{"id":4262,"date":"2015-08-02T02:03:10","date_gmt":"2015-08-02T00:03:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/?p=4262"},"modified":"2023-03-19T18:10:58","modified_gmt":"2023-03-19T17:10:58","slug":"burg-waldeck-wurzeln-im-wind-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=4262","title":{"rendered":"Burg Waldeck \u2013 Wurzeln im Wind \u2026 (2)"},"content":{"rendered":"<div class=\"entry-content\">\n<p><b>Alte Fronten, neue Bruchlinien<\/b><\/p>\n<p><i>Linker Liedersommer auf Burg Waldeck vom 19. bis 21. Juni 2015<br \/>\n(Bericht der Online-Zeitung <em>Schattenblick &#8211; \u00a9 by Schattenblick, 2015<\/em>)<br \/>\n<\/i><\/p>\n<p>Auf Mehrheiten zu setzen und dabei den Boden unter den F\u00fc\u00dfen zu verlieren kann als Wesensmerkmal reformistischer Entwicklungen in der revolution\u00e4ren Linken bezeichnet werden. Dem Wellenschlag herrschender Interessen zu folgen und unter dem Horizont des vermeintlich Machbaren einen Platz zu finden, an dem der Restbestand sozialer Emanzipation in bescheidenen Portionen eher verwaltet denn verwirklicht wird, ist insbesondere Sozialdemokraten nicht fremd. Da\u00df dabei manch eintr\u00e4glicher, das eigene \u00dcberleben sichernder und den sozialen Status aufwertender Posten abf\u00e4llt, beschleunigt die Fahrt ins Tal preisgegebener Positionen und handels\u00fcblicher Konsense. Die neoliberale Sachzwanglogik mutiert zur Doktrin des kleineren \u00dcbels, und an die Stelle des Ausgangspunktes, die Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen zu beenden, tritt der die Erfolgslogik gesellschaftlicher Gewinner adaptierende Wunsch, durch das Ausloten des gr\u00f6\u00dften gemeinsamen Nenners die Voraussetzungen daf\u00fcr zu schaffen, die Kommandoh\u00f6hen in Staat und Gesellschaft zu erobern.<\/p>\n<p>Auch jenseits der Sozialdemokratie durchzieht der Streit um die Frage \u201ePrinzipientreue oder B\u00fcndnisf\u00e4higkeit\u201c die Geschichte der Linken wie ein roter Faden. Wenn die soziale Konkurrenz, wie in der Dauerkrise des Kapitals zusehends gegeben, sch\u00e4rfer, die Stimmung aggressiver und der materielle Mangel sp\u00fcrbarer wird, schwindet die Bereitschaft, die Machtfrage in Anbetracht einer Ohnmacht zu stellen, die zu \u00fcberwinden in ihrer furchteinfl\u00f6\u00dfenden Totalit\u00e4t mehr Mut erfordert, als der kurze Atem tr\u00fcgerischer Hoffnung fassen kann. Von daher ist der Vorwurf der Spaltung keine selbsterkl\u00e4rende Wahrheit, sondern wirft die Frage auf, auf welcher Basis die Einigkeit oppositioneller Kr\u00e4fte von der Friedensbewegung bis zur antikapitalistischen Linken hergestellt werden soll.<\/p>\n<p>Was f\u00fcr ein Frieden wird verteidigt, wenn ein pragmatisches B\u00fcndnis mit Bewegungen eingegangen wird, die zumindest teilweise kein Problem mit sozialchauvinistischen und nationalrassistischen Positionen haben? Wie stellen sich Friedensbewegte dazu, da\u00df die rechtspopulistischen Thesen eines Sarrazin oder Els\u00e4sser unter einigen Anh\u00e4ngern der neuen Mahnwachenbewegung auf fruchtbaren Boden fallen? Wie sollen Linke mit dem dort virulenten Antikommunismus umgehen, ist die jeweilige Positionierung zur damit angesprochenen Utopie doch ein Unterschied ums Ganze?<\/p>\n<p>Die blo\u00dfe Abwesenheit kriegerischer Gewalt in Westeuropa zu erhalten, kann nur als Minimalkonsens eines Friedens der Pal\u00e4ste Bestand haben, da der Krieg gegen die H\u00fctten l\u00e4ngst entbrannt ist. Das soziale Elend von Millionen Menschen in aller Welt verschlimmert sich nicht unabh\u00e4ngig von den Produktionsverh\u00e4ltnissen, die als steiles Gef\u00e4lle der Produktivit\u00e4t und sogenannten Wertsch\u00f6pfung zwischen den Metropolen der westlichen Industriestaaten und den Armutszonen in den L\u00e4ndern des globalen S\u00fcdens in Erscheinung treten. In einem der produktivsten und reichsten L\u00e4nder der Welt zu leben und sich dennoch zum Werkzeug sozialdarwinistischer Konkurrenz machen zu lassen, erfolgt im Unterschied zu Menschen in Hungerzonen, die bei der Ausgabe von Hilfsg\u00fctern keine R\u00fccksicht aufeinander nehmen, nicht aus akuter Not. Um so mehr finden sich auch unter von Arbeitslosigkeit und Armut betroffenen B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern Personen, die ihr Heil bei rechtspopulistischen Volkstribunen suchen, die Menschen aus \u00e4rmeren Weltregionen zum Feind erkl\u00e4ren, weil ihnen das B\u00fcndnis mit den eigenen Herren bessere Gewinnchancen verhei\u00dft.<\/p>\n<p>In dieser Gemengelage kann es nicht erstaunen, da\u00df die Rechte marschiert und immer mehr Einflu\u00df gewinnt. Das ist herrschaftsstrategisch so sehr gewollt wie von den Fu\u00dfsoldaten getragen, wenn sie sich in Deutschlandfahnen kleiden und bekunden, weder rechts noch links, aber auf jeden Fall gegen Extremismus zu sein. Wenn auch in diesen Reihen der berechtigte Protest gegen die D\u00e4monisierung Ru\u00dflands als Aggressor aufbrandet, dann wird eher schwarz gegen wei\u00df ausgetauscht, als da\u00df grunds\u00e4tzlich gegen Militarisierung und Krieg Position bezogen w\u00fcrde. Den Weltkrieg zu f\u00fcrchten, aber die Verbindung zwischen Kapitalismus, Kriegstreiberei und dem Sozialdarwinismus gruppenbezogener und nationalistischer Selbstbehauptung nicht herstellen zu wollen, f\u00fchrt vom blutigen Regen imperialistischer Staatenkonkurrenz in die vergiftete Traufe neokolonialistischer Verteilungsk\u00e4mpfe. Wenn die Wurzeln linken Handlungsverm\u00f6gens nicht im Wind zerfasern und fleischfressende Bl\u00fcten treiben sollen, dann ist mehr erforderlich, als den Ergebnissen nationalstaatlicher Konkurrenz und kapitalistischer Zerst\u00f6rung in blo\u00dfer Reaktion hinterherzuhinken.<\/p>\n<p>Der Strategie des Teilens und Herrschens neue Einigkeit und Solidarit\u00e4t entgegenzustellen verlangt denn auch, \u00fcber die Beweggr\u00fcnde derjenigen Kr\u00e4fte und Interessen aufzukl\u00e4ren, die als Urheber oder Sachwalter neuer Kriege in Erscheinung treten. Blo\u00dfe Gier nach mehr oder hemmungsloses Profitstreben reichen als Erkl\u00e4rung nicht aus, handelt es sich doch um eine grundmenschliche Neigung, das eigene \u00dcberleben gegen den anderen durchzusetzen, was T\u00e4ter und Opfer in einer biologistischen Weltsicht letztendlich miteinander austauschbar macht. Je alternativloser dieser vermeintliche Naturzwang erscheint, desto unverzichtbarer wird die Utopie des Kommunismus als Horizont sozialen Widerstands.<\/p>\n<p>Die Abw\u00e4gung, die eigenen Prinzipien hochzuhalten oder potentielle B\u00fcndnispartner zu verlieren, tr\u00e4gt das Scheitern der in Anspruch genommenen Handlungsf\u00e4higkeit bereits in sich. Wenn sich an entscheidenden Fragestellungen wie dem Umgang mit Menschen anderer ethnischer Herkunft und nationaler Zugeh\u00f6rigkeit gerade dann, wenn diese \u00fcber nichts als das nackte Leben verf\u00fcgen, die Wege trennen, dann beugt das inneren Auseinandersetzungen vor, die aus pragmatischen Gr\u00fcnden aufgeschoben wurden, weil sie im Kern nicht aufzuheben sind. F\u00fcr Spaltungsstrategien empf\u00e4nglich zu sein weist nicht zuletzt auf Korrespondenzen zu gesellschaftlichen Herrschaftsdispositiven hin, sprich dem ganz und gar eigenn\u00fctzigen Interesse zu folgen, unter allen Umst\u00e4nden auf der Seite der Gewinner zu stehen.<\/p>\n<h5 class=\"western\">Dem Menschen zugewandt ein Unterschied ums Ganze<\/h5>\n<p>Der langen Vorrede kurzer Sinn \u2013 bei dem im Programm des Linken Liedersommers unangek\u00fcndigten Auftritt der Gruppe Die Bandbreite wurden Positionen verhandelt, die so prek\u00e4r sind, da\u00df die Diskussion, welchen Zweck sie f\u00fcr ein links verortetes Umfeld erf\u00fcllen, eigentlich unabdinglich gewesen w\u00e4re. Gerade weil es nicht darum geht, die Musiker dieser seit l\u00e4ngerem nicht nur von Antideutschen, wie sie selber meinen, sondern von Linken aller Couleur kritisierten Band in Bausch und Bogen zu verdammen, gilt es, sie in ihrem Anspruch, sich auf widerst\u00e4ndige Weise mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen auseinanderzusetzen, ernst und ihre Aussagen beim Wort zu nehmen.<\/p>\n<p>Da der erste Titel ihres vier St\u00fccke umfassenden Auftritts erst vor kurzem entstand und die politische Position der Gruppe daher authentisch repr\u00e4sentiert, braucht an dieser Stelle kein Blick auf die Geschichte ihrer Verleumdung, so die eigene Einsch\u00e4tzung, oder politischen Inakzeptanz, so das Urteil vieler Linker, geworfen zu werden. Im Text von \u201eSch\u00f6n ist h\u00e4\u00dflich\u201c erkl\u00e4rt die Bandbreite, die antislamische Position der Patriotischen Europ\u00e4er gegen die Islamisierung des Abendlandes (Pegida) nicht zu teilen, \u201edoch die Menschen von Pegida sind nicht unsere Feinde\u201c. Viele, die sich unter diesem Namen versammeln, seien \u201everwirrt\u201c, aber anstatt ihre Demos zu blockieren, gelte es zu verstehen, da\u00df \u201edie Agenda ist, uns aufeinanderzuhetzen, da\u00df sich nie was ver\u00e4ndert.\u201c Um diese Absicht zu vereiteln, sei das angeblich \u201everaltete Lagerdenken\u201c zu beenden. Statt dessen m\u00fcsse man \u201eden verblendeten Menschen helfen, Dinge zu erkennen, denn die Gefahr, die geht nicht aus vom Islam, nicht von Hogesa und Pegida,\u201c sondern \u201evon den Multinationalen, von den Konzernen, Oligarchen und Banken, die sich in die F\u00e4uste lachen, w\u00e4hrend wir uns hier unten zanken\u201c.<\/p>\n<p>Wo die sozialstrategische Neuzusammensetzung der Klasse der Lohnabh\u00e4ngigen \u2013 die Ausgrenzung zahlreicher Menschen in den Limbus der \u00dcberfl\u00fcssigen, die zwischen Migrantinnen und Migranten und einheimischer Bev\u00f6lkerung gesch\u00fcrte Konkurrenz um verbliebene \u00dcberlebensgarantien, das spannungsgeladene Nebeneinander von prek\u00e4r Besch\u00e4ftigten, Leiharbeitern, Stammbelegschaften und Facharbeitern \u2013 neue Bruchlinien er\u00f6ffnet und Konkurrenzverh\u00e4ltnisse initiiert, sto\u00dfen traditionelle Klassenkampfparolen nur auf geringe Resonanz. Um so ungekl\u00e4rter ist die Frage, um wen es sich bei \u201euns\u201c eigentlich handeln soll. Schon die Einteilung der Gesellschaft in 99 und ein Prozent, wie von der Occupy-Bewegung propagiert, stellte nicht in Rechnung, da\u00df sich unter der vermeintlich \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit von Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung Betroffener zahlreiche Gruppen und Professionen befinden, die die Eigent\u00fcmerklasse zugunsten daf\u00fcr gew\u00e4hrter Sicherheiten und Privilegien selbst mit ihrem Leben verteidigen.<\/p>\n<p>Das Interesse, die herrschenden Verh\u00e4ltnisse zu erhalten, stellt den ignorierten Kehrwert jener angeblichen Verwirrung und Verblendung dar, die Pegida und Konsorten gegen Nichtdeutsche, Muslime und Linke aggressiv in Stellung bringt. 150\u00a0Angriffe auf Asylbewerberheime 2014 und 200 Attacken auf die Unterk\u00fcnfte von<br \/>\nFl\u00fcchtlingen allein im ersten Halbjahr 2015 belegen, da\u00df die militante Rechte politisch gerne in Anspruch genommenen Handlungsbedarf am Band produziert. Wenn schon keine Bereitschaft zu grundlegender Unterst\u00fctzung f\u00fcr Menschen in Not vorhanden ist, k\u00f6nnten die diversen -gidas zumindest die Mitverantwortung der deutschen Au\u00dfenpolitik f\u00fcr die Entstehung der anwachsenden Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6me in Rechnung stellen. Davon will man nichts wissen, denn Krieg, Ausbeutung und Naturzerst\u00f6rung in den L\u00e4ndern des S\u00fcdens f\u00fcllen den Teller, der angeblich gegen migrantische Fre\u00dffeinde verteidigt werden mu\u00df. Wie tr\u00fcgerisch das Heil der Volksgemeinschaft ist, merkt der Prolet, wenn er selbst als \u00fcberfl\u00fcssiger Ballast im Frondienst und auf dem Schlachtfeld verheizt wird, auf jeden Fall zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Da\u00df bei diesen B\u00fcrgerbewegungen nicht nur antimuslimischer Rassismus, sondern aggressiver Antikommunismus grassiert, kann bei der Weigerung, sich mit dem deutschen Imperialismus anzulegen, nicht erstaunen. Schon die Entstehung Pegidas erfolgte erkl\u00e4rterma\u00dfen, um gegen die kurdische PKK vorzugehen, die in der Bundesrepublik nach dem politische Gesinnung kriminalisierenden Vereinigungstrafrecht 129 b verfolgt wird. Der Furor gegen alles Linke hat seitdem nicht nachgelassen, wie die N\u00e4he dieser Bewegung zu einflu\u00dfreichen Web-Portalen der neuen Rechten belegt. Wer behauptet, feindselige Parolen und ha\u00dferf\u00fcllte Schm\u00e4hungen seien lediglich das Produkt einiger Rattenf\u00e4nger, kann sich in den entsprechenden sozialen Netzwerken eines Besseren belehren lassen.<\/p>\n<p>Zu behaupten, diese Menschen w\u00fc\u00dften nicht, was sie tun, lie\u00dfe sich konsequenterweise auch auf die Sachwalter der Kapitalmacht anwenden, folgen diese doch ihrerseits einer Verwertungslogik, der selbst in der linken Theoriebildung bereits die selbstregulative Funktionsweise eines \u201eautomatischen Subjekts\u201c zugewiesen wurde. Der praktische Nutzen der paternalistischen Ideologie, andere Menschen seien besinnungslos fremden Antrieben ausgesetzt, besteht zum einen darin, dem vermeintlichen \u00dcberblick, aus dem heraus dies beurteilt wird, den Status einer unangreifbaren Wahrheit zuzuweisen. Zum andern fr\u00f6nt diese Behauptung einem Systemprimat, der den Menschen zur Unm\u00fcndigkeit verdammt und ihn der M\u00f6glichkeit enthebt, seine Misere t\u00e4tig zu beenden.<\/p>\n<p>Dem politischen Subjekt die F\u00e4higkeit abzuerkennen, im vollen Bewu\u00dftsein eigener Beweggr\u00fcnde und Absichten politisch Position zu beziehen, \u00fcberf\u00fchrt den Kampf um Emanzipation in einen Herrschaftsdiskurs, der die Machtfrage von vornherein zugunsten der staatlichen Exekutive und kapitalistischen Monopole entscheidet. Da\u00df das komplexe Problem der Durchsetzung gesellschaftlicher Herrschaft im Refrain von \u201eSch\u00f6n ist h\u00e4\u00dflich\u201c an einen \u201eb\u00f6sen Geist\u201c adressiert wird, der \u201edie M\u00e4chtigen lenkt\u201c und dabei \u201eallgegenw\u00e4rtig\u201c und \u201edoch f\u00fcr niemanden zu sehen\u201c sei, liegt auf der Strecke schneller Antworten, mit denen man es sich in der Schaukel moralischer Bezichtigung bequem macht, weil eine materialistische Analyse zu m\u00fchsam ist. Diese f\u00fchrte schlimmstenfalls zu der Einsicht, da\u00df ein armes, unterdr\u00fccktes Schwein eben auch ein Schwein sein kann. Wie diese Tiermetapher davon ablenkt, da\u00df der Mensch als gr\u00f6\u00dftes Raubtier nicht minder zum Schimpfwort sui generis taugte, markieren gut und b\u00f6se jene Grenze, hinter der Erkenntnis im emanzipatorischen Sinne erst konkret wird, weil sie keiner Ausflucht in die Abstraktion der Moral mehr bedarf.<\/p>\n<h5 class=\"western\">Vorangehen um der Sache selbst willen<\/h5>\n<p>Da das gemeinhin als verschw\u00f6rungstheoretisch diskreditierte Wirken numinoser Kr\u00e4fte in den besten Familien vorkommt, wie die letztinstanzliche Adressierung komplexer Sachverhalte unter dieses Anwurfes unverd\u00e4chtigen Journalisten und Politikern zeigt, ist es m\u00fc\u00dfig, \u00fcber die Relevanz von \u201e9\/11\u201c oder \u201eChemtrails\u201c zu streiten. Die Apologie herrschender Verh\u00e4ltnisse anhand selbstevidenter Begriffe wie \u201eTerrorismus\u201c, \u201eKommunismus\u201c, \u201eMarkt\u201c, \u201eWertegemeinschaft\u201c, \u201eZivilgesellschaft\u201c oder \u201eNachhaltigkeit\u201c belegt den quasireligi\u00f6sen Charakter allgemein akzeptierter Letztbegr\u00fcndungen auch dadurch, da\u00df ihre dissidente Hinterfragung als h\u00e4retisches Vergehen massiv abgewehrt wird. Gegen\u00fcber dem Anspruch auf Befreiung von den Fesseln des Unwissens und der Unm\u00fcndigkeit ist es jedoch ein Affront, wenn Die Bandbreite den arabischen Fr\u00fchling als ein Machwerk der CIA im Interesse der R\u00fcstungsindustrie und anderer Profiteure darstellt.<\/p>\n<p>Dabei ist l\u00e4ngst erwiesen, da\u00df der \u201enette Facebook-Araber\u201c nicht der zentrale Initiator der Aufst\u00e4nde in \u00c4gypten und anderswo war, sondern dieses in der westlichen Presse kolportierte Erkl\u00e4rungsmodell den seit Jahren bereits erfolgten Widerstand \u00e4gyptischer Textilarbeiterinnen und -arbeiter wie sozialk\u00e4mpferischer Basisbewegungen ausblendet. So tragisch die Geschichte dieser vielversprechenden Massenerhebung verlaufen ist, so wenig wird man den Millionen Menschen gerecht, die ihre Hoffnungen an diese Aufst\u00e4nde gekn\u00fcpft und zum Teil ihr Leben f\u00fcr sie gegeben haben, wenn der Mut ihres Widerstands in der fatalistischen Perspektive des Waltens geheimer Machenschaften gegenstandslos gemacht wird. Zu behaupten, den arabischen Fr\u00fchling habe es nie gegeben, negiert die subjektive Qualit\u00e4t des sozialen Widerstands letztlich zum Schaden des eigenen Kampfes.<\/p>\n<p>So wird die zynische Realpolitik imperialistischer Akteure auf eine Weise mit konspirativer Energie aufgeladen, die die eigene Ohnmacht ertr\u00e4glicher macht, indem sie sie mit einer \u00fcberschaubaren Erkl\u00e4rung versieht. Sich demgegen\u00fcber die M\u00fche zu machen, Absichten und Interessen politischer Akteure einer Analyse und Kritik zu unterziehen, die zumindest die M\u00f6glichkeit freisetzt, das Heft des Handelns in die eigene Hand zu bekommen, ist weit unbequemer, weil es den Mut zum Denken im Widerstreit nicht nur mit der Gegenseite, sondern auch mit Konsensangeboten unter vermeintlich Gleichgesinnten erfordert. So neigen Verschw\u00f6rungstheorien, die \u00fcber die Normalit\u00e4t \u00fcblicher Kartellbildungen, Hegemonialstrategien und PR-Kampagnen in Wirtschaft und Politik hinaus finstere M\u00e4chte am Werk sehen, zur Verabsolutierung einer L\u00fcge, die alle gesellschaftliche Ver\u00e4nderung an die heilende Kraft einer Wahrheit quasireligi\u00f6sen Zuschnitts bindet. Zu glauben, die Welt ver\u00e4ndere sich zum Besseren, wenn nur alle Menschen hinter die Fassaden politischer Willk\u00fcr blickten, k\u00f6nnte in die bittere Erkenntnis m\u00fcnden, da\u00df die Bereitschaft zur Unterwerfung von weit mehr Motiven, Interessen und Gr\u00fcnden getragen wird, als man sich gerne eingesteht.<\/p>\n<p>So wurde beim Auftritt der Bandbreite auf dem Linken Liedersommer eben das vernachl\u00e4ssigt, was auf den letzten Festivals auf Burg Waldeck in den sechziger Jahren vielleicht im \u00dcberma\u00df erfolgte. Der politische Streit um die pr\u00e4sentierten Inhalte und die Diskussion der Frage, in welchem Verh\u00e4ltnis Kultur und Klassenkampf \u00fcberhaupt zueinander stehen, hatte wesentlichen Anteil an der Beendigung dieses produktiven Aufbruchs. Gerade weil Die Bandbreite selbst den Anspruch auf Aufkl\u00e4rung erhebt, w\u00e4re eine kritische Debatte vonn\u00f6ten. Nur so l\u00e4\u00dft sich herausfinden, ob die \u00dcberwindung der Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen und die Natur als Handlungsgrundlage \u00fcberhaupt in Frage kommt.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"4264\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=4264\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3084.jpg?fit=432%2C290&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"432,290\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D3000&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1434830507&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;34&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.0125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"dsc_3084\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3084.jpg?fit=432%2C290&amp;ssl=1\" class=\"alignnone wp-image-4264\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3084.jpg?resize=596%2C400&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"596\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3084.jpg?w=432&amp;ssl=1 432w, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3084.jpg?resize=300%2C201&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><\/p>\n<figure id=\"attachment_4263\" aria-describedby=\"caption-attachment-4263\" style=\"width: 596px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"4263\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=4263\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3085.jpg?fit=432%2C290&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"432,290\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;4.5&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;NIKON D3000&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;1434830521&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;18&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;200&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0.0125&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"dsc_3085\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3085.jpg?fit=432%2C290&amp;ssl=1\" class=\"wp-image-4263\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3085.jpg?resize=596%2C400&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"596\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3085.jpg?w=432&amp;ssl=1 432w, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/dsc_3085.jpg?resize=300%2C201&amp;ssl=1 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 596px) 100vw, 596px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-4263\" class=\"wp-caption-text\">Wo Moral und Ideologie nicht hinreichen \u2026 <br \/> Fotos: 2015 by Schattenblick<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: right;\">\u00a9 by Schattenblick, 2015<br \/>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/musik\/report\/murb0027.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">http:\/\/www.schattenblick.de\/infopool\/musik\/report\/murb0027.html<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<\/div>\n<p>siehe auch: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=4237\">Burg Waldeck \u2013 Wurzeln im Wind \u2026 (1)<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<div class=\"entry-content\">\n<p>Bild ganz oben: Konzert am Samstagabend \u2013 Wojna von der Polit-Hip-Hop-Band DIE BANDBREITE<br \/>\n\u00a9 by arbeiterfotografie.com<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Bericht vom Sechsten Linken Liedersommer 2015<\/strong><br \/>\n&#8230; bei dem im Programm des Linken Liedersommers unangek\u00fcndigten Auftritt der Gruppe Die Bandbreite wurden Positionen verhandelt, die so prek\u00e4r sind, da\u00df die Diskussion, welchen Zweck sie f\u00fcr ein links verortetes Umfeld erf\u00fcllen, eigentlich unabdinglich gewesen w\u00e4re. Gerade weil es nicht darum geht, die Musiker dieser seit l\u00e4ngerem nicht nur von Antideutschen, wie sie selber meinen, sondern von Linken aller Couleur kritisierten Band in Bausch und Bogen zu verdammen, gilt es, sie in ihrem Anspruch, sich auf widerst\u00e4ndige Weise mit den herrschenden Verh\u00e4ltnissen auseinanderzusetzen, ernst und ihre Aussagen beim Wort zu nehmen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":4271,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[913],"tags":[670,787,735,1742,669],"class_list":["post-4262","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-kunst","tag-burg-waldeck","tag-die-bandbreite","tag-kulturseminar","tag-liedersommer","tag-linker-liedersommer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2015\/08\/09-2015-06-20-1-0473_800x445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-16K","jetpack-related-posts":[{"id":4497,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=4497","url_meta":{"origin":4262,"position":0},"title":"Linker Liedersommer 2017: Der &#8222;Waldeck-Rap&#8220;","author":"Webredaktion","date":"30. 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