{"id":281,"date":"2004-12-05T13:44:23","date_gmt":"2004-12-05T12:44:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=281"},"modified":"2019-11-12T00:45:34","modified_gmt":"2019-11-11T23:45:34","slug":"west-und-ost-freidenker-gemeinsamkeiten-unterschiede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=281","title":{"rendered":"&#8222;West&#8220;- und &#8222;Ost&#8220;-Freidenker \u2013 Gemeinsamkeiten, Unterschiede"},"content":{"rendered":"<div><strong><span class=\"hh4\">Vorbemerkung<\/span><\/strong><\/div>\n<p align=\"left\"><em>Auf Bitten der &#8222;Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen&#8220; der Evangelischen Kirche, die sozusagen &#8222;Konkurrenz- und Feindbeobachtung&#8220; im kirchlichen Auftrag betreibt, hat der Vorsitzende des Deutschen Freidenker-Verbandes folgenden Beitrag \u00fcber die j\u00fcngere Geschichte der Freidenker in Deutschland verfasst.<\/em><\/p>\n<p>Der Titel dieses Beitrags entspricht nicht der freien Wahl des Autors, sondern gehorcht der Vorgabe des Herausgebers. Trotzdem soll er nicht das Folklore-Genre &#8222;Dein Ossi &#8211; das unbekannte Wesen&#8220; resp. &#8222;Der Wessi, das bekannte Unwesen&#8220; anreichern. Obwohl es auch bez\u00fcglich &#8222;Nord&#8220;- und &#8222;S\u00fcd&#8220;-Freidenkern ein weites Forschungsfeld g\u00e4be, interessiert das kaum jemanden. Mit &#8222;West&#8220; und &#8222;Ost&#8220; scheint landl\u00e4ufig gemeint zu sein, wie sich die aus dem &#8222;totalit\u00e4r gepr\u00e4gten&#8220; Osten Gekommenen inzwischen in der &#8222;westlichen Demokratie&#8220; eingelebt haben. Oder entsprechend zugespitzt aus der Perspektive des Gegen\u00fcbers: Ob die &#8222;West-Kolonialherren-Methoden&#8220; auch in der hier verhandelten Organisation wirkungsvoll jede Ost-Identit\u00e4t zunichte gemacht haben.<\/p>\n<p>Antworten hierauf h\u00e4ngen nicht nur von der Bereitwilligkeit oder Bockigkeit der Befragten ab. Das aus Geschichte und Erfahrung gespeiste Organisationsverst\u00e4ndnis verunm\u00f6glicht gegebenenfalls eine glatte Beantwortung entlang geographischen Trennlinien. Die Freidenker entstanden und verstehen sich als Kulturorganisation der Arbeiterbewegung, als &#8222;sozialistische Freidenker&#8220;. F\u00fcr Sozialisten ist z.B. die Frage von &#8222;unten&#8220; und &#8222;oben&#8220;, von Klassenzugeh\u00f6rigkeit und Klasseninteresse, belangvoller als die Fragen nach geographischer Herkunft. Dies sei an dieser Stelle nur vorausgeschickt, damit das Nachfolgende besser verstanden oder zumindest eingeordnet wird, und einem vorschnellen &#8222;Thema verfehlt&#8220;-Urteil vorzubeugen.<\/p>\n<p>In diesem Beitrag sollen also zun\u00e4chst die unterschiedlichen Bedingungen f\u00fcr das Freie Denken im geteilten Deutschland aufgezeigt werden, gefolgt von einer kurzen Geschichte der Freidenker-Vereinigung. Abschlie\u00dfend werden einige wesentliche inhaltliche Positionen des vereinigten Verbandes dargestellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Geschichtliches<\/strong><\/p>\n<p>Die unterschiedliche Entwicklung der Freidenker in den beiden Teilen Deutschlands ist nat\u00fcrlich der getrennten staatlichen Entwicklung in Deutschland nach 1945 geschuldet. Die Entscheidung der Westm\u00e4chte zum Bruch der Anti-Hitler-Koalition, in Adenauers Motto &#8222;lieber das halbe Deutschland ganz als das ganze Deutschland halb&#8220; versinnbildlicht, der beginnende &#8222;Kalte Krieg&#8220; mit Remilitarisierung und Integration der BRD in den Westblock und die NATO, der DDR in den Ostblock und den Warschauer Vertrag, das waren die unentrinnbaren Rahmenbedingungen f\u00fcr das gesellschaftliche Leben in Ost und West, und damit f\u00fcr die jeweilige Organisationsentwicklung.<\/p>\n<p>Wenn im R\u00fcckblick nur erinnert wird, dass es in den Westzonen und der BRD wieder einen Freidenker-Verband gab, und im Osten eben nicht, dann \u00fcbersieht dies die Gr\u00fcndungschwierigkeiten, vor denen der Verband auch in den Westzonen stand. Neugr\u00fcndungen konnten hier zun\u00e4chst nur lokal stattfinden, da die Westalliierten in den Kirchen und sich religi\u00f6s nennenden Gemeinschaften offenbar zuverl\u00e4ssigere Partner f\u00fcr den Aufbau der ihnen vorschwebenden Demokratie sahen. Weil sich die Kirchen in ihrer Mehrheit auch als St\u00fctzen des Nazi-Regimes bew\u00e4hrt hatten? Ende 1945 gr\u00fcndete sich der DFV in Hamburg wieder, 1949 entstanden Landesverb\u00e4nde in Bayern, Berlin (West), Hessen und Niedersachsen, 1950 in Nordrhein-Westfalen.<\/p>\n<p>Erst nach der R\u00fcckkehr des ehemaligen Generalsekret\u00e4rs Hermann Graul aus dem Exil 1949 war der Versuch zur Wiedergr\u00fcndung auf nationaler Ebene der BRD erfolgreich, der erste Verbandstag fand am 17. 3. 1951 in Braunschweig statt. Bem\u00fchungen jedoch um die rechtlich anerkannte Wiederherstellung des 1933 von den Nazis verbotenen Verbandes blieben so erfolglos wie langwierige Prozesse um die Herausgabe des von den Nazis geraubten Verm\u00f6gens. In den 1970er Jahren stellte schlie\u00dflich der Bundesgerichtshof fest, dass Nachfolgeorganisation des Deutschen Freidenker-Verbandes die Ideal-Lebensversicherung sei, nicht der Deutsche Freidenker-Verband! &#8222;Einleuchtende&#8220; Begr\u00fcndung: Die Mehrheit der Mitglieder des von den Faschisten verbotenen Verbandes blieb 1933 Mitglied der &#8222;nationalen Bestattungskasse&#8220; &#8211; um der durch ihre Mitgliedsbeitr\u00e4ge erworbenen Versicherungspr\u00e4mien nicht verlustig zu gehen. Dass diese Mitglieder also damals den Nazis das DFV-Verbot nicht noch mit dem Geschenk ihrer Beitr\u00e4ge honorieren wollten, das wendet der Rechtsstaat BRD gegen den Verband, indem er strafversch\u00e4rfend geltend macht, die Mitglieder seien damals nicht aus der gleichgeschalteten Versicherung ausgetreten. K\u00f6nnte sich Hitler einen talentierteren Testamentsvollstrecker als die Justiz dieses &#8222;Rechtsstaats&#8220; w\u00fcnschen, die eine Rechtsnachfolge-Konstruktion zugunsten der SS-Treuhand-Organisation vornimmt?<\/p>\n<p>Bem\u00fchungen in der sowjetischen Zone zur Gr\u00fcndung einer Freidenkerorganisation blieben erfolglos. Verschiedene fr\u00fchere Mitglieder und Funktion\u00e4re wandten sich zwar an die Parteif\u00fchrungen von SPD und KPD, dann der SED, die Antwort war aber immer ablehnend. Tenor der Begr\u00fcndung war, im k\u00fcnftigen Staat bzw. in der Verfassung der DDR sei sowohl Religionsfreiheit wie die Trennung von Staat und Kirche gesichert, und damit sei das historische Anliegen der Freidenker ja verwirklicht. Dar\u00fcber hinaus wolle man keine Neuauflage des aus der Weimarer Republik bekannten Kirchenkampfes, sondern im Gegenteil das B\u00fcndnis mit gl\u00e4ubigen Menschen bei der Errichtung der antifaschistisch-demokratischen Ordnung bzw. des Sozialismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein weiterer, weniger gel\u00e4ufiger Aspekt ist der, dass auch im Osten die Besatzungsmacht ihren Einfluss in dieser Frage geltend machte. Es war unvorstellbar, dass in der DDR ein Freidenker-Verband entstehen konnte, wo er doch in der Sowjetunion wenige Jahre zuvor aufgel\u00f6st worden war: Nach dem \u00dcberfall der Hitler-Faschisten auf die Sowjetunion hatte die Russisch-Orthodoxe Kirche die Aufl\u00f6sung des Verbandes der K\u00e4mpfenden Gottlosen gefordert &#8211; und daf\u00fcr ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr den Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg versprochen. Angesichts dessen, was auf dem Spiel stand, erschien es der sowjetischen F\u00fchrung als geringeres \u00dcbel, der Erpressung nachzugeben.<\/p>\n<p>Nach dem Verst\u00e4ndnis der Freidenker bedeutete Freidenkertum kulturpolitischer Kampf und war Teil des Ringens der Arbeiterklasse und ihrer Organisationen um soziale und politische Befreiung. F\u00fcr die politisch Verantwortlichen der DDR war ihr Staat die Verwirklichung der historischen Mission der Arbeiterklasse, in dem auch alle progressiven Traditionen der Arbeiterbewegung aufgehoben sein sollten, einschlie\u00dflich des Freien Denkens. Von daher erschien die organisationspolitische Nichtexistenz eines Freidenker-Verbandes nicht als ein vorrangiges Problem. Die unmittelbaren kulturpolitischen Ziele des Verbandes wurden verwirklicht: Es gab keinen staatlich organisierten Kirchensteuer-Einzug, die Kirchen mussten sich selbst finanzieren, es gab keinen Religionsunterricht an den Schulen, keine Milit\u00e4r- und Anstalts-&#8222;Seelsorge&#8220;. Die Abtreibung wurde nicht mehr mit Strafe bedroht, \u00f6konomische Voraussetzungen f\u00fcr die Gleichberechtigung der Frau wurden geschaffen, Bildungsschranken und -privilegien wurden abgeschafft.<\/p>\n<p>Bildungs- und Aufkl\u00e4rungsarbeit auf breiter Basis leistete die Urania, die damit die weltanschauliche Arbeit des Freidenker-Verbandes fortf\u00fchren sollte, zumal der Urania-Verlag sich bereits gegen Ende der Weimarer Republik mit dem Freidenker-Verlag zusammengeschlossen hatte. Die Jugendweihe als Tradition der Freidenker wurde in der DDR 1954 als Feier nach 8-j\u00e4hrigem Schulbesuch zur Aufnahme der Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen eingef\u00fchrt, verbunden mit einem Gel\u00f6bnis zum Sozialismus. Die vorausgehenden Jugendstunden dienten der wissenschaftlichen und weltanschaulichen Bildung und Erziehung der Jugendlichen.<\/p>\n<p>Insofern w\u00e4re es ein Kurzschluss, wollte man aus der Nichtexistenz einer Freidenker-Organisation in der DDR auf die Abwesenheit der Freidenker-Ziele, -inhalte und -traditionen schlie\u00dfen. Eine andere Frage ist, ob man diese Nichtexistenz als historisch gerechtfertigt, politisch begr\u00fcndet oder taktisch klug ansieht. Hier sind Zweifel angebracht. Zum einen sicher aus dem Gesichtspunkt der Wiedergutmachung von Nazi-Unrecht. Zum anderen sollten zumindest Marxisten die Ebenen des Politischen (einschlie\u00dflich der Organisations- und B\u00fcndnispolitik) und der Ideologie (mitsamt weltanschaulichen Fragen) in ihrer relativen Eigenst\u00e4ndigkeit beachten und jedes instrumentelle Verh\u00e4ltnis meiden.<\/p>\n<p>Ebenso kurzschl\u00fcssig w\u00e4re es aber auch, aus der Existenz des Freidenker-Verbandes in Westdeutschland auf die dort gegebene Freiheit des Denkens zu schlie\u00dfen. Der bald nach Gr\u00fcndung der BRD voll einsetzende &#8222;Kalte Krieg&#8220; f\u00fchrte zu Einschr\u00e4nkungen der Meinungsfreiheit f\u00fcr Gegner der Spaltung Deutschlands, der Wiederbewaffnung und der Atomr\u00fcstung. Sichtbare Gipfel waren die Verbote der Freien Deutschen Jugend (FDJ) 1951 und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) 1956, verboten waren aber auch Jugend- oder Gewerkschaftskontakte von West nach Ost, verboten das Eintreten gegen diese Reise- oder Organisationsverbote. In den 1950er Jahren kam es auch zur Durchsuchung von Freidenker-B\u00fcros, viele Freidenker wurden aus politischen Gr\u00fcnden zu Haftstrafen verurteilt, oft von Richtern, die vormals den Nazis gedient hatten. In den 1970er Jahren z\u00e4hlten wiederum Freidenker zu den Opfern des sogenannten &#8222;Radikalenerlasses&#8220;, mit Berufsverboten f\u00fcr Postbeamte oder Akademiker, die teils bis ins 21. Jahrhundert fortdauerten.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nGr\u00fcndung der DDR-Freidenker und Vereinigung<\/strong><\/p>\n<p>Das instrumentelle Verh\u00e4ltnis der DDR-F\u00fchrung zur Existenz eines Freidenker-Verbandes offenbarte sich wiederum im Vorfeld seiner Gr\u00fcndung, Ende 1988. Man sah sich zunehmenden \u00f6konomischen Problemen, einer gr\u00f6\u00dferen Distanz der KPdSU-F\u00fchrung unter Gorbatschow und abnehmender Loyalit\u00e4t der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber. In dieser Situation wuchs der evangelischen Kirche die Rolle als Dach und Besch\u00fctzerin oppositioneller Kreise zu, was die Beziehungen der Kirche zur politischen F\u00fchrung nicht harmonischer gestaltete. Auf entsprechende Vorhaltungen Erich Honeckers entgegnete der damalige bisch\u00f6fliche Sprecher der evangelischen Kirchen in der DDR, warum Honecker nicht gleich den Freidenker-Verband wiedergr\u00fcnde. Diesen g\u00f6ttlichen Hinweis lie\u00df der sich nicht zweimal sagen, allein f\u00fcr die Rettung der DDR kam er zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p>Diese eher an einen Treppenwitz gemahnende historische Episode gibt zudem einen Hinweis auf die Unsinnigkeit jener Parolen, die die Verbandsgr\u00fcndung als eine &#8222;Stasi-Erfindung&#8220; hinzustellen suchten. Die Rede vom &#8222;Stasi-Verband&#8220; nahm ihren Ausgang von einem &#8222;Runden Tisch&#8220; 1990 in Rostock, an dem Pfarrer Gauck, der sp\u00e4tere Stasi-Akten-Verwerter, als Kirchenvertreter einen vermeintlichen &#8222;Stasi-Befehl&#8220; zur Freidenker-Gr\u00fcndung in der DDR hervorzauberte. N\u00e4her besehen war es die ganz normale DDR-Begleiterscheinung der Verbandsgr\u00fcndung, indem das Ministerium f\u00fcr Staatsicherheit seine Dienststellen im Land \u00fcber die Gr\u00fcndung informierte und aufforderte, die Bem\u00fchungen obligat zu unterst\u00fctzen, &#8222;feindliche Kr\u00e4fte fernzuhalten&#8220; und dergleichen Liebesdienste.<\/p>\n<p>Dabei wurde das Ministerium f\u00fcr Staatsicherheit in diesem Falle nur der Not gehorchend, nicht dem eigenen Triebe folgend t\u00e4tig. Der zust\u00e4ndige Minister Erich Mielke war n\u00e4mlich der entschiedenste Gegner einer Freidenker-Verbandsgr\u00fcndung, darin einig mit den Politb\u00fcro-Mitgliedern Mittag und Schabowski. Doch die konnten sich nicht gegen eine Mehrheit um Honecker und insbesondere Willi Stoph durchsetzen, der voll Stolz auf seine famili\u00e4re Freidenker-Tradition zur\u00fcckblickte.<\/p>\n<p>Von all dem hatten nat\u00fcrlich jene keinen blassen Schimmer, die diese kirchliche &#8222;Enth\u00fcllung&#8220; als Vorlage f\u00fcr eine Rufmordkampagne gegen den jungen DDR-Freidenker-Verband nutzen wollten: ausgerechnet der vormalige Freidenker-Verband Westberlins, der sich zwischenzeitlich in den Humanistischen Verband umgegr\u00fcndet hat. Ihm ging es allerdings weniger um die Jungfr\u00e4ulichkeit der DDR-Freidenker, sondern vielmehr um die Chance, den Verband und seine F\u00fchrung zu diskreditieren und sich dann den f\u00fchrungslosen Verband einverleiben zu k\u00f6nnen. Dieses Vorhaben verfing bei wenigen Gliederungen des Verbandes sowie einigen Funktion\u00e4ren, die dabei auf ihre \u00dcbernahme in ein bezahltes Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis spekulierten.<\/p>\n<p>Es darf jedoch nicht \u00fcbersehen werden, dass die Verleumdungen der DDR-Freidenker durch den \u00f6ffentlichen Rummel um einen &#8222;Stasi-Befehl&#8220;, den im Freidenker-Verband niemand kannte oder f\u00fcr m\u00f6glich gehalten hatte, leider zu mancherlei Verwirrung in K\u00f6pfen von Mitgliedern und Funktion\u00e4ren f\u00fchrte. Dies zeigte sich auch im R\u00fccktritt einiger Verbandsfunktion\u00e4re. Die gro\u00dfe Mehrheit der DDR-Freidenker zog es jedoch vor, sich nach gr\u00fcndlicher Diskussion und Vorbereitung Mitte 1991 mit dem DFV der alten BRD zu einem gemeinsamen Verband zusammenzuschlie\u00dfen &#8211; an historischem Ort, in Braunschweig, wo auch 1951 die Wiedergr\u00fcndung stattgefunden hatte.<\/p>\n<p>Alle Parteien, Gewerkschaften und fast alle Verb\u00e4nde waren zu diesem Zeitpunkt bereits &#8222;gesamtdeutsch&#8220; organisiert, jedoch fast alle nach dem Muster eines Anschlusses, einer \u00dcbernahme der Ost- durch die West-Organisation. Dem setzten die Freidenker bewusst ein Kontrastprogramm entgegen, ein Zusammengehen mit aufrechtem Gang, gleichberechtigt, ohne Bevormundung &#8211; und damit solche hehren Ziele keine hohlen Phrasen blieben, wurden alle Leitungsfunktionen ost-west-parit\u00e4tisch besetzt. Aus &#8222;humanistischer&#8220; Richtung kam darauf postwendend die Kritik, dass der vereinigte Freidenker-Verband die Heimstatt &#8222;alter SED-Kader&#8220; sei.<\/p>\n<p>Die Lebenserfahrung der an der Verbands-Vereinigung Beteiligten war selbstverst\u00e4ndlich unterschiedlich, sie wurde ma\u00dfgeblich durch die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme gepr\u00e4gt, in denen man bisher aufwuchs und wirkte. Naturgem\u00e4\u00df war daher von den aus der DDR kommenden Freidenkern die gr\u00f6\u00dfere &#8222;Anpassungsleistung&#8220; zu erbringen. Dies aber nicht im Sinne der Verleugnung von \u00dcberzeugungen oder Verbiegung von Identit\u00e4ten; sondern unter dem Gesichtspunkt, dass nunmehr in ganz Deutschland kapitalistische Verh\u00e4ltnisse herrschen und die Lebens-, Arbeits- und Kampfbedingungen bestimmen. Insofern ist eine der wichtigsten neuen Erfahrungen, dass man, in Opposition zum System stehend, wenig &#8222;offizielle&#8220; gesellschaftliche Anerkennung erwarten kann.<\/p>\n<p>Begr\u00fcndet in ihrer weltanschaulichen und ethischen Position und ihrem weltlich-humanistischen Menschenbild k\u00f6nnen und wollen die &#8222;ost-west-vereinigten&#8220; Freidenker keinesfalls &#8222;Systemn\u00e4he&#8220; f\u00fcr sich reklamieren. Der Deutsche Freidenker-Verband sieht sich nicht als Dienstleister f\u00fcr den Staat, der in Arbeitsteilung mit den Kirchen, eben zust\u00e4ndig f\u00fcr die Konfessionsfreien, auch dieses &#8222;Klientel&#8220; in den Betrieb des kapitalistischen Staatswesens integriert. Deshalb streben wir auch keine Gleichstellung mit den Kirchen im Privileg der &#8222;K\u00f6rperschaft des \u00f6ffentlichen Rechts&#8220; an, wie dies z. B. der Humanistische Verband tut, und der deshalb von den Kirchen ernst genommen wird &#8211; als Konkurrent um &#8222;Staatsknete&#8220;.<\/p>\n<p><strong>Positionen des vereinigten Verbandes<\/strong><\/p>\n<p>Das zentrale Merkmal der Vereinigung der Freidenker aus Ost- und Westdeutschland, nichts &#8222;\u00fcberzust\u00fclpen&#8220;, sondern ausgehend von unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungen Positionen neu und gemeinsam zu bestimmen, pr\u00e4gte auch das weitere Verbandsleben nach dem vollzogenen organisatorischen Zusammenschluss. Ab 1991 fand eine intensive, drei Jahre dauernde Mitgliederdiskussion \u00fcber ein programmatisches Dokument der Freidenker in Deutschland statt. Mehrere tausend Vorschl\u00e4ge, \u00c4nderungsw\u00fcnsche, Anmerkungen und Diskussionsbeitr\u00e4ge gingen dazu ein und wurden bis zur schlie\u00dflichen Beschlussfassung beim Verbandstag 1994 in Berlin verarbeitet. Ausgehend von den Fragen &#8211; wer sind wir &#8211; woher kommen wir &#8211; was wollen wir &#8211; mit wem gehen wir &#8211; sind in diesem Dokument, der &#8222;Berliner Erkl\u00e4rung&#8220;, die Ergebnisse eines intensiven Diskussionsprozesses zusammengefasst.<\/p>\n<p>Darin bezeichnet sich der Deutsche Freidenker-Verband als Weltanschauungsgemeinschaft, Kulturorganisation und Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen, in der Tradition der \u00fcber 100-j\u00e4hrigen Geschichte der organisierten Freidenkerbewegung. Diese Tradition findet inhaltlich Ausdruck in der Erkl\u00e4rung des Kongresses der Weltunion der Freidenker von 1904: &#8222;Sie verwirft im Namen der menschlichen W\u00fcrde das dreifache Joch: die missbr\u00e4uchliche Gewalt der Autorit\u00e4t auf religi\u00f6sem Gebiet, des Privilegs auf politischem Gebiet und des Kapitals auf wirtschaftlichem Gebiet.&#8220;<\/p>\n<p>Eine zentrale Rolle bei der &#8222;Selbstfindung&#8220; des vereinigten Verbandes spielte die Diskussion dar\u00fcber, was Freidenker unter freiem Denken verstehen. Ein zentraler Begriff ist hier die weltanschauliche Selbstbestimmung des Menschen, f\u00fcr die der DFV eintreten will. Hier wird die Frage nach der Sinngebung des Lebens im Zusammenhang mit dem Erkenntnisoptimismus des dialektischen Materialismus formuliert, denn dem Eintreten f\u00fcr die weltanschauliche Selbstbestimmung liegt &#8222;die \u00dcberzeugung zugrunde dass der Mensch die F\u00e4higkeit besitzt, sich ein Bild von der Welt, wie sie wirklich ist, und seinem Platz in ihr zu machen, seinen Selbstwert aus diesem Zusammenhang zu begreifen und seinem Leben so begr\u00fcndet einen Sinn zu geben.&#8220;<\/p>\n<p>Ohne die Selbstgewissheit, alle Antworten schon zu kennen, wollen sich Freidenkerinnen und Freidenker dem Dokument zufolge &#8222;um Antworten bem\u00fchen&#8220; &#8211; bez\u00fcglich der Ursachen &#8222;der alle Lebensbereiche umfassenden allgemeinen weltweiten Krise&#8220; ebenso wie auf Fragen &#8222;nach einem tragf\u00e4higen Lebenssinn, einer demokratischen politischen Kultur und einem auf Humanit\u00e4t und Toleranz gegr\u00fcndeten Zusammenleben&#8220;. Hierbei will der DFV &#8222;seinen Beitrag leisten zu einem tragf\u00e4higen geistigen Fundament f\u00fcr gemeinsames Handeln&#8220;. Das Streben nach Dialog, auch mit weltanschaulich Andersdenkenden, ist ein weiteres wiederkehrendes Motiv der Berliner Erkl\u00e4rung. Es findet sich im Abschnitt &#8222;f\u00fcr die Trennung von Staat und Kirche, Kirche und Schule und f\u00fcr den Dialog mit religi\u00f6sen Menschen&#8220; &#8211; wo unser Selbstverst\u00e4ndnis als Interessenvertretung konfessionsfreier Menschen dargelegt wird &#8211; ebenso wie im Abschnitt \u00fcber Wissenschaft, Technik, Fortschritt: &#8222;Wir bieten allen den Dialog und ein Diskussionsforum an, die wie wir daran interessiert sind, der Erkenntnisgehalt und die humanistischen Potenzen der Wissenschaften zur Geltung zu bringen.&#8220;<\/p>\n<p>In der Auseinandersetzung mit dem &#8222;untergegangenen Sozialismus&#8220; und Deutungen \u00fcber ein angebliches &#8222;Ende der Geschichte&#8220; stellt der vereinigte Verband fest: &#8222;Wir betrachten den Zusammenbruch des 1917 begonnenen Versuches, als Alternative zum Kapitalismus eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, als keineswegs gleichbedeutend mit dem &#8218;Ende&#8216; sozialistischer, emanzipatorischer und humanistischer Ideen und Ideale. Jeder Zukunftsentwurf und jeder Fortschritt muss sich daran messen lassen, dass er die Menschenrechte garantiert und weiterentwickelt, Minderheiten sch\u00fctzt, Gerechtigkeit und Solidarit\u00e4t f\u00f6rdert und insbesondere den Herausforderungen der krisenhaften Weltsituation angemessen ist.&#8220; Formuliert wird das &#8222;Ziel einer Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen&#8220;, &#8222;eine neue Regulations-, Denk- und Lebensweise, eine andere Weise, zu produzieren und zu wirtschaften&#8220;. In diesem Kontext &#8222;betrachten wir Antifaschismus als Schl\u00fcssel f\u00fcr das \u00d6ffnen und Offenhalten einer menschlichen Zukunft&#8220;.<\/p>\n<p>Zu den zugespitzten sozialen Problemen bekr\u00e4ftigen die Freidenker ihre Ablehnung von Sozialabbau und ihr Eintreten f\u00fcr die Verteidigung der erk\u00e4mpften sozialen Errungenschaften: &#8222;Wir wenden uns gegen ein Gesellschaftssystem, das Menschen ausgegrenzt und in Armut st\u00f6\u00dft, das ihnen massenhaft ihr demokratisches und soziales Recht auf Selbstverwirklichung durch Arbeit und die M\u00f6glichkeit verweigert, durch Arbeit ihren eigenen Lebensunterhalt zu sichern.&#8220; Mit Blick auf das Selbstverst\u00e4ndnis als Kulturorganisation tritt der Verband &#8222;f\u00fcr eine neue Qualit\u00e4t der Kultur, des individuellen und gesellschaftlichen Verhaltens im Umgang der Menschen miteinander ein.&#8220;<\/p>\n<p>Als besonders dramatisch werden die Bestrebungen zur Neuaufteilung der Welt und der M\u00e4rkte und die verst\u00e4rkte Wiedereinsetzung kriegerischer Gewalt als Mittel der Politik bezeichnet. Dementsprechend steht im Katalog der Ziele des vereinigten Verbandes die Forderung nach einer Welt ohne Krieg obenan: &#8222;Die dringlichste Aufgabe ist die Bannung jeglicher Kriegsgefahr. Krieg und Gewaltanwendung d\u00fcrfen nicht als Mittel der Politik rehabilitiert werden, sie m\u00fcssen international ge\u00e4chtet werden.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr alle im DFV organisierten Freidenker bleibt das Leben und Wirken des 1944 von den Faschisten ermordeten DFV-Vorsitzenden Max Sievers Verm\u00e4chtnis und Verpflichtung, entsprechend verpflichtend &#8211; und unteilbar &#8211; auch der Schwur &#8222;Nie wieder Faschismus &#8211; nie wieder Krieg!&#8220; Dies schl\u00e4gt sich nicht nur in programmatischen Dokumenten nieder, sondern im praktischen, allt\u00e4glichen Engagement der Mitglieder des Verbandes. Sie protestieren nicht nur gegen die v\u00f6lkerrechtswidrigen Kriege der &#8222;Neuen Weltordner&#8220;, wenn sie von der deutschen Bundesregierung nicht unterst\u00fctzt werden, sondern auch, wenn diese eigenh\u00e4ndig mitbombt, wie 1999 bei der NATO-Aggression zwecks Zerst\u00f6rung Jugoslawiens.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist Gelegenheit, ein, ja das grunds\u00e4tzliche Anliegen der Freidenkerorganisation n\u00e4her zu betrachten: Die F\u00f6rderung des eigenst\u00e4ndigen, selbst\u00e4ndigen Denkens, des Denkens &#8222;mit dem eigenen Kopf&#8220;, wie es so sch\u00f6n hei\u00dft. Am Beispiel der Zerschlagung Jugoslawiens und der &#8222;kr\u00f6nenden&#8220; NATO-Aggression l\u00e4sst sich dies exemplarisch zeigen, denn gegen sie regte sich erschreckend wenig Widerstand. Weil eine generalstabsm\u00e4\u00dfige Medienkampagne \u00fcber Jahre die K\u00f6pfe f\u00fcr die Aufnahme der L\u00fcge bereit gemacht hatte, hier w\u00fcrde aus &#8222;humanit\u00e4ren&#8220; Gr\u00fcnden &#8222;gehandelt&#8220;. Tats\u00e4chlich agitierten die meisten Massenmedien volksverhetzend, als vierte Waffengattung, wie gleichgeschaltet.<\/p>\n<p>Als Freidenker-Organisationen Ende des 19. Jahrhunderts gegr\u00fcndet wurden, war ihr Hauptzweck, der Beherrschung &#8222;der K\u00f6pfe&#8220; durch die Kirchen, ihrer Monopolstellung in geistigen und weltanschaulichen Fragen entgegenzutreten. Die heutige ver\u00e4nderte Situation l\u00e4sst sich trefflich mit den Worten von Peter Hacks charakterisieren: &#8222;Die christliche Kirche hatte w\u00e4hrend des gesamten Mittelalters nicht so unangefochtene Herrschaft \u00fcber die Seelen, wie heute die Medien haben. Verglichen mit den Medien verfuhr die Kirche plump: Sie log noch. Es ist gewiss schlau, die Leute mit gro\u00dfem Aufwand zu beschwindeln. Aber die hohe Schule der Schlauheit ist, wenn man ihnen den Einfall aus dem Kopf schl\u00e4gt, sich nach der Wahrheit zu erkundigen. Ein Land, das Medien hat, braucht keine Zensur mehr.&#8220;<\/p>\n<p>Gegen solchen Totalitarismus aufzustehen, ist die erste und vornehmste Aufgabe von Freidenkern, im Sinne von Noam Chomsky: die intellektuelle Selbstverteidigung anzuregen und organisieren zu helfen.<\/p>\n<p><strong><br \/>\nKlaus Hartmann<br \/>\n<\/strong>Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bild: www.pixabay.com \/ Unsplash<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag des Bundesvorsitzenden Klaus Hartmann f\u00fcr eine Brosch\u00fcre der &#8222;Zentralstelle f\u00fcr Weltanschauungsfragen&#8220; der Evangelischen Kirche.<\/strong><br \/>\nDer Titel dieses Beitrags entspricht nicht der freien Wahl des Autors, sondern gehorcht der Vorgabe des Herausgebers. Trotzdem soll er nicht das Folklore-Genre &#8222;Dein Ossi &#8211; das unbekannte Wesen&#8220; resp. &#8222;Der Wessi, das bekannte Unwesen&#8220; anreichern. Obwohl es auch bez\u00fcglich &#8222;Nord&#8220;- und &#8222;S\u00fcd&#8220;-Freidenkern ein weites Forschungsfeld g\u00e4be, interessiert das kaum jemanden. Mit &#8222;West&#8220; und &#8222;Ost&#8220; scheint landl\u00e4ufig gemeint zu sein, wie sich die aus dem &#8222;totalit\u00e4r gepr\u00e4gten&#8220; Osten Gekommenen inzwischen in der &#8222;westlichen Demokratie&#8220; eingelebt haben. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":282,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[1162,15,16],"tags":[455,454,27,26,491,874],"class_list":["post-281","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-religions-kirchenkritik","category-weltanschauung-philosophie","tag-brd","tag-ddr","tag-deutscher-freidenker-verband","tag-freidenker","tag-geschichte","tag-verband-der-freidenker-der-ddr"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Ost_West.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-4x","jetpack-related-posts":[{"id":6996,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=6996","url_meta":{"origin":281,"position":0},"title":"FREIDENKER 3-19  \u2013 70 Jahre DDR","author":"Webredaktion","date":"16. 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