{"id":2823,"date":"2017-12-16T18:36:30","date_gmt":"2017-12-16T17:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/?p=2823"},"modified":"2018-02-16T11:04:21","modified_gmt":"2018-02-16T10:04:21","slug":"das-dekret-ueber-den-frieden-grundlinie-sowjetischer-friedenspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=2823","title":{"rendered":"Das Dekret \u00fcber den Frieden \u2013 Grundlinie sowjetischer Friedenspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=1094\">\u201eFREIDENKER\u201c Nr. 4-17<\/a>, Dezember 2017, S. 33-41, 76. Jahrgang<\/p>\n<p>von <em><strong>Marianne Linke<br \/>\n<\/strong><\/em><\/p>\n<pre>Rede f\u00fcr die Wissenschaftliche Konferenz \"100 Jahre Oktoberrevolution - 100 Jahre Dekret \u00fcber den Frieden\" des Deutschen Freidenker-Verbandes am 30.09.2017 in Berlin (wurde krankheitsbedingt dort nicht gehalten)<\/pre>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Vor 100 Jahren, im Oktober 1917, war von der Kriegsbegeisterung und dem Hurra-Patriotismus, mit dem 1914 in den Staaten Europas Millionen und Abermillionen Soldaten in den bis dahin m\u00f6rderischsten Krieg aller Zeiten geschickt wurden, nichts mehr \u00fcbrig geblieben.<\/p>\n<p>Am sch\u00e4rfsten hatten sich die Ablehnung des Krieges und das Dr\u00e4ngen auf einen sofortigen Friedensschluss in Russland zugespitzt. Von den mehr als 10 Millionen Soldaten waren im Oktober 1917 bereits weit \u00fcber zwei Millionen auf eigene Faust desertiert. Die von der Kerenski-Regierung befohlene und von den Menschewiki und den Sozialrevolution\u00e4ren unterst\u00fctzte Fortsetzung des Krieges befeuerte die Antikriegsstimmung in Armee, Flotte und Hinterland.<\/p>\n<p>Am 18. Oktober 1917 berichtete der von der Provisorischen Regierung an die Front entsandte Kriegskommissar Grodski<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a>:<\/p>\n<p>\u201eDie Stimmung ist \u00e4u\u00dferst nerv\u00f6s, versch\u00e4rft sich mit jeder Stunde und n\u00e4hert sich einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Gehorsamsverweigerung, &#8230; In den Massen wird gesagt, wenn der Friede nicht in den n\u00e4chsten Tagen geschlossen wird, verlassen wir die Front. \u00dcber das Verlassen der Front sind die hartn\u00e4ckigsten Ger\u00fcchte im Umlauf.\u201c<\/p>\n<p>Im Wochenbericht des Kriegskommissars der Westfront vom 22. Oktober 1917 hie\u00df es<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a>: \u201eIn der Armee w\u00e4chst die nerv\u00f6se Stimmung von Tag zu Tag, die Verletzungen der Disziplin greifen auf neue Truppenteile \u00fcber. Die Propaganda der Bolschewiki gewinnt die Oberhand und hat Erfolg. &#8230; Das Vertrauen zu den Komitees (im Ergebnis der Februarrevolution entstanden und die Regierungslinie vertretend, d. V.) sinkt, man lehnt es ab auf sie zu h\u00f6ren \u2013 sie werden fortgejagt und verpr\u00fcgelt.<\/p>\n<p>Der Hass gegen die Offiziere w\u00e4chst infolge der weit verbreiteten \u00dcberzeugung, dass die Offiziere den Krieg in die L\u00e4nge ziehen. &#8230; Die Stimmung der Komitees, der Offiziere und Vorgesetzten, die durch die massenhaften spontanen Disziplinbr\u00fcche niedergedr\u00fcckt sind, ist eine panische. Sie lassen die H\u00e4nde sinken. Der Zerfall erreicht seine \u00e4u\u00dferste Grenze.\u201c<\/p>\n<p>Noch pessimistischer klang die Lageeinsch\u00e4tzung aus dem Kriegskommissariat der Nordfront<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a>: \u201eIch bin moralisch verpflichtet, zu berichten \u2013 und kann das nicht verschweigen \u2013 dass furchtbare Ereignisse herannahen, und was sie dem Land und der Revolution bringen werden, muss jedem klar sein, der sich nicht f\u00fcrchtet der Wahrheit in die Augen zu sehen. Heute haben wir fast keine Armee mehr, morgen wird es \u00fcberhaupt keine mehr geben.\u201c<\/p>\n<p>Am 24. und 25. Oktober 1917 fegten in Petrograd die von den Bolschewiki gef\u00fchrten Arbeiter- und Soldatenr\u00e4te die Kerenski- Regierung hinweg. Die Macht wurde dem Allrussischen R\u00e4tekongress der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Am 26. Oktober 1917 \u2013 inmitten dieses furchtbaren, vom imperialistischen Deutschland ausgel\u00f6sten Krieges \u2013 sind die Bolschewiki mit einem Programm in die Weltgeschichte eingetreten, das bis heute f\u00fcr alle sozialen Bewegungen von ungeheurer Aktualit\u00e4t ist: Mit dem <strong>\u201eDekret \u00fcber den Frieden\u201c<\/strong><a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> und dem <strong>\u201eDekret \u00fcber den Boden\u201c<\/strong><a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a>, welches die sofortige und <em>entsch\u00e4digungslose <\/em><strong>Enteignung<\/strong> <em>allen Landbesitzes des Zaren, der Gro\u00dfgrundbesitzer und der Kirchen vorsah.<\/em><\/p>\n<p>Bereits zu Beginn des Jahrhunderts wurde in den europ\u00e4ischen sozialdemokratischen Parteien die Gefahr eines von Deutschland ausgehenden imperialistischen Raub- und Eroberungskrieges zur Neuaufteilung der Welt vorausgesehen und m\u00f6gliche Strategien zu seiner Verhinderung diskutiert. Lange herrschten in dieser zentralen Frage unter den sozialdemokratischen Parteien Europas eine einheitliche Auffassung und der Wille, alle Kr\u00e4fte in der Gesellschaft \u2013 vor allem der Arbeiterschaft &#8211; zu mobilisieren, um einen solchen Krieg zu verhindern. Die Beschl\u00fcsse auf dem Baseler Friedenskongress der II. Sozialistischen Internationale 1912 waren vollkommen in diesem Sinne gefasst.<\/p>\n<p>Noch am Vorabend des Ersten Weltkrieges folgten mehr als eine halbe Million Menschen dem Aufruf des SPD-Parteivorstandes zu einer machtvollen Demonstration gegen die Kriegsvorbereitungen. Die SPD war aus der Reichstagswahl 1912 als st\u00e4rkste Kraft hervorgegangen und wurde im Bunde mit den deutschen Gewerkschaften von den Herrschenden im Kaiserreich als die starke Antikriegskraft schlechthin gef\u00fcrchtet.<\/p>\n<p>Dennoch: Mit demagogischem Antizarismus gelang es der kaiserlichen Regierung im Sommer 1914 rechte Sozialdemokraten in den F\u00fchrungsgremien zu korrumpieren und \u00fcber diese die internationalistische Grundhaltung der sozialdemokratischen Anh\u00e4ngerschaft in eine patriotisch-nationalistische Stimmung gegen Russland zu wandeln und f\u00fcr den Eintritt in den Krieg zu mobilisieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Antikriegsopposition<\/h5>\n<p>Linke Sozialdemokraten Europas trafen sich w\u00e4hrend des Krieges, um zu beraten, wie der Krieg schnellstm\u00f6glich beendet werden k\u00f6nnte. Mit dem \u201eZimmerwalder Manifest\u201c<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> wandten sie sich 1915 an die Proletarier Europas und brandmarkten den Krieg als \u201edie Folge des Imperialismus, des Strebens der kapitalistischen Klasse jeder Nation, ihre Profitgier durch die Ausbeutung der menschlichen Arbeit und der Natursch\u00e4tze des ganzen Erdballs zu n\u00e4hren\u201c.<\/p>\n<p>Auch wurde beraten, welche Entwicklung die L\u00e4nder nach Beendigung des Krieges unter F\u00fchrung ihrer Parteien nehmen sollten. Lenin und Trotzki waren der Auffassung, dieser Krieg m\u00fcsse zum Ende des imperialistischen Herrschaftssystems f\u00fchren, um Kriege f\u00fcr alle Zeiten auszuschlie\u00dfen. Eine Auffassung, die unter den Teilnehmern der Zusammenkunft nicht mehrheitsf\u00e4hig war. Die meisten Anwesenden der Zimmerwalder Konferenz wollten allein f\u00fcr einen Friedensschluss k\u00e4mpfen und sahen die nahe Zukunft in einer b\u00fcrgerlich-demokratischen Entwicklung.<\/p>\n<p>F\u00fcr Lenin, Trotzki und die Bolschewiki blieb die Aufgabe, Frieden zu erlangen eng mit einer grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft verbunden, deren wesentlicher Kern die Beseitigung des Privateigentums an den Produktionsmitteln bildete.<\/p>\n<p>Dieses Ziel haben die Bolschewiki nach der Macht\u00fcbernahme im Oktober 1917 konsequent umgesetzt.<\/p>\n<p>Innenpolitisch war 1917 ihre Antwort klar und eindeutig: Ohne Enteignung der am Kriege verdienenden und folglich an diesem interessierten Gro\u00dfgrundbesitzer, Kirchen und industriellen Gro\u00dfunternehmer wird es dauerhaft keinen Frieden geben, wird es f\u00fcr die Lebenslage der armen, \u00fcberwiegend ungebildeten Bev\u00f6lkerung keine Ver\u00e4nderung ihrer Lebensbedingungen geben.<\/p>\n<p>Au\u00dfenpolitisch folgerten sie daraus \u2013 alles zu unternehmen, um aus dem r\u00e4uberischen, imperialistischen Ersten Weltkrieg auszuscheiden, somit Kraft f\u00fcr den Aufbau des eigenen Staates zu gewinnen und im Interesse der Arbeiter und Bauern die Ergebnisse der Revolution zu sichern.<\/p>\n<p>Im \u201eDekret \u00fcber den Frieden\u201c sind die \u00fcber Jahre von den Bolschewiki und Lenin entwickelten Vorstellungen \u00fcber ein friedliches, gerechtes, demokratisches Zusammenleben aller V\u00f6lker ohne Krieg formuliert.<\/p>\n<p>Diese fr\u00fchen \u00dcberlegungen bildeten die Grundlinie, die sich durch die gesamte Au\u00dfenpolitik der am 30.12.1922 gegr\u00fcndeten und am 26.12.1991 aufgel\u00f6sten UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) zieht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Geburtsurkunde einer revolution\u00e4ren neuen Au\u00dfenpolitik<\/h5>\n<p>Mit dem \u201eDekret \u00fcber den Frieden\u201c wandte sich das revolution\u00e4re Russland an die V\u00f6lker und Regierungen aller Krieg f\u00fchrenden L\u00e4nder mit den Forderungen nach sofortigem Waffenstillstand, unverz\u00fcglicher Aufnahme von Verhandlungen \u00fcber einen allgemeinen, gerechten, demokratischen Frieden ohne Annexionen und Kontributionen, zur Offenlegung und Aufk\u00fcndigung aller Geheimvertr\u00e4ge und zur Durchsetzung eines friedlichen, gleichberechtigten Zusammenlebens aller V\u00f6lker auf der Basis von Selbstbestimmung und Achtung der Souver\u00e4nit\u00e4t ihrer selbst gew\u00e4hlten Staatsformen und Regierungen. Aus dem Text sei hierzu ein zentraler Satz zitiert:<\/p>\n<p>\u201eDiesen Krieg fortzusetzen, um die Frage zu entscheiden, wie die starken und reichen Nationen die von ihnen annektierten schwachen V\u00f6lkerschaften unter sich aufteilen sollen, h\u00e4lt die Regierung f\u00fcr das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen an der Menschheit und sie verk\u00fcndet feierlich ihre Entschlossenheit, unverz\u00fcglich Friedensbedingungen zu unterzeichnen, die diesem Krieg unter den oben genannten, f\u00fcr ausnahmslos alle V\u00f6lkerschaften gleich gerechten Voraussetzungen ein Ende machen.\u201c<\/p>\n<p>Zur Umsetzung dieser Absicht wurde im Dekret ein sofortiger Waffenstillstand sowie Verhandlungen \u00fcber einen \u201egerechten, demokratischen Frieden &#8230;. ohne Annexionen und Kontributionen\u201c vorgeschlagen. Damit ein solcher Frieden f\u00fcr alle kriegsbeteiligten V\u00f6lker tats\u00e4chlich gerecht und demokratisch sein kann, verkn\u00fcpfte das Dekret diesen Frieden mit dem Selbstbestimmungsrecht der V\u00f6lker und Nationen bis hin zum Recht auf Lostrennung und ihrem Recht \u201e&#8230;in freier Abstimmung \u00fcber die Formen ihrer staatlichen Existenz &#8230;\u201c zu entscheiden.<\/p>\n<p>Auch in anderer Hinsicht ist das Dekret die Geburtsurkunde einer revolution\u00e4ren neuen Au\u00dfenpolitik, die f\u00fcr die Sowjetunion charakteristisch wurde. Neben der Aufk\u00fcndigung der Geheimdiplomatie bestand diese in einer Hinwendung nicht nur an die Regierungen, sondern direkt an die V\u00f6lker und hier wiederum vor allem an die klassenbewussten Arbeiter. Im letzten Absatz<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a> des \u201eDekrets \u00fcber den Frieden\u201c wird das so formuliert:<\/p>\n<p>\u201eDie Provisorische Arbeiter- und Bauernregierung Russlands, die dieses Friedensangebot an die Regierungen und an die V\u00f6lker aller Krieg f\u00fchrenden L\u00e4nder richtet, wendet sich gleichzeitig insbesondere an die klassenbe-wussten Arbeiter der drei fortgeschrittensten Nationen der Menschheit und der gr\u00f6\u00dften am gegenw\u00e4rtigen Krieg beteiligten Staaten: Englands, Frankreichs und Deutschlands. Die Arbeiter dieser L\u00e4nder haben der Sache des Fortschritts und des Sozialismus die gr\u00f6\u00dften Dienste erwiesen in den gro\u00dfen Vorbildern der Chartistenbewegung in England, in den Revolutionen von weltgeschichtlicher Bedeutung, die das franz\u00f6sische Proletariat vollbracht hat, und schlie\u00dflich im heroischen Kampf gegen das Sozialistengesetz sowie in der f\u00fcr die Arbeiter der ganzen Welt musterg\u00fcltigen langwierigen und beharr-lichen disziplinierten Arbeit zur Schaffung proletarischer Massenorganisati-onen in Deutschland. Alle diese Vorbilder proletarischen Heldentums und geschichtlicher Sch\u00f6pferkraft sind f\u00fcr uns eine B\u00fcrgschaft, dass die Arbeiter der genannten L\u00e4nder die ihnen jetzt gestellte Aufgabe, die Menschheit von den Schrecken des Krieges und seinen Folgen zu befreien, erkennen werden, dass diese Arbeiter uns durch ihre allseitige, entschiedene, r\u00fcckhaltlos energische T\u00e4tigkeit helfen werden, die Sache des Friedens und zugleich damit die Sache der Befreiung der werkt\u00e4tigen und ausgebeuteten Volksmassen von jeder Sklaverei und jeder Ausbeutung erfolgreich zu Ende zu f\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p>Eine direkte Reaktion der Westm\u00e4chte auf diesen Aufruf gab es nicht, und auch das westeurop\u00e4ische Proletariat war im Winter 1917 nicht in der Lage, dem russischen Proletariat zu folgen.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Machteroberung ergriffen die Bolschewiki deshalb erneut die Initiative. Unter Leitung von Trotzki wurden mit den Mittelm\u00e4chten Deutschland und \u00d6sterreich\u2013Ungarn Verhandlungen \u00fcber einen Waffenstillstand, aufgenommen.<\/p>\n<p>Trotz dieser laufenden Verhandlungen wurde von Deutschland der Krieg als brutaler Interventionskrieg fortgesetzt. Daneben mussten die Bolschewiki in Sowjetrussland \u00e4hnliche Erfahrungen machen, wie diese bereits aus anderen historischen revolution\u00e4ren Erhebungen bekannt waren. Erinnert sei an die Reformation in deren Folge der Bauernkrieg und der drei\u00dfigj\u00e4hrige Krieg Mitteleuropa fast unbewohnbar machten. Erinnert sei auch an die Franz\u00f6sisch-b\u00fcrgerliche Revolution und deren nachfolgende Kriege. Erinnert sei aber auch an die Pariser Kommune und das Schicksal der Kommunarden.<\/p>\n<p>Schnell sammelten sich nach dem Oktober 1917 die konterrevolution\u00e4ren Kr\u00e4fte (unter anderem in Sibirien unter Leitung von Admiral Koltschak, im Ostseeraum unter F\u00fchrung von General Denikin, unterst\u00fctzt durch Gro\u00dfbritannien, Frankreich, die USA) und verwickelten das junge Sowjetrussland in einen verbissen gef\u00fchrten B\u00fcrgerkrieg zwecks R\u00fcckeroberung der politischen und wirtschaftlichen Macht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Intervention als Antwort<\/h5>\n<p>Diese Erfahrungen lehrten die Bolschewiki sehr fr\u00fchzeitig, dass der unbedingte Friedenswille der Sowjetmacht und der Aufbau eines eigenen Staates unabdingbar der milit\u00e4rischen Sicherung bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Aus dieser Gesamsituation \u2013 Interventionskrieg, B\u00fcrgerkrieg, eine stark zerr\u00fcttete wirtschaftliche Lage Russlands und daneben einem unb\u00e4ndigen Willen der Arbeiter und Bauern nach Frieden \u2013 erkl\u00e4rt sich, dass die Bolschewiki in den Verhandlungen mit Deutschland zu gro\u00dfen politischen Zugest\u00e4ndnissen bereit waren und Lenin den Abschluss des Friedensvertrages von Brest-Litovsk, der zu Recht als Raubfrieden charakterisiert wurde, gegen alle Widerst\u00e4nde durchsetzte.<\/p>\n<p>Gab es eine sp\u00fcrbare Reaktion der internationalen Arbeiterklasse auf den Aufruf der Bolschewiki? Rosa Luxemburg<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a> w\u00fcrdigte das Friedensdekret und die entschlossenen Ma\u00dfnahmen der Oktoberrevolution:<\/p>\n<p>\u201e&#8230;dass die Bolschewiki ihre Politik g\u00e4nzlich auf die Weltrevolution des Proletariars stellten, ist gerade das gl\u00e4nzendste Zeugnis ihres politischen Weitblicks und ihrer grunds\u00e4tzlichen Festigkeit, des k\u00fchnen Wurfs ihrer Politik&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Rosa Luxemburg kommentierte 1918 \u2013 vom Gef\u00e4ngnis aus \u2013 in der ihr eigenen analytischen Sch\u00e4rfe die russische Revolution:<\/p>\n<p>\u201eAlles, was in Russland vorgeht, ist begreiflich und eine unvermeidliche Kette von Ursachen und Wirkungen, deren Ausgangspunkte und Schlu\u00dfsteine: das Versagen des deutschen Proletariats und die Okkupation Russlands durch den deutschen Imperialismus&#8230;<\/p>\n<p>&#8230;.M\u00f6gen die deutschen Regierungssozialisten schreien, die Herrschaft der Bolschewiki in Russland sei ein Zerrbild der Diktatur des Proletariats. Wenn sie es war oder ist, so nur, weil sie eben Produkt der Haltung des deutschen Proletariats war, die ein Zerrbild auf sozialistischen Klassenkampf war&#8230;.\u201c<\/p>\n<p>Sowjetrussland blieb als Staat nach 1917 f\u00fcr lange Zeit auf sich allein gestellt. 1920, bei der Gr\u00fcndung des V\u00f6lkerbundes \u2013 einer Organisation, die sich im Ergebnis des Ersten Weltkrieges und mit Inkrafttreten des Versailler Vertrages zur Sicherung des Friedens und zur St\u00e4rkung der wirtschaftlichen wie kulturellen Zusammenarbeit der Staaten etabliert hatte, war Sowjetrussland nicht Mitglied in diesem Gremium.<\/p>\n<p>Seine Aufnahme scheiterte unter anderem daran, dass die anderen Staaten Zweifel hegten, ob dieses sowjetische Staatengebilde \u00fcberhaupt von Dauer sein werde<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a>. Insofern war es naheliegend, dass die junge Sowjetmacht auf bilateralem Wege versuchte, internationale Anerkennung zu erlangen, aus der Isolation herauszukommen und auf diese Weise zur Stabilisierung des Friedens beizutragen.<\/p>\n<p>Der erste internationale Durchbruch gelang mit dem am 16. April 1922 in Italien abgeschlossenen Rapollo-Vertrag zwischen Sowjetrussland und Deutschland, mit dem zugleich der Verzicht einer deutschen Beteiligung an internationalen, gegen Sowjetrussland gerichteten B\u00fcndnissen entgegegen gewirkt wurde.<\/p>\n<p>Sowjetrussland nahm im Interesse einer aktiven Friedenspolitik auch als Nichtmitglied an den Konferenzen des V\u00f6lkerbundes zu Frieden und Abr\u00fcstung teil. 1925 hatte der V\u00f6lkerbund beschlossen, eine Internationale Konferenz zur Herabsetzung und Begrenzung der R\u00fcstung in Genf durchzuf\u00fchren. Auf einer der Vorbereitungstagungen trug der Stellvertretende Volkskommissar f\u00fcr Ausw\u00e4rtige Angelegenheiten, Maxim Maximovitsch Litwinow, im Namen der Delegation der UdSSR am 30. November 1927 weit reichende Vorschl\u00e4ge zur Abschaffung aller Waffensysteme vor. In dem Vorschlagskatalog hei\u00dft es u. a.<\/p>\n<p>\u201e&#8230;Die Delegation der UdSSR ist von ihrer Regierung erm\u00e4chtigt,\u00a0 die vollkommene Abschaffung aller Land-, See- und Luftstreitkr\u00e4fte vorzuschlagen.\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\">[10]<\/a><\/p>\n<p>Hierzu legte Litwinow einen ausf\u00fchrlichen Ma\u00dfnahmeplan vor, der darin gipfelte, dass die nationalen Geldmittel, die durch den Wegfall der Milit\u00e4rbudgets frei werden, von jeder Regierung nach ihrem eigenen Ermessen \u2013 allerdings ausschlie\u00dflich f\u00fcr produktive oder kulturelle Zwecke \u2013 verwendet werden sollten.<\/p>\n<p>Diese Linie wurde in der Folgezeit st\u00e4ndig weiterentwickelt und auch auf der Genfer Abr\u00fcstungskonferenz 1932 vetreten. Litwinow<a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a> f\u00fchrte hier aus:<\/p>\n<p>\u201e&#8230; Die Grundlagen der gegenw\u00e4rtigen Konferenz wurden aus Anlass des Weltkrieges, der ebenfalls sowohl durch seine Dimension als durch seine Folgen nicht seinesgleichen hatte, errichtet. Es war zum erstenmal in der Geschichte, dass die V\u00f6lker in Millionenarmeen auf die Schlachtfelder geworfen wurden; in einigen L\u00e4ndern nahm fast die gesamte m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung teil, und dies mit einer von den vorhergehenden Kriegen ganz verschiedenen Verteilung der Klassenkr\u00e4fte sowie der politischen und sozialen Faktoren&#8230;.<\/p>\n<p>&#8230;.und doch, nach diesem \u201eletzten aller Kriege&#8220; ist die ganze Geschichte der internationalen Beziehungen durch ein unaufh\u00f6rliches und systematisches Wachsen der R\u00fcstungen aller L\u00e4nder und durch ein gigantisches Anwachsen der Last des Militarismus gekennzeichnet&#8230;.<\/p>\n<p>&#8230;Die Sowjetdelegation ist der Meinung, dass man diesen Forderungen [nach Frieden] nicht durch Stabilisierung oder durch unbedeutende Herabsetzung der R\u00fcstungen oder Heeresbudgets gerecht werden kann. Man mu\u00df ein Mittel finden, mit dem Krieg Schluss zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Litwinow legte sehr ausf\u00fchrlich dar, warum die Sowjetunion nun schon seit \u00fcber einem Jahrzehnt in der vollst\u00e4ndigen und allgemeinen Abr\u00fcstung das alleinige Mittel zur Abschaffung von Kriegen sieht und als bedeutenden Schritt hierzu den Abschluss internationaler Vertr\u00e4ge und Abkommen f\u00fcr den Frieden und gegenseitige Nichtangriffspakte w\u00fcrdigt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Keine B\u00fcndnisbereitschaft gegen faschistische Bedrohung<\/h5>\n<p>Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges nahm die Sowjetunion Verhandlungen mit Frankreich, Gro\u00dfbritannien und Polen auf, mit dem Ziel des Abschlusses von Beistands- und Nichtangriffsb\u00fcndnissen zur Abwehr der faschistischen, deutschen Aggressionspl\u00e4ne. Diese scheiterten jedoch vor allem an der Haltung Gro\u00dfbritanniens und der antisowjetischen Politik Polens.<\/p>\n<p>In bedr\u00e4ngter Situation, geleitet von der rationell gut begr\u00fcndeten Bef\u00fcrchtung, dass die imperialistischen M\u00e4chte Europas (vor allem Gro\u00dfbritannien) den Expansionsdrang des faschistischen Deutschland nach Osten lenken wollen, ist die Sowjetunion schlie\u00dflich auf die Vorschl\u00e4ge Deutschlands eingegangen. Im August 1939 wurde ein Nichtangriffspakt zwischen beiden Staaten abgeschlossen, mit welchem unter anderem die deutschen Vorschl\u00e4ge aufgegriffen wurden, einen Gro\u00dfteil der durch den Vertrag von Brest-Litovsk abgetretenen Gebiete des ehemaligen russischen Zarenreiches in die Sowjetunion einzugliedern bzw. als Einflussbereich zu sichern.<\/p>\n<p>Dieser krasse Schwenk in der Au\u00dfenpolitik der Sowjetunion \u2013 aber auch existenzielle machtpolitische Auseinandersetzungen innerhalb der KPdSU und der Kommunistischen Internationale w\u00e4hrend der drei\u00dfiger Jahre \u2013 l\u00f6sten nach der klaren Klassenanalyse \u00fcber den Charakter des deutschen Faschismus, die auf dem VII. Weltkongress der Kommunistischen Internationale 1935 in Moskau voller Einm\u00fctigkeit verabschiedet worden war, bei vielen Kommunisten und Sympathisanten Unverst\u00e4ndnis bis hin zur v\u00f6lligen Ablehnung aus.<\/p>\n<p>Dieser damals abgeschlossene Vertrag wird bis heute zu heuchlerischer Hetze gegen das erste Land des Sozialismus genutzt, haben doch jene Staaten, die das heute noch kritisieren, zuvor selbst zahlreiche Abkommen und Vertr\u00e4ge mit dem faschistischen Deutschland abgeschlossen. Erinnert sei an das M\u00fcnchner Abkommen zwischen Deutschland, Gro\u00dfbritannien, Frankreich und Italien 1938 oder an den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934.<\/p>\n<p>Der Zeitgewinn, den die Sowjetunion mit dem Nichtangriffsvertrag erlangen konnte, war nur von kurzer Dauer. Am 01. September 1939 \u00fcberfiel das faschistische Deutschland Polen und am 22. Juni 1941 die Sowjetunion<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\">[12]<\/a>. Innerhalb dieser knapp zwei Jahre war halb Europa bereits durch deutsche Truppen unterjocht und zum Teil in Schutt und Asche gelegt worden.<\/p>\n<p>Mit dem \u00dcberfall auf die Sowjetunion sollte \u201eLebensraum\u201c erobert werden. Der Krieg, von Anbeginn als Raub- und Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion konzipiert, gegen die \u201ej\u00fcdisch-bolschewistische\u201c Gefahr im Osten \u2013 in dessen Zentrum die Eroberung und Vernichtung Moskaus, Stalingrads und Leningrads standen. Ein \u201eBlitzkrieg\u201c sollte es werden, der nach sechs bis acht Wochen mit einer Siegesparade auf dem Roten Platz in Moskau beendet werden sollte.<\/p>\n<p>In einem ungeheuren Kraftakt, unter Aufbietung aller personellen, materiell-technischen und logistischen Ressourcen und mit schweren R\u00fcckschl\u00e4gen verhinderte die Rote Armee im Sommer\/Herbst 1941 den Einzug der deutschen Truppen in Moskau. Auf dem Roten Platz am 7. November 1941 marschierten die Soldaten der Roten Armee zur Parade auf.<\/p>\n<p>Buchst\u00e4blich ausl\u00f6schen wollten Hitler und die F\u00fchrung des faschistischen Deutschlands auch die Bev\u00f6lkerung Leningrads. Als \u201eWiege\u201c der kommunistischen Oktoberrevolution von 1917 hegten die deutschen Machthaber einen besonderen Hass f\u00fcr die ehemalige Hauptstadt des Zarenreichs. \u201eDie Stadt wird nur eingeschlossen, mit Artillerie zerschossen und ausgehungert\u201c, so der Diktator im September 1941.<\/p>\n<p>Leningrad sollte nicht erobert werden, eine m\u00f6gliche Kapitulation war abzulehnen. Die eingekesselten Menschen sollten elendig krepieren &#8211; ein beispielloses Kriegsverbrechen, an dem sich die Wehrmacht (einschlie\u00dflich des sp\u00e4teren Bundeskanzlers Helmut Schmidt als Artillerie-Offizier) willig beteiligte. Im Januar 1943 konnte die Rote Armee einen schmalen Landkorridor sichern, aber erst am 27. Januar 1944 sprengten die Rotarmisten die Abriegelung der gepeinigten Stadt endg\u00fcltig. Nach fast 900 Tagen war Leningrad wieder frei, Sch\u00e4tzungen von Historikern zufolge kostete die deutsche Blockade rund eine Million Menschen das Leben.<\/p>\n<p>Genau ein Jahr sp\u00e4ter, am 27. Januar 1945, wurde das Konzentrationslager Auschwitz von den Soldaten der Roten Armee befreit.<\/p>\n<p>Davor aber lagen Stalingrad und viele opferreiche Schlachten. Am 19. August 1942 griff die 6. Armee, deren Oberbefehlshaber General Paulus war, Stalingrad an, unterst\u00fctzt von Bombenangriffen \u2013 in wenigen Wochen war die Stadt vollkommen zerst\u00f6rt, nach 200 Tagen Kampf waren etwa siebenhunderttausend Menschen umgekommen.<\/p>\n<p>Stalingrad wurde zum Massengrab der deutschen Wehrmacht. Von den 300.000 deutschen Soldaten, die nach Stalingrad gezogen waren, kamen 150.000 ums Leben. Ungez\u00e4hlt bleiben die Opfer der siegreichen Roten Armee, der sowjetischen Bev\u00f6lkerung. Am 2. Februar 1943 kapitulierten die deutschen Truppen und gingen mit dem inzwischen zum Generalfeldmarschall bef\u00f6rderten Friedrich Paulus in Kriegsgefangenschaft.<\/p>\n<p>Weniger als vier Jahre brauchte die Rote Armee, um den Krieg, der von den faschistischen Machthabern in Berlin ausgegangen war, \u00fcber verw\u00fcstete, niedergebrannte St\u00e4dte und D\u00f6rfer Europas nach Berlin zur\u00fcckzuf\u00fchren und als siegreiche Rote Armee die zerst\u00f6rte Reichshauptstadt Berlin einzunehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Befreiung von Faschismus und Krieg<\/h5>\n<p>In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 wurde in Berlin-Karlshorst die bedingungslose Kapitulation Deutschlands vor den Siegerm\u00e4chten UdSSR sowie den Alliierten USA, Frankreich und Gro\u00dfbritannien vollzogen.<\/p>\n<p>Auf den Konferenzen in Teheran (vom 28.11. bis 01.12.1943), Jalta (vom 04.02. bis 11.02.1945) und Potsdam (vom 17.07. bis 02.08.1945) wurden von der Sowjetunion und den Alliierten die Grundz\u00fcge einer europ\u00e4ischen Friedensordnung festgelegt (Grenzziehungen, Reparationszahlungen, Aussiedlungen der deutschen Bev\u00f6lkerung aus ehemals deutschen Gebieten, die Bildung der Besatzungszonen in Deutschland und die Verwaltung des Landes durch einen Alliierten Kontrollrat mit Sitz in Berlin).<\/p>\n<p>Auf Initiative der Siegerm\u00e4chte des Zweiten Weltkrieges wurde 1945 die Weltorganisation der Vereinten Nationen (UNO) gegr\u00fcndet. Das wichtigste Ziel dieser L\u00e4ndergemeinschaft bestand und besteht darin, den Weltfrieden zu erhalten und daran mitzuwirken, Konfliktsituationen zwischen einzelnen Staaten auf friedlichem Wege beizulegen.<\/p>\n<p>Diesem Gr\u00fcndungsgedanken f\u00fchlte sich die sowjetische Au\u00dfenpolitik in den folgenden Jahrzehnten immer verpflichtet. Selbst als die Westalliierten unter F\u00fchrung der USA eine Politik des Kalten Krieges ausl\u00f6sten, eine Politik des Rollback betrieben und die Teilung Deutschlands forcierten, setzte die Sowjetunion ihre Anstrengungen fort, ein friedliches, neutrales Deutschland zu gestalten.<\/p>\n<p>Am 10. M\u00e4rz 1952 \u00fcbersandte der Stellvertretende Au\u00dfenminister der UdSSR, Andrej Gromyko, im Auftrage Stalins eine Note an die USA, Gro\u00dfbritannien und Frankreich. Diese \u201eStalin-Note\u201c enthielt den Vorschlag nach Abhaltung freier und geheimer Wahlen. Ein souver\u00e4nes, demo\u00adkratisches Deutschland sollte geschaffen werden. Deutschland sollte k\u00fcnftig Neutralit\u00e4t wahren, die Besatzungstruppen sollten abgezogen und mit der gesamtdeutschen Regierung ein Friedensvertrag abgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Die Westm\u00e4chte lehnten ab. Inzwischen war die Sowjetunion f\u00fcr sie ein gr\u00f6\u00dferer Feind als das gemeinsam besiegte faschistische Deutschland. Die Spaltung Deutschlands wurde weiter vertieft, die NATO gegr\u00fcndet und der Aufbau der Bundeswehr sowie deren Bewaffnung forciert. Beamte des faschistischen Deutschlands zogen nach Artikel 131 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland<a href=\"#_edn13\" name=\"_ednref13\">[13]<\/a> wieder in den \u00f6ffentlichen Dienst ein und mit ihnen der alte Geist.<\/p>\n<p>Die Au\u00dfenpolitik der UdSSR blieb dennoch jahrzehntelang darauf gerichtet, die Nachkriegs<strong>friedens<\/strong>ordnung in Europa und in der Welt zu erhalten bzw. zu sichern. Sie setzte sich hierf\u00fcr gegen\u00fcber den Westm\u00e4chten mittels Verhandlungen und erforderlichenfalls \u2013 wie in Algerien bzw. im Vietnam-Krieg \u2013 auch mit milit\u00e4rischen Mitteln ein und trug damit entscheidend zum Sieg der patriotischen Kr\u00e4fte bei.<\/p>\n<p>Nach 1960 wurden die Erfolge der sowjetischen Friedenspolitik besonders bei der Entkolonialisierung und Entwicklung der jungen Nationalstaaten sichtbar &#8211; durch materielle Hilfe, aber auch durch Ausbildungsprogramme f\u00fcr die junge Generation dieser L\u00e4nder zu Facharbeitern und Ingenieuren, Lehrern, Technikern oder \u00c4rzten und Armeeangeh\u00f6rigen.<\/p>\n<p>Nach dem Erreichen der Parit\u00e4t auf dem Gebiet der Nuklearwaffen in den f\u00fcnfziger Jahren waren die Anstrengungen der Sowjetunion zunehmend auf den Abschluss von Abr\u00fcstungsvertr\u00e4gen, Teststopp-Abkommen usw. gerichtet.<\/p>\n<p>Die Kubakrise 1962 und der Abzug der sowjetischen Mittelstreckenraketen f\u00fchrte immerhin zu der US-Verpflichtung, auf eine Wiederholung der Intervention zu verzichten und die US-Mittelstreckenraketen aus der T\u00fcrkei abzuziehen.<\/p>\n<p>Eine auch aus heutiger Sicht umstrittene Entscheidung der UdSSR bleibt der milit\u00e4rische Einsatz in Afghanistan, der 1979 auf Bitten der afghanischen Regierung um Beistand gegen vom Ausland unterst\u00fctzte (vor allem durch Pakistan, Saudi-Arabien und die USA) islamistische Aufst\u00e4ndische erfolgte. Dieser Kampf war nicht zu gewinnen. Die Sowjetunion zog ihre letzten Soldaten 1989 ab.<\/p>\n<p>Die Wirksamkeit der sowjetischen Friedenspolitik nahm mit wachsenden wirtschaftlichen Problemen (auch infolge einer enormen Belastung durch das von den USA aufgezwungene Hochr\u00fcsten) ab.<\/p>\n<p>Als sich zu dieser ohnehin schon schwierigen Lage auch noch die Scharlatanerie und politischen Illusionen eines Gorbatschows \u00fcber das gemeinsame Haus Europa ausbreiteten, in welchem keine Klassen-, sondern nur noch \u201eMenschheits\u201cinteressen gelten sollten und alle nur noch Friede, Freude, Eierkuchen singen, war das Gr\u00fcndungsversprechen der Bolschewiki aus dem Jahre 1917 an die V\u00f6lker, an die Proletarier dieser Erde endg\u00fcltig verspielt.<\/p>\n<p>Mit der Aufl\u00f6sung der Sowjetunion 1991 begann nicht nur f\u00fcr die V\u00f6lker der Sowjetunion eine Rolle r\u00fcckw\u00e4rts der gesellschaftlichen Entwicklung: Der wilde Kapitalismus nahm in den neunziger Jahren auf eine nie da gewesene Weise seinen Lauf: Enteignung der Volksmassen auf der einen Seite &#8211; grenzenlose Bereicherung auf der anderen. Nationalismus trat an die Stelle von Internationaler Solidarit\u00e4t.\u00a0 Kriege entbrannten in bzw. zwischen den ehemaligen Sowjetrepubliken und den Teilstaaten Jugoslawiens.<\/p>\n<p>Seit 1995 gibt es wieder Kriege in Europa und in der Welt mit deutscher Beteiligung, was der deutsche Imperialismus in der Zeit der Systemauseinandersetzung nicht wagen konnte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Was bleibt von dem &#8222;Gro\u00dfen Versuch&#8220;?<\/h5>\n<p>Die Generationen, die zwischen 1945 und 1995 geboren wurden, aufgewachsen sind, erwachsen wurden oder vielleicht schon waren, haben etwas Einmaliges erlebt: Jahrzehnte Frieden in Europa! Frieden \u2013 als ein Ergebnis der sowjetischen Politik, die die widerstrebenden Kr\u00e4fte dieser Welt dank ihrer milit\u00e4rischen St\u00e4rke und einem uneingeschr\u00e4nkten Friedenswillen in einem relativ ausgewogenen Gleichgewicht zu halten vermochte.<\/p>\n<p>Die Sowjetunion und die mit ihr verb\u00fcndeten Staaten m\u00f6gen in vielem unvollkommen gewesen sein. Frieden, soziale Sicherheit, Antifaschismus waren in diesen L\u00e4ndern Staatsdoktrin oder wie es heute hei\u00dft \u201estaatlich verordnet\u201c \u2013 allein die Existenz von Staaten mit einem solchen Anspruch wirkte auf die kapitalistische Welt disziplinierend und zivilisierend. So erweist sich mit den Worten von Georg F\u00fclberth:<\/p>\n<p>\u201e&#8230;..das Ende des Realsozialismus und der kommunistischen Massenparteien als Ende jener Phase der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, in der diese gen\u00f6tigt war, mit einem sozialstaatlichen Anspruch aufzutreten. Damit liegt die \u00dcberlegung nahe, dass dieser Typ des Sozialismus sogar da, wo er die selbst gesteckten Ziele verfehlte, unverzichtbares Moment einer Moderne war, die ohne ihn aufh\u00f6ren wird, weiterhin eine \u201aModerne\u2018 zu sein.\u201c<a href=\"#_edn14\" name=\"_ednref14\">[14]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Endnoten:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> zitiert nach: Die Vorbereitung der proletarischen Revolution. Materialsammlung.. Verlag Olga Benario und Herbert Baum, Offenbach 1999<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> siehe Nr. 1<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> siehe Nr. 1<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Lenin Werke, Bd. 26, S. 242 ff. Dietz Verlag Berlin, 1972<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Lenin Werke, Bd. 26, S. 249 ff. Dietz Verlag Berlin, 1972<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Die Zimmerwalder Bewegung. Protokolle und Korrespondenz, Hrsg. Horst Lademacher, Bd. 1, S. 166-169, 1967 Mouton<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> siehe Nr. 4<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> Rosa Luxemburg \u201eZur russischen Revolution\u201c, S. 160\/161., enth. in: Rosa Luxemburg und die Freiheit der Andersdenken. Dietz Verlag Berlin, 1990.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Makarov, A. N.: Sowjet-Union und V\u00f6lkerbund, 1935 Max-Planck-Institut f\u00fcr ausl\u00e4ndisches Recht und V\u00f6lkerrecht, S. 34 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> Zitiert nach: Wimmer, Ruth und Walter: Friedenszeugnisse aus vier Jahrtausenden. Leipzig, Jena, Berlin, 1987, S. 141 ff.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Zit. nach: \u201eDie Sowjetunion und ihre Friedenspolitik\u201c, Hrsg. KPD, Verantw. f\u00fcr Inhalt, Verlag und Herausgabe: Ernst Schneller, Berlin<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Zitate siehe: P\u00e4tzold, Kurt: Der \u00dcberfall. Der 22. Juni 1941. Ursachen, Pl\u00e4ne und Folgen. verlag Edition Ost, Berlin 2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref13\" name=\"_edn13\">[13]<\/a> Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland trat am 23. Mai 1949 und das Ausf\u00fchrungsgesetz zum\u00a0 Artikel 131 im Jahre 1951 in Kraft.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref14\" name=\"_edn14\">[14]<\/a> F\u00fclberth, Georg: Der gro\u00dfe Versuch. PapyRossa Verlag, K\u00f6ln 1994<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dr. agr. habil. Marianne Linke, Agrarmeteorologin, Sozialministerin a. D., Stralsund, Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1076\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?resize=32%2C32&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"32\" height=\"32\" \/> <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Freidenker_2017-04_Linke-DasDekretUeberDenFrieden.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Marianne Linke:\u00a0Das Dekret \u00fcber den Frieden \u0096 &#8211; Grundlinie sowjetischer Friedenspolitik<\/a> (Auszug aus FREIDENKER 4-17, ca. 400 KB)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bildmontage oben: <a href=\"http:\/\/www.kaz-online.de\/artikel\/der-erste-weltkrieg\">KAZ Online<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Marianne Linke aus: FREIDENKER 4-17<\/strong><br \/>\nVor 100 Jahren, im Oktober 1917, war von der Kriegsbegeisterung und dem Hurra-Patriotismus, mit dem 1914 in den Staaten Europas Millionen und Abermillionen Soldaten in den bis dahin m\u00f6rderischsten Krieg aller Zeiten geschickt wurden, nichts mehr \u00fcbrig geblieben. Am sch\u00e4rfsten hatten sich die Ablehnung des Krieges und das Dr\u00e4ngen auf einen sofortigen Friedensschluss in Russland zugespitzt. Von den mehr als 10 Millionen Soldaten waren im Oktober 1917 bereits weit \u00fcber zwei Millionen auf eigene Faust desertiert. Die von der Kerenski-Regierung befohlene und von den Menschewiki und den Sozialrevolution\u00e4ren unterst\u00fctzte Fortsetzung des Krieges befeuerte die Antikriegsstimmung in Armee, Flotte und Hinterland.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":2827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[13],"tags":[613,611,135,140,612],"class_list":["post-2823","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frieden-antifaschismus-solidaritaet","tag-befreiung-vom-faschismus","tag-dekret-ueber-den-frieden","tag-oktoberrevolution","tag-rosa-luxemburg","tag-zimmerwalder-manifest"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/dekret_ueber_den_frieden.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-Jx","jetpack-related-posts":[{"id":1206,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=1206","url_meta":{"origin":2823,"position":0},"title":"Freidenker-Brief 3-2017: 100 Jahre Oktoberrevolution","author":"Webredaktion","date":"30. 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