{"id":248,"date":"2010-12-17T14:57:03","date_gmt":"2010-12-17T13:57:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=248"},"modified":"2025-12-27T14:04:48","modified_gmt":"2025-12-27T13:04:48","slug":"die-strenge-des-begriffs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=248","title":{"rendered":"Die Strenge des Begriffs"},"content":{"rendered":"<p><em>von Prof. Dr. Hans Heinz Holz<\/em><\/p>\n<h4><b>Von der politischen \u00d6konomie zur wissenschaftlichen Weltanschauung<\/b><\/h4>\n<p>Ihre Werke erscheinen zusammen, fast als w\u00e4re es ein Doppelname: Marx-Engels-Werke (MEW), auch die gro\u00dfe, historisch-kritische Gesamtausgabe, die MEGA. In den programmatischen Schriften kommunistischer Parteien werden sie gemeinsam genannt; im Statut der DKP hei\u00dft es, die Partei handle auf der Grundlage der Lehren von Marx, Engels und Lenin.<br \/>\nFragt man sich aber, welches diese Lehren sind, auf die man sich st\u00fctzt, so fallen einem vor allem die gro\u00dfen Werke von Marx ein, zuerst nat\u00fcrlich das \u00bbKapital\u00ab, dann die \u00bbGrundrisse der politischen \u00d6konomie\u00ab, die \u00bbTheorien \u00fcber den Mehrwert\u00ab; erg\u00e4nzend dazu Lenins Imperialismusschrift sowie \u00bbStaat und Revolution\u00ab. Daneben stehen von Engels die kleinen Schriften, \u00bbDie Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft\u00ab, der \u00bbLudwig Feuerbach\u00ab, mehr f\u00fcr die Bildung von Partei und Arbeiterbewegung geeignet, jedenfalls nicht vergleichbar mit den Marxschen Mammut-Werken. Koautoren waren die beiden Freunde nur zu ihrer Jugendzeit, in der \u00bbHeiligen Familie\u00ab, der \u00bbDeutschen Ideologie\u00ab, dem \u00bbManifest\u00ab. Engels hat mit ungeheurer Bescheidenheit, die zu den sympathischsten Z\u00fcgen dieses liebenswerten Menschen geh\u00f6rt, Marx stets den Vorrang zuerkannt und sich selbst in den Schatten gestellt.<\/p>\n<p><b>Revolution\u00e4re Perspektive <\/b><\/p>\n<p>Warum nennen wir Engels in einem Atemzuge mit Marx den Begr\u00fcnder der neuen Denkhaltung und Wissenschaftseinstellung, die abgel\u00f6st von den Namen ihrer Gestalter als dialektischer und historischer Materialismus bezeichnet wird? Gewi\u00df, die Theorie wurde in einem lebenslangen Gedankenaustausch, in Gespr\u00e4chen und einem intensiven Briefwechsel, entwickelt, und Engels, der \u00fcber ein enzyklop\u00e4disches Wissen verf\u00fcgte, war dabei durchaus der gebende Teil; Marx hat unz\u00e4hlige wissenschaftliche Informationen von ihm bekommen, Erkenntnisse der historischen Zusammenh\u00e4nge und der naturwissenschaftlichen Forschung, sprachwissenschaftliche Querverweise und vieles mehr. Die Engels-Briefe sind eine Fundgrube f\u00fcr den Wissensstand seiner Zeit und dar\u00fcber hinausf\u00fchrende Perspektiven.<\/p>\n<p>Was aber Engels und Marx geradezu in einer Symbiose verband, war mehr als nur eine wechselseitige Befruchtung im Denken, mehr als nur die spontane \u00dcbereinstimmung in der Einsch\u00e4tzung politischer Lagen und deren gesellschaftlicher Bedingungen. Als die zwei jungen angehenden Wissenschaftler sich begegneten, waren sie beide ebenso fasziniert von der Gr\u00f6\u00dfe und Darstellungskraft des Hegelschen Systems, wie sie unbefriedigt waren von dessen Beschr\u00e4nkung darauf, die Welt nur in der Form des Begriffs zu erfassen. Sie sahen \u2013 wie die Forderung der junghegelianischen Opposition war \u2013, der politische Gehalt des Begriffs (der bei Hegel auf Schritt und Tritt greifbar wurde) m\u00fcsse so gewendet werden, da\u00df er politisch operationalisierbar, d.h. revolution\u00e4r werde. Betroffen vom Elend der einfachen Menschen in der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft, die sich in Deutschland noch mit der Fortdauer feudalistischer Herrschaftsformen verband, waren Marx und Engels ebenso emotional wie intellektuell davon ergriffen, da\u00df eine Revolution n\u00f6tig sei. Engels\u2019 Schrift \u00fcber die \u00bbLage der arbeitenden Klasse in England\u00ab, Marx\u2019 Artikel \u00fcber den Holzdiebstahl sind Zeugnisse flammender Emp\u00f6rung \u00fcber die Menschenfeindlichkeit des Systems. Man darf nicht denken, da\u00df diese Empfindsamkeit sich in den Jahrzehnten trockener wissenschaftlicher Arbeit abgek\u00fchlt habe; sie wandelte sich nur aus jugendlicher Erregung in einen erbitterten Zorn, der statt spontanem Aufbegehren zu einem methodischen Vorgehen anleitete.<\/p>\n<p><b>Schl\u00fcsselwissenschaft \u00d6konomie <\/b><\/p>\n<p>Es war die Zeit des Vorm\u00e4rz, in der Nestroy schrieb: \u00bbDie G\u00e4rung ist gro\u00df\u00ab. Die Kaffeehaus-Tiraden der akademischen Bohemiens, von denen jeder ein St\u00fcckchen Weltgeschichte besser verstand als der andere und keiner die ganze, gen\u00fcgten Marx und Engels nicht. Schlecht gedacht und unf\u00e4hig, zum politischen Handeln anzuleiten, verfehlten die Diskussionen die politische Wirklichkeit. Gemeinsam setzten sich Karl und Friedrich hin und schrieben voll Ungeduld die Kritiken an jenen Linken, die vom Wort nicht zur Tat kommen konnten, weil den Worten die Begriffe von der Sache fehlten: \u00bbDie Heilige Familie\u00ab und die \u00bbDeutsche Ideologie\u00ab.<\/p>\n<p>Die Sache selbst ist nicht irgendeine Rechts- oder Regierungsform, eine religi\u00f6se oder areligi\u00f6se Weltdeutung, ein ethischer Imperativ oder eine romantische Naturharmonie. Die Sache selbst \u2013 das sind die \u00dcberlebensbedingungen der Menschen, das ist die gesellschaftliche Organisation der Bed\u00fcrfnisbefriedigung, sp\u00e4ter sagen wir: die Produktionsverh\u00e4ltnisse. Den Kern der menschlichen Lebensweise beschreibt die \u00d6konomie, sie ist die Schl\u00fcsselwissenschaft zum Verst\u00e4ndnis von Geschichte und Politik. Hatte Hegel die begriffliche Bewegungsform entwickelt, so Adam Smith die materiellen Bewegungsformen. Auch hier arbeiteten die Freunde parallel Hand in Hand. Marx vollzieht in den \u00f6konomisch-philosophischen Manuskripten die materialistische Umkehrung Hegels, Engels entwirft in der kleinen Abhandlung \u00bbUmrisse einer Kritik der National\u00f6konomie\u00ab das Konzept einer politischen \u00d6konomie.<\/p>\n<p>Das sei festgehalten: Die Keimzelle, aus der die Begriffe der Marxschen \u00d6konomie erwachsen, liegt in diesem Opusculum. Der Jungunternehmer und Kapitalist Friedrich Engels, der in seiner t\u00e4glichen Arbeit die Mechanismen des Kapitalismus erkennen und beherrschen mu\u00df, erkennt als Hegel-Sch\u00fcler auch die inneren Widerspr\u00fcche und den Schein dieser Produktionsform. Was wird nicht alles in dieser kleinen Schrift angesprochen: Der Zirkulationszwang des Kapitals, die Warenform des Austauschs der gegenseitigen Bed\u00fcrfnisbefriedigung, die Wertform im Auseinanderfallen von Gebrauchswert und Tauschwert und damit die Differenz von Wert und Preis; mit der Schlu\u00dffolgerung: \u00bbMan kann diesen Gegensatz zwischen der wirklichen inh\u00e4renten Brauchbarkeit [einer Sache] und der Freiheit der Tauschenden nicht aufheben, ohne das Privateigentum aufzuheben; und sobald dies aufgehoben ist, kann von einem Tausch, wie er jetzt existiert, nicht mehr die Rede sein\u00ab (MEW 1, 507). Das Privateigentum bringt die Zweieinigkeit von Konkurrenz und Monopol hervor. Fast klingt es, als w\u00e4re es nicht 1843, sondern 2010 geschrieben: \u00bbDer Kampf von Kapital gegen Kapital, Arbeit gegen Arbeit, Boden gegen Boden treibt die Produktion in eine Fieberhitze hinein, in der sie alle nat\u00fcrlichen und vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnisse auf den Kopf stellt.\u00ab (MEW 1, 516)<\/p>\n<p>In den \u00bbDeutsch-franz\u00f6sischen Jahrb\u00fcchern\u00ab, 1844 ver\u00f6ffentlicht, k\u00f6nnten diese \u00bbUmrisse\u00ab eine noch vorl\u00e4ufige und unausgereifte, aber schon das Grunds\u00e4tzliche akzentuierende Skizze f\u00fcr die Arbeit am \u00bbKapital\u00ab sein. So eng sind Marx und Engels beieinander. Die \u00bbUmrisse\u00ab schlie\u00dfen sich mit den \u00bb\u00d6konomisch-philosophischen Manuskripten\u00ab zusammen zu einer Einheit von \u00f6konomischer und philosophischer Begriffsform.<\/p>\n<p>Marx und Engels begriffen, da\u00df es hier nicht darum gehen konnte, an die Stelle der Hegelschen Dialektik eine andere zu setzen, die der von Hegel ja schon in der \u00bbRechtsphilosophie\u00ab beschriebenen Dynamik des Systems der Bed\u00fcrfnisse eine materialistische Grundlage in den realen Bedingungen der Produktion der Mittel zur Bed\u00fcrfnisbefriedigung geben w\u00fcrde. Vielmehr galt es zu erkl\u00e4ren, warum aus der Produktionsweise selbst die Ver\u00e4nderung der Produktionsverh\u00e4ltnisse erw\u00e4chst und welche Faktoren den \u00dcbergang von einer Stufe (Formation) zur n\u00e4chsten bewirken. Die Erkenntnis einer allgemeinen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit dieser Art erlaubt es, die Begriffe der \u00d6konomie und Philosophie in Handlungsanleitungen zur Gesellschaftsver\u00e4nderung zu \u00fcbersetzen. Theorie st\u00fcnde dann in einem neuen Verh\u00e4ltnis zur Praxis, nicht mehr dieser gegen\u00fcber, sondern mit ihr in Einheit.<\/p>\n<p>Das war in der Tat ein revolution\u00e4res Programm und eine Aufgabe von immenser Gr\u00f6\u00dfe. Um die Gesetze zu formulieren, nach denen geschichtliche Entwicklungen verlaufen, mu\u00dften die \u00f6konomischen Bewegungsformen einer Formation im Detail und im Zusammenhang mit den gesamtgesellschaftlichen Prozessen analysiert werden. Zugleich war ihre sich doch historisch wandelnde kategoriale Form so zu verallgemeinern, da\u00df sie als Interpretationsschema formations\u00fcbergreifende Geltung besitzt; Grundformen gesellschaftlicher Bewegung halten sich in Sklaverei, Feudalismus, Kapitalismus durch\u2013 z. B. die Dominanz der Besitzverh\u00e4ltnisse. Marx nahm sich dieser riesigen Aufgabe an. Er widmete die weiteren vierzig Jahre seines Lebens der Ausarbeitung der Strukturen der politischen \u00d6konomie und schuf damit das Ger\u00fcst der historisch-materialistischen Theorie der Geschichte und des politischen Handelns.<\/p>\n<p><b>Universelle Weltlehre <\/b><\/p>\n<p>Wir wissen nun: Der Bewegungsform unserer gegenw\u00e4rtigen Gesellschaftsformation, des Kapitalismus, ist in allen ihren Differenzierungen gemeinsam die Akkumulation des Kapitals, die immer wieder Krisen erzeugt, welche schlie\u00dflich das ganze System als allgemeine Krise des Kapitals ergreifen. \u00d6konomisch bedeutet das den unaufhebbaren Gegensatz von Kapital und Arbeit, politisch den Gegensatz der Klassen, die diesen Basisfaktoren der Gesellschaft zugeordnet sind. Der Klassenkampf, ob er nun ausgefochten wird oder nicht, manifestiert sich in der Widerspr\u00fcchlichkeit kapitalistischer Produktionsverh\u00e4ltnisse und ist stets virulent in der Aus\u00fcbung der Herrschaft der Besitzenden.<\/p>\n<p>Das ist die Grundlage unseres Wissens um die politische Verfassung der Gesellschaft. Aber das ist bei weitem nicht alles. Es gibt ja nicht nur den Kampf um den Anteil an dem gesellschaftlichen Reichtum, den die produktive Arbeit schafft und dessen Mehrwert zugunsten des Kapitals abgesch\u00f6pft wird. Reichtum und Armut sind Momente der Lebensweise, die auch die Institutionen der sozialen Vor- und F\u00fcrsorge, des Rechts, des Gesundheitswesens, der Ausbildung usw. umfa\u00dft. Zu ihr geh\u00f6ren die Regeln unseres allt\u00e4glichen Verhaltens, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Spiel, Moral und Glauben \u2013 kurz unsere Weltanschauung. Wie wir denken und empfinden, schl\u00e4gt sich in unserer politischen Einstellung nieder. Um unser Bewu\u00dftsein, unsere Ideologie wird ebenso Klassenkampf gef\u00fchrt wie um L\u00f6hne und Mitbestimmungsrechte im Betrieb.<\/p>\n<p>Eine Partei, die die Gesellschaftsformation, d.h. den Gattungscharakter der Gesellschaft ver\u00e4ndern will, k\u00e4mpft gegen die herrschende Ideologie, gegen Denk- und Verhaltensgewohnheiten, gegen vertraute Institutionen, gegen das f\u00fcr notwendig und unab\u00e4nderlich Gehaltene. Die Erkenntnisse von Marx sind Theorie. Wie wird Theorie zur revolution\u00e4ren Gewalt, zur revolution\u00e4ren Praxis? Indem sie die Massen ergreift. Wie ergreift sie die Massen? Indem sie nicht nur die Zustimmung des einzelnen Subjekts findet, sondern die Weltanschauung der Subjekte, die Bewu\u00dftseinslage der Menschen pr\u00e4gt \u2013 Gramsci sagt dann: die ideologische und kulturelle Hegemonie erringt. Die Menschen m\u00fcssen zu den ver\u00e4nderbaren Ursachen dessen vorsto\u00dfen, worunter sie leiden. Die Einsicht in die Ursachen l\u00e4\u00dft das Hinnehmen des Gegebenen in die Frage nach seiner Umgestaltung umschlagen. Erkenntnis von Ursachen ist wissenschaftliches Denken. Die theoretische Kritik der politischen \u00d6konomie wird zur praktischen Kritik der durch die \u00d6konomie bedingten Verh\u00e4ltnisse. Praktische Kritik ist der Umsturz. In der wissenschaftlichen Weltanschauung formiert sich die theoretische Kritik, so da\u00df sie in politische Praxis umschlagen kann.<\/p>\n<p>Engels begriff, da\u00df Marx\u2019 Arbeit in eine wissenschaftliche Weltanschauung eingebettet werden mu\u00dfte, um ihr Ziel, das Ziel der elften Feuerbachthese (\u00bbDie Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es k\u00f6mmt darauf an, sie zu ver\u00e4ndern\u00ab), zu erreichen. Sein enzyklop\u00e4disches Wissen bef\u00e4higte ihn, nicht nur da und dort die Anwendung der Marxschen Analyse auf die historische Entwicklung aufzuzeigen, sondern den Gesamtzusammenhang zu entwerfen, in dem Menschheitsgeschichte und Naturgeschichte eine Einheit bilden. Man hat kaum beachtet, da\u00df Studien wie \u00bbDer Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen\u00ab oder \u00fcber den \u00bbUrsprung der Familie, des Privateigentums und des Staats\u00ab f\u00fcr die \u00bbDialektik der Natur\u00ab konzipiert waren und in deren Systematik den \u00dcbergang von der Natur- zur Gesellschaftsdialektik dargestellt h\u00e4tten. In dem Fragment steckt die Anlage zu einer universellen Weltlehre von einem Ausma\u00df, wie wir es von Aristoteles und Avicenna kennen, und da\u00df die Bruchst\u00fccke in zerstreuten Partikeln vorliegen, darf uns nicht dar\u00fcber t\u00e4uschen, da\u00df hier ein gro\u00dfer Systemgedanke vorlag, der unvollendet geblieben ist. Engels errichtete das Bauger\u00fcst \u00fcber dem von Marx gezeichneten Grundri\u00df. Zugegeben, Ausbau und Einbau waren nun n\u00f6tig, mancher Anbau wohl auch, kaum ein Umbau. Das ist auch eine Aufgabe f\u00fcr Generationen, nicht f\u00fcr einen einzelnen.<\/p>\n<p><b>Theorie und Praxis <\/b><\/p>\n<p>Die wissenschaftliche Weltanschauung, die Engels im Sinne hatte, ist die sich immer erweiternde, systematisch zusammenh\u00e4ngende Gesamtheit wissenschaftlichen Wissens \u2013 die \u00bbWissenschaft des Gesamtzusammenhangs\u00ab (MEW 20, 307), die Enzyklop\u00e4die, die der Arbeiterbewegung Leitbild sein sollte wie einstmals die franz\u00f6sische dem B\u00fcrgertum. Und anders als das gesammelte Wissen der Zeit in Einzelartikeln, sollte sie systematisch sein aus der Strenge des Begriffs wie die Hegelsche. In dem Unternehmen der Dialektiker Diderot und d\u2019Alembert lag der Impuls, die Summe neuer, das \u00fcberlieferte Weltbild sprengender Erkenntnisse so auszubreiten, da\u00df sie als Theorie f\u00fcr eine gesellschaftsver\u00e4ndernde Praxis dienen konnte. Der Anspruch Hegels, die ganze Welt in einem deduzierbaren Systemzusammenhang nach den Gesetzen der dialektischen Logik darzustellen, war die daraus folgende Konsequenz.<\/p>\n<p>Es mag auffallen, da\u00df hier das Wort dialektisch zweifach auftaucht: Sowohl als Kennzeichnung der Denkweise von Diderot wie auch als Definition der Methode Hegels. In beiden F\u00e4llen ist Dialektik auf jenen enzyklop\u00e4dischen Horizont bezogen, der das einzelne immer nur im Hinblick auf eine \u2013 wenn auch immer unabschlie\u00dfbare \u2013 Totalit\u00e4t zu erfassen erlaubt. Da\u00df diese Totalit\u00e4t konstruierbar sei, ist das Axiom jeder gro\u00dfen Systemphilosophie; da\u00df sie nur spekulativ konstruierbar ist, da\u00df sie jeweils an einem Modell von relativem Wahrheitsgehalt dargestellt wird, das in unendlicher Ann\u00e4herung an die absolute Wahrheit stets wieder kritisch aufgesprengt werden mu\u00df, ist eine Einsicht, die sich im Fortgang der gro\u00dfen metaphysischen Modelle von Leibniz \u00fcber Fichte und Schelling zu Hegel eingestellt hat und die von Marx und Engels erstmals zum Programm der Philosophie erhoben wurde. Lenin hat in seiner unterscheidenden Lehre von absoluter und relativer Wahrheit unmittelbar an Engels angekn\u00fcpft. Marx hatte zugunsten der politischen \u00d6konomie auf die Weiterarbeit an der Philosophie verzichtet. Engels hat diese Linie immer weitergef\u00fchrt, Lenin hat sie als unerl\u00e4\u00dflichen Bestandteil revolution\u00e4ren Bewu\u00dftseins fortentwickelt. Auf Engels und Lenin wird eine zuk\u00fcnftige Philosophie zu bauen haben.<\/p>\n<p><b>Mit dem Ma\u00df der Vernunft <\/b><\/p>\n<p>Der Kommunismus soll eine neue Welteinrichtung herstellen. Dazu m\u00fcssen auch die Leitplanken des Denkens und Verhaltens versetzt werden. Nicht was geglaubt und gemeint wird, darf f\u00fcr den Gesellschaftsproze\u00df entscheidend sein, sondern was mit Vernunftgr\u00fcnden aus den Tatsachen f\u00fcr die Weiterentwicklung und Ver\u00e4nderung der Tatsachen abgeleitet werden kann. Also auch keine utopischen Entw\u00fcrfe und Hoffnungen, die eine bessere Welt imaginieren, sondern das Ausloten der realen M\u00f6glichkeiten, die in einem Verh\u00e4ltnis zur Wirklichkeit stehen und nicht blo\u00dfe Denkm\u00f6glichkeiten sind. Dies zu erforschen und zu entscheiden ist Sache der Wissenschaft. Die Weltanschauung des Kommunismus beruht nicht auf Glauben und F\u00fchlen, sondern auf Vernunft, in die Glauben und F\u00fchlen eingebettet werden; denn nat\u00fcrlich gibt es immer Lebensbereiche, die sich nur im Glauben und F\u00fchlen erschlie\u00dfen. Eine wissenschaftliche Weltanschauung mu\u00df auch Glauben und F\u00fchlen umfassen \u2013 wie sollte es sonst Liebe und Vertrauen geben \u2013, aber sie stellt gesellschaftliches Handeln unter die Normen der Vern\u00fcnftigkeit. Dieser \u00dcbergang vollzieht sich in der geschichtlichen Reifung des Bewu\u00dftseins, Widerspr\u00fcche als solche zu erkennen und nicht durch harmonisierende Phantasieannahmen zu verschleiern. Dazu geh\u00f6rt auch die Einsicht, da\u00df die Aufhebung von Widerspr\u00fcchen (die das Wesen des geschichtlichen Fortschritts ist) neue Widerspr\u00fcche hervorbringt (was den geschichtlichen Fortschritt in Gang h\u00e4lt). Mit einfacher Klarheit, die Schwierigkeiten der philosophischen Begr\u00fcndung verarbeitend und hinter sich lassend, hat Engels das in seiner Schrift \u00bbDie Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft\u00ab dargestellt, grundlegend f\u00fcr die Orientierung einer den Kommunismus erstrebenden Partei.<\/p>\n<p>Das philosophische Fundament f\u00fcr eine in wissenschaftlicher Weltanschauung begr\u00fcndete politische Praxis liefert die Arbeit \u00bbLudwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie\u00ab. Auch in ihr gelingt es Engels, komplizierte Probleme der philosophischen Tradition so auf ihren Kern zu bringen, da\u00df sie auch ohne den theoretischen Apparat ihrer Entstehung und Begr\u00fcndung in die Weltanschauung (die \u00bbJedermannsphilosophie\u00ab, wie Gramsci es nannte) eingehen k\u00f6nnen. Was Engels mit diesen popul\u00e4ren, in sich jedoch hoch elaborierten und von universellen Kenntnissen zeugenden Abhandlungen f\u00fcr die ideelle Einheit der kommunistischen Bewegung geleistet hat, ist unsch\u00e4tzbar. Marx\u2019 \u00f6konomische Forschungen, die ihre Beweiskraft in der Ausbreitung ins Detail bew\u00e4hren, und Engels gro\u00dfartige Generalisierungen zusammen bilden erst das, was den Marxismus als bewegende Theorie einer weltver\u00e4ndernden politischen Praxis ausmacht.<\/p>\n<p><b>Um den Kommunismus <\/b><\/p>\n<p>Sich selbst zur\u00fccknehmend, hat Engels sich immer nur als Helfer und Diener an der theoretischen Arbeit von Marx verstanden. Seine Rede am Grabe (MEW 19, 335 ff.) bekundet dies. Am Tage des Todes des Freundes schrieb er an Bernstein: \u00bbWas dieser Mann uns theoretisch und in allen entscheidenden Momenten auch praktisch wert war, davon kann man nur eine Vorstellung haben, wenn man fortw\u00e4hrend mit ihm zusammen war. Seine gro\u00dfen Gesichtspunkte werden mit ihm f\u00fcr Jahre lang von der B\u00fchne verschwinden. Das sind Dinge, denen wir andre nicht gewachsen sind. Die Bewegung geht ihren Gang, aber sie wird des ruhigen, rechtzeitigen, \u00fcberlegenen Eingreifens entbehren, das ihr bisher manchen langwierigen Irrweg erspart hat.\u00ab (MEW 35, 456) Engels hat eigene Arbeiten, so vor allem die Ausf\u00fchrung der \u00bbDialektik der Natur\u00ab, zur\u00fcckgestellt, um die unabgeschlossenen Teile des \u00bbKapital\u00ab nach dem Tode von Marx druckreif zu machen. Seine \u00dcberzeugung war, da\u00df die Wissenschaftlichkeit der neuen Weltanschauung nur dann fundiert sein w\u00fcrde, wenn sie auf der gesamten Ausarbeitung der Bewegungsformen der Produktionsverh\u00e4ltnisse aufbauen konnte. Darum war ihm die Fertigstellung des \u00bbKapital\u00ab wichtiger als die Weiterf\u00fchrung seiner eigenen Arbeiten. Wir k\u00f6nnen heute aber sagen: Er hat im Entwurf einer wissenschaftlichen Weltanschauung erst die Voraussetzung daf\u00fcr geschaffen, da\u00df die Marxsche Theorie zur organischen Kraft politischer Praxis wurde. Lenin hat das erkannt; seine theoretischen Arbeiten sind ganz von Engels gepr\u00e4gt. Es ist durchaus symptomatisch, da\u00df die revisionistische Abwendung von Lenin mit der Vernachl\u00e4ssigung und Abwertung von Engels einhergeht. Die b\u00fcrgerliche Marxismus-Kritik hat hier schon fr\u00fch eine strategische Linie angelegt, indem sie Engels einen vordergr\u00fcndigen unwissenschaftlichen Popularismus vorwarf. Klarheit der Grundz\u00fcge wurde als Simplifikation verschrien; indem man die komplizierten und vielf\u00e4ltigen Erscheinungsformen der Sachverhalte f\u00fcr ihr Wesen ausgab, konnte man sich der Analyse des Wesens entziehen.<\/p>\n<p>So haben wir allen Grund, die Erinnerung an Engels hochzuhalten. Er hat aus der Kritik der Gesellschaftsformationen und derer letzten, der b\u00fcrgerlichen, den Grund der Verkehrtheit der Klassengesellschaft im Eigentumsverh\u00e4ltnis namhaft gemacht. Wo eine Form des Privateigentums die Gesellschaft dominiert, wird Politik zum Herrschaftsinstrument der Eigent\u00fcmer statt zur kollektiven Gestaltung der menschlichen Entwicklung; und solange gibt es auch keine wissenschaftliche Weltanschauung, die diesen Gestaltungsproze\u00df reflektieren k\u00f6nnte, weil die Wissenschaft im Dienste der Herrschenden diesen die Ideologie liefert. \u00bbDie Wissenschaft\u00ab \u2013 gemeint ist hier die National\u00f6konomie \u2013 \u00bbsollte unter den jetzigen Verh\u00e4ltnissen Privat\u00f6konomie hei\u00dfen, denn ihre \u00f6ffentlichen Beziehungen sind nur um des Privateigentums willen da.\u00ab (MEW 1, 503) Das hei\u00dft: Erst im Kommunismus wird es eine wirkliche wissenschaftliche Weltanschauung geben, aber auf dem Wege zu ihm wird sie sich bilden.<br \/>\n<i><br \/>\nVon Hans Heinz Holz erschien im Fr\u00fchjahr: \u00bbDie Algebra der Revolution \u2013 Von Hegel zu Marx\u00ab (Aufhebung und Verwirklichung der Philosophie Band 1) Aurora Verlag, Berlin 2010, 320 Seiten, 24,95 Euro.<\/i><\/p>\n<p>* Aus: junge Welt, 27. November 2010<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dieser Beitrag geh\u00f6rt thematisch zum <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=733\">FREIDENKER-Heft 4-2010<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>Bild: http:\/\/de.freeimages.com\/Constantin Jurcut<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Beitrag von Prof. Dr. Hans Heinz Holz, thematisch geh\u00f6rend zu FREIDENKER 4-10<\/strong><br \/>\nWarum nennen wir Engels in einem Atemzuge mit Marx den Begr\u00fcnder der neuen Denkhaltung und Wissenschaftseinstellung, die abgel\u00f6st von den Namen ihrer Gestalter als dialektischer und historischer Materialismus bezeichnet wird? Gewi\u00df, die Theorie wurde in einem lebenslangen Gedankenaustausch, in Gespr\u00e4chen und einem intensiven Briefwechsel, entwickelt, und Engels, der \u00fcber ein enzyklop\u00e4disches Wissen verf\u00fcgte, war dabei durchaus der gebende Teil; Marx hat unz\u00e4hlige wissenschaftliche Informationen von ihm bekommen, Erkenntnisse der historischen Zusammenh\u00e4nge und der naturwissenschaftlichen Forschung, sprachwissenschaftliche Querverweise und vieles mehr. <\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":249,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"footnotes":"","jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[16],"tags":[534,41,496,988,37,39,38,33],"class_list":["post-248","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-weltanschauung-philosophie","tag-friedrich-engels","tag-junge-welt","tag-karl-marx","tag-politische-oekonomie","tag-universelle-weltlehre","tag-vernunft","tag-weltanschauung","tag-wissenschaftliche-weltanschauung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/Schlu%CC%88sselloch.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-40","jetpack-related-posts":[{"id":234,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=234","url_meta":{"origin":248,"position":0},"title":"Karl-Marx-Jahr 2013","author":"Webmaster","date":"1. 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