{"id":300,"date":"2010-03-17T14:30:54","date_gmt":"2010-03-17T13:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=300"},"modified":"2018-02-18T23:05:12","modified_gmt":"2018-02-18T22:05:12","slug":"wie-gross-ist-unser-oekologischer-fussabdruck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=300","title":{"rendered":"Wie gro\u00df ist unser \u201e\u00d6kologischer Fu\u00dfabdruck\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=726\">&#8222;Freidenker&#8220; Nr. 1-10 M\u00e4rz 2010<\/a>, S. 16-22, 69. Jahrgang<\/em><\/p>\n<p><strong>Ein Beitrag zum Jahr der Biodiversit\u00e4t<br \/>\n<\/strong><em>Von Jan Bretschneider<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em>Die Erde ist unsere Mutter, sie tr\u00e4gt und n\u00e4hrt uns. Was wir in sie hineinlegen, gibt sie uns zur\u00fcck.<\/em><br \/>\n<em>(Big Thunder<\/em>)<br \/>\n<em>Die Erde geh\u00f6rt nicht den Menschen, der Mensch geh\u00f6rt zur Erde.<\/em><br \/>\n<em>(H\u00e4uptling Seattle)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Am 11. Januar 2010 begann das \u201eJahr der Biodiversit\u00e4t\u201c. Zu Sachthemen ausgerufene Jahre orientieren immer unter anderem programmatisch auf Ziele und Aufgaben. In diesem Sinne geht es 2010 haupts\u00e4chlich um verst\u00e4rktes Erfassen, Erhalten und um den weiteren Schutz der Biodiversit\u00e4t. <strong>Was verstehen wir unter Biodiversit\u00e4t? (lat. diversus \u2013 verschieden)<\/strong><\/p>\n<p>Die Biodiversit\u00e4tskonvention definiert im Artikel 2 Biodiversit\u00e4t als \u201edie Variabilit\u00e4t unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische \u00d6kosysteme, und die \u00f6kologischen Komplexe, zu denen sie geh\u00f6ren; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der \u00d6kosysteme.\u201c Daher geht Biodiversit\u00e4t wesentlich \u00fcber das landl\u00e4ufige Verst\u00e4ndnis als Artenvielfalt hinaus.<br \/>\nSie beinhaltet biotische Vielfalt auf unterschiedlichen Organisationsstufen des Lebendigen:<\/p>\n<p>&#8211; die Vielfalt der Organismensippen (Arten, Gattungen, Familien),<\/p>\n<p>&#8211; die genisch bedingte Ver\u00e4nderlichkeit (Variabilit\u00e4t) innerhalb einer Art,<\/p>\n<p>&#8211; die Vielfalt von \u00d6kosystemen.<\/p>\n<p>Im letzten Gesichtspunkt geht Biodiversit\u00e4t sogar \u00fcber den Bereich des Lebendigen hinaus, denn jedes \u00d6kosystem umfasst neben seiner Bioz\u00f6nose, den darin zusammenlebenden Organismen, auch abiotische Umweltfaktoren. Au\u00dferdem geht in die Biodiversit\u00e4t noch die Verbreitung der Organismensippen ein.<br \/>\nDer Begriff stammt aus den USA, hei\u00dft in der englischsprachigen Literatur \u201ebiological diversity\u201c und wurde 1986 von W. G. Rosen als \u201eBiodiversit\u00e4t\u201c eingef\u00fchrt.<br \/>\nAn dem nachfolgenden Beispiel soll gezeigt werden, wie komplex menschliche Existenz in das Funktionieren der lebenden und nichtlebenden Natur eingebunden ist. Durch unser Tun und Lassen beeinflussen wir Menschen auch ma\u00dfgeblich den Zustand der Biodiversit\u00e4t.<br \/>\nEnde der 1950-er Jahre nahm ich als Student erstmals an einer botanischen Gro\u00dfexkursion teil. Ein Kommilitone befestigte an unserem Exkursionsbus eine Fahne mit der Aufschrift:<br \/>\n\u201eWir latschen alles nieder, wo wir waren, w\u00e4chst nichts wieder.\u201c<br \/>\nSo schlimm kam es zwar durch unsere Ausfl\u00fcge in die Natur nicht. Aber \u00fcberall, wo Menschen leben und t\u00e4tig sind, wirken sie in der unterschiedlichsten Art und Weise auf ihre Umwelt ein. Das zeigt z. B. der Bericht \u201eInternational Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development\u201c vom April 2008. Die Autoren weisen darauf hin, dass bei einer Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivit\u00e4t die sozialen und \u00f6kologischen Folgen zu wenig beachtet wurden. Sie zeigen zwei deutliche Trends im sozialen Bereich: von den neuen Technologien haben Reiche mehr als Arme und M\u00e4nner mehr als Frauen profitiert.<br \/>\nDie Intensivierung der Landwirtschaft hat auch \u00f6kologische Auswirkungen wie \u201eden Aussto\u00df von Treibhausgasen, den Verbrauch von Ressourcen, die verschiedene \u00d6kosystemfunktionen beeinflussen, die Freisetzung von Pestiziden, die Umwandlung von nat\u00fcrlichen \u00d6kosystemen in<br \/>\nAgrar\u00f6kosysteme und den damit einhergehenden Verlust der Artenvielfalt.\u201c (Krawinkel et al. 2008 S. 382)<br \/>\nAus den Umweltbelastungen, hervorgerufen durch die Nahrungsmittelproduktion im weiten Sinne f\u00fcr eine definierte Bev\u00f6lkerung, kann ein Index berechnet werden. Dieser tr\u00e4gt die Bezeichnung \u201e\u00d6kologischer Fu\u00dfabdruck\u201c; sie ist als Metapher zu verstehen.<br \/>\nDer Index umfasst versiegelte Fl\u00e4che, atomare Energie, Kohlendioxid aus fossilen Brennstoffen, Fischfang- und Forstgebieten, Weideland und landwirtschaftlichen Nutzfl\u00e4chen.<\/p>\n<h2><strong>Was ist der \u201e\u00d6kologische Fu\u00dfabdruck\u201c?<\/strong><\/h2>\n<p>Krawinkel et al. definieren den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck wie folgt: Er \u201emisst den Verbrauch nat\u00fcrlicher Ressourcen beispielsweise innerhalb eines Jahres. Dabei wird die gesamte biologisch produktive Fl\u00e4che an Land und Meer zugrunde gelegt, die ben\u00f6tigt wird, um alle Lebensmittel, Holz oder Textilien herzustellen, die Energieversorgung zu sichern und Infrastruktur zu errichten. Nur etwa 30 % der Erdoberfl\u00e4che k\u00f6nnen zur produktiven Land- und Meeresfl\u00e4che gez\u00e4hlt werden. Demnach ergibt sich bei einer derzeitigen Gesamtbev\u00f6lkerung von 6,7 Milliarden Menschen durchschnittliche knapp 2,1 ha produktive Fl\u00e4che oder auch Biokapazit\u00e4t, die f\u00fcr jeden Menschen zur Verf\u00fcgung steht.\u201c (S. 382)<br \/>\nDer emeritierte Professor f\u00fcr Technische Mikrobiologie Wolfgang Fritsche w\u00e4hlt den etwas anderen Ansatz von Wackernagel und Rees f\u00fcr den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck. Dieser \u201egeht davon aus, wie viel von der biologisch produktiven Land- und K\u00fcstenfl\u00e4che pro Person in einem Land beziehungsweise auf der Erde zur Verf\u00fcgung steht, um die Bev\u00f6lkerung mit Nahrung und Rohstoffen zu versorgen und um die Abprodukte zu entsorgen.\u201c (S. 393)<br \/>\nDer \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck unterliegt einer zeitlichen Schwankung und einer extremen Streubreite. Er betrug 2003 2,2 ha je Person, 2005 hingegen 2,7 ha. Zwischen den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdr\u00fccken einzelner L\u00e4nder zeigen sich gewaltige Unterschiede. So betr\u00e4gt derselbe von Bangladesh nur ca. 0,6 ha, der von den USA dagegen 9,5 ha.<br \/>\nDer \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck wird in seinem Wert durch einige anthropogene und nichtanthropogene \u2013 also durch Menschen bestimmte \u2013 Faktoren beeinflusst.<br \/>\nErstens wirken sich Nachernteverluste negativ auf den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck aus. Sie entstehen dadurch, dass landwirtschaftliche Produkte bei Lagerung, Transport und Verarbeitung durch Sch\u00e4dlinge, Verderb und Verunreinigung vernichtet oder f\u00fcr den Ge- und Verbrauch ungeeignet werden. Die H\u00f6he dieses Verlustes an Getreide und H\u00fclsenfr\u00fcchten sch\u00e4tzt man in den Entwicklungsl\u00e4ndern auf 10 bis 15 %; in einigen Regionen Afrikas und Lateinamerikas sogar auf bis zu 50 %.<br \/>\nZweitens gibt es in den nat\u00fcrlichen Nahrungsketten und -netzen naturgesetzlich bedingte Biomasse- und Energieverluste. Da der Mensch in diese Nahrungsketten und \u2013netze eingebunden ist und selbst welche f\u00fcr das eigene \u00dcberleben installiert, ist er von diesen Verlusten ebenfalls betroffen.<br \/>\nIn der \u00d6kologie stellt man diese Verh\u00e4ltnisse mittels einer Nahrungspyramide (Eltonsche Pyramide) dar. Es handelt sich dabei um die grafische Abbildung der Aufeinanderfolge von Organismen in einem \u00d6kosystem in den verschiedenen Nahrungsbeziehungen (Trophiestufen) von unten nach oben.<br \/>\nDabei nimmt die Zahl der Individuen, die auf dem jeweiligen Niveau versorgt werden k\u00f6nnen, von Stufe zu Stufe ab. Also: Gewaltige Mengen M\u00fcckenlarven werden von Friedfischen gefressen. Eine erhebliche Menge dieser Friedfische dient als Nahrung f\u00fcr Raubfische. Wenige Raubfische werden die Beute eines Seeadlers. Dieser steht als \u201eGipfelraubtier\u201c am Ende einer Nahrungskette und stirbt in der Regel einen nat\u00fcrlichen Tod.<br \/>\nEin einfaches Beispiel f\u00fcr eine agrarische Nahrungskette w\u00e4re Futterpflanze \u2013 Rind \u2013 Mensch.<br \/>\nBeim Durchlaufen der Trophiestufen treten Biomasseverluste von einer Stufe zur n\u00e4chsten ein: bei Pflanzenfressern werden lediglich 20 % der aufgenommenen Nahrung in k\u00f6rpereigene Biomasse umgewandelt; bei Fleischfressern sind es nur 10 %. Daher ist es f\u00fcr die Ern\u00e4hrungswirtschaft der Menschen \u00f6konomischer, den Bedarf an tierlichen Nahrungsmitteln \u00fcber Pflanzenfresser zu decken. Trotzdem werden beispielsweise f\u00fcr das Erzeugen von 1 kg knochenfreien Rindfleischs ca. 6,5 kg Getreide, 36 kg weiteres Tierfutter und 155 l Wasser gebraucht.<br \/>\nDrittens h\u00e4ngt der \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck mit dem Verh\u00e4ltnis von Nachfrage und Preis bei Nahrungsmitteln ab. Die zunehmende Weltbev\u00f6lkerung l\u00e4sst einen steigenden Bedarf an Lebensmitteln erwarten. Ver\u00e4nderte Konsumgewohnheiten ziehen einen steigenden Verbrauch von Fleisch und Milch nach sich. F\u00fcr deren Erzeugung werden wiederum gr\u00f6\u00dfere Getreidemengen ben\u00f6tigt. All das f\u00fchrt zu einem Ansteigen der Lebensmittelpreise.<br \/>\nAndererseits ist die kapitalistische Produktionsweise durch Phasen der \u00dcberproduktion gekennzeichnet. Davon macht auch die landwirtschaftliche Produktion keine Ausnahme. So f\u00fchrte die \u00dcberproduktion an Milch 2009 zu einem Preisverfall f\u00fcr Milch und Milchprodukte, der eine erhebliche Anzahl an Milcherzeugern in den Ruin trieb, die Vernichtung von Milch zur Folge hatte und von politischen Protesten begleitet wurde.<\/p>\n<h2><strong>Einfluss menschlicher Aktivit\u00e4t<\/strong><\/h2>\n<p>Wolfgang Fritsche stellt die Frage: Wie stark wird die Biosph\u00e4re durch menschliche Aktivit\u00e4ten beansprucht? Er kommt u. a. zu dem Schluss, dass der \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck in der Realit\u00e4t gr\u00f6\u00dfer ist als der theoretisch berechnete. Er gibt demnach Aufschluss f\u00fcr eine \u201e\u00dcbernutzung\u201c der Erde durch den Menschen.<br \/>\nSo betr\u00e4gt der theoretische \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck f\u00fcr jeden Erdbewohner 2,1 ha (s. o.), der tats\u00e4chliche globale \u00d6kologische Fu\u00dfabdruck dagegen 2,7 ha. Daraus ergibt sich eine ca. 30 %-ige \u00dcbernutzung. Das bedeutet, so Fritsche, \u201edass die nat\u00fcrlichen regenerierbaren Ressourcen, beispielsweise W\u00e4lder oder Fischbest\u00e4nde, schneller verbraucht werden als sie nachwachsen beziehungsweise st\u00e4rker belastet werden als sie umsetzen k\u00f6nnen \u2026 W\u00e4hrend die die Biokapazit\u00e4t \u00fcberschreitenden Fu\u00dfabdr\u00fccke einiger Entwicklungsl\u00e4nder wie Indien auf die \u00dcbernutzung der nat\u00fcrlichen Ressourcen zur\u00fcckgehen, liegt der Grund bei den westlichen Industriel\u00e4ndern in dem Import von G\u00fctern und dem Export von Schadstoffen, zu denen die hohen CO2-Emissionen geh\u00f6ren. Ein Beispiel f\u00fcr den Import sind die Sojabohneneinfuhren aus S\u00fcdamerika, die in Mitteleuropa f\u00fcr die Fleischproduktion in der Massentierhaltung eingesetzt werden. Daf\u00fcr werden dort die Regenw\u00e4lder abgeholzt.\u201c (S. 394) Der Schluss von Fritsche f\u00fchrt auch zu der Einsicht, dass wir Menschen unseren zu gro\u00dfen \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck mit dem Verlust an Biodiversit\u00e4t bezahlen.<br \/>\nEin weiteres Beispiel f\u00fcr den Export eines \u00fcberdimensionierten \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruckes ist die Produktion von Aluminium. Vor allem in der Autoindustrie setzt man statt auf Stahl mehr auf das silberwei\u00dfe, lange korrosionsbest\u00e4ndige Leichtmetall. Die Werbung verk\u00fcndet, das geringere Gewicht reduziere den Kraftstoffverbrauch und schone deshalb u. a. die Umwelt. Jedoch ein Blick auf die Produktionsstrategie offenbart \u201e\u00f6kologische Kurzsichtigkeit\u201c. Der Kieler Klimaforscher Mojib Latif kritisiert: \u201eAuf der einen Seite klopfen wir uns auf die Schulter, dass wir unsere Treibhausgasemissionen reduzieren. Auf der anderen Seite verlagern wir nur unsere Emissionen in weit entfernte L\u00e4nder wie zum Beispiel Brasilien. Denn wenn dort das Aluminium produziert wird, dann gibt es dort die Umweltprobleme. Und wir waschen unsere H\u00e4nde in Unschuld.\u201c (s. Beutler 2010)<br \/>\nDie Herstellung metallischen Aluminiums ist ein au\u00dferordentlich energie- und abfallintensiver Prozess. Sie erfolgt mittels Schmelzflusselektrolyse aus Aluminium-oxid (Al2O3) bei einer Arbeitstemperatur von knapp 10000C. Dabei entsteht u. a. Kohlendioxid als Reaktionsprodukt:<\/p>\n<p>4 Al3+ + 12 e- 4 Alfl (Katode)<br \/>\n6 O2- \u2013 12 e- + 3 C 3 CO2 (Anode)<\/p>\n<p>Die Gesamtenergiebilanz betr\u00e4gt bei diesem Prozess 14 kWh je Kilogramm Aluminium. Au\u00dferdem entstehen dabei 1,4 kg Abfallprodukte, die z. T. das Grundwasser verseuchen. Bei der F\u00f6rderung des Aluminiumrohstoffes Bauxit in den riesigen Tagebauen Brasiliens wird die urspr\u00fcngliche Umwelt irreversibel gesch\u00e4digt.<br \/>\nAuch durch den nicht lebensnotwendigen Anbau von Monokulturen verformt der Mensch seinen \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck zu seinen Ungunsten und tr\u00e4gt zur Verminderung der Biodiversit\u00e4t bei. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der weltweite Anbau von Tabak (Nicotiana tabacum, Nachtschattengew\u00e4chse). Hierzu stellte Martina P\u00f6tschke-Langer vom Deutschen Krebsforschungszentrum am 9.12.2009 in Heidelberg den ersten deutschen Report \u00fcber das \u201eUmweltrisiko Tabak\u201c vor. Demzufolge ist der Anbau von Tabak ein globales Umweltrisiko, weil er \u201eeine Spur der Umweltzerst\u00f6rung und des sozialen Elends\u201c hinterl\u00e4sst.<br \/>\nDabei eingesetzte Pestizide w\u00fcrden B\u00f6den und Gew\u00e4sser kontaminieren, wertvolle W\u00e4lder m\u00fcssten den Anbaufl\u00e4chen weichen und Arbeiter vergifteten sich durch den Kontakt mit den nikotinhaltigen Bl\u00e4ttern. Hunger und Armut sind weitere Folgen, wenn lebensnotwendige Nutzpflanzen durch Tabakanbau ersetzt werden. Aber auch die Verarbeitung und der Gebrauch von Tabak belasten den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck. Kein anderes Agrarprodukt sei \u201ebei seiner Herstellung, seinem Konsum und seiner Entsorgung derart risikobelastet und gef\u00e4hrlich wie Tabak\u201c, betont der Report. Eine ungeheure Menge an Tabakabf\u00e4llen m\u00fcsse bew\u00e4ltigt werden, und Zigarettenkippen stecken so voller giftiger und krebserregender Stoffe, dass sie eigentlich als Sonderm\u00fcll entsorgt werden m\u00fcssten. Als weitere Belastung kommen noch die direkten und indirekten Kosten des Rauchens hinzu.<\/p>\n<h2><strong>Wie ist es mit dem \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck der deutschen B\u00fcrger bestellt?<\/strong><\/h2>\n<p>Roland Wirth und Frank Glaw (2009) stellen dazu folgende \u00dcberlegung vor: \u201eDie Bundesrepublik Deutschland hat 231 Einwohner pro Quadratkilometer, China \u201anur\u2019 etwa 137. Entscheidender als dieser Vergleich ist jedoch, dass diverse Umweltverb\u00e4nde wie der WWF zu dem Schluss kommen, dass jeder Deutsche zum Erhalt seines Lebensstandards durchschnittlich 4,8 Hektar Land ben\u00f6tigt. Die B\u00fcrger Deutschlands ben\u00f6tigen derzeit also die Ressourcen von dem Achtfachen ihrer Landesfl\u00e4che. Wollten wir bei gleich bleibendem Konsumverhalten nachhaltig nur die Ressourcen der uns zur Verf\u00fcgung stehenden Landfl\u00e4che nutzen, d\u00fcrfte Deutschland gerade einmal 9,5 Millionen Einwohner haben. Von dieser Zahl sind wir jedoch selbst bei dem prognostizierten Bev\u00f6lkerungsschwund von ca. 300.000 Personen pro Jahr weit entfernt. Sollte dieser Bev\u00f6lkerungsr\u00fcckgang in diesem Jahrhundert konstant anhalten, w\u00e4re die deutsche Nation im Jahr 2100 immer noch rund 54 Millionen stark \u2013 gemessen am derzeitigen Konsumverhalten immer noch sechsmal \u00fcber der Nachhaltigkeitsgrenze.\u201c (S. 47)<br \/>\nWenn wir diese Angaben etwas erg\u00e4nzen und aktualisieren (Stand Ende 2009), so ergibt sich folgendes Bild vom deutschen \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck:<br \/>\nDiese 0,44 ha gehen jedoch nicht vollst\u00e4ndig in den \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck ein, da ein Teil davon (z. B. Gebirgsfelsen, versiegelte und bebaute Fl\u00e4chen) f\u00fcr die Reproduktion des menschlichen Lebensbedarfes keine oder nur eine unbedeutende Rolle spielt.<br \/>\nNehmen wir weiterhin den von Wirth und Glaw genannten deutschen \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck von 4,8 ha zum Ausgangspunkt weiterer \u00dcberlegungen.<br \/>\n4,8 ha pro 81.000.000 Einwohner = 388.800.000 ha oder 3.888.888 km2 Gesamtfl\u00e4chenbedarf f\u00fcr die deutsche Bev\u00f6lkerung. Dividiert durch die tats\u00e4chliche BRD-Fl\u00e4che ergibt sich:<br \/>\n3.888.000 km2 : 365.945 km2 = 10,6; d. h. die Bev\u00f6lkerung der BRD ben\u00f6tigt zur Befriedigung ihres Konsums mehr als das 10fache der ihr tats\u00e4chlich zur Verf\u00fcgung stehenden Fl\u00e4che.<br \/>\nLegen wir den genannten \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck von 4,8 ha zugrunde, so kann man ableiten:<br \/>\n36.594.500 ha : 4,8 ha = 7.623.854<br \/>\nD. h.: Bei einem \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck von 4,8 ha d\u00fcrfte die BRD nur 7.623.854 Einwohner haben, wenn ihr nur diese Fl\u00e4che f\u00fcr die Befriedigung der Lebensbed\u00fcrfnisse ihrer B\u00fcrger zur Verf\u00fcgung st\u00fcnde.<br \/>\nD. h. weiterhin, dass wir auf Kosten von Menschen anderer L\u00e4nder und Regionen auf \u201egro\u00dfem Fu\u00dfe\u201c leben und dass dieser Lebensweise auf die Dauer Grenzen gesetzt sind, die immer enger werden.<br \/>\nEs gibt daher \u00dcberlegungen von Regierenden und Politikern, die mit dem \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruck der BRD-B\u00fcrger und damit auch mit Biodiversit\u00e4t in engem Zusammenhang stehen. In der 9. Sitzung des 17. Bundestages am 3. Dezember 2009 setzte sich der Bundesminister f\u00fcr Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Norbert R\u00f6ttgen, mit zwei extremen Auffassungen auseinander: \u201eDie einen sagen: Augen zu! Wir k\u00f6nnen es uns nicht leisten, diesen Langfristhorizont zugrunde zu legen \u2026 Die anderen sagen: Wenn das die Entwicklung ist, dann m\u00fcssen wir uns zur\u00fcckentwickeln, dann m\u00fcssen wir Verzicht \u00fcben, dann m\u00fcssen wir sozusagen vorindustriell leben \u2026\u201c (S. 1)<br \/>\nR\u00f6ttgen setzt dagegen: \u201eEnergietechnologie ist das, was wir brauchen. Der Schl\u00fcssel zur richtigen Antwort lautet: \u00d6konomische Modernisierung und technologische Innovation sind der Weg, wie wir Wohlstand erreichen, wie wir Wachstum erreichen und gleichzeitig ressourcenschonend wirtschaften und leben \u2026 Wir wollen Wachstum. Beim Klimaschutz geht es um die Sicherung des Wohlstands. Wir wollen Industrieland bleiben, wir wollen nicht deindustrialisieren. Das sind unsere Ziele. Weil das unsere Ziele sind, m\u00fcssen wir die Wege beschreiten, wie wir unsere Vorstellung von Wachstum unter den Bedingungen des Klimaschutzes erreichen wollen und k\u00f6nnen \u2026 Die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energie- und Ressourcenverbrauch ist die Bedingung daf\u00fcr, dass wir in einer Zeit von 9 Milliarden Menschen, die auf uns zukommt, unser eigenes Wachstum \u00fcberhaupt erleben, ja sogar \u00fcberleben. Also Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch!\u201c (S. 1 \u2013 2)<br \/>\nDiese allgemeinen Absichtserkl\u00e4rungen bed\u00fcrfen selbstverst\u00e4ndlich der Pr\u00e4zisierung und Konkretisierung. Daher bemerkte auch Renate K\u00fcnast (B\u00fcndnis 90\/Die Gr\u00fcnen) in dieser Bundestagsdebatte, an Norbert R\u00f6ttgen gerichtet: \u201eSie wollen zwar kein Wachstum wie fr\u00fcher, aber Sie erkl\u00e4ren nicht, dass Sie daf\u00fcr sorgen wollen, dass wir in Zukunft anders leben, anders wohnen, anders produzieren und anders transportieren.\u201c (S. 5)<\/p>\n<h2><strong>Alternativen zum Wachstum?<\/strong><\/h2>\n<p>Es gibt Lebenspraktiken, die einer Vergr\u00f6\u00dferung des \u00d6kologischen Fu\u00dfabdruckes und damit einer Verarmung der Biodiversit\u00e4t entgegenwirken. Eine davon ist das \u00d6kodorf.<br \/>\nIm Zusammenhang mit der UN-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen wurde u. a. deutlich, dass \u00d6kod\u00f6rfer in D\u00e4nemark eine lange Tradition haben. Sie sind mit einer Mischung aus klimafreundlicher Hochtechnik und umweltbewusstem Lebensstil f\u00fchrend beim Reduzieren von CO2-Emissionen.<br \/>\nDas Beispiel der \u00d6kosiedlung Munks\u00f8g\u00e5rd am Stadtrand von Roskilde macht in dieser Beziehung folgendes deutlich:<br \/>\nDer Transportbedarf der 250 Einwohner ist gering, da die meisten in der N\u00e4he arbeiten und Gemeinschaftseinrichtungen wie Schule und Kindergarten auch nahe liegen. F\u00fcr individuellen Transport stehen 10 Gemeinschaftsautos zur Verf\u00fcgung. Sonnenkollektoren liefern Energie zur Warmwasserbereitung. Regenwasser wird aufgefangen; W\u00e4sche nur an der Luft getrocknet. Die gemeinschaftliche Heizungsanlage wird mit Holzpellets betrieben, einem Abfallprodukt der M\u00f6belindustrie. Fast alle Bewohner verf\u00fcgen \u00fcber einen Garten, mit dem sie sich zu einem Gro\u00dfteil selbst mit Obst und Gem\u00fcse versorgen. Nutztiere werden ebenfalls gemeinsam gehalten und bewirtschaftet.<br \/>\nZur Lebensweise im \u00d6kodorf geh\u00f6rt praktizierte Demokratie. Alle Beschl\u00fcsse, die das Zusammenleben betreffen wie z. B. Gemeinschaftsdienste, werden in Versammlungen gefasst.<br \/>\nDas erste nationale Netzwerk der \u00d6kod\u00f6rfer weltweit wurde 1993 in D\u00e4nemark gegr\u00fcndet; das \u00d6kodorf Svanholm entstand bereits 1978. 2009 z\u00e4hlt der \u201eLandsforening for \u00d8kosamfund\u201c 49 Mitglieder. Svanholms Sprecherin Christina Adler erl\u00e4utert die Lebensphilosophie der \u00d6kodorf-Bewohner:<br \/>\n\u201eWir sind weder ein M\u00f6nchsorden, noch haben wir eine gemeinsame Ideologie. Aber wir sehen das Leben als Einheit und \u00d6kologie und Demokratie als ihren nat\u00fcrlichen Bestandteil \u2026 Jeder einzelne von uns kann seinen CO2-Verbrauch reduzieren, ohne asketisch leben zu m\u00fcssen \u2026 Ein Teil des Klimaproblems kann mit Lebensstil\u00e4nderungen gel\u00f6st werden.\u201c (s. Knudsen 2009)<br \/>\nEs gibt Stimmen und Argumente, die das dargelegte Problem negieren oder verkleinern. Auch ohne menschliches Zutun sterben Organismensippen aus und entstehen neu. Richtig. Die Menschheit kann auch mit einer arten\u00e4rmeren Natur leben. Ebenfalls richtig. Jedoch kein Mensch kann zuverl\u00e4ssig voraussagen, welche Auswirkungen es hat, wenn die Tendenz zur Verminderung der Biodiversit\u00e4t anh\u00e4lt oder sich gar verst\u00e4rkt. Alle Menschen, insbesondere aber Politiker, sind also gefordert. 1992 erhielt Biodiversit\u00e4t durch die Umweltkonferenz von Rio de Janeiro eine hohe gesellschaftspolitische Bedeutung. Dort wurde die \u201eAgenda 21\u201c verabschiedet. Dabei handelt es sich um ein umfangreiches Arbeitsprogramm f\u00fcr das 21. Jahrhundert, welches s\u00e4mtliche Bereiche einer nachhaltigen Entwicklung abdeckt. Hierzu geh\u00f6rt auch eine Biodiversit\u00e4tskonvention (Convention on Biological Diversity), die inzwischen von knapp 200 Staaten ratifiziert wurde.<br \/>\nPapier ist geduldig, so sagt man. Sorgen wir also alle daf\u00fcr, dass die Konvention nicht nur beschriebenes Papier bleibt, dass wir eine m\u00f6glichst gro\u00dfe biotische Vielfalt auf unserem Planeten erhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><u><strong>Literatur:<\/strong><\/u><br \/>\nBeutler, Benjamin: Leichtmetall bedr\u00e4ngt Urwald. \u2013 In: Neues Deutschland 4.1.2010. \u2013 S. 10.<br \/>\nDebatte zur Klimakonferenz in Kopenhagen \/ 9. Sitzung des 17. Deutschen Bundestages am 3. Dezember 2009. \u2013 In: Das Parlament 59(2009)50. Debattendokumentation.<br \/>\nFritsche, Wolfgang: \u00dcberlastetes \u00d6kosystem Erde. \u2013 In: Biologie in unserer Zeit. \u2013 Weinheim 38(2008)6. \u2013 S. 390 \u2013 399.<br \/>\nKnudsen, Andreas: Mit Gemeinschaftssinn zur CO2-Reduktion. \u2013 In: Neues Deutschland 2.12.2009 S. 3<br \/>\nKrawinkel, Michael B.; Keding, Gudrun B.; Chavez-Zander, Ursula; Jordan, Irmgard; Habte, Tzige-Yohannes: Weltern\u00e4hrung im 21. Jahrhundert. \u2013 In: Biologie in unserer Zeit. \u2013 Weinheim 38(2008)6. \u2013 S. 382 \u2013 389.<br \/>\nRiede, Klaus ; Mutke, Jens: Biodiversit\u00e4t. \u2013 In: Lexikon der Biologie in f\u00fcnfzehn B\u00e4nden. Bd. 2. \u2013 Heidelberg : Spektrum Akademischer Verlag, 1999.<br \/>\nRuin\u00f6ser Tabakanbau. \u2013 In: Neues Deutschland 10.12.2009 S. 10.<br \/>\nWackernagel, M. ; Rees, W.: Unser \u00f6kologischer Fu\u00dfabdruck. \u2013 Basel : Birkh\u00e4user, 1997.<br \/>\nWirth, Roland ; Glaw, Frank: Gedanken zum Schutz der biologischen Vielfalt. \u2013 In: Biologie in unserer Zeit. \u2013 Weinheim 39(2009)1. S. 42 &#8211; 48.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bild: https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/photoshopper24<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Jan Bretschneider aus FREIDENKER 1-10<\/strong><br \/>\nAm 11. Januar 2010 begann das \u201eJahr der Biodiversit\u00e4t\u201c. Zu Sachthemen ausgerufene Jahre orientieren immer unter anderem programmatisch auf Ziele und Aufgaben. In diesem Sinne geht es 2010 haupts\u00e4chlich um verst\u00e4rktes Erfassen, Erhalten und um den weiteren Schutz der Biodiversit\u00e4t. Was verstehen wir unter Biodiversit\u00e4t? (lat. diversus \u2013 verschieden).<br \/>\nDie Biodiversit\u00e4tskonvention definiert im Artikel 2 Biodiversit\u00e4t als \u201edie Variabilit\u00e4t unter lebenden Organismen jeglicher Herkunft, darunter unter anderem Land-, Meeres- und sonstige aquatische \u00d6kosysteme, und die \u00f6kologischen Komplexe, zu denen sie geh\u00f6ren; dies umfasst die Vielfalt innerhalb der Arten und die Vielfalt der \u00d6kosysteme.\u201c Daher geht Biodiversit\u00e4t wesentlich \u00fcber das landl\u00e4ufige Verst\u00e4ndnis als Artenvielfalt hinaus.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":301,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[950,81,78,76,79,628,949],"class_list":["post-300","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeit-soziales","tag-artenvielfalt","tag-jan-bretschneider","tag-naturschutz","tag-oekosysteme","tag-reaktorsicherheit","tag-umweltschutz","tag-wachstum"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/umweltschutz.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-4Q","jetpack-related-posts":[{"id":16238,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=16238","url_meta":{"origin":300,"position":0},"title":"Alles f\u00fcrs Klima: Fleischlos in den Abgrund","author":"Webredaktion","date":"7. 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