblick \u00fcber die Methodik reicht eine der popularisierenden Zusammenfassungen im Internet: <a href=\"http:\/\/www.teachsam.de\/psy\/psy_pers\/psy_aut_pers\/psy_aut_pers_2.htm\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.teachsam.de\/psy\/psy_pers\/psy_aut_pers\/psy_aut_pers_2.htm<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref25\" name=\"_ftn25\">[25]<\/a>\u00a0Leo L\u00f6wenthal, Falsche Propheten. Studien zum Autoritarismus. Frankfurt am Main 1990<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref26\" name=\"_ftn26\">[26]<\/a>\u00a0ebd., S.21; \u00dcbersetzung englischer Zitate von K.L.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref27\" name=\"_ftn27\">[27]<\/a> ebd, S.26<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref28\" name=\"_ftn28\">[28]<\/a> ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref29\" name=\"_ftn29\">[29]<\/a> ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref30\" name=\"_ftn30\">[30]<\/a> ebd., S.41<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref31\" name=\"_ftn31\">[31]<\/a> ebd., S.27<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref32\" name=\"_ftn32\">[32]<\/a> ebd., S.25<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref33\" name=\"_ftn33\">[33]<\/a> ebd., S.28<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref34\" name=\"_ftn34\">[34]<\/a> ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref35\" name=\"_ftn35\">[35]<\/a> ebd., S.40<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref36\" name=\"_ftn36\">[36]<\/a> ebd., S.39<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref37\" name=\"_ftn37\">[37]<\/a> ebd., S.46<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref38\" name=\"_ftn38\">[38]<\/a> ebd., S.35<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref39\" name=\"_ftn39\">[39]<\/a> ebd., S.40f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref40\" name=\"_ftn40\">[40]<\/a> vgl. Holz 2003, S. 21<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref41\" name=\"_ftn41\">[41]<\/a>\u00a0Karl Jaspers: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, M\u00fcnchen 1958, S. 177. Zitiert nach Holz 2003, S. 72<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref42\" name=\"_ftn42\">[42]<\/a> Jaspers 1958, S. 133<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref43\" name=\"_ftn43\">[43]<\/a> Holz 2003, S.76<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref44\" name=\"_ftn44\">[44]<\/a> Jaspers 1958, S.479<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref45\" name=\"_ftn45\">[45]<\/a>\u00a0zitiert nach: Monika Boll: Kalte Krieger oder Milit\u00e4rreformer? Das Institut und die Bundeswehr. In: Die Frankfurter Schule und Frankfurt &#8211; Eine R\u00fcckkehr nach Deutschland. Frankfurt am Main 2009, S.58<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref46\" name=\"_ftn46\">[46]<\/a>\u00a0Der j\u00fcdische Rektor und seine deutsche Universit\u00e4t. Interview mit Max Horkheimer. In: Allgemeine Wochenzeitung der Juden in Deutschland, 1.8.1952. Zitiert nach: Boll 2009, S. 62<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref47\" name=\"_ftn47\">[47]<\/a>\u00a0zitiert nach: G\u00fcnter Platzdasch: Habermas als autorit\u00e4rer Charakter \/ Henscheid als antiautorit\u00e4rer Frankfurter Schule-Schw\u00e4nzer. Unorthodoxe Tagung \u00fcber Theodor W. Adorno in Frankfurt am Main. In: <u>www.linksnet.de<\/u><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref48\" name=\"_ftn48\">[48]<\/a> ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref49\" name=\"_ftn49\">[49]<\/a> Arnd Beise: \u201eKritik des Falschen\u201c, jW 20.1.2018<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref50\" name=\"_ftn50\">[50]<\/a> zitiert nach Boll 2009, S. 58<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref51\" name=\"_ftn51\">[51]<\/a>\u00a0Theodor W. Adorno: Fortschritt, in: Stichworte. Kritische Modelle 2. Frankfurt am Main 1970, S. 29<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref52\" name=\"_ftn52\">[52]<\/a> ebd.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref53\" name=\"_ftn53\">[53]<\/a> ebd., S.30<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref54\" name=\"_ftn54\">[54]<\/a> ebd., S.31<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref55\" name=\"_ftn55\">[55]<\/a> ebd., S.32<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref56\" name=\"_ftn56\">[56]<\/a> ebd., S.38<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref57\" name=\"_ftn57\">[57]<\/a> Max Horkheimer: Gesammelte Schriften Bd. 14, Frankfurt am Main 1988, S. 360f.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref58\" name=\"_ftn58\">[58]<\/a> Max Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd. 18, Frankfurt am Main 1996, S. 646f.<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" 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width=\"32\" height=\"32\" \/>\u00a0<a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Freidenker_2018-03_Linder-FrankfurterSchule.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Klaus Linder: Die Leere der Frankfurter Schule<\/a> (Auszug aus FREIDENKER 3-18, ca. 575 KB)<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Video<\/h5>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"5427\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=5427\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_32x32.jpg?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" 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href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5354\">https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5354<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Beitragsbild oben: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/zettel-notiz-b%C3%BCro-gesch%C3%A4ft-anzug-3205464\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">pixabay.com<\/a> \/ User: geralt \/ CC0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Klaus Linder aus FREIDENKER 3-18<\/strong><br \/>\nDas Institut f\u00fcr Sozialforschung, also die sp\u00e4tere Frankfurter Schule um Max Horkheimer, Theodor Adorno, Herbert Marcuse, Leo L\u00f6wenthal war urspr\u00fcnglich dem Marxismus verbunden. &#8230; Fr\u00fch wurde der marxistische Anspruch auf Erkenntnis des Gesamtzusammenhangs \u00fcber Bord geworfen, und damit auf die Erkennbarkeit der Welt, der widerspr\u00fcchlichen Totalit\u00e4t des gesellschaftlichen und materiellen Seins. &#8230; W\u00e4hrend der Marxismus die L\u00f6sung des gesellschaftlichen Antagonismus durch die in seinem Scho\u00dfe heranwachsenden Produktivkr\u00e4fte bestimmt, verschob sich den Kritischen Theoretikern der Antagonismus der kapitalistischen Klassengesellschaft auf die Gegen\u00fcberstellung von Individuum und Gesellschaft, und schlie\u00dflich von \u201eGeist\u201c und \u201eMacht\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":5445,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[876,1077,1078,1034],"class_list":["post-5434","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weltanschauung-philosophie","tag-dialektik","tag-frankfurter-schule","tag-kritische-theorie","tag-marxismus"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/list-3205464_800x445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-1pE","jetpack-related-posts":[{"id":5354,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5354","url_meta":{"origin":5434,"position":0},"title":"Videos: 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