{"id":25466,"date":"2026-05-18T23:06:29","date_gmt":"2026-05-18T21:06:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=25466"},"modified":"2026-05-18T23:06:29","modified_gmt":"2026-05-18T21:06:29","slug":"der-krieg-der-niemals-endet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=25466","title":{"rendered":"Der Krieg, der niemals endet"},"content":{"rendered":"<p><em>von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 11.05.2026 auf den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=150294\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a><\/span><\/p>\n<p>Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreu\u00dfen sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. F\u00fcr Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. Gehe ich in die Zeit um 1945 zur\u00fcck, lassen sich meine Erinnerungen in Anlehnung an eine Gedichtzeile von Heinrich Heine in dem Satz zusammenfassen: Denk ich an Schlesien in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.<\/p>\n<p>Noch w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs ich bis zur Vertreibung im Oktober 1945 in Gleiwitz auf, das heute Gliwice hei\u00dft und in Polen liegt. Schon als Kind im Alter von vier Jahren nahm ich intuitiv wahr, dass das Leben endlich ist, also auch mein Leben. Als Jugendlicher wurde mir dann bewusst, dass ich meine Zukunft planen musste, wollte ich nicht in der Enge meiner damaligen neuen Umgebung verk\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Meine fr\u00fchesten Erinnerungen setzten bruchst\u00fcckhaft im Herbst 1944 ein. Jedes Mal, wenn ich heute Sirenen h\u00f6re, rieselt es mir kalt \u00fcber den R\u00fccken. In meiner Erinnerung br\u00f6ckelt Kalk von der Kellerdecke, an der sich Risse zeigen, die W\u00e4nde beben und der Boden b\u00e4umt sich auf unter meinen F\u00fc\u00dfen. Die Angst der Erwachsenen. Meine Mutter weint, die Gro\u00dfmutter betet. Im Hinterhaus ist eine Bombe eingeschlagen. Der Gro\u00dfvater wird zum Volkssturm, dem letzten Aufgebot, eingezogen. Die Front r\u00fcckte immer n\u00e4her.<\/p>\n<p>In der Nacht zum 24. Januar 1945 kamen die Russen. Das Grollen der Front war immer heftiger geworden. Wir sa\u00dfen im Keller. Die unteren Fenster waren zugenagelt, die T\u00fcren verbarrikadiert und das Hoftor mit einer dicken Kette und einem Vorh\u00e4ngeschloss zugesperrt. Artilleriefeuer, das Rattern von Panzerketten, peitschende Sch\u00fcsse, manchmal vibrierte der Boden. Das Schloss am Hoftor wurde aufgeschossen, im Seitenhaus und Hinterhaus schrien die Frauen, die vor ihren Kindern vergewaltigt wurden. Aber wir hatten Gl\u00fcck, die Haust\u00fcren hielten den Kolbenst\u00f6\u00dfen stand.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag begannen die Pl\u00fcnderungen. Soldaten drangen in unser Haus ein und nahmen alles mit, was ihnen gefiel. Auf dem Fu\u00dfboden lagen Hausrat, Kleidungsst\u00fccke und der Inhalt von Schr\u00e4nken und Schubladen; unser Klavier zerschellte bei dem Versuch es aus dem Fenster abzuseilen, auf dem Hof. Wir sollten erschossen werden, weil meine Mutter ihren Schmuck versteckt hatte und das Versteck nicht verraten wollte. Zwei Soldaten zerrten an ihr und meiner Tante herum, aber die Gro\u00dfmutter, die Polnisch und auch ein bisschen Russisch sprach, vermochte die Gefahr in letzter Sekunde noch abzuwenden. Tagelang ging das so weiter, der Krieg war zu uns gekommen. Ich verstand das alles nicht.<\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter pochte es an der T\u00fcr: Russische Milit\u00e4rpolizei und ein Kommissar in Zivil. Jemand hatte meinen Gro\u00dfvater, der in der NSDAP gewesen war, denunziert. Er wurde \u201eabgeholt\u201c, so nannte man das. &#8222;Ziehen Sie lieber einen Mantel an&#8220;, riet ihm der Kommissar, obwohl das Wetter mild war und die Sonne schien. Die Frauen weinten, und der Gro\u00dfvater ging mit den M\u00e4nnern, die ihn in die Mitte genommen hatten, fort. Das sehe ich noch wie heute. Wir haben nie wieder etwas von ihm geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Im April 1945 wurde in Gleiwitz eine polnische Verwaltung eingesetzt, und erneut fanden tagelang Pl\u00fcnderungen statt. Diesmal drangen M\u00e4nner mit rotwei\u00dfen Armbinden ein, die mit Pistolen herumfuchtelten und das mitnahmen, was die Russen \u00fcbriggelassen hatten. Meine Mutter musste sich morgens um sechs zur Arbeit melden: In den Fabriken, wo demontiert wurde, beim Stra\u00dfenbau, auf dem Rangierbahnhof. Abends wurden von den Betrunkenen Frauen gejagt. So vergingen die Tage und Wochen. Wir hatten kaum zu essen, obwohl die Gro\u00dfmutter alles, was uns geblieben war, auf dem Schwarzen Markt gegen Nahrungsmittel einzutauschen versuchte.<\/p>\n<p>Ende August hie\u00df es schlie\u00dflich, dass alle, die nicht f\u00fcr Polen optieren, die besetzten Gebiete bis zum 1. Oktober zu verlassen haben. Zwanzig Kilo Gep\u00e4ck durfte man mitnehmen, so war auf den Aush\u00e4ngen zu lesen. Meine Mutter wollte nicht polnisch werden, also mussten wir fort und alles, was uns geh\u00f6rte, zur\u00fccklassen.<\/p>\n<p>Anfang Oktober gingen wir zum Bahnhof, meine Mutter mit mir und den Gro\u00dfeltern aus Beuthen, deren Wohnung von einem polnischen Ehepaar besetzt worden war. Die Gleiwitzer Gro\u00dfmutter wollte bleiben, um auf den Gro\u00dfvater zu warten; sie hoffte immer noch auf seine R\u00fcckkehr, obwohl ein Nachbar berichtet hatte, er sei totgeschlagen worden. Der Zug war v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllt, aber wollten wir nicht in ein Lager gebracht werden, mussten wir Gleiwitz verlassen. \u00dcber diese Lager, die zum Beispiel in Lamsdorf, Zgoda, Myslowitz und Jaworzno eingerichtet worden waren, gab es grauenvolle Berichte.<\/p>\n<p>Wir fanden nur noch etwas Platz auf dem Dach des Zuges, mit dem es zun\u00e4chst nach Forst an der Nei\u00dfe ging. Eine schreckliche Fahrt. Wenn Br\u00fccken oder Tunnel kamen, mussten wir uns flach hinlegen. Ich fror die ganze Zeit und hatte Angst, die Dachschr\u00e4ge hinunterzufallen. Unterwegs hielt der Zug pl\u00f6tzlich auf freier Strecke an, M\u00e4nner mit Pistolen und Messern kletterten herauf. Sie schlugen auf die Menschen ein, rissen Koffer und Taschen auf, raubten alle Wertgegenst\u00e4nde und warfen jeden, der sich wehrte, hinunter.<\/p>\n<p>Als der Gro\u00dfvater nicht schnell genug seine goldene Taschenuhr herausgab, stach ein Halbw\u00fcchsiger mit dem Messer auf ihn ein. Der Gro\u00dfvater, der viel Blut verloren hatte, wurde an der n\u00e4chsten Station vom Roten Kreuz versorgt, so dass er am Leben blieb. \u00dcber Forst, kurz hinter der bereits streng bewachten Oder-Nei\u00dfe-Grenze gelegen, ging es nach einem wochenlangen Aufenthalt in der Uckermark schlie\u00dflich weiter nach Westen.<\/p>\n<p>Helmstedt, so hie\u00df der erste Ort hinter der so genannten Demarkationslinie (zwischen der russischen und der britischen Zone), wo wir in einem Sammellager notd\u00fcrftig untergebracht wurden. Ich bekam nach den Entbehrungen der vergangen Tage eine schwere Erk\u00e4ltung, der Lagerarzt vermutete Keuchhusten. Daraufhin erhielten wir die Genehmigung, weiter zu meinem Vater nach Ostfriesland zu reisen. Er lag dort nach einer schweren Verwundung in einem Lazarett, und meine Mutter hatte ihn \u00fcber den inzwischen eingerichteten Suchdienst ausfindig gemacht.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch genau an die \u00dcbernachtung in einem verwanzten Bunker in Braunschweig, an die Fahrt auf einem Lastwagen nach Hannover, an schrecklich kalte Bahnh\u00f6fe in Bremen und Oldenburg. Dort bekamen wir einen Zug an die K\u00fcste. Am 12. Januar 1946 erreichten wir endlich, halb verhungert, abends gegen neun Uhr Wittmund, eine Kleinstadt in Ostfriesland, damals am Rande der Welt.<\/p>\n<p>Die Stadt, die vielleicht 4.000 Einwohner z\u00e4hlte, dazu etwa 2.000 Fl\u00fcchtlinge und Vertriebene, lag auf einem Geestr\u00fccken am Rande der Marsch; bis zur Nordseek\u00fcste waren es nur zehn Kilometer. 1933 hatten die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei und die Deutschnationale Volkspartei zusammen einen Stimmenanteil von 85,6 Prozent erhalten. Die damals wirtschaftlich und kulturell unterentwickelte Region hatte Tausende von heimatlosen Menschen aufzunehmen, was nat\u00fcrlich zu Lasten der einheimischen Bev\u00f6lkerung ging, die ihren Unmut nicht zur\u00fcckhielt.<\/p>\n<p>Die Atmosph\u00e4re war feindlich, wir waren Eindringlinge, St\u00f6renfriede, f\u00fcr viele Einheimische \u201ePolacken\u201c und \u201eRucksackgesindel\u201c. Als meine Mutter im Herbst 1946 einen Bauern nach Fall\u00e4pfeln fragte \u2013 der Garten lag voll davon \u2013, wurden wir mit der Mistgabel vom Hof gejagt. Der folgende Winter war sehr kalt, wir hatten kaum zu essen und zu heizen.<\/p>\n<p>Zuerst erhielten wir vom Wohnungsamt zwei Mansardenzimmer in einem Einfamilienhaus, sp\u00e4ter zogen wir dann ins Fl\u00fcchtlingslager am Stadtrand, wo wir zehn Jahre blieben, bis es uns allm\u00e4hlich wieder besser ging. Ich verlie\u00df die Stadt, in der ich aufgewachsen bin, endg\u00fcltig 1966, nachdem ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt hatte, um an der Universit\u00e4t in G\u00f6ttingen zu studieren. Wenn ich es mir r\u00fcckblickend \u00fcberlege, ging f\u00fcr mich der Krieg eigentlich erst damals zu Ende. Aber das Gef\u00fchl von Heimatlosigkeit blieb bis heute.<\/p>\n<p>Wenn ich jetzt einige der meinungsf\u00fchrenden Politiker und Journalisten h\u00f6re und sehe oder ihre Verlautbarungen lese, str\u00e4uben sich mir die Haare. Sie sagen, Deutschland m\u00fcsse aufr\u00fcsten und wieder \u201ekriegst\u00fcchtig\u201c werden, und die Bev\u00f6lkerung m\u00fcsse sich deswegen einschr\u00e4nken. Mir dreht sich dabei der Magen um. Gut, dass immer mehr Menschen begreifen, dass sie belogen und betrogen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dr. Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in G\u00f6ttingen und ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes und seines Beirats. Er hat mehr als 80 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. K\u00fcrzlich ist sein Buch \u201eGeopolitik im \u00dcberblick. Deutschland-USA-EU-Russland\u201c erschienen.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: <span class=\"mw-mmv-title\">Ostpreu\u00dfischer Fl\u00fcchtlingstreck 1945<\/span><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Bundesarchiv, B 285 Bild-S00-00326 \/ Fotograf unbekannt \/ <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 3.0 de<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5338539\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5338539<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Wolfgang Bittner<\/b><br \/>\nAm 8. und 9. Mai 1945 kapitulierte die deutsche Wehrmacht bedingungslos, Deutschland wurde besetzt und in vier Besatzungszonen aufgeteilt; Schlesien, Ostpreu\u00dfen sowie Teile von Pommern und Brandenburg wurden unter polnische Verwaltung gestellt. F\u00fcr Millionen Menschen, die mit dem Leben davongekommen waren, bedeutete das Vertreibung, Hunger und Not. Gehe ich in die Zeit um 1945 zur\u00fcck, lassen sich meine Erinnerungen in Anlehnung an eine Gedichtzeile von Heinrich Heine in dem Satz zusammenfassen: Denk ich an Schlesien in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Noch w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs ich bis zur Vertreibung im Oktober 1945 in Gleiwitz auf, das heute Gliwice hei\u00dft und in Polen liegt. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":25467,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[574,1162],"tags":[648,1398,1541,402,1084,1536,188,2440,2587,1311,3100,430,687,992],"class_list":["post-25466","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-geschichte","tag-2-weltkrieg","tag-aufruestung","tag-denunziation","tag-flucht","tag-fluechtlinge","tag-kapitulation","tag-krieg","tag-kriegstuechtigkeit","tag-nsdap","tag-polen","tag-schriftsteller","tag-sowjetunion","tag-tag-der-befreiung","tag-vertreibung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/Bundesarchiv_Bild_175-S00-00326_Fluechtlinge_aus_Ostpreussen_auf_Pferdewagen_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-6CK","jetpack-related-posts":[{"id":17697,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17697","url_meta":{"origin":25466,"position":0},"title":"Als wir am Heiligen Abend Besuch bekamen","author":"Webredaktion","date":"28. 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