{"id":2947,"date":"2013-06-17T03:12:58","date_gmt":"2013-06-17T01:12:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/?p=2947"},"modified":"2018-01-18T12:44:55","modified_gmt":"2018-01-18T11:44:55","slug":"was-ist-gute-fortschrittliche-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=2947","title":{"rendered":"Was ist gute \/ fortschrittliche Kunst?"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=775\">\u201eFREIDENKER\u201c Nr. 2-13<\/a>, Juni 2013, S. 3-8, 72. Jahrgang<\/p>\n<p>von <em><strong>J\u00fcrgen Meier<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">[Anmerkung: Die Web-Version enth\u00e4lt keine Abbildungen. Um den Beitrag mit Abbildungen anzusehen, k\u00f6nnen Sie sich die <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1072\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1072\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?fit=16%2C16&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"16,16\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon_16\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?fit=16%2C16&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1072\" src=\"https:\/\/i2.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?resize=16%2C16\" alt=\"\" width=\"16\" height=\"16\" data-attachment-id=\"1072\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1072\" data-orig-file=\"https:\/\/i2.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?fit=16%2C16\" data-orig-size=\"16,16\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon_16\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i2.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?fit=16%2C16\" data-large-file=\"https:\/\/i2.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-e1509487447542.png?fit=16%2C16\" \/> <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/freidenker-02-2013-juergen-meier.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">PDF-Version<\/a> herunterladen (ca. 570 KB)]<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Kunst ist die in Form gesetzte Ideologie einer Zeit. Da die herrschende Ideologie stets die Ideologie der Herrschenden ist, kann es nicht verwundern, dass die Kunst, wie die \u00e4sthetischen Theorien, von jenen Formsetzungen dominiert werden, die verhindern wollen, dass die Kunst zu dem wird, was sie sein kann: Selbstbewusstsein der Menschheit.<\/p>\n<p>Viele der heutigen K\u00fcnstler, die durchaus mit der Absicht antreten, die F\u00e4higkeit ihres Talents in den Dienst menschlicher Harmonie zu stellen, bleiben im Banne der herrschenden Ideologie stecken. Sie setzen auf die Kraft ihrer Intuition, erleben ihre in Form gesetzte Ideologie nicht als Ideologie, sondern als Freiheit ihres ganz pers\u00f6nlichen Schaffens, als kritische Ent\u00e4u\u00dferung ihres sogenannten Bauchgef\u00fchls, ihrer Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Sie und der Kunstmarkt sind \u00fcberzeugt davon, dass ihre Formsetzungen gut und fortschrittlich sind. Doch tats\u00e4chlich sind sie aber Formsetzer des subjektiven oder objektiven Idealismus, manchmal, wenn sie einfach Alltagsgegenst\u00e4nde als Kunstobjekte pr\u00e4sentieren, wie k\u00fcrzlich Louise Bourgeois, in der Hamburger Ausstellung, wo ein \u201eDachboden der Erinnerung&#8220; gezeigt wurde, schl\u00fcpfen die K\u00fcnstlerInnen in die Schuhe des Naturalisten. \u201eIch habe Angst vor allem&#8220;, sagte Louise Bourgeois einmal &#8211; und schuf riesige Spinnen-Skulpturen aus Bronze, unter denen Menschen wie Insekten, v\u00f6llig hilflos der Natur gegen\u00fcber ausgeliefert wirken. Ist das fortschrittlich? Im Alltag war sie eine engagierte Frau, die sich in Amerika f\u00fcr die Rechte der Prostituierten einsetzte und in den 30er Jahren mit der Sowjetunion sympathisierte. Dass K\u00fcnstler Ideologien in konkrete Formen setzen, wollen sie in der Regel nicht wissen, aber sie tun es!<\/p>\n<p><strong>Einbildungskraft ohne Erkenntnis<\/strong><\/p>\n<p>Was werden uns Menschen auf der Stra\u00dfe antworten, wenn wir sie fragen: Was ist gute, fortschrittliche Kunst? Sie werden zun\u00e4chst verbl\u00fcfft sein, denn schon die Frage was Kunst sei, w\u00fcrde sie ins Stammeln bringen. Die Experten unter ihnen w\u00fcrden antworten:<\/p>\n<p>Kunst ist die freie Entfaltung der Gef\u00fchle eines Individuums. Carolyn Christov- Bakargiev sagt es so: \u201eDie dOCUMENTA 13 widmet sich der k\u00fcnstlerischen Forschung und Formen der Einbildungskraft, die Engagement, Materie, Dinge, Verk\u00f6rperung und t\u00e4tiges Leben in Verbindung mit Theorie untersuchen, ohne sich jedoch Letzterer oder erkenntnistheoretischer Stilllegung unterzuordnen.\u201c<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Den Satz muss man drei Mal lesen. Ich glaube er soll ein lauter Freiheitsschrei f\u00fcr die Kunst sein, deren \u201eFormen der Einbildungskraft\u201c zwar alles verbinden, aber sich keiner Theorie oder Erkenntnis unterordnen sollen. Kunst wird hier zum Fetisch, die v\u00f6llig Ideologiefrei sei. Wer anderes behauptet, wird schnell zum Dogmatiker gestempelt. Sind Sie frei von der Ideologie ihrer Hauptsponsoren VW, DB und der Sparkasse, w\u00fcrde Lenin die Leiterin der Documenta fragen und h\u00e4tte hinzugef\u00fcgt: \u201eMan kann nicht zugleich in der Gesellschaft leben und frei von ihr sein. Die Freiheit des b\u00fcrgerlichen Schriftstellers, des K\u00fcnstlers und der Schauspielerin ist nur die maskierte ( oder sich heuchlerisch maskierende) Abh\u00e4ngigkeit vom Geldsack, vom Bestochen- und vom Ausgehaltenwerden.\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Wer Romane, Bilder, Musik oder Theater beurteilen will, braucht daher eine ontologische und ethische Basis, also einen direkten Bezug zum konkreten gesellschaftlichen Sein, wie zum konkreten Bewusstsein der Menschen, das auf das Sein so oder so einwirkt und es ver\u00e4ndert. Die Quelle der Kunst ist immer das tats\u00e4chliche Alltagsleben der Menschen einer bestimmten Gesellschaft. Wird dieses von Angst, Neid, Verzweiflung, Ausbeutung, Krieg, Armut, Naturzerst\u00f6rung und Konsumterror gepr\u00e4gt, nehmen diese Tatsache sehr wohl und immer und \u00fcberall Maler, Schriftsteller, Musiker zur Kenntnis. Aber was folgt daraus?<\/p>\n<p>H\u00e4ufig wollen sie sich frei malen, schreiben, musizieren und schauspielern. Sie wollen sich zeigen. Aber schaffen sie da Kunst? Sie schaffen Werke ihrer Einbildungskraft, Werke des subjektiven Idealismus.<\/p>\n<p>Sie werden so Ideologen, ohne es zu wollen. Sie tragen die gesellschaftlichen Konflikte in ihren Werken auf ihre ganz pers\u00f6nlich empfundene Art aus. Was nat\u00fcrlich jeder K\u00fcnstler unbedingt auch tun muss, aber reicht die Nabelschau aus, um auf die Sinnlichkeit der Menschen fortschrittlich Einfluss zu nehmen? Wie K\u00fcnstler schaffen, so f\u00fchlen sie. Sie sind hier ganz ehrlich mit sich. Sicher gibt es auch welche, die schaffen, weil sie wissen, dass der Markt ihre Werke aufsaugt. Aber die sind hier nicht von Interesse.<\/p>\n<p>Seit Beuys ist unter den freim\u00fctigen und ehrlichen Schaffern die Vorstellung verbreitet, alles sei Kunst, man m\u00fcsse locker lassen und originell abstrahieren was in einem schlummert. Dieser subjektive Idealismus l\u00e4hmt die Schaffenden nicht nur, sondern auf diesem Humus wuchs der Anarchismus in der Kunstszene. Die Weltanschauung des Anarchismus ist, wie Lenin schrieb, \u201edie umgest\u00fclpte B\u00fcrgerlichkeit\u201c.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Sie gibt sich exzentrisch, antispie\u00dfig, locker und provokant, dient aber der Bourgeoisie, weil sie die Kunst von jeglicher Ontologie kastriert. Sie enthauptet die Kunst daher als Selbstbewusstsein der Menschheit.<\/p>\n<p>Kunst ist, wie Georg Lukacs sagt, ein homogenes Medium, also ein Medium, das die objektive Wirklichkeit in einer spezifischen \u201eWirklichkeit\u201c \u00e4sthetisch widerspiegelnd formt. Diese kunstvolle Homogenisierung komplizierter heterogener Tendenzen in der objektiven Wirklichkeit k\u00f6nnte auch die in Formen gesetzte Einheit von Widerspr\u00fcchen genannt werden.<\/p>\n<p>Anders als in der konkreten Wirklichkeit des heterogenen Alltags, der viele konkret zu l\u00f6senden Entscheidungen verlangt, konzentriert und focusiert das homogene Medium der Kunst einen gattungsm\u00e4\u00dfig gepr\u00e4gten Blick auf Fragen des menschlich Werdenwollens. Kunst ist zwar als H\u00f6rbarkeit, Sichtbarkeit, Sprache und Geb\u00e4rde Element konkreter menschlicher Praxis, aber sie erhebt sich aus dem \u201eununterbrochenen Fluss der Wirklichkeit\u201c und schafft eine eigene Welt.<\/p>\n<p><strong>Die Welt der Kunst<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Herausgehobensein aus dem Alltag erm\u00f6glicht es der Kunst, deren Gelingen stets an Pers\u00f6nlichkeiten gebunden ist, \u201eOrgan der Ann\u00e4herung der Widerspiegelung an die objektive Wirklichkeit zu sein.\u201c<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a><\/p>\n<p>Diese eigene Welt der Kunst, ihre Homogenit\u00e4t oder ihre relative \u201eFreiheit\u201c vom Alltagsleben, wird auch von b\u00fcrgerlichen Ideologen beschworen, aber mit einem subjektiven Idealismus verbunden, der das homogene Medium der Kunst nutzt, um die konkreten Widerspr\u00fcche des Alltagslebens von Mensch, Klasse und Nation zu verschleiern. Daher ist Kunst keiner herrschenden Ideologie gleichg\u00fcltig, schafft sie doch die eigene Welt des Menschen, in der weder Natur- noch Gesellschaftszw\u00e4nge konkrete und unmittelbare Handlungen vom Menschen erzwingen. Jede Klasse will und muss dieses homogene Medium, das eine Subjekt-bezogene Welt schaffen kann, beherrschen, um die \u201eSeelen\u201c vieler vereinzelter Menschen verf\u00fchren, stabilisieren, reinigen und auf neue Zeiten vorbereiten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Klassenherrschaft, imperialistische Kriege oder Revolutionen ohne \u201eSeelenbindung\u201c funktionieren nicht. Selbst in Marketingstrategien der Konzerne (Deutsche Bank etc.) dient Kunst als \u201eweicher Faktor\u201c. Sie soll Vertrauen und Seriosit\u00e4t vermitteln. Kunst kann die \u201eharten Faktoren\u201c der heterogenen Schlachten der Banken aufweichen und ihre partikularen Interessen tarnen. Wer Kunst und K\u00fcnstler f\u00f6rdert scheint das typisch Menschliche, das nichtallt\u00e4gliche zu lieben. Dabei geht es der herrschenden Ideologie immer um Dominanz im Gefilde des homogenen Mediums der Kunst. \u201eWo man singt, da lass Dich ruhig nieder, b\u00f6se Menschen haben keine Lieder!\u201c hei\u00dft es im Volksmund. Ein ideologischer Irrtum, wie Nazilieder von damals und heute schnell beweisen.<\/p>\n<p>In der Kunst verbindet sich der einzelne ganze Mensch des Alltags mit dem Menschheitlichen oder, wie Lukacs sagt, dem Menschen ganz. Aus dieser Verbindung des Einzelnen mit dem Allgemeinen kann sich das Besondere des menschlichen Selbstbewusstseins bilden. Aus den Erledigungen des Alltags kann Selbstbewusstsein nicht entstehen, denn hier ist das Bewusstsein des einzelnen Menschen ausreichend. Er muss wissen wie was funktioniert, wer angesprochen werden muss, wann er wo wie erscheinen muss, welche Studien, Menschen und Fakten er kennen muss, um, wo auch immer, erfolgreich zu sein. Dieses Bewusstsein, das Eliten und Karrieren f\u00f6rdert, wird im Zeitalter des Solipsismus mit Selbstbewusstsein verwechselt, ist aber oft nur ein Wahn von Intellektuellen, die vom Ehrgeiz zerfressen werden und die ihren Intelligenzquotienten genauso bestaunen wie Fu\u00dfballer ihre kr\u00e4ftigen Waden.<\/p>\n<p>Wirkliches Selbstbewusstsein oder anders ausgedr\u00fcckt, ein gattungsm\u00e4\u00dfiges Individuum entsteht so nicht. Selbstbewusstsein braucht das homogene Medium der Kunst. Es ben\u00f6tigt die gattungsm\u00e4\u00dfig bewusste Perspektive. Philosophie und Kunst sind f\u00fcr den sogenannten subjektiven Faktor jeder revolution\u00e4ren Bewegung tragende S\u00e4ulen. Gerade weil die Kunst nicht unmittelbare Tagesfragen des Klassenkampfes beantwortet, sondern nach dem Wohin? der Mensch die Konflikte mit seiner Welt und Umwelt f\u00fchren will fragt, ist sie f\u00fcr jede herrschende und jede revolution\u00e4re Initiative von sehr gro\u00dfer Wichtigkeit. Dabei ist sie nicht utopisch, denn die Perspektive der Zukunft nimmt sie in der Bewegungsrichtung der gestalteten Gegenwart vor.<\/p>\n<p>Ohne Rousseau und Diderot w\u00e4re eine Ideologie, die zum Sturm auf die Bastille f\u00fchrte, nicht zustande gekommen. Auch Mozarts \u201eFigaros Hochzeit\u201c, am 1. Mai 1786 in Wien uraufgef\u00fchrt, wird drei Jahre sp\u00e4ter nachgesagt, sie sei die \u201evorgezogene Franz\u00f6sische Revolution\u201c gewesen. In dieser Oper erf\u00e4hrt Figaro von seiner k\u00fcnftigen Frau Susanna, dass der Herr Graf, dem beide zu Diensten stehen, von ihr das \u201eRecht auf die erste Nacht\u201c fordert. Figaro ersinnt nun ein tolles Verwirrspiel, das mit der Liedzeile: \u201eWill der Herr Graf ein T\u00e4nzchen wagen, so mag er`s sagen! Ich spiel ihm auf\u201c, satirisch eingeleitet wird.<\/p>\n<p>Das einfache Volk, in Gestalt des Dieners Figaro, zeigt sich als schlauer, dabei aber stets menschlicher Gegenspieler des Aristokraten. Und ohne die \u201ePariser Kommune\u201c von 1871 h\u00e4tte die \u201eInternationale\u201c nicht entstehen k\u00f6nnen, die seit dem die Arbeiterbewegungen aller L\u00e4nder begleitet. Deren Text schrieb Eug\u00e8ne Pottiers unmittelbar nach seinen Erfahrungen in der gescheiterten ersten proletarischen Revolution.<\/p>\n<p>Wer dagegen eine schwarze Leinwand, das pinkfarben bemalte Bein eines Windhundes oder ein Sammelsurium von Alltagsgegenst\u00e4nden als Kunst definiert, darf sich nicht beschweren, dass er nur von interpretationsw\u00fctigen Intellektuellen wahrgenommen wird, nicht aber von gro\u00dfen Teilen des Volkes und der Arbeiter. Die aber brauchen Kunst! Das homogene Medium Kunst wird h\u00e4ufig in der Banalit\u00e4t und Faktizit\u00e4t des Alltags versenkt und h\u00f6rt damit auf Kunst, also homogenes Medium, zu sein. \u201eDas soll Kunst sein\u201c, sagt der erstaunte Betrachter solcher Werke belustigt und der Experte grinst nur \u00fcber diese Frage, die er dumm findet.<\/p>\n<p>Auge und Ohr m\u00fcssen selbstverst\u00e4ndlich \u00e4sthetisch im Umgang mit dem homogenen Medium geschult werden. Das Ohr muss die Satire der Mozart T\u00f6ne empfangen k\u00f6nnen, die da dem Grafen aufspielt. Aber die K\u00fcnstler m\u00fcssen Motiv und Form so w\u00e4hlen, dass Ohr und Auge zum Empfangen- und Verstehen-Wollen animieren. Mit dem subjektiven Idealismus und dessen hochgelobtem Bauchgef\u00fchl funktioniert dies nicht.<\/p>\n<p><strong>Kunst ist Ideologie<\/strong><\/p>\n<p>Hitler, der den Kubismus und Dadaismus, als den \u201eBolschewismus der Kunst\u201c<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a> bezeichnete und dagegen Moritz von Schwind, der neben Spitzweg der bedeutendste Maler der Sp\u00e4tromantik war und Arnold B\u00f6cklin, einem Hauptvertreter des deutschen Symbolismus, in dessen Tradition der heute so ber\u00fchmte Neo Rauch steht, verherrlichte, brauchte Mythen, um ein Wir-Gef\u00fchl f\u00fcr verlorene deutsche \u201eSeelen\u201c zu konstruieren, das reaktion\u00e4r antikapitalistisch tr\u00e4umte. Kubisten, Dadaisten waren als subjektive Idealisten dazu nicht geeignet.<\/p>\n<p>Der Faschismus brauchte einen objektiven Mythos wie ihn einst die Romantiker geformt hatten, die vor den Unmenschlichkeiten des entstehenden Kapitalismus zu entfliehen versuchten. Die Hoffnung, dass der Mensch durch g\u00f6ttliches Licht des Kosmos in seiner irdischen Existenz Trost finden k\u00f6nne, pr\u00e4gte die Formsetzung der Romantiker.<\/p>\n<p>Ganz im Gegensatz zu ihrem Zeitgenossen in Frankreich, Courbet, dessen Malerei (\u201eSteineklopfer\u201c Bild wurde 1855 aufder Weltausstellung gezeigt) die Aristokratie als flachen \u201eRealismus\u201c beschimpfte, nutzten die Romantiker das homogene Medium der Malerei, um die menschliche Ohnmacht vor der Macht der Natur und der Gegenwart zu glorifizieren.<\/p>\n<p>Der Faschismus setzte auf diese Kontinuit\u00e4t des objektiven Idealismus, dessen Mythos vom muskul\u00f6sen und von der Natur auserw\u00e4hlten arischen \u00dcbermenschen die Deutschen im Interesse des Imperialismus zu manipulieren verstand.<\/p>\n<p>Kunst ist Ideologie. In ihr werden gesellschaftliche Konflikte so oder so ausgetragen und gezeigt. Kunst schwebt nicht \u00fcber den gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen. Kunst wird von Menschen in ganz bestimmten historischen Situationen gemacht. Kunst kann Hure oder wie Lukacs einmal sagt \u201eunmenschliche Kunst\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> sein, wie sie, und dies ist ihre eigentliche Aufgabe als homogenes Medium, zur Emanzipation des Menschen von Entfremdungen befl\u00fcgeln kann.<\/p>\n<p>Kunst braucht dazu Typengestaltung, um den k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfungsakt des menschlichen Selbstbewusstseins im Werk so schaffen zu k\u00f6nnen, dass er ohne Erkl\u00e4rung verstanden werden kann. Sie muss nicht das Problem von Gut und B\u00f6se bearbeiten, das beliebig und willk\u00fcrlich von der ideologischen Perspektive des K\u00fcnstlers abh\u00e4ngig ist, sondern muss am Typischen sichtbar machen, welche M\u00f6glichkeiten die Menschen in einer bestimmten historischen Situation an einem bestimmten Ort haben, um Widerspr\u00fcche im Alltag mittels der Homogenisierung der Kunst zu erkennen. Diese Kunst ist perspektivisch auf die menschliche Gattung fokussiert, die im Typischen das Allgemeine dieser Gattung mit all ihren M\u00f6glichkeiten und Entfremdungen zeigt.<\/p>\n<p>Die zwei Bilder des K\u00fcnstlers Paul K\u00f6nig vermitteln eine Ideologie, die an unser Selbstbewusstsein appelliert. Vor diesen Bildern wird diskutiert, wird nachgedacht, wird gestaunt und werden viele Fragen gestellt. Wenn er, handwerklich in seiner Formsetzung stets perfekt, Frauenaugen hinter einer Burka zeigt, deren B\u00e4ndel sich sanft in den Begriff \u201eEmanzpation\u201c gezwirbelt hat, ist die Unterdr\u00fcckung und der Wunsch der Frauen nach Befreiung hautnah sp\u00fcrbar.<\/p>\n<p>Aber Paul K\u00f6nig geht weiter. In einem folgenden Bild, das direkt neben den burkagefangenen Frauenaugen h\u00e4ngt, zeigt er, was der Emanzipationskult des kapitalistischen Westens aus vielen Frauen gemacht hat. Sie haben sich h\u00e4ufig in selbstspiegelnde K\u00f6rperfetischisten verwandelt, denen<\/p>\n<p>jede ethische Orientierung an einer gattungsm\u00e4\u00dfigen Emanzipation von Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung und Entfremdung abhanden gekommen ist. Schaut man dann wieder auf das Bild, in dem das Auge hinter den Burkaschlingen auf Emanzipation hofft und dabei auf das Ergebnis westlicher Frauenemanzipation blickt, wird die Unsicherheit sp\u00fcrbar, die sich hinter diesem Burkablick verbirgt.<\/p>\n<p>Man scheint die Frage, die sich die Frau hinter ihrer Burka stellt, deutlich zu h\u00f6ren: Ist es diese westliche Emanzipation die ich will? Als ich Paul K\u00f6nig fragte, ob Krieg ein probates Mittel sei, um die Frauen aus ihren Burkas zu befreien, reagierte er emp\u00f6rt. \u201eAuf gar keinen Fall!\u201c schimpfte er.<\/p>\n<p>Kunst, wenn sie ihren sozialen Auftrag als homogenes Medium erf\u00fcllt, muss die Wirklichkeit der Welt und Umwelt des Menschen allein aus der Perspektive des gattungsm\u00e4\u00dfigen Wohin? in Formen setzen, dann ist sie fortschrittlich und vor jeder reaktion\u00e4ren und sp\u00e4tromantischen Manipulation gefeit. Dazu m\u00fcssen ihre Sch\u00f6pfer keine Kommunisten sein, sondern Menschen, die sehen und h\u00f6ren k\u00f6nnen, wie sich die Wirklichkeit der Gegenwart f\u00fcr sie in ein Gef\u00fchl verwandelt, dass nach Ver\u00e4nderung der gegenw\u00e4rtigen Entfremdungen schreit. Paul K\u00f6nig ist Katholik.<\/p>\n<p>Richtige Erkenntnis der konkreten Widerspr\u00fcche des Menschen und der Menschen erm\u00f6glicht dem K\u00fcnstler ein richtiges Gef\u00fchl. Richtiges Gef\u00fchl, erm\u00f6glicht echte Kunst. Echte Kunst erm\u00f6glicht beim Betrachter und H\u00f6rer richtiges Gef\u00fchl, richtiges Gef\u00fchl, erm\u00f6glicht richtige Erkenntnis \u00fcber die Wirklichkeit, richtige Erkenntnis erm\u00f6glicht richtiges Handeln, richtiges Handeln f\u00fchrt zu Ver\u00e4nderung des Menschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>J\u00fcrgen Meier ist Autor, selbst\u00e4ndiger Journalist und lebt in Hildesheim.<br \/>\nIm Neue Impulse Verlag erschien von ihm \u201eAmokl\u00e4ufe zum Ich \u2013 Der Kommunismus als Voraussetzung des Individualismus\u201c (Essen 2011).<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> \u201eArt\u201c Juni, 2012<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Lenin, \u201e\u00dcber Kultur und Kunst\u201c, S. 63<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> ebenda<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Lukacs, \u201e\u00c4sthetik\u201c, 1. Hlb, S. 643<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> \u201eMein Kampf\u201c, S. 283<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Lukacs, \u201e\u00c4sthetik\u201c Bd.1, S. 667<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument (mit Bildern) angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1076\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?resize=32%2C32\" alt=\"\" width=\"32\" height=\"32\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon_32\" data-image-description=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32\" \/>\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/freidenker-02-2013-juergen-meier.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00fcrgen Meier:\u00a0Was ist gute \/ fortschrittliche Kunst?<\/a> (Auszug aus FREIDENKER 2-13, ca. 570 KB)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Foto: Louise Bourgeois&#8216; Maman vor der National Gallery of Canada, Quelle: Wikimedia Commons (Public Domain)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von J\u00fcrgen Meier aus: FREIDENKER 2-13<\/strong><br \/>\nKunst ist die in Form gesetzte Ideologie einer Zeit. Da die herrschende Ideologie stets die Ideologie der Herrschenden ist, kann es nicht verwundern, dass die Kunst, wie die \u00e4sthetischen Theorien, von jenen Formsetzungen dominiert werden, die verhindern wollen, dass die Kunst zu dem wird, was sie sein kann: Selbstbewusstsein der Menschheit. Viele der heutigen K\u00fcnstler, die durchaus mit der Absicht antreten, die F\u00e4higkeit ihres Talents in den Dienst menschlicher Harmonie zu stellen, bleiben im Banne der herrschenden Ideologie stecken.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2950,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[913,16],"tags":[470,663,407],"class_list":["post-2947","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-kultur-kunst","category-weltanschauung-philosophie","tag-ideologie","tag-kreativitaet","tag-kunst"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Louise_Bourgeois_Maman_800x445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-Lx","jetpack-related-posts":[{"id":775,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=775","url_meta":{"origin":2947,"position":0},"title":"FREIDENKER 2-13 &#8211; Kunst &#8211; Anpassung &#8211; Widerstand","author":"Webmaster","date":"16. 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