{"id":24906,"date":"2026-04-18T01:22:39","date_gmt":"2026-04-17T23:22:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24906"},"modified":"2026-04-18T01:22:39","modified_gmt":"2026-04-17T23:22:39","slug":"orban-wankte-und-fiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24906","title":{"rendered":"Orban wankte \u2013 und fiel"},"content":{"rendered":"<h4><strong>Ungarn hat gew\u00e4hlt. Viele hoffen, dass die EU ihre Probleme l\u00f6st \u2013 ein m\u00f6glicher Irrtum<\/strong><\/h4>\n<p><em>Ein Kommentar von <strong>Tilo Gr\u00e4ser<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 15.04.2026 auf <a href=\"https:\/\/apolut.net\/orban-wankte-und-fiel-von-tilo-graser\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">apolut.net<\/a><\/span><\/p>\n<p>\u201eOrban wankt\u201c habe ich im Juni vergangenen Jahres nach einem meiner Aufenthalte in Ungarn <a href=\"https:\/\/apolut.net\/orban-wankt-ungarische-impressionen-von-tilo-graser\/\"><u>geschrieben<\/u><\/a>. In dem Beitrag habe ich auf eine Stimmung in dem Land an Donau und Thei\u00df aufmerksam gemacht, die in Richtung Ver\u00e4nderung nach 16 Jahren Amtszeit von Viktor Orb\u00e1n dr\u00e4ngte. Nun ist der dienst\u00e4lteste Ministerpr\u00e4sident innerhalb der Europ\u00e4ischen Union (EU) gewisserma\u00dfen gefallen. Daf\u00fcr d\u00fcrften zuallererst innenpolitische Themen und Probleme gesorgt haben, und eben der Wunsch insbesondere der jungen Ungarn nach Ver\u00e4nderung. Nat\u00fcrlich reichen die Folgen weit \u00fcber das Land hinaus.<\/p>\n<p>Den bisherigen <a href=\"https:\/\/magyarnemetintezet.hu\/documents\/doc\/Wahlbericht%202026.pdf?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Angaben<\/u><\/a> nach erhielt am Sonntag die Tisza-Partei um Herausforderer P\u00e9ter Magyar knapp \u00fcber 53 Prozent der abgegebenen Stimmen. Das B\u00fcndnis aus Fidesz und der Partei KDNP um Orb\u00e1n kam auf etwas \u00fcber 38 Prozent. Nach 16 Jahren im Amt muss Orb\u00e1n das nun wieder abgeben. Gemeldet wurde eine hohe Wahlbeteiligung von fast 80 Prozent. Demnach bekommt die Tisza-Partei 138 der 199 Sitze im Parlament und damit die f\u00fcr grundlegende <a href=\"https:\/\/www.infosperber.ch\/politik\/welt\/falls-orban-verliert-was-trotzdem-alles-beim-alten-bleibt\/?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Gesetzes\u00e4nderungen<\/u><\/a> notwendige Zweidrittelmehrheit. Fidesz und KDNP kommen nur noch auf 55 von bisher 135 Abgeordneten. Die restlichen sechs Sitze bekommt die kleine Partei Mi Haz\u00e1nk Mozgalom (Unsere Heimat Bewegung), die als \u201erechtsextrem\u201c und \u201eprorussisch\u201c bezeichnet wird.<\/p>\n<p>Im Folgenden soll ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber Einsch\u00e4tzungen gegeben werden, die im deutschen Medienmainstream eher selten zu finden sind, die aber auf interessante Aspekte aufmerksam machen.<\/p>\n<p>Zu den Ursachen f\u00fcr den Wahlausgang wird unter anderem die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage Ungarns gez\u00e4hlt, die sich auf den Lebensstandard seiner B\u00fcrger sp\u00fcrbar auswirkt. Noch am 11. April hatte die Zeitung <em>Das Handelsblatt<\/em> den \u201ewirtschaftlichen Niedergang\u201c des Landes <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/international\/parlamentswahl-ungarns-wirtschaftlicher-niedergang-in-sechs-grafiken\/100213459.html?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>beschrieben<\/u><\/a> und als Schlussfolgerung einen \u201eRegimewechsel\u201c in Budapest <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kommentare\/kommentar-es-ist-zeit-fuer-einen-regimewechsel-in-ungarn-01\/100214998.html?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>gefordert<\/u><\/a>. Zumindest hie\u00df es dabei:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eDas Haushaltsproblem besteht seit der Coronapandemie, als der Staat hohe Schulden aufnehmen musste. Es versch\u00e4rfte sich 2022, als die EU-Kommission aufgrund von Rechtsstaatsverst\u00f6\u00dfen der Orban-Regierung F\u00f6rdermittel in Milliardenh\u00f6he zur\u00fcckhielt.\u201c<\/p>\n<p>Bei der Aufz\u00e4hlung der Faktoren und Ursachen f\u00fcr die schlechter werdenden Wirtschaftszahlen lie\u00df das Blatt nicht nur die politischen Ursachen der Corona-Krise, sondern auch etwas anderes Wichtiges aus: Durch die enge Verflechtung der ungarischen Wirtschaft mit bundesdeutschen Unternehmen wirkt sich der Konjunkturr\u00fcckgang in Deutschland \u2013 dem wichtigsten Handelspartner Ungarns \u2013 auch auf diese aus. Darauf machte der ungarische Journalist Gab\u00f3r Stier gegen\u00fcber der russischen Nachrichtenagentur <em>Tass<\/em> am Montag <a href=\"https:\/\/tass.ru\/mezhdunarodnaya-panorama\/27084627?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>aufmerksam<\/u><\/a>. Aus seiner Sicht kommt der Konflikt in der Ukraine hinzu, der Sanktionen der Europ\u00e4ischen Union gegen Russland nach sich zog, der sich ebenfalls \u201e\u00e4u\u00dferst negativ\u201c auf die Lage im Land auswirke.<\/p>\n<h5><strong>Hoffnung auf die EU<\/strong><\/h5>\n<p>Ein zentrales Wahlkampfthema von Magyar war das Ziel, die Freigabe von 17 Milliarden Euro an eingefrorenen EU-Mitteln zu erreichen. Die machen rund zehn Prozent des ungarischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus, wie das au\u00dfenpolitische Onlinemagazin <em>German-Foreign-Policy.com<\/em> (<em>GFP<\/em>) in einer Analyse am Dienstag <a href=\"https:\/\/www.german-foreign-policy.com\/news\/detail\/10363?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>feststellte<\/u><\/a>. Die EU habe sie in ihren erbitterten Machtk\u00e4mpfen mit Orb\u00e1n auf Eis gelegt, um den Druck auf ihn zu erh\u00f6hen und seine Regierung zu schw\u00e4chen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eDer Preis, den Magyar zahlen muss, ist hoch. Um die Gelder zu erhalten, muss Budapest 27 von Br\u00fcssel vorgegebene Bedingungen erf\u00fcllen, darunter Reformen der \u00f6ffentlichen Vergabepraxis, die St\u00e4rkung der richterlichen Unabh\u00e4ngigkeit sowie der Ausbau akademischer Freiheiten.\u201c<\/p>\n<p>Die daf\u00fcr notwendige Zweidrittelmehrheit habe die Tisza erreicht. Der angek\u00fcndigte Reformkurs laufe damit auf eine vertiefte Integration in die EU-Strukturen hinaus, so das Magazin. Gleichzeitig wird auf eine deutliche Folge hingewiesen: die damit verbundene \u201eweitere Einschr\u00e4nkung nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t\u201c. Gerade die Souver\u00e4nit\u00e4t Ungarns und die nationalen Interessen des Landes waren Orb\u00e1ns Argument f\u00fcr eine eigenst\u00e4ndige Au\u00dfenpolitik, die zu einem abweichenden Kurs gegen\u00fcber der EU nicht nur beim Ukraine-Krieg f\u00fchrte. So stimmte Ungarn zuletzt gegen die Auszahlung von weiteren 90 Milliarden Euro durch die EU an die Ukraine und blockierte das 20. EU-Sanktionspaket gegen Russland.<\/p>\n<p>In einem aktuellen\u00a0<a href=\"https:\/\/zgif.ch\/2026\/04\/06\/die-eu-ergriff-keine-lnitiative-den-ukraine-krieg-zu-beenden\/?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Interview<\/u><\/a>\u00a0mit der Schweizer Zeitschrift\u00a0<em>Zeitgeschehen im Fokus<\/em>\u00a0kritisierte der ungarische Diplomat und Botschafter a. D. Gy\u00f6rgy Varga, dass weder die Mainstream-Medien noch die EU-Elite die wahren Hintergr\u00fcnde beleuchten w\u00fcrden. Er stellt klar, dass das \u201evertragskonforme Veto von Ungarn und der Slowakei eine konkrete Ursache hat\u201c. Die Ukraine verhindere aktiv die strategische Energieversorgung\u00a0dieser EU-L\u00e4nder. Seit \u00fcber einem Jahr erhielten beide Staaten kein Gas und seit Januar 2026 auch kein \u00d6l mehr durch die Ukraine. Dies wiegt schwer, da bis vor kurzem rund 85 Prozent der ungarischen \u00d6lversorgung aus Russland stammten.<\/p>\n<p>Die Tisza-Partei verfolgte \u00fcber Monate\u00a0eine programmatische \u201eStrategie des Vakuums\u201c, stellte die Journalistin \u00c9va P\u00e9li in einer <a href=\"https:\/\/transition-news.org\/ungarns-wahl-festung-orban-gegen-modell-magyar?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Analyse<\/u><\/a> f\u00fcr das Schweizer Onlinemagazin <em>Transition News<\/em> fest. Das sei geschehen, um den staatlich dominierten Medien in Ungarn keine inhaltlichen Angriffsfl\u00e4chen zu bieten. Erst im Endspurt des Wahlkampfes sei das <a href=\"https:\/\/magyartisza.hu\/program?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Grundsatzdokument<\/u><\/a> \u201eGrundlagen f\u00fcr ein funktionierendes und menschliches Ungarn\u201c ver\u00f6ffentlicht worden. Die Kernziele seien die Sanierung des maroden Gesundheits- und Bildungswesens sowie die Freischaltung der blockierten EU-Gelder durch den sofortigen Beitritt zur Europ\u00e4ischen Staatsanwaltschaft (EUStA).<\/p>\n<h5><strong>Wirtschaftspolitische Illusionen<\/strong><\/h5>\n<p>Der aus Deutschland stammende und in der Schweiz sowie in Ungarn lebende \u00d6konom Richard Werner hat sich mit den wirtschaftspolitischen Forderungen von Wahlsieger Magyar besch\u00e4ftigt. In einem am Vorabend der Wahl ver\u00f6ffentlichten <a href=\"https:\/\/europeanconservative.com\/articles\/commentary\/hungarys-advantage-at-risk-in-tiszas-brussels-bargain\/?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Beitrag<\/u><\/a> f\u00fcr das Magazin <em>The European Conservative<\/em> warnte Werner vor den Folgen des zu erwartenden Tisza-Wahlsieges. Die angek\u00fcndigten wirtschaftspolitischen Vorhaben der Partei seien \u201enicht hilfreich\u201c f\u00fcr die Entwicklung Ungarns. Zwar wolle Magyar die kleinen und mittleren Unternehmen unterst\u00fctzen, doch das solle nur mit den EU-Mitteln erfolgen, die Br\u00fcssel derzeit blockiere. Diese seien entscheidend f\u00fcr die ungarische Wirtschaft, habe der Wahlsieger 2025 in einem <a href=\"https:\/\/www.dw.com\/en\/majority-wants-new-hungary-says-opposition-leader-peter-magyar\/a-71992118?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Interview<\/u><\/a> erkl\u00e4rt. Werner widerspricht:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eDie Vorstellung, dass Ungarn \u201aausl\u00e4ndisches Geld\u2018 brauche, um die Wirtschaft anzukurbeln, ist falsch. Wenn ausl\u00e4ndische Investitionen get\u00e4tigt werden, flie\u00dft kein ausl\u00e4ndisches Geld in die ungarische Wirtschaft.\u201c<\/p>\n<p>In den modernen, auf dem Bankenwesen basierenden Volkswirtschaften w\u00fcrden Euro immer in Banken mit Sitz im Euro-Raum verbleiben, erkl\u00e4rte der \u00d6konom dazu. Die ungarische Regierung unter Orb\u00e1n sei so klug gewesen und habe die nationale W\u00e4hrung Forint nicht durch den Euro ersetzt. Damit habe die ungarische Zentralbank die Kontrolle \u00fcber die Forint-Menge, die im Umlauf ist, behalten. Deshalb seien keine ausl\u00e4ndischen Investitionen erforderlich, damit Ungarn mehr Forint erh\u00e4lt. Sie w\u00fcrden das Wirtschaftswachstum in Ungarn nicht steigern k\u00f6nnen, solange sie nicht zu einer gr\u00f6\u00dferen Schaffung ungarischer Forint durch ungarische Banken f\u00fchren. Letzteres sei \u201egenauso gut ohne jegliche Beteiligung externer Akteure\u201c m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Werner verwies auf seine <a href=\"https:\/\/www.tandfonline.com\/doi\/full\/10.1080\/00130095.2017.1393312?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Untersuchungen<\/u><\/a> zu Spanien, einem der gr\u00f6\u00dften Empf\u00e4nger ausl\u00e4ndischer Direktinvestitionen in Europa. Diese h\u00e4tten gezeigt, dass das spanische Wirtschaftswachstum nicht von diesem ausl\u00e4ndischen Geld beeinflusst wurde. Auch der Beitritt zum Euro sei f\u00fcr das Wachstum nicht hilfreich gewesen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eUm also die Unternehmensinvestitionen in Ungarn zu steigern und die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen sowie das Wirtschaftswachstum zu f\u00f6rdern, werden Euro aus Br\u00fcssel nicht ben\u00f6tigt.\u201c<\/p>\n<p>Wenn die Tisza-Partei wie erkl\u00e4rt die Wettbewerbsf\u00e4higkeit ungarischer Unternehmen steigern wolle, sei vor allem eine Reform des Bankenwesens notwendig. Mehr als 99 Prozent der Unternehmen in fast allen L\u00e4ndern, einschlie\u00dflich Ungarn, seien kleine und mittlere Unternehmen. Um ihre Produktivit\u00e4t zu steigern, m\u00fcssten sie in Technologie investieren. Die notwendigen Kredite w\u00fcrden sie aber oft von gro\u00dfen Banken nicht bekommen. Deshalb seien mehr kleine Banken notwendig, die den KMU Kredite geben, so der \u00d6konom.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eUm die Produktivit\u00e4t zu steigern, sollten in Ungarn k\u00fcnftig viele neue kleine lokale Banken gegr\u00fcndet werden \u2013 eine Politik, die von Tisza nicht erw\u00e4hnt wird und von dieser Partei wahrscheinlich nicht umgesetzt werden wird.\u201c<\/p>\n<h5><strong>Euro statt Forint<\/strong><\/h5>\n<p>Orb\u00e1n habe als einer der wenigen Regierungschefs in der EU auf ein h\u00f6heres Wirtschaftswachstum gesetzt. Das Ungarns liege weiterhin \u00fcber dem EU-Durchschnitt, schreibt Werner. Er warnte, das Ziel von Tisza, die Politik st\u00e4rker an der EU auszurichten, bedeute \u201eMa\u00dfnahmen zur Verringerung des Wirtschaftswachstums\u201c und werde den einfachen Ungarn schaden. Die EU-Kommission verfolge in vielen Bereichen ideologiegetriebene Ziele, so bei der \u201eKlimapolitik\u201c, der Energiepolitik, der Migration oder beim Ukraine-Krieg, kritisierte der \u00d6konom. Daher sei es \u201ef\u00fcr jeden europ\u00e4ischen Staats- oder Regierungschef, der im Interesse seines Volkes handelt, notwendig, gegen die Br\u00fcsseler B\u00fcrokraten zu k\u00e4mpfen\u201c, was Orb\u00e1n gut gelungen sei.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eMit anderen Worten: Dieser Kampf gegen die EU und ihre fehlgeleitete Politik ist keine unn\u00f6tige Ablenkung von anderen Problemen, wie Tisza behauptet, sondern f\u00fcr diejenigen, die ihr Volk vertreten, unvermeidlich, angesichts der Korruption der EU, ihrer undemokratischen Organisation und der externen Kontrolle durch den internationalen Deep State.\u201c<\/p>\n<p>Werner betont ebenso, dass das andere politische Ziel von Tisza \u2013 die Verringerung der Abh\u00e4ngigkeit von billigen und zuverl\u00e4ssigen russischen Energielieferungen \u2013 durch die j\u00fcngsten geopolitischen Ereignisse wie den Krieg gegen den Iran bereits ad absurdum gef\u00fchrt wurde. Angesichts der von der EU durchgesetzten Reduzierung der russischen Energielieferungen in den letzten Jahren seien die Energiekosten in anderen EU-L\u00e4ndern drastisch gestiegen. Es drohe sogar eine Energierationierung in naher Zukunft. \u201eUngarn ist solchen erfolglosen Politiken nicht gefolgt\u201c, stellte der \u00d6konom fest. In einem solchen Umfeld sei es \u201eeindeutig eine schlechte Idee f\u00fcr Ungarn\u201c, dem Druck der EU nachzugeben und die russischen Energiek\u00e4ufe zu reduzieren, wie Tisza es offenbar gerne tun w\u00fcrde. \u201eDas Gegenteil w\u00e4re eine bessere Idee\u201c, meinte Werner dazu.<\/p>\n<p>Er machte auch darauf aufmerksam, dass Wahlsieger Magyar in Ungarn die eigene W\u00e4hrung Forint durch den Euro <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/finanzen\/maerkte\/devisen-rohstoffe\/nach-orban-abwahl-bekommt-ungarn-unter-magyar-jetzt-den-euro\/100215565.html?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>abl\u00f6sen<\/u><\/a> will. Werner warnt vor diesem Schritt, weil damit die Geldpolitik nicht mehr in Ungarn, \u201esondern von der supranationalen Organisation namens Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) bestimmt w\u00fcrde, der unabh\u00e4ngigsten Zentralbank der Welt, die keinem Parlament oder einer anderen Institution Rechenschaft schuldig ist\u201c. Zudem ist der Forint als \u201eschwache W\u00e4hrung\u201c ein Wettbewerbsvorteil f\u00fcr alle Unternehmen, die in Ungarn produzieren und ihre Waren exportieren.<\/p>\n<p>Der \u00d6konom warnt vor der zerst\u00f6rerischen Rolle der EZB, die f\u00fcr durch Bankkredite getriebene Immobilienblasen, Bankenkrisen und lange Rezessionen verantwortlich sei. Das habe sich unter anderem in Irland, Portugal, Spanien und Griechenland gezeigt, kurz nachdem diese L\u00e4nder den Euro eingef\u00fchrt hatten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eDar\u00fcber hinaus hat die EZB seit Aufnahme ihrer T\u00e4tigkeit bereits 6.000 kleine Banken in den Ruin getrieben. Dies war ein Hauptgrund f\u00fcr den R\u00fcckgang der europ\u00e4ischen Produktivit\u00e4t und des Wirtschaftswachstums \u2013 offenbar ein von den zentralen Planern angestrebtes Ziel. Die daraus resultierende Kreditklemme f\u00fcr kleine Unternehmen hat der Mittelschicht geschadet.\u201c<\/p>\n<p>Die EZB sei auch daf\u00fcr verantwortlich, die Inflationspolitik der US-Notenbank von 2020 nach Europa exportiert zu haben. Das habe zu der zweistelligen Inflation in den Jahren 2021 und 2022 gef\u00fchrt. Als kleine offene Volkswirtschaft sei es f\u00fcr Ungarn schwierig, sich den Auswirkungen dieser Inflation zu entziehen. F\u00fcr Werner ist das ein weiterer Beweis, \u201edass es naiv ist zu glauben, Ungarn w\u00fcrde davon profitieren, sich unkritisch der Politik der EU und der EZB zu unterwerfen\u201c. Er warnte, durch die erkl\u00e4rte Tisza-Politik der \u201est\u00e4rkeren Angleichung an die EU\u201c d\u00fcrfte das Wirtschaftswachstum zur\u00fcckgehen, was die Steuereinnahmen drastisch verringern und das Haushaltsdefizit vergr\u00f6\u00dfern werde.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eAls Deutscher, der die Politik der ungarischen Regierung und die Verbesserungen des Lebensstandards und der Lebensqualit\u00e4t in Ungarn in den letzten zehn Jahren beobachtet hat, bef\u00fcrchte ich, dass Ungarn unter Tisza aufgrund der irrigen Annahme, die Br\u00fcsseler Kommissare h\u00e4tten alle Antworten, all die St\u00e4rken und vorteilhaften politischen Ma\u00dfnahmen verlieren k\u00f6nnte, die Ungarn f\u00fcr Europ\u00e4er wie mich so attraktiv gemacht haben.\u201c<\/p>\n<h5><strong>Ungarns Wahl f\u00fcr Krieg<\/strong><\/h5>\n<p>Vor einer anderen Folge des Machtwechsels in Budapest warnt der US-amerikanische Finanzanalytiker Martin Armstrong: Orb\u00e1ns Niederlage bedeute, dass die EU in den Krieg gegen Russland ziehe, dem der bisherige Ministerpr\u00e4sident Ungarns im Wege stand. Das schrieb Armstrong in einem <a href=\"https:\/\/standard.socratesplatform.com\/Blog\/Article\/69d9abce3c3257fe96efe21f?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Blogbeitrag<\/u><\/a> am Vorabend des Wahlsonntags. Er sagte voraus, dass die Niederlage Orb\u00e1ns \u201enicht nur seine 16-j\u00e4hrige Herrschaft zu einem spektakul\u00e4ren Ende bringen, sondern Ungarn in den Krieg treiben k\u00f6nnte\u201c. Der bisherige Ministerpr\u00e4sident habe f\u00fcr \u201eSouver\u00e4nit\u00e4t zuerst\u201c gestanden, w\u00e4hrend Magyar als \u201eScho\u00dfhund der EU\u201c den Wiedereinstieg in den EU-Mainstream anstrebe.<\/p>\n<p>Der Finanzanalytiker sieht Tiszas wirtschaftlichen Ansatz als \u201epragmatisch und nur dem Namen nach marktorientiert\u201c an, \u201eda die EU die Industrie durch umfassende Regulierung in allen Bereichen unterdr\u00fcckt\u201c. Zu den Tisza-Schl\u00fcsselfiguren geh\u00f6ren demnach Istv\u00e1n Kapit\u00e1ny, ein ehemaliger Shell-Manager, und Anita Orb\u00e1n (keine Verwandtschaft), eine Energieexpertin, die f\u00fcr ihre antirussische Haltung bekannt ist. Dies signalisiere eine Abkehr vom staatsorientierten, auf Vetternwirtschaft basierenden System der Regierung hin zu einer transparenteren und global integrierten Wirtschaft.<\/p>\n<p>Zwar habe sich die Wahl vor allem um Innenpolitik gedreht, so Armstrong. Aber ihr Ergebnis werde \u201enicht nur Ungarns Rolle in Europa neu gestalten\u201c, \u2013 insbesondere hinsichtlich der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Ukraine und des Zusammenhalts der EU \u2013, \u201esondern endlich auch der Tyrannei Br\u00fcssels bei der F\u00f6deralisierung Europas den Segen geben\u201c. In einem weiteren <a href=\"https:\/\/www.armstrongeconomics.com\/international-news\/hungary\/hungary-votes-for-war\/?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Beitrag<\/u><\/a> schrieb der Finanzfachmann am Wahlsonntag, Ungarn habe f\u00fcr den Krieg gestimmt, und erkl\u00e4rte:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eViktor musste verlieren, damit die EU gegen Russland in den Krieg ziehen konnte. Es ist das Schicksal der EU. Viktor war die letzte Stimme der Vernunft in Europa.\u201c<\/p>\n<h5><strong>Abwartende Haltung in Russland<\/strong><\/h5>\n<p>In Russland selbst wird das Wahlergebnis in Ungarn etwas gelassener kommentiert. So hei\u00dft es in einem <a href=\"https:\/\/vz.ru\/world\/2026\/4\/14\/1410530.html?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Beitrag<\/u><\/a> der russischen Zeitung <em>Wsgljad<\/em> vom Dienstag, die Freude in Br\u00fcssel und Kiew \u00fcber Magyars Wahlsieg k\u00f6nnte verfr\u00fcht sein. Dessen erste Aussagen nach der Wahl w\u00fcrden darauf hindeuten, dass ein schneller ukrainischer EU-Beitritt ebenso nicht in Frage k\u00e4me wie die direkte finanzielle Unterst\u00fctzung des Krieges in der Ukraine. Allerdings wolle Magyar die EU-Gelder f\u00fcr Kiew nicht blockieren. Der Wahlsieger habe sich f\u00fcr eine \u201ePolitik des konstruktiven Dialogs mit Moskau\u201c ausgesprochen, hei\u00dft es weiter.<\/p>\n<p>\u201eDie geografische Lage weder Russlands noch Ungarns wird sich \u00e4ndern\u201c, habe Magyar erkl\u00e4rt und hinzugef\u00fcgt: \u201eAuch unsere Energieabh\u00e4ngigkeit wird noch f\u00fcr einige Zeit bestehen bleiben.\u201c Er beabsichtige nicht, auf den Kauf von russischem \u00d6l zu verzichten. Die Zeitung zitierte den russischen Politologen Iwan Lizan:<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eSelenskyj sollte sich wirklich nicht \u00fcber den Sieg von Magyar freuen. Letztendlich geht es darum, dass in Ungarn ein \u201ajunger\u2018 Nationalist einen \u201aalten\u2018 Nationalisten abl\u00f6st. Dar\u00fcber hinaus stammt der Vorsitzende von Tisza buchst\u00e4blich aus Viktor Orb\u00e1ns Partei Fidesz. Ihre politischen Ansichten sind in vielerlei Hinsicht \u00e4hnlich.\u201c<\/p>\n<p>\u00c4hnlich sch\u00e4tzte der russische Politologe Fjodor Lukjanow in einem <a href=\"https:\/\/rg.ru\/2026\/04\/13\/fedor-lukianov-o-pobede-madiara-svoia-rubashka-snova-pobedila.html?ref=apolut.net\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><u>Beitrag<\/u><\/a> f\u00fcr die russische Zeitung <em>Rossijskaja Gaseta<\/em> den Wahlausgang in Ungarn ein. Auch er sieht vor allem innere Probleme als Grundlage f\u00fcr die vorher absehbare Wahlniederlage Orb\u00e1ns, der diese vor allem mit au\u00dfenpolitischen Themen und aktiver Unterst\u00fctzung aus den USA abwenden wollte. Doch der Sieg der Orb\u00e1n-Herausforderer best\u00e4tige paradoxerweise genau jenen Trend, den er selbst jahrelang verk\u00f6rperte: \u201eDie nationale Agenda schl\u00e4gt alles andere \u2013 \u201aMein Land zuerst\u2018.\u201c<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Orb\u00e1n vor allem den Konflikt mit Br\u00fcssel und Kiew nutzen wollte, h\u00e4tten seine Widersacher auf innenpolitische Themen gesetzt. \u201eSie r\u00fcckten die Korruptionsbek\u00e4mpfung in den Fokus und verkauften die Normalisierung mit der Europ\u00e4ischen Union als Mittel, um das Leben der einfachen Ungarn zu verbessern\u201c, so Lukjanow. \u201eOb das stimmt, steht auf einem anderen Blatt\u201c, f\u00fcgte er hinzu. Doch die Botschaft selbst atme \u201eden Geist des Souver\u00e4nismus\u201c.<\/p>\n<p>Auch die verpuffte Wirkung der Wahlkampfunterst\u00fctzung aus den USA f\u00fcr Orb\u00e1n, einschlie\u00dflich des Besuches von US-Vizepr\u00e4sident James D. Vance in Budapest wenige Tage vor der Wahl, passen f\u00fcr den Politologen \u201eins Bild einer national orientierten Politik: Kaum jemand l\u00e4sst sich gern vorschreiben, wie er zu w\u00e4hlen hat \u2013 schon gar nicht von au\u00dfen.\u201c F\u00fcr Russland sei eine \u201eschlechte Nachricht\u201c, dass Magyar mit symbolischen Gesten gegen\u00fcber Br\u00fcssel eine \u201eKehrtwende\u201c zeigen und dabei die 90 Milliarden Euro f\u00fcr Kiew nicht mehr blockieren werde.<\/p>\n<p>\u201eAnsonsten bleibt die Politik der neuen Regierung vage, trotz der liberalen Mantras\u201c, die Magyar gebetsm\u00fchlenartig wiederhole, so Lukjanow. Magyars gesamter Wahlkampf sei auf ihn als Person zugeschnitten gewesen. Wer die Ministerposten besetzt und welche praktischen Priorit\u00e4ten die Regierung setzt, m\u00fcsse sich erst noch zeigen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">\u201eDie geopolitische Lage und die Probleme Ungarns \u00e4ndern sich nicht. Gut m\u00f6glich, dass die Tisza-Partei die gef\u00e4hrlichen Realit\u00e4ten st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen muss, als ihr lieb ist. Magyar betonte bereits, er wolle den Dialog mit Russland suchen, weil das ungarische Interesse \u2013 vor allem im Energiebereich \u2013 dies verlange.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Tilo Gr\u00e4ser ist diplomierter Journalist und Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Victor Orban im Juni 2025<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto by \u00a9 European Union, 1998 \u2013 2026, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Viktor_Orb%C3%A1n,_2025.06.26_(03).jpg?uselang=en#Licensing\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Attribution<\/a>, <\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=173183994\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=173183994<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Ungarn hat gew\u00e4hlt. Viele hoffen, dass die EU ihre Probleme l\u00f6st \u2013 ein m\u00f6glicher Irrtum<\/b><br \/>\n<b>Ein Kommentar von Tilo Gr\u00e4ser<\/b><br \/>\n\u201eOrban wankt\u201c habe ich im Juni vergangenen Jahres nach einem meiner Aufenthalte in Ungarn geschrieben. In dem Beitrag habe ich auf eine Stimmung in dem Land an Donau und Thei\u00df aufmerksam gemacht, die in Richtung Ver\u00e4nderung nach 16 Jahren Amtszeit von Viktor Orb\u00e1n dr\u00e4ngte. Nun ist der dienst\u00e4lteste Ministerpr\u00e4sident innerhalb der Europ\u00e4ischen Union (EU) gewisserma\u00dfen gefallen. Daf\u00fcr d\u00fcrften zuallererst innenpolitische Themen und Probleme gesorgt haben, und eben der Wunsch insbesondere der jungen Ungarn nach Ver\u00e4nderung. Nat\u00fcrlich reichen die Folgen weit \u00fcber das Land hinaus. [&#8230;] Im Folgenden soll ein kurzer \u00dcberblick \u00fcber Einsch\u00e4tzungen gegeben werden, die im deutschen Medienmainstream eher selten zu finden sind, die aber auf interessante Aspekte aufmerksam machen.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":24907,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[574,12],"tags":[1693,1256,1659,1473,1328,182,181,3160,2072,1118,222,719,1292,1313,1251,1528,2171],"class_list":["post-24906","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aktuelles","category-demokratie-medien-aufklaerung","tag-banken","tag-corona-virus","tag-dialog","tag-erdgas","tag-erdoel","tag-eu","tag-euro","tag-oeffentliche-hand","tag-orban","tag-reform","tag-russland","tag-sanktionen","tag-ungarn","tag-wahlen","tag-wahlkampf","tag-wirtschaftspolitik","tag-wirtschaftswachstum"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1280px-Viktor_Orban_2025.06.26_03_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-6tI","jetpack-related-posts":[{"id":8203,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=8203","url_meta":{"origin":24906,"position":0},"title":"Viktor Orb\u00e1n: Ungarn zuerst! \u2013 Konzeptionelle Hintergr\u00fcnde seiner Politik","author":"Webredaktion","date":"14. 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