{"id":291,"date":"2010-12-17T14:59:57","date_gmt":"2010-12-17T13:59:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=291"},"modified":"2025-12-27T14:05:09","modified_gmt":"2025-12-27T13:05:09","slug":"freiheit-und-kommunismus-sind-ein-und-dasselbe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=291","title":{"rendered":"Freiheit und Kommunismus sind ein- und dasselbe"},"content":{"rendered":"<p><em>Dr. Wolf Dieter Gudopp- von Behm:<\/em><\/p>\n<h4><b>Der gesellschaftliche Mensch wird bewu\u00dftes t\u00e4tiges Subjekt seiner selbst<\/b><\/h4>\n<p>Unser Jubilar, er ist der wahre Friedrich der Gro\u00dfe, lebte in der Zeit einer Epochenschwelle. Das ist ein Zufall. Da\u00df er &#8211; dieser Friedrich Engels &#8211; aus dem gespannten und daher spannenden und M\u00f6glichkeits-prallen Sachverhalt f\u00fcr den Fortschritt der Geschichte und zugleich f\u00fcr sich etwas gemacht hat, das ist kein Zufall: es ist das Ergebnis vern\u00fcnftiger Bewu\u00dftheit und bewu\u00dften Tuns, ist Arbeit und Bildung, Begreifen und Eingreifen.<\/p>\n<p><b><br \/>\nI. WIRKLICHKEIT!<\/b><br \/>\nEpochenschwelle: Das Alte ist noch m\u00e4chtig, behauptet sich in der \u00f6konomisch-gesellschaftlichen Realit\u00e4t und in den tr\u00e4gen Gehirnwindungen und wird von der herrschenden Gewalt gesichert. Es kann sich behaupten, weil und insofern es noch einen Grund hat und sich die geschichtliche Konstellation und Widerspruchslage, von der es hervorgebracht wurde, noch nicht hinreichend ersch\u00f6pft hat, noch nicht erledigt ist. Aber in wesentlichen Z\u00fcgen wird es unwirklich: Neue gesellschaftliche Geschichtskr\u00e4fte, neue \u00f6konomische, neue politische und neue ideologische Tendenzen werden wirkend, wirklich und mit der Zeit klar und deutlich erkennbar, und sie dr\u00e4ngen danach, sich durchzusetzen.<\/p>\n<p>Eine andere Epochenschwelle, die der Renaissance, \u00fcberschreibt Engels mit kr\u00e4ftigen Worten, aus denen neben Bewunderung ein Sympathie-Bewu\u00dftsein der inneren Verwandtschaft spricht: &#8222;&#8230; eine Zeit, die Riesen brauchte und die Riesen zeugte, Riesen an Denkkraft, Leidenschaft und Charakter, an Vielseitigkeit und Gelehrsamkeit&#8230; Was ihnen &#8230; besonders eigen, das ist, da\u00df sie fast alle mitten in der Zeitbewegung, im praktischen Kampf leben und weben, Partei ergreifen und mitk\u00e4mpfen, der mit Wort und Schrift, der mit dem Degen, manche mit beidem.&#8220; Ein sp\u00e4terer Historiker (Werner Kaegi) hat die Renaissance mit dem Wort &#8222;ein ungeheurer Durst nach Wirklichkeit&#8220; charakterisiert; das Gleiche fa\u00dft ein anderer (Jacob Burckhardt) in der Formel: &#8222;Entdeckung der Welt und des Menschen&#8220;. Das ist das Thema von Engels, das ist unser Thema.<br \/>\nIn Zeiten des \u00dcbergangs wird sich bei wachen Menschen unweigerlich ein gesteigertes Bed\u00fcrfnis einstellen, die Verbindung mit der wirklichen Dynamik der Geschichte nicht zu verlieren, beziehungsweise diese Verbindung im Kopf wie im Handeln f\u00fcr sich herzustellen und wirklicher Zeitgenosse zu werden. Ein solches Wirklichwerden wird aber nur in geschichtlicher Praxis gelingen &#8211; das hei\u00dft: den schwierigen Geburtsproze\u00df des Neuen gegen die Beharrungsmacht des Alten weniger mitzuerleiden als mitzubetreiben und mitzuorganisieren. Die biologische Geburt Friedrich Engels&#8216; vor 180 Jahren ist zuf\u00e4llig, nicht aber das Wirklich-Werden dieses bestimmten geschichtlichen Subjekts, das die Bestimmung des menschlichen Individuums realisiert: politisch-gesellschaftliches und mit Vernunft begabtes Lebewesen zu sein.<\/p>\n<p>1820 geboren zu werden, das mag einen Geschichtsbetrachter beim ersten Augenschein dazu reizen, Dantes Spruch \u00fcber dem H\u00f6lleneingang aufnehmend auszurufen: Die ihr in diese Zeit eintretet, la\u00dft alle Hoffnung fahren. Es war, nach einer Phase b\u00fcrgerlicher Zivilisation, den napoleonischen Jahren und den sogenannten Befreiungskriegen, die Zeit der wiederhergestellten alten F\u00fcrstenherrlichkeit im Metternich-Europa, die Zeit der Heiligen Allianz und der Karlsbader Beschl\u00fcsse, in der es so aussah, als w\u00fcrde, mit g\u00f6ttlichem Segen, die Reaktion endg\u00fcltig triumphieren und als habe die Geschichte in ihren &#8222;nat\u00fcrlichen&#8220; Ruhezustand gefunden. Aber wenige Jahre vor dem Ereignis, das uns hier zusammenf\u00fchrt, gleich nach dem Wiener Kongress, hatte der Dialektiker Hegel, der sp\u00e4ter das Denken Marx&#8216; und Engels&#8216; ma\u00dfgeblich mitpr\u00e4gen sollte, in einem Brief gegen alle Gedankenlosigkeit sein &#8222;Trotz alledem&#8220; geschrieben: &#8222;Ich halte mich daran, da\u00df der Weltgeist der Zeit das Kommandowort zu avancieren gegeben. Solchem Kommando wird pariert; dieses Wesen schreitet wie eine gepanzerte, festgeschlossene Phalanx unwiderstehlich und mit so unmerklicher Bewegung, als die Sonne schreitet, vorw\u00e4rts durch dick und d\u00fcnne&#8230; Die sicherste &#8230; Partie ist wohl, den Avanceriesen fest im Auge zu behalten.&#8220;<\/p>\n<p>Die Turbulenz von Engels&#8216; Lebenszeit ist keine chaotische gewesen, sondern hatte ihre gro\u00dfe weltgeschichtliche Bewegungsrichtung. Es war noch die Epoche, die von der geschichtlichen Fortschritts- und Durchsetzungskraft der Bourgeoisie bestimmt wurde, und &#8211; die Epoche der Bourgeoisie zunehmend durchdringend, \u00fcberlagernd und abl\u00f6send &#8211; schon die Epoche des \u00dcbergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus.<\/p>\n<p>Das Wesen und die Triebkr\u00e4fte des Kapitalismus wurden bald &#8211; mindestens im industriell avantgardistischen England &#8211; dem analysierenden Zugriff der modernen Wissenschaft zug\u00e4nglich. 1844 ver\u00f6ffentlichte Engels in Marx&#8216; und Ruges &#8222;Deutsch-franz\u00f6sischen Jahrb\u00fcchern&#8220; die bahnbrechende Studie &#8222;Umrisse zu einer Kritik der National\u00f6konomie&#8220; und ein Jahr danach seinen Bericht &#8222;Die Lage der arbeitenden Klasse in England. Nach eigener Anschauung und authentischen Quellen&#8220;, der in ganz Europa Aufsehen erregte. (Um die programmatische Bedeutung des Untertitels und der Widmung &#8222;An die arbeitenden Klassen Gro\u00dfbritanniens&#8220; ermessen zu k\u00f6nnen, ist zu bedenken, da\u00df man in der besseren Gesellschaft ohne weiteres karitativ etwas f\u00fcr die Humanisierung der armen Leute tun konnte, da\u00df es aber als h\u00f6chst unschicklich und anst\u00f6\u00dfig galt, etwas \u00fcber deren materiellen Lebensbedingungen zu wissen.) Je dominanter sich aber der Kapitalismus auspr\u00e4gte, desto mehr zeigte sich nicht allein dem ahnenden Bewu\u00dftsein, sondern auch wissenschaftlich aufweisbar, da\u00df und weshalb dem Kapitalismus keine ewige Dauer beschieden ist und welches geschichtliche Interesse, welche gesellschaftliche Kraft die notwendige umfassende Umw\u00e4lzung vollbringen werde: die mit der modernen Industrie verbundene moderne Arbeiterklasse. Aus der Vergangenheit war die Zeit vom Licht der Aufkl\u00e4rung erhellt und vom Sturm der b\u00fcrgerlichen Revolution, deren wechselvoller Proze\u00df noch nicht zum Ende gekommen war, getrieben; gegenw\u00e4rtig bereitete sich allm\u00e4hlich die proletarische Revolution vor, und aus der Zukunft leuchteten schon Konturen der sozialistischen Gesellschaftsordnung, in die der gesellschaftliche Fortschritt m\u00fcnden und die eine ganz neue Entwicklungsstufe der Zivilisation \u00f6ffnen und begr\u00fcnden wird.<br \/>\nIn und mit alledem ist das 19. Jahrhundert eine herausragende Periode folgenreicher Entdeckungen der Wissenschaft der Natur und des Menschen, wissenschaftlich-technischer Erfindungen und spezieller wie allgemeiner Theoriebildungen gewesen, die entweder als Erfindungen reale Motoren der gesellschaftlichen Entwicklung oder als wissenschaftliche Einsichten wesentlich Entwicklungstheorien waren, die ihrerseits wiederum zu m\u00e4chtigen Triebkr\u00e4ften der gesellschaftlichen Entwicklung wurden. Bereits im 18. Jahrhundert waren die ersten Dampfmaschinen und mechanischen Webst\u00fchle konstruiert worden. F\u00fcr das moderne Entwicklungsdenken stehen Darwins Werk \u00fcber die Entstehung der Arten, Morgans Arbeit \u00fcber die Entwicklung der alten, der Ur-Gesellschaft und \u00fcbergreifend davor schon Hegels philosophische Dialektik als Wissenschaft der Entwicklung des Ganzen im Proze\u00df seiner eigenen Differenzierung und Komplexierung. Und mittendrin, die Epoche ausdr\u00fcckend und pr\u00e4gend, Karl Marx und Friedrich Engels &#8211; insbesondere als materialistisch-dialektische Theoretiker und Praktiker der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft &#8211; sowohl mit ihrem gemeinsamen Lebenswerk als auch jeder der beiden Riesen mit seiner eigenen Lebensleistung. Wenn wir bei Hegel lesen &#8222;Wer, was seine Zeit will und ausspricht, ihr sagt und vollbringt, ist der gro\u00dfe Mann der Zeit&#8220;, denken wir ebenso an Marx wie an Engels.<\/p>\n<p>Wirklichkeit!, Dialektische Einheit des Wirklichen und des M\u00f6glichen, Verwirklichung in der Geschichte, Geschichte als Proze\u00df der Verwirklichung: Aus diesem Impuls kamen unausweichlich die Triebkraft und das ma\u00dfgebliche Leitmotiv, die das Leben von Marx und Engels bewegten.<\/p>\n<p>Da beide zu den Menschen geh\u00f6rten, die sich vom Wirklichkeitsdrang nicht zur Pflege des Individuell-Besonderen ihrer sch\u00f6nen Seele, sondern aktiv teilnehmend auf die beiden gro\u00dfen Kampf-Felder des Allgemeinen, n\u00e4mlich den Bereich der Wissenschaft und den der Politik f\u00fchren lie\u00dfen, und da sich bei beiden das wissenschaftliche Interesse mit der gro\u00dfen Emp\u00f6rung angesichts des bestehenden Unrechts und des Unrechts des Bestehenden untrennbar verband, konnte es kein Zufall sein, da\u00df beide parallel zu \u00e4hnlichen oder gleichen Auffassungen \u00fcber Gott und die Welt und das, was die Geschichte im innersten zusammenh\u00e4lt, \u00fcber die Basis-Bedeutung der \u00d6konomie und das geschichtliche Gewicht der arbeitenden Klasse gekommen sind. Kein Zufall daher auch, da\u00df sie sich trafen (der Kreis der progressiv-aktiven Intellektuellen Europas ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig \u00fcberschaubar gewesen). Sie mu\u00dften aufeinander treffen.<\/p>\n<p>Eines ihrer fr\u00fchen theoretischen Gemeinschaftsunternehmen, die &#8222;Deutsche Ideologie&#8220;, bezeugt klassisch den vollzogenen Durchbruch zur Wirklichkeit. &#8222;Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willk\u00fcrlichen, keine Dogmen, es sind wirkliche Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann&#8220; , hei\u00dft dort das Programm der neuen, der materialistischen Geschichtsauffassung, der der alte Engels die Bezeichnung &#8222;historischer Materialismus&#8220; geben wird . Diese Voraussetzungen sind &#8222;die wirklichen, wirkenden Menschen, wie sie bedingt sind durch eine bestimmte Entwicklung ihrer Produktivkr\u00e4fte und des denselben entsprechenden Verkehrs&#8230; Das Bewu\u00dftsein kann nie etwas Andres sein als das bewu\u00dfte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensproze\u00df&#8230; es wird [mit der neuen Geschichtsschreibung] von den wirklich t\u00e4tigen Menschen ausgegangen und aus ihrem wirklichen Lebensproze\u00df auch die Entwicklung der ideologischen Reflexe und Echos dieses Lebensprozesses dargestellt&#8230; Die Phrasen vom Bewu\u00dftsein h\u00f6ren auf, wirkliches Wissen mu\u00df an ihre Stelle treten.&#8220; Der Gang der Er\u00f6rterung zeigt, wie sich nicht aus einem verlockenden utopischen Bild die Notwendigkeit des Kommunismus ergibt, sondern aus dem wirklichen Geschichtsproze\u00df: &#8222;Der Kommunismus ist f\u00fcr uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben wird. Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt. Die Bedingungen dieser Bewegung ergeben sich aus der jetzt bestehenden Voraussetzung.&#8220; (35)<\/p>\n<p>Ein derart materialistisches Herangehen des Welt-Erkennens sollte selbstverst\u00e4ndlich sein, nichts Besonderes. Materialismus, sagt Engels in seinem Werk &#8222;Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie&#8220;, hei\u00dft, &#8222;die wirkliche Welt &#8211; Natur und Geschichte &#8211; so aufzufassen, wie sie sich selbst einem jeden gibt, der ohne vorgefa\u00dfte idealistische Schrullen an sie herantritt&#8220;; allein ma\u00dfgeblich sind die &#8222;in ihrem eignen Zusammenhang aufgefa\u00dften Tatsachen&#8220;, alle von au\u00dfen kommende Instanzen &#8211; sei&#8217;s eine sch\u00f6ne Idee, sei&#8217;s ein lieber Gott &#8211; l\u00f6sen sich auf. &#8222;Weiter hei\u00dft Materialismus \u00fcberhaupt nichts.&#8220;<\/p>\n<p>Aber das Selbstverst\u00e4ndliche ist nicht selbstverst\u00e4ndlich; das Einfache ist bekanntlich schwer zu machen. Das gesellschaftliche Erkenntnisinteresse h\u00e4ngt n\u00e4mlich eng mit dem \u00f6konomisch-politischen Interesse zusammen. Der &#8222;Mut des Erkennens&#8220; (um mit Hegel zu reden) ist nicht klassenneutral. Solange die Bourgeoisie in ihrem Kampf gegen den Feudalismus den geschichtlichen Fortschritt repr\u00e4sentierte, war sie in hohem Ma\u00dfe an einem klaren und unbefangenen Welterkennen interessiert; das half ihr und schw\u00e4chte die alten M\u00e4chte des Feudalismus. Das Erkenntnisinteresse lie\u00df aber in dem Ma\u00dfe auff\u00e4llig nach, wie sie sich mit einer neuen Klasse, die nun ihrerseits die Zukunft repr\u00e4sentierte, konfrontiert und ihre eigene Herrschaft gef\u00e4hrdet sah. Eine zu unbestechliche wissenschaftliche Betrachtungsweise k\u00f6nnte das peinliche Ergebnis zeitigen, da\u00df, da nichts bleibt, wie es ist, auch die bestehenden, die bourgeoisen Herrschafts- und Ausbeutungsverh\u00e4ltnisse untergehen werden.<\/p>\n<p>Die b\u00fcrgerliche Wissenschaft zog sich in Fragen der Weltanschauung, der Philosophie und der Erkenntnistheorie in Verteidigungsstellungen zur\u00fcck, w\u00e4hrend das Erkenntnisinteresse der Arbeiterklasse keine Schranken kennen kann. Wer die Welt ver\u00e4ndern will, mu\u00df sie erkennen. Die Arbeiterklasse ist die epochal ma\u00dfgebliche ver\u00e4ndernde Kraft, und als arbeitende Klasse wird sie im Gegensatz zur Bourgeoisie und allen anderen fr\u00fcher zur Herrschaft gelangten Klassen keine nachfolgende Klasse ausbeuten, gegen deren revolution\u00e4re Bestrebungen sie sich ihrerseits apologetisch sichern m\u00fc\u00dfte, im Gegenteil, eben als Arbeiterklasse wird sie die Geschichte der klassenlosen Gesellschaft einleiten. Das Interesse der wirklichen Produzenten ist es, theoretisch wie praktisch dem Wirklichen, dem geschichtlich Notwendigen zu folgen.<\/p>\n<p>Es ist die Arbeit, die den gesellschaftlichen Menschen wirklich konstituiert und dessen in der klassischen Antike entdeckte Bestimmung, vern\u00fcnftiges und politisches Lebewesen zu sein, entwicklungsgeschichtlich begr\u00fcndet und erkl\u00e4rt. Das hat Engels im kurzen, aber wahrhaft gro\u00dfen Aufsatz &#8222;Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen&#8220; materialistisch-dialektisch im Zusammenhang dargelegt. Im &#8222;Ludwig Feuerbach&#8230;&#8220; definiert er die &#8222;neue Richtung&#8220; ausdr\u00fccklich damit, da\u00df sie &#8222;in der Entwicklungsgeschichte der Arbeit den Schl\u00fcssel erkannte zum Verst\u00e4ndnis der gesamten Geschichte der Gesellschaft&#8220; Vor dem Hintergrund dieses Gedankens kann die zentrale Einsicht, die das &#8222;Kommunistische Manifest&#8220; historisch-konkret f\u00fcr den bestimmten weltgeschichtlichen Ort vermittelt, eine weitere \u00dcberzeugungskraft gewinnen: In unserer Epoche konzentriert sich im geschichtlichen Interesse der internationalen Arbeiterklasse das Interesse der menschlichen Gesellschaft im ganzen; das besondere proletarische Klasseninteresse und das allgemeine Menschheitsinteresse fallen notwendig zusammen.<\/p>\n<p>Da\u00df Marx und Engels ins Lager der Arbeiterklasse \u00fcbergegangen sind und da\u00df sie die Erkenntnisinhalte und das Erkenntnisinstrumentarium ihrer Zeit in den zentralen Bereichen weitergetrieben haben, sind zwei Seiten einer Medaille. Die Schl\u00fcsselposition der Produktivkraft Wissenschaft stand au\u00dfer Frage, und: &#8222;Je r\u00fccksichtsloser und unbefangener die Wissenschaft vorgeht, desto mehr befindet sie sich im Einklang mit den Interessen und Strebungen der Arbeiter&#8220;, schreibt Engels am Ende seiner &#8222;Ludwig Feuerbach&#8220;. Der nur der Wahrheit verpflichtete &#8222;theoretisch-r\u00fccksichtslose Geist&#8220;, den Engels preist (das ist: Denken ohne R\u00fccksicht darauf, was dabei herauskommen mag, was &#8222;die Leute&#8220; oder was Minister davon halten oder ob man selbst \u00fcber das Ergebnis erschrickt), kommt zu seiner H\u00f6he, wenn sich Materialismus und Dialektik verbinden und zur Einheit verschmelzen &#8211; nicht aus Gr\u00fcnden eines Dogmas, sondern aufgrund der Wirklichkeit:<br \/>\nweil es nur eine Welt gibt, das unendliche Ganze,<br \/>\nweil, wie Engels im &#8222;Anti-D\u00fchring&#8220; schreibt, &#8222;die Einheit der Welt in ihrer Materialit\u00e4t&#8220; besteht und<br \/>\nweil es in dieser einen Welt dialektisch zugeht: Das All und Alles ist Bewegung, Werden und Vergehen, Entwicklung und Vermittlung, \u00dcbergang und Wechselwirkung.<\/p>\n<p>Gerade die modernen Wissenschaften, die die unersch\u00f6pflichen Bewegungsformen der Natur, der Gesellschaft und des Bewu\u00dftseins reflektieren, haben dazu eine F\u00fclle von Nachweisen erbracht; dabei findet die wissenschaftliche Philosophie, die Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang, nicht abgetrennt, sondern im Zusammenhang der Wissenschaft ihre eigene Aufgabe in der Dialektik . (Engels nennt gern drei gro\u00dfe Entdeckungen: die Entdeckung der Zelle, die Verwandlung der Energie und den &#8222;zuerst von Darwin im Zusammenhang entwickelten Nachweis, da\u00df der heute uns umgebende Bestand organischer Naturprodukte, die Menschen eingeschlossen, das Erzeugnis eines langen Entwicklungsprozesses aus wenigen urspr\u00fcnglich einzelligen Keimen ist und diese wieder aus, auf chemischem Weg entstandenem, Protoplasma oder Eiwei\u00df hervorgegangen sind&#8220;. Unglaublich, wie Engels in den diversen Wissenschaften auf der H\u00f6he seiner Zeit und an vorderer Front stand &#8211; dabei hatte dieser Mensch noch nicht einmal Abitur, und er mu\u00dfte nebenbei mit anderen Besch\u00e4ftigungen das n\u00f6tige Geld verdienen, auch f\u00fcr den Freund Marx!<\/p>\n<p>Wir haben gelernt, da\u00df Engels (im &#8222;Ludwig Feuerbach &#8230;&#8220;) von der &#8222;gro\u00dfen Grundfrage der Philosophie&#8220; spricht und da\u00df es dabei darum geht, den philosophischen Materialismus und den philosophischen Idealismus zu unterscheiden, das hei\u00dft: das Verh\u00e4ltnis des materiellen Seins und des Bewu\u00dftsein wirklichkeitsgem\u00e4\u00df im Sinne der materiellen Seite zu gewichten. Zuweilen wird \u00fcbersehen, da\u00df Engels in der gleichen Schrift nicht nur \u00fcber die Grundfrage nachdenkt, sondern auch von der Dialektik als dem Grundgedanken spricht: &#8222;Der gro\u00dfe Grundgedanke, da\u00df die Welt nicht als ein Komplex von fertigen Dingen zu fassen ist, sondern als ein Komplex von Prozessen, worin die scheinbar stabilen Dinge nicht minder wie ihre Gedankenabbilder in unserm Kopf, die Begriffe, eine ununterbrochene Ver\u00e4nderung des Werdens und Vergehens durchmachen, in der bei aller scheinbaren Zuf\u00e4lligkeit und trotz aller momentanen R\u00fcckl\u00e4ufigkeit schlie\u00dflich eine fortschreitende Entwicklung sich durchsetzt &#8211; dieser gro\u00dfe Grundgedanke&#8220; habe sich heute allgemein durchgesetzt. Na ja. &#8211; An gleicher Stelle nennt er &#8222;die materialistische Dialektik&#8220; &#8222;unser bestes Arbeitsmittel und unsere sch\u00e4rfste Waffe&#8220;. Sie, die materialistische Dialektik, ist im Allgemeinen wie im Besonderen die Methode der Wissenschaft und der wissenschaftlich begr\u00fcndeten und geleiteten Praxis, ist der strukturierende Kern der modernen, der wissenschaftlichen Weltanschauung<\/p>\n<p><b>II. KOMMUNISMUS = FREIHEIT.<\/b><br \/>\nDie scharfen Waffen der Kritik meisterhaft handhabend, hatte der junge Marx geschrieben, die Waffen der Kritik k\u00f6nnten nicht die Kritik der Waffen ersetzen . In der Revolutionszeit der Jahre 1848\/49 sieht man den jungen Friedrich Engels an den Brennpunkten der Auseinandersetzung: 1849 in Elberfeld, an der Grenze Rheinpreu\u00dfens, auf der Barrikade und vor allem danach bei der Kampagne zur Durchsetzung der Reichsverfassung in der bayrischen Pfalz und in Baden als Adjutant August Willichs, eines &#8222;Gem\u00fctskommunisten&#8220;, in dessen Corps auch Arbeiter aus dem Wuppertale k\u00e4mpften. Die politische Orientierung ihrer T\u00e4tigkeit in dieser revolution\u00e4ren Phase hatten Marx und Engels im &#8222;Manifest&#8220; w\u00e4hrend des Winters 1847\/48 selbst niedergeschrieben: &#8222;In Deutschland k\u00e4mpft die Kommunistische Partei, sobald die Bourgeoisie revolution\u00e4r auftritt, gemeinsam mit der Bourgeoisie gegen die absolute Monarchie, das feudale Grundeigentum und die Kleinb\u00fcrgerei. Sie unterl\u00e4\u00dft aber keinen Augenblick, bei den Arbeitern ein m\u00f6glichst klares Bewu\u00dftsein \u00fcber den feindlichen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten,&#8230; damit, nach dem Sturz der reaktion\u00e4ren Klassen in Deutschland, sofort der Kampf gegen die Bourgeoisie selbst beginnt.&#8220;<\/p>\n<p>Der politisch-milit\u00e4rische Einsatz f\u00fcr die von der Frankfurter Nationalversammlung beschlossenen Verfassung endete in einer Niederlage; das preu\u00dfische Milit\u00e4r vollstreckte den Willen der Reaktion. Engels beklagte (in &#8222;Die deutsche Reichsverfassungskampagne&#8220;, &#8222;Revolution und Konterrevolution in Deutschland&#8220; u. a.) in erster Linie, da\u00df es der revolution\u00e4ren Bewegung nicht gelungen war, sich aus der l\u00e4hmenden Umklammerung des allgegenw\u00e4rtigen Kleinb\u00fcrgertums zu befreien. Das Kleinb\u00fcrgertum, schwankend, \u00e4ngstlich und unsicher, hatte vor der eigenen Courage und dem Gespenst einer &#8222;roten Republik&#8220; mehr Angst als vor dem Feind. Es war zum Verzweifeln. Vergeblich hatten Marx und Engels mit aller Energie versucht, die Truppen der Demokratie und die politische F\u00fchrung Badens und der Pfalz zur Offensive in Richtung Frankfurt zu lenken, um die gegen die Verfassung rebellierenden F\u00fcrsten zu schlagen und die nationale Dimension der Demokratie zu erk\u00e4mpfen. De l&#8217;audace, de l&#8217;audace et encore de l&#8217;audace! (K\u00fchnheit, K\u00fchnheit und noch einmal K\u00fchnheit!) hatte Danton im revolution\u00e4ren Frankreich gerufen. Aus den r\u00fcckst\u00e4ndigen deutschen Verh\u00e4ltnissen erwuchs nicht die politische Tatkraft, die gefordert war, um einen modernen (revolution\u00e4r-)demokratischen Nationalstaat zu konstituieren.<br \/>\nIn einem anderen Werk hat Engels aufgezeigt, da\u00df die deutsche Zur\u00fcckgebliebenheit die Niederlage des Bauernkriegs zu einer wesentlichen Ursache hatte. \u00dcberhaupt Engels als materialistischer Geschichtsschreiber: Die diesbez\u00fcglichen Schriften aus Engels&#8216; Feder aneinandergereiht ergeben eine ebenso umfangreiche und komplexe wie spannende deutsche Geschichte &#8211; einigerma\u00dfen durchgehend von der Urgeschichte und dem Urkommunismus \u00fcber die erste Staatenbildung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Neben der Ausbildung der materialistischen Dialektik und neben Analysen, wie sie f\u00fcr die Erarbeitung politischer Konzeptionen und Prognosen der Gegenwart unerl\u00e4\u00dflich sind, wird dabei das Motiv der politischen Volksbildung in umst\u00fcrzlerischer Absicht offenkundig. &#8222;Auch das deutsche Volk hat seine revolution\u00e4re Tradition&#8220;, lautet der erste Satz des &#8222;Bauernkriegs&#8220;.<\/p>\n<p>Wie auch immer, 1849 gelang dem Corps Willich, das den R\u00fcckzug anderer Kontingente deckte, am Oberrhein der \u00dcbertritt in die Schweiz. Pers\u00f6nliches Gl\u00fcck im politischen Ungl\u00fcck: Engels mu\u00dfte nicht Basel passieren. Im Reisebericht &#8222;Lombardische Streifz\u00fcge&#8220; hatte er 1841 geschrieben: &#8222;Gottlob, da\u00df wir Basel im R\u00fccken haben! &#8230; solch ein Nest mit allen H\u00e4\u00dflichkeiten des Mittelalters ohne die Sch\u00f6nheiten desselben kann ein jugendliches Gem\u00fct &#8230; nicht ansprechen.&#8220; Bei anderer Gelegenheit (1847, am Beginn des Schweizer &#8222;Sonderbundkriegs&#8220;) war&#8217;s auf die Innerschweiz gegangen: &#8222;Es gibt zwei Gegenden in Europa, in denen sich die alte christlich-germanische Barbarei in ihrer urspr\u00fcnglichsten Gestalt, beinahe aufs Eichelfressen, erhalten hat, Norwegen und die Hochalpen, namentlich die Urschweiz&#8230; Die demokratische Bewegung erstrebt in allen zivilisierten L\u00e4ndern in letzter Instanz die politische Herrschaft des Proletariats. Sie setzt also voraus, da\u00df ein Proletariat existiert; da\u00df eine herrschende Bourgeoisie existiert; da\u00df eine Industrie existiert, die das Proletariat erzeugt, die die Bourgeoisie zur Herrschaft gebracht hat. Von all dem finden wir nichts&#8230; Seit dem Tage, wo der erste Ahne Winkelrieds seine Kuh mit den unumg\u00e4nglichen idyllischen Schellen am Halse auf die jungfr\u00e4ulichen Triften des Vierwaldst\u00e4tter Sees trieb, bis zu dem jetzigen Augenblick, wo der letzte Nachkomme Winkelrieds seine B\u00fcchse vom Pfaffen einsegnen l\u00e4\u00dft, sind alle H\u00e4user auf dieselbe Weise gebaut, alle K\u00fche auf dieselbe Weise gemolken, alle Z\u00f6pfe auf dieselbe Weise geflochten, alle K\u00e4se auf dieselbe Weise verfertigt, alle Kinder auf dieselbe Weise gemacht worden.&#8220;<\/p>\n<p>Der geliebten Schweiz begegnen wir in Engels&#8216; Schriften sp\u00e4ter an verschiedenen Stellen, meistens in milit\u00e4rischen Zusammenh\u00e4ngen &#8211; wie in Analysen \u00fcber die politisch-milit\u00e4rische Lage in Oberitalien, \u00fcber das Savoyen-Problem und vor allem \u00fcber den Krieg im Gebirge, wo Engels beispielsweise aus seiner Bewunderung f\u00fcr den russischen General Suworow keinen Hehl macht und gerne auch voller Respekt Napoleon zitiert: &#8222;Wo eine Ziege durchkommt, kommt auch ein Mann durch. Wo ein Mann durchkommt, kommt auch eine Armee durch.&#8220; Engels war ein hervorragender und auch ein begeisterter Milit\u00e4r-Theoretiker und -Historiker. Aber das Gegenteil eines Militaristen.<\/p>\n<p>Im Herbst des Jahres 1917 h\u00f6rte die Welt Lenins &#8222;an die Regierungen und V\u00f6lker aller L\u00e4nder&#8220; gerichteten Ruf &#8222;An alle!&#8220;, mit dem sich die Regierung des revolution\u00e4ren Ru\u00dfland vorstellte. 24 Jahre zuvor, w\u00e4hrend der Reichstagsdebatte \u00fcber die Milit\u00e4rvorlage 1893, hat Friedrich Engels unter dem Titel &#8222;Kann Europa abr\u00fcsten?&#8220; im Berliner &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; das erste begr\u00fcndet ausgearbeitete Abr\u00fcstungsprogramm der Geschichte vorgelegt. Dialektisch-allseitig (politisch, milit\u00e4risch, \u00f6konomisch, sozialpsychologisch) analysiert er die internationalen und die nationalen Verh\u00e4ltnisse in Europa und unterbreitet auf der Basis dieser Untersuchungen, ohne auf die sozialistische Revolution zu vertr\u00f6sten, einen Vorschlag, der sowohl durchsetzungsf\u00e4hig sein sollte als auch in der politischen Perspektive des gesellschaftlichen Fortschritts lag.<\/p>\n<p>Europa erlebte damals einen ungeheuren R\u00fcstungsschub. &#8222;Ist es da nicht Torheit, von Abr\u00fcstung zu reden? Und doch rufen in allen L\u00e4ndern die Volksklassen, die fast ausschlie\u00dflich die Masse der Soldaten zu stellen und die Masse der Steuern zu zahlen haben, nach Abr\u00fcstung.&#8220; Die wachsenden Milit\u00e4rlasten, diagnostiziert Engels, f\u00fchren entweder in den finanziellen Ruin und zur katastrophalen personellen Ausquetschung der V\u00f6lker &#8211; oder &#8222;in einen allgemeinen Vernichtungskrieg&#8220; (371). &#8222;Gibt es denn keinen Ausweg aus dieser Sackgasse au\u00dfer durch einen Vernichtungskrieg, wie die Welt noch keinen gesehen hat?&#8220; fragt er verzweifelt, um sogleich die auffordernde Antwort zu geben: &#8222;Ich behaupte: Die Abr\u00fcstung und damit die Garantie des Friedens ist m\u00f6glich &#8230;&#8220; (373) Und zwar &#8222;schon jetzt&#8220;, &#8222;auch f\u00fcr die heutigen Regierungen und unter der heutigen politischen Lage&#8220; (371).<\/p>\n<p>In der Politik z\u00e4hlen keine Sprechblasen, sondern Interessen. Engels versteht Sicherheit als gemeinsame, als kollektive Sicherheit und formuliert seinen Abr\u00fcstungsvorschlag demgem\u00e4\u00df so, da\u00df dieser die Interessen und Besonderheiten der einzelnen real existierenden Staaten und der in ihnen wirkenden Kr\u00e4ftekonstellationen ber\u00fccksichtigt und auch unter milit\u00e4rischen Gesichtspunkten einleuchtet. Die quantitativen Vergr\u00f6\u00dferungen der Heere k\u00f6nnten von keinem Staat mehr verkraftet werden; \u00fcberhaupt sei das System der stehenden Heere unsinnig und bringe nicht einmal milit\u00e4risch etwas &#8211; es sei denn gegen den &#8222;inneren Feind&#8220;. Die Rationalit\u00e4t zeige in eine andere Richtung: &#8222;Die allm\u00e4hliche Herabsetzung der Dienstzeit durch internationalen Vertrag, die den Kernpunkt meiner Darstellung bildet, halte ich &#8230; f\u00fcr den einfachsten und k\u00fcrzesten Weg, um den allgemeinen \u00dcbergang vom stehenden Heer [und jetzt kommt das Dialektische:] zu der als Miliz organisierten Volksbewaffnung zu vermitteln.&#8220; (371)<\/p>\n<p>Schon Jahre zuvor, 1887, hatte Engels pr\u00e4zise gesehen, was Europa bevorsteht, wenn die Staaten so weiter machen wie bisher: &#8222;Endlich ist kein andrer Krieg f\u00fcr Preu\u00dfen-Deutschland mehr m\u00f6glich als ein Weltkrieg, und zwar ein Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abw\u00fcrgen und dabei Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm &#8230; Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, da\u00df die Kronen zu Dutzenden \u00fcber das Stra\u00dfenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Nachdem der Weltkrieg grausame Wirklichkeit geworden war, wird Rosa Luxemburg unter Berufung auf Engels &#8211; sie hatte ihn als Zweiundzwanzigj\u00e4hrige 1893 beim Z\u00fcricher Kongre\u00df der II. Internationale, deren zentrale Figur Engels gewesen ist, pers\u00f6nlich kennen gelernt &#8211; das Schicksalswort unserer Zeit aussprechen: &#8222;Sozialismus oder R\u00fcckfall in die Barbarei&#8220;. &#8222;Ein Blick um uns in diesem Augenblick zeigt, was ein R\u00fcckfall der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft in die Barbarei bedeutet. Dieser Weltkrieg &#8211; das ist ein R\u00fcckfall in die Barbarei.&#8220; (Junius-Brosch\u00fcre, 1. Kap.)<\/p>\n<p>Dabei hat, woran uns niemand anschaulicher erinnert als Engels, der Begriff der Barbarei einen dialektischen Klang. Barbarei ist das historische und das systematische Gegenst\u00fcck zur Zivilisation. Aber die Barbarei der &#8222;alten Gesellschaft&#8220; hatte Vorz\u00fcge, die als Preis des gesellschaftlichen Fortschritts vernichtet wurden und die der k\u00fcnftige moderne Kommunismus in dialektischer Aufhebung wiederbringen wird. Der Verfasser der &#8222;Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8220; will uns geradezu sinnlichen Appetit auf den Kommunismus machen und stattet im Buch &#8222;Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates&#8220; den Kommunismus der Barbarei beinahe mit utopischen Z\u00fcgen aus: &#8222;Ohne Soldaten, Gendarmen und Polizisten, &#8230; ohne Gef\u00e4ngnisse, ohne Prozesse geht alles seinen geregelten Gang. Allen Zank und Streit entscheidet die Gesamtheit derer, die es angeht, &#8230; Obwohl viel mehr gemeinsame Angelegenheiten vorhanden sind als jetzt &#8211; die Haushaltung ist einer Reihe von Familien gemein und kommunistisch, der Boden ist Stammesbesitz, nur die G\u00e4rtchen sind den Haushaltungen vorl\u00e4ufig zugewiesen -, so braucht man doch nicht eine Spur unseres weitl\u00e4ufigen und verwickelten Verwaltungsapparats&#8230; Arme und Bed\u00fcrftige kann es nicht geben&#8230; Alle sind gleich und frei &#8211; auch die Weiber.&#8220; &#8222;So sahn die Menschen und die menschliche Gesellschaft aus, ehe die Scheidung in verschiedne Klassen vor sich gegangen war&#8230; &#8230;die neue Gesellschaft&#8230;, w\u00e4hrend der ganzen dritthalbtausend Jahre ihres Bestehns, ist nie etwas anderes gewesen als die Entwicklung der kleinen Minderzahl auf Kosten der ausgebeuteten und unterdr\u00fcckten gro\u00dfen Mehrzahl, und sie ist dies jetzt mehr als je zuvor.&#8220; (96 f.)<\/p>\n<p>Das Buch, dem die Zitate entnommen sind, tr\u00e4gt die Jahreszahl 1884. Engels ist zu der Zeit also quasi ins Rentenalter eingetreten. Aber es handelt sich keineswegs um ein kontemplatives Alterswerk; zu dergleichen w\u00e4re Engels gar nicht f\u00e4hig gewesen. Wie alles, was Engels tat und sagte, hat es einen mit dem ganzen Schatz der Wissenschaft ges\u00e4ttigten operativen Charakter. Es demonstriert, da\u00df die bestehenden, als &#8222;nat\u00fcrlich&#8220; empfundenen Verh\u00e4ltnisse geschichtlich aus bestimmten Gr\u00fcnden geworden sind und ebenso aus geschichtlicher Notwendigkeit vergehen werden, beispielsweise: &#8222;Der Staat ist also nicht von Ewigkeit her. Es hat Gesellschaften gegeben, die ohne ihn fertig wurden&#8230; Auf einer bestimmten Stufe der \u00f6konomischen Entwicklung, die mit der Spaltung der Gesellschaft in Klassen notwendig verbunden war, wurde durch diese Spaltung der Staat eine Notwendigkeit. Wir n\u00e4hern uns jetzt mit raschen Schritten einer Entwicklungsstufe der Produktion, auf der das Dasein dieser Klassen nicht nur aufgeh\u00f6rt hat, eine Notwendigkeit zu sein, sondern ein positives Hindernis der Produktion wird&#8230;. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage gleicher und freier Assoziation der Produzenten neu organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschinerie dahin, wohin sie dann geh\u00f6ren wird: ins Museum der Altert\u00fcmer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt.&#8220; (168)<\/p>\n<p>Die letzte Passage erinnert nicht zuf\u00e4llig an das vielfach mi\u00dfdeutete, die kommunistische Gesellschaft kennzeichnende Wort aus dem &#8222;Manifest&#8220; (am Ende des II. Kapitels): &#8222;An die Stelle der alten b\u00fcrgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegens\u00e4tzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung f\u00fcr die freie Entwicklung aller ist.&#8220; Das weitgef\u00e4cherte Denken und Tun des Friedrich Engels aus Barmen kulminiert im wissenschaftlichen Sozialismus und wird von diesem zusammengehalten, \u00fcbergriffen und organisiert.<\/p>\n<p>Das nicht willk\u00fcrliche, sondern wirkliche gesellschaftliche Entwicklungsziel hei\u00dft: Freiheit. &#8222;Mit der Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gesellschaft ist die Warenproduktion beseitigt und damit die Herrschaft des Produkts \u00fcber den Produzenten.&#8220;, schreibt Engels in &#8222;Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft&#8220;. &#8222;Die Anarchie innerhalb der gesellschaftlichen Produktion wird ersetzt durch planm\u00e4\u00dfige bewu\u00dfte Organisation.&#8220; &#8222;In gewissem Sinne&#8220; erst damit verlasse der Mensch das Tierreich. Wie das? In &#8222;Anteil der Arbeit &#8230;&#8220; liest man: &#8222;Das Tier benutzt die \u00e4u\u00dfere Natur nur &#8230;; der Mensch macht sie &#8230; seinen Zwecken dienstbar, beherrscht sie. Und das ist der letzte, wesentliche Unterschied des Menschen von den \u00fcbrigen Tieren.&#8220; Was den Menschen vom Tier unterscheidet, ist in letzter Instanz die Freiheit, und die bisherige Menschengeschichte ist der Verwirklichungsproze\u00df der Freiheit, in dem sich der gesellschaftliche Mensch aus der \u00dcbermacht der Natur in zweifacher Hinsicht befreit: aus der Gewalt der &#8222;\u00e4u\u00dferen Natur&#8220; und aus der wie eine Naturgewalt wirkende Herrschaft der unverstandenen gesellschaftlichen Notwendigkeit.<\/p>\n<p>Der Mensch ist &#8211; Teil der Natur bleibend &#8211; aus der Natur heraus und ihr gegen\u00fcber getreten; in der Auseinandersetzung mit der Natur, in Arbeit und Produktion, hat sich sein gesellschaftliches Wesen entwickelt und haben sich &#8211; in der Geschichte der &#8222;Urgesellschaft&#8220; &#8211; eigene gesellschaftliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten herausgebildet. Im Verlauf der Geschichte begann der gesellschaftliche Mensch, neben nat\u00fcrlichen Prozessen auch die Bewegungsformen seiner eigenen Vergesellschaftung zu verstehen und hat endlich, mit dem wissenschaftlichen Werk von Marx und Engels und der Entfaltung der materialistischen Dialektik auch im Bereich der Natur-Gesellschaft-Dialektik und der gesellschaftlichen Entwicklung, die gro\u00dfen R\u00e4tsel im wesentlichen entschl\u00fcsselt. Freiheit hei\u00dft nicht, da\u00df die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, die wesentlichen und notwendigen Bewegungszusammenh\u00e4nge und Tendenzen, ihre G\u00fcltigkeit verlieren w\u00fcrden, sondern: mit zunehmender vern\u00fcnftiger Erkenntnis in Tateinheit mit der sich rapid beschleunigenden Entwicklung der materiellen Produktivkr\u00e4fte wird es m\u00f6glich, dann aber auch n\u00f6tig, die alten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse umzukehren: &#8222;Die Gesetze ihres eignen gesellschaftlichen Tuns, die ihnen bisher als fremde, sie beherrschende Naturgesetze gegen\u00fcberstanden, werden dann von den Menschen mit voller Sachkenntnis angewandt und damit beherrscht.&#8220; Fortschreitend lernen die Menschen, die Folgen ihres Tuns und die Folgen der Folgen zu bedenken und zu planen. Es ist ein harter und m\u00fchsamer, von Krisen und Katastrophen begleiteter Lernproze\u00df, auch hinsichtlich der dialektischen Einheit Natur-Gesellschaft; immer von neuem werden wir &#8222;daran erinnert, da\u00df wir keineswegs die Natur beherrschen, wie ein Eroberer ein fremdes Volk beherrscht&#8230; &#8211; sondern da\u00df wir mit Fleisch und Blut und Hirn ihr angeh\u00f6ren und mitten in ihr stehn, und da\u00df unsre ganze Herrschaft \u00fcber sie darin besteht, im Vorzug vor allen andern Gesch\u00f6pfen ihre Gesetze erkennen und richtig anwenden zu k\u00f6nnen&#8220;.<br \/>\nDie Einsicht allein reicht freilich nicht aus; unerl\u00e4\u00dflich ist &#8222;eine vollst\u00e4ndige Umw\u00e4lzung unsrer bisherigen Produktionsweise&#8230; &#8220; , &#8222;die Besitzergreifung der s\u00e4mtlichen Produktionsmittel durch die Gesellschaft&#8220;. &#8222;Diese weltbefreiende [weltbefreiende sagt Engels, nicht klassenbefreiende] Tat durchzuf\u00fchren, ist der geschichtliche Beruf des modernen Proletariats. Ihre geschichtlichen Bedingungen &#8230; zu ergr\u00fcnden und so der zur Aktion berufnen &#8230; Klasse die Bedingungen und die Natur ihrer eignen Aktion zum Bewu\u00dftsein zu bringen [nichts anderes hei\u00dft Klassenbewu\u00dftsein!], ist die Aufgabe des theoretischen Ausdrucks der proletarischen Bewegung, des wissenschaftlichen Sozialismus.&#8220;<\/p>\n<p>Der Macht des dunklen Schicksals nicht mehr ausgeliefert, wird der gesellschaftliche Mensch bewu\u00dftes t\u00e4tiges Subjekt seiner selbst. In Engels&#8216; Worten: &#8222;Die Menschen, endlich Herren ihrer eignen Art der Vergesellschaftung, werden damit zugleich Herren der Natur, Herren ihrer selbst &#8211; frei.&#8220; Freiheit und Kommunismus sind ein- und dasselbe. Das Instrument der Verwirklichung ist die Einheit von Theorie und Arbeiterbewegung.<\/p>\n<p>Die sozialistische Umw\u00e4lzung, wirkliche Bewegung der Freiheit und Bedingung ihrer Entfaltung, l\u00e4\u00dft \u00e4ltere Ideale und Utopien wirklich werden. Sie kann nicht durch Dogma oder Dekret zu jeder Zeit in Angriff genommen werden, sondern setzt ein hohes Entwicklungsniveau der gesellschaftlichen Produktivkr\u00e4fte voraus. Jetzt aber, sagt Engels vor 120 Jahren, jetzt ist es soweit. &#8222;Die M\u00f6glichkeit, vermittelst der gesellschaftlichen Produktion allen Gesellschaftsgliedern eine Existenz zu sichern, die nicht nur materiell vollkommen ausreichend ist&#8230;, sondern ihnen auch die vollst\u00e4ndige freie Ausbildung und Bet\u00e4tigung ihrer k\u00f6rperlichen und geistigen Anlagen garantiert, diese M\u00f6glichkeit ist jetzt zum ersten Male da&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p><b>III. &#8222;JETZT HABEN WIR DAS BEINAHE ERREICHT.&#8220;<\/b><br \/>\nMarx und Engels hatten die Kerngedanken der neuen wissenschaftlichen Weltanschauung und Geschichtsauffassung bereits skizziert, als sie 1847 in den &#8222;Bund der Gerechten&#8220; eintraten, dessen Herkunft \u00fcber die Vorg\u00e4nger-Organisation &#8222;Bund der Gleichen&#8220; bis in die Franz\u00f6sische Revolution hineinreicht. Mit dem Einverst\u00e4ndnis einiger gescheiter Mitglieder haben sie diesen Schritt &#8211; wie bei Kommunisten \u00fcblich &#8211; zu dem einzigen Zweck getan, den &#8222;Bund&#8220; zu unterwandern. Der Erfolg war gespenstisch. Nach kurzer Zeit hie\u00df der Bund &#8222;Bund der Kommunisten&#8220; und die Losung des Bundes nicht mehr &#8222;Alle Menschen sind Br\u00fcder&#8220;, sondern &#8222;Proletarier aller L\u00e4nder, vereinigt euch&#8220;, und die epochale Schrift aus dem Kopf und der Feder von Marx und Engels, die die neue Losung wissenschaftlich begr\u00fcndet und zu der Engels mit seinen &#8222;Grunds\u00e4tzen des Kommunismus&#8220; die unmittelbare Vorarbeit geleistet hatte, war unter dem Titel &#8222;Manifest der Kommunistischen Partei&#8220; das Programm der ebenso internationalen wie internationalistischen revolution\u00e4ren Organisation.<br \/>\nW\u00e4hrend der revolution\u00e4ren Ereignisse 1848 \/ 49 k\u00e4mpften die Mitglieder des &#8222;Bundes&#8220; mit dem Degen, mit dem Wort oder &#8211; wie Engels &#8211; mit beidem. Sie haben wertvolle Erfahrungen \u00fcber den wirklichen Stand der \u00f6konomischen, sozialen und politischen Verh\u00e4ltnisse in Deutschland und anderswo gewonnen. Nach der Niederlage galt es, die neuen Erfahrungen auszuwerten und die Lage sowie die nun angemessene Strategie und Taktik zu bedenken. Eine der wichtigsten Konsequenzen war die Direktive, da\u00df in einer n\u00e4chsten Revolution die Arbeiterpartei &#8222;m\u00f6glichst selbst\u00e4ndig auftreten mu\u00df, wenn sie nicht wieder wie 1848 von der Bourgeoisie exploitiert und ins Schlepptau genommen werden soll&#8220;.<\/p>\n<p>Der &#8222;Bund der Kommunisten&#8220; erholte sich zun\u00e4chst; Marx und Engels mu\u00dften sich aber bald gegen ein voluntaristisches und theoretisch wie politisch kurzatmiges &#8222;Weitermachen&#8220;, das aus dem Schmerz der Niederlage geboren wurde, zur Wehr setzen. Denn der politische Mut geht ins Leere, wenn politisches Handeln die realistische und wissenschaftliche Orientierung verl\u00e4\u00dft. Zus\u00e4tzlich zur Spaltung \u00fcber solche Auseinandersetzungen brach auch noch der Schlag des K\u00f6lner Kommunistenprozesses (1852) \u00fcber die Organisation herein, der die geschw\u00e4chten Reihen weiter ausd\u00fcnnte. Am Ende des Jahres 1852 l\u00f6ste sich, von Marx und Engels beantragt, der &#8222;Bund der Kommunisten&#8220; auf &#8211; was selbstverst\u00e4ndlich nicht bedeutete, kommmunistische Umtriebe jeglicher Art einzustellen.<\/p>\n<p>Anfang 1850 k\u00fcndigen Marx und Engels als die Hauptaufgabe ihres neuen Projekts, der &#8222;Neuen Rheinischen Zeitung. Politisch-\u00f6konomische Revue&#8220; an: &#8222;ein ausf\u00fchrliches und wissenschaftliches Eingehen auf die \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse, welche die Grundlage der ganzen politischen Bewegung bilden. Eine Zeit des scheinbaren Stillstandes, wie die jetzige, mu\u00df eben benutzt werden, um \u00fcber die durchlebte Periode der Revolution aufzukl\u00e4ren, \u00fcber den Charakter der ringenden Parteien, \u00fcber die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, welche das Dasein und den Kampf dieser Parteien bedingen.&#8220; . In dieser Revue gaben Marx und Engels 1850 zu bedenken, da\u00df in der nun angebrochenen &#8222;allgemeinen Prosperit\u00e4t&#8220; &#8222;von einer wirklichen Revolution keine Rede sein&#8220; k\u00f6nne. &#8222;Eine solche Revolution ist nur in den Perioden m\u00f6glich, wo diese beiden Faktoren, die modernen Produktivkr\u00e4fte und die b\u00fcrgerlichen Produktionsformen, miteinander in Widerspruch geraten&#8230; Eine neue Revolution ist nur m\u00f6glich im Gefolge einer neuen Krisis.&#8220; Und 1859 schreibt Engels r\u00fcckblickend (in der Rezension von Marx&#8216; &#8222;Zur Kritik der Politischen \u00d6konomie&#8220;): &#8222;Die Februarrevolution warf unsere Partei auf die politische B\u00fchne und machte ihr die Verfolgung rein wissenschaftlicher Zwecke damit unm\u00f6glich&#8230; Als nach der Niederlage der Revolution von 1848\/49 ein Zeitpunkt eintrat, wo die Einwirkung auf Deutschland, vom Auslande aus, mehr und mehr unm\u00f6glich wurde, \u00fcberlie\u00df unsre Partei das Feld des Emigrationsgez\u00e4nks &#8211; denn das blieb die einzig m\u00f6gliche Aktion &#8211; der vulg\u00e4ren Demokratie. W\u00e4hrend diese sich nach Herzenslust herumhetzte &#8230; war unsere Partei froh, wieder einige Ruhe zum Studieren zu finden. Sie hatte den gro\u00dfen Vorzug, eine neue wissenschaftliche Anschauung zur theoretischen Grundlage zu haben, deren Ausarbeitung ihr hinreichend zu tun gab. &#8211; Engels selbst schrieb beispielsweise 1850 im direkten, auch inhaltlichen Anschlu\u00df an die Revolutionsjahre den &#8222;deutschen Bauernkrieg&#8220;.<\/p>\n<p>1885 &#8211; Marx war 1883 gestorben &#8211; hat Engels den gro\u00dfen Zeitbogen von der Mitte des Jahrhunderts bis zu der Zeit, in der das &#8222;Sozialistengesetz&#8220; anzeigte, wie es mit den deutschen Verh\u00e4ltnisse bestellt war, in einer meisterhaften Verdichtung aufs Wesentliche selbst zusammengefa\u00dft &#8211; auf einer Druckseite, woraus als Probe: &#8222;Zwischen damals und jetzt liegt ein Menschenalter. Damals war Deutschland ein Land des Handwerks und der auf Handarbeit beruhenden Hausindustrie; jetzt ist es ein noch in fortw\u00e4hrender industrieller Umw\u00e4lzung begriffnes gro\u00dfes Industrieland. Damals mu\u00dfte man die Arbeiter einzeln zusammensuchen, die Verst\u00e4ndnis hatten f\u00fcr ihre Lage als Arbeiter und ihren geschichtlich-\u00f6konomischen Gegensatz gegen das Kapital, weil dieser Gegensatz selbst erst im Entstehen begriffen war&#8230; Bismarck ist Schiedsrichter in Europa&#8230;; aber drinnen w\u00e4chst t\u00e4glich drohender jene Athletengestalt des deutschen Proletariats empor, die Marx schon 1844 vorhersah&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Noch einmal acht Jahre sp\u00e4ter &#8211; sowohl die Industrie als auch die Arbeiterbewegung waren noch m\u00e4chtiger geworden, das Sozialistengesetz war beil\u00e4ufige Vergangenheit &#8211; blickte der 73j\u00e4hrige in einem Brief an einen englischen Freund auf die Geschichte der Freiheit, und er sah: &#8222;Jetzt haben wir das beinahe erreicht.&#8220; Schon zwei Jahre vorher, ging er davon aus, da\u00df dem &#8222;sozialistischen Deutschland&#8220; &#8222;die Zukunft, die nahe Zukunft &#8230; geh\u00f6rt&#8220; , und zwar unter allen erkennbar m\u00f6glichen Umst\u00e4nden: &#8222;Der Friede sichert den Sieg der deutschen Sozialdemokratischen Partei in ungef\u00e4hr zehn Jahren. Der Krieg bringt ihr entweder den Sieg in zwei bis drei Jahren oder vollst\u00e4ndigen Ruin, wenigstens auf f\u00fcnfzehn bis zwanzig Jahre.&#8220; (256)<\/p>\n<p>1895, kurz vor seinem Tod, res\u00fcmierte Engels in der Einleitung zur Neuauflage von Marx&#8216; &#8222;Die Klassenk\u00e4mpfe in Frankreich 1848-1850&#8220; die Bew\u00e4hrung der materialistisch-dialektischen Geschichtsschreibung und die Revolutionsgeschichte seit der 48er-Revolution &#8211; &#8222;eine einzige lange und wechselvolle Revolutionsperiode&#8220; (514); er analysiert eigene Irrt\u00fcmer und die sich rasant ver\u00e4ndernden Bedingungen des Kampfes und der realen M\u00f6glichkeit der proletarischen Revolution &#8211; nicht zuletzt auch die hinsichtlich Technik und Taktik neuen Formen und Instrumente des milit\u00e4rischen Faktors: &#8222;Haben sich die Bedingungen ge\u00e4ndert f\u00fcr den V\u00f6lkerkrieg, so nicht minder f\u00fcr den Klassenkampf.&#8220; (523) Und: Welche Folgen schlie\u00dft der Sachverhalt ein, da\u00df &#8222;die totale Umw\u00e4lzung des gesamten Kriegswesens &#8230; jeden anderen Krieg unm\u00f6glich machte als einen Weltkrieg von unerh\u00f6rter Greuelhaftigkeit und von absolut unberechenbarem Ausgang&#8220; (518)?<\/p>\n<p>Der Text hinterl\u00e4\u00dft uns ein in mehrerer Hinsicht schwieriges Verm\u00e4chtnis. Die nachdenkliche und kritische Lekt\u00fcre wirft uns mitten hinein in die gro\u00dfe Problemlage und konzeptionell-strategische Verlegenheit des revolution\u00e4ren Sozialismus unserer Zeit. Wie ist der notwendige \u00dcbergang zum Sozialismus unter den heutigen Bedingungen m\u00f6glich?<\/p>\n<p>Engels r\u00fchmt die F\u00e4higkeit der Arbeiter in Deutschland, in der Komplexit\u00e4t der revolution\u00e4ren Strategie das allgemeine Stimmrecht aus einem betr\u00fcgerischen Instrument der Bourgeoisie zu ihrem gro\u00dfen Kampfinstrument umfunktioniert zu haben, das von der Reaktion wie kein anderes gef\u00fcrchtet werde. Er wehrt sich aber heftig &#8211; in Briefen an Kautsky und vor allem an Lafargue &#8211; gegen Versuche, ihn unter Berufung auf dieses Pl\u00e4doyer, noch dazu, indem einige Passagen unterdr\u00fcckt wurden, zu einem generellen Pazifisten machen zu wollen. Das &#8222;Recht auf Revolution&#8220; (524) ist unanfechtbar. &#8211; Und dennoch scheinen die revolution\u00e4re Ungeduld und das &#8222;Jetzt haben wir das beinahe erreicht&#8220; untergr\u00fcndig mit ihm durchzugehen. &#8222;Die zwei Millionen W\u00e4hler, die sie [die deutsche Sozialdemokratie] an die Urnen schickt, nebst den jungen M\u00e4nnern und den Frauen, die als Nichtw\u00e4hler hinter ihnen stehen, bilden die zahlreichste, kompakteste Masse, den entscheidenden &#8218;Gewalthaufen&#8216; der internationalen proletarischen Armee&#8230; Eine Partei, die nach Millionen z\u00e4hlt, aus der Welt zu schie\u00dfen, dazu reichen alle Magazingewehre von Europa und Amerika nicht hin.&#8220; 39 Es ist leider wahr, da\u00df Engels dabei im \u00dcberschwang der Begeisterung unversehens in die Sprache des Automatismus (wonach der Sozialismus, wenn es so weiter geht, von alleine kommt) gleitet, wenn er die verh\u00e4ngnisvollen Worte &#8222;spontan&#8220; und &#8222;von selbst&#8220; einf\u00fchrt. (524 f.)<\/p>\n<p>Den illusion\u00e4ren Klang h\u00f6rt er wohl auch, und er korrigiert sofort &#8211; etwa im Blick auf den genannten Schie\u00df-Fall: &#8222;Aber die normale Entwicklung w\u00e4re gehemmt, der Gewalthaufen w\u00e4re vielleicht im kritischen Moment nicht verf\u00fcgbar, die Entscheidung w\u00fcrde versp\u00e4tet, verl\u00e4ngert und mit schweren Opfern verkn\u00fcpft.&#8220; (525) Jedenfalls: Gegenw\u00e4rtig, sagt Engels, wirkt paradoxerweise die Gesetzlichkeit, die Legalit\u00e4t, derart hartn\u00e4ckig aufseiten der revolution\u00e4ren Sozialdemokratie, da\u00df die Verfechter der bestehenden &#8222;Ordnung&#8220; &#8222;dem sozialdemokratischen Umsturz&#8220; &#8222;nur beikommen durch den ordnungsparteilichen Umsturz, der nicht leben kann, ohne da\u00df er Gesetze bricht&#8230; Bruch der Verfassung, Diktatur&#8230;&#8220; (525 f.) In der Tat. Engels hat hier pr\u00e4zise ein wesentliches Motiv und Moment des k\u00fcnftigen Faschismus benannt. &#8211;<\/p>\n<p>Die treffendste und lebendigste Erinnerung seines aktiven Lebens ist Engels selbst gelungen &#8211; in dem schon erw\u00e4hnten Brief aus London an einen befreundeten Geologen vom 11. April 1893. 40 Es ist einer der gro\u00dfartigsten Briefe der Weltgeschichte &#8211; im genauen und qualifizierten Sinne der Weltgeschichte:<br \/>\n&#8222;Ich freue mich, da\u00df Ihnen Ihr Leben als Landmesser so erstaunlich zusagt&#8230; Ich w\u00fcrde auch eine kurze Zeit daran Gefallen finden, aber nur f\u00fcr eine kurze Zeit. Auf die Dauer k\u00f6nnte ich es nicht ohne die Bewegung einer gro\u00dfen Stadt aushalten. Ich habe immer in gro\u00dfen St\u00e4dten gelebt. Die Natur ist gro\u00dfartig, und als Abwechslung von der Bewegung der Geschichte bin ich immer gern zu ihr zur\u00fcckgekehrt, aber die Geschichte scheint mir doch gro\u00dfartiger als die Natur. Die Natur hat Millionen Jahre gebraucht, um bewu\u00dfte Lebewesen hervorzubringen, und nun brauchen diese bewu\u00dften Lebewesen Tausende von Jahren, um bewu\u00dft zusammen zu handeln; bewu\u00dft nicht nur ihrer Handlungen als Individuen, sondern auch ihrer Handlungen als Masse; zusammen handelnd und gemeinsam ein im voraus gewolltes gemeinsames Ziel verfolgend. Jetzt haben wir das beinahe erreicht. Und diesen Proze\u00df zu beobachten, diese sich n\u00e4hernde Herausbildung von etwas in der Geschichte unserer Erde noch nie Dagewesenem, scheint mir ein Schauspiel, das des Betrachtens wert ist, und w\u00e4hrend meines ganzen vergangenen Lebens konnte ich die Augen nicht davon wenden. Aber es ist erm\u00fcdend, besonders wenn man glaubt, da\u00df man berufen ist, an diesem Proze\u00df mitzuwirken; und dann erweist sich das Studium der Natur als gro\u00dfe Erleichterung und als Heilmittel. Denn schlie\u00dflich sind Natur und Geschichte die beiden Komponenten, durch die wir leben, weben und sind.<br \/>\nHerzliche Gr\u00fc\u00dfe von allen Freunden hier.<br \/>\nImmer Ihr Friedrich Engels.&#8220;<\/p>\n<p><i>524 f.. Vgl. MEW 8, 592<br \/>\nMEW 39, 63<\/i><\/p>\n<hr \/>\n<p>Dieser Beitrag geh\u00f6rt thematisch zum <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=733\">FREIDENKER-Heft 4-2010<\/a>, konnte dort aber aus Platzgr\u00fcnden nicht ver\u00f6ffentlicht werden<\/p>\n<hr \/>\n<p>BILD: www.pixabay.com\/ omeloc \/ Oscar fernando Melo Cruz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Dr. Wolf Dieter Gudopp-von Behm, thematisch geh\u00f6rend zu FREIDENKER 4-10<\/strong><br \/>\nUnser Jubilar, er ist der wahre Friedrich der Gro\u00dfe, lebte in der Zeit einer Epochenschwelle. Das ist ein Zufall. Da\u00df er &#8211; dieser Friedrich Engels &#8211; aus dem gespannten und daher spannenden und M\u00f6glichkeits-prallen Sachverhalt f\u00fcr den Fortschritt der Geschichte und zugleich f\u00fcr sich etwas gemacht hat, das ist kein Zufall: es ist das Ergebnis vern\u00fcnftiger Bewu\u00dftheit und bewu\u00dften Tuns, ist Arbeit und Bildung, Begreifen und Eingreifen.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":294,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-291","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weltanschauung-philosophie"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Engels.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-4H","jetpack-related-posts":[{"id":22222,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22222","url_meta":{"origin":291,"position":0},"title":"Merz-Rede: Der (Alb-)Traum von Deutschland als Milit\u00e4rmacht ist zur\u00fcck","author":"Webredaktion","date":"26. 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