{"id":24570,"date":"2026-03-11T23:55:11","date_gmt":"2026-03-11T22:55:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24570"},"modified":"2026-04-24T02:15:29","modified_gmt":"2026-04-24T00:15:29","slug":"heimat-diskutiert-aber-nicht-betreten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24570","title":{"rendered":"Heimat: Diskutiert, aber nicht betreten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Abend im Koblenzer Theaterzelt wollte \u00fcber \u201eHeimat\u201c sprechen \u2013 und zeigte, wie sehr der Begriff politisch gerahmt und existenziell unterbelichtet bleibt. Die Schriftstellervereinigung \u201ePEN Berlin\u201c suchte die offene Debatte und offenbarte dabei die Grenzen seines eigenen Rahmens. Was als Gespr\u00e4ch \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit begann, endete in politischer Vermessung.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Meinungsbeitrag von <strong>Sabiene Jahn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 09.03.2026 auf <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/heimat-diskutiert-aber-nicht-betreten\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">globalbridge.ch<\/a><\/span><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"5429\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=5429\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?fit=24%2C24&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"24,24\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"video_icon_24x24\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?fit=24%2C24&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-5429\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?resize=24%2C24&amp;ssl=1\" alt=\"\" width=\"24\" height=\"24\" data-attachment-id=\"5429\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=5429\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?fit=24%2C24&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"24,24\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;1&quot;}\" data-image-title=\"video_icon_24x24\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-medium-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?fit=24%2C24&amp;ssl=1\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/video_icon_24x24.jpg?fit=24%2C24&amp;ssl=1\" data-recalc-dims=\"1\" \/> <span style=\"font-size: 10pt;\">Der Beitrag kann auch bei YouTube angeh\u00f6rt werden: <a href=\"https:\/\/youtu.be\/WXw-5lZVxHI\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/youtu.be\/WXw-5lZVxHI<\/a><\/span><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"24578\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=24578\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Ist-das-noch-schon-mein-Land-Werbebanner-800x450-1.png?fit=800%2C450&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"800,450\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"Ist das noch schon mein Land &amp;#8211; 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Ein Fragespiel zum Aufw\u00e4rmen. \u201eF\u00fcr wen ist Koblenz Heimat?\u201c H\u00e4nde gingen hoch. \u201eWer ist Rheinl\u00e4nder? Wer ist Europ\u00e4er? Wer sagt Kartoffeln? Wer sagt Grummbeere?\u201c Lachen. Dann die Fragen, die sich enger zogen wie ein Netz: \u201eWer findet die AfD gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Demokratie? Wer findet, Deutschland muss die Zuwanderung st\u00e4rker regulieren?\u201c Sp\u00e4testens an dieser Stelle wurde deutlich, dass dieser Abend nicht nur ein literarischer Diskurs sein w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Das Theaterzelt war nahezu gef\u00fcllt. Von rund dreihundert Pl\u00e4tzen blieben vielleicht f\u00fcnfzehn leer. Die Sitzordnung erinnerte an eine Offene B\u00fchne, ein Ger\u00fcst aus Stuhlreihen, gute Sicht f\u00fcr alle. Die Luft war angenehm. Der Eintritt war frei \u2013 lediglich eine symbolische \u201eSchutzgeb\u00fchr\u201c von f\u00fcnf Euro f\u00fcr Platzkarten, wie es in der Ank\u00fcndigung hie\u00df. Eine Veranstaltung im Schutz staatlicher F\u00f6rderung \u2013 und zugleich im Anspruch auf offenen Diskurs.<\/p>\n<p>Die politische Temperaturmessung \u2013 zun\u00e4chst im medialen Sinne. Die gro\u00dfe Mehrheit verortete sich im \u00f6ffentlich-rechtlichen Referenzrahmen. Das \u201eheute journal\u201c fungierte als gemeinsamer Informationsanker, wie die Fragerunde herausarbeitete. Der Abend begann f\u00fcr die meisten im Publikum also in einem vertrauten Deutungsraum. Interessant wurde es bei einer scheinbar beil\u00e4ufigen Nachfrage: \u201eWer schaut News? News? News oder Nius?\u201c Ein leichtes Nuscheln im Raum. War es ein ironischer Einschub? Eine Provokation? Oder tats\u00e4chlich eine Unsch\u00e4rfe in der Aussprache? Gemeint sein konnte das neue digitale Nachrichtenformat \u201eNius\u201c, das auf YouTube t\u00e4glich sendet und im Hintergrund vom Koblenzer Softwareunternehmer Frank Gotthardt finanziert wird. Doch im Saal meldeten sich erstaunlich viele H\u00e4nde. Offenbar verstanden etliche \u201eNews\u201c im allgemeinen Sinne \u2013 nicht \u201eNius\u201c als konkrete Plattform. Sollte es tats\u00e4chlich \u201eNius\u201c gewesen sein, h\u00e4tte die Zahl der Meldungen ein anderes Bild gezeichnet. N\u00e4mlich den raschen Erfolg eines neuen digitalen Formats jenseits klassischer Sender. So aber blieb unklar, ob hier ein Medienwandel sichtbar wurde oder lediglich ein semantisches Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p>Die kurze Fragerunde ordnete also etwas das Bild, f\u00fcr wen lasse ich dahingestellt, sie wurde vom Veranstalter leider nicht im Videomitschnitt erw\u00e4hnt, was ich im Nachhinein sehr bedauere. Was sie allerdings verdeutlichte war eine weniger eruptive Gegen\u00f6ffentlichkeit, eher eine weitgehend koh\u00e4rente, westdeutsch gepr\u00e4gte Konsenszone mit kleinen Abweichungen.<\/p>\n<p>Die Veranstaltungsreihe des PEN stand unter dem Titel \u201eIst das noch (oder) schon mein Land?\u201c Der PEN, ein internationaler Schriftstellerverband (von \u201ePoets, Essayists, Novelists\u201c), versteht sich traditionell als Anwalt der Meinungsfreiheit und als Forum f\u00fcr gesellschaftliche Debatten. Eine offene Frage, die ein offenes Gespr\u00e4ch verlangt h\u00e4tte. Doch was folgte, war weniger ein Diskurs als eine thematische Drift. Moderiert wurde der Abend von der in Koblenz geborenen Katja Gloger, selbst Autorin und Journalistin, die die G\u00e4ste vorstellte. Michael Roth, SPD-Politiker, und Harald Martenstein, Publizist. Schon in der Setzung lag eine Spannung \u2013 vor allem weltanschaulich. Dass das Thema \u201eHeimat\u201c derzeit Konjunktur hat, ist kein Zufall. Es f\u00e4llt in eine Phase politischer Polarisierung, wachsender Migration, wirtschaftlicher Belastungen und internationaler Konflikte. Parteien reagieren darauf unterschiedlich \u2013 manche mit kultureller Selbstvergewisserung, andere mit moralischer Abgrenzung. Der Abend wirkte streckenweise wie eine Reaktion auf diese parteipolitische Aufladung des Begriffs. Heimat erscheint inzwischen verd\u00e4chtig \u2013 oder verteidigenswert. In dieser Spannung bewegt sich auch der PEN.<\/p>\n<p>Roth bekannte gleich zu Beginn, \u201eEs ist noch mein Land. Aber das Land tut mir ganz sch\u00f6n weh.\u201c Er sprach von Entfremdung, vom \u201ekassierenden Antisemitismus\u201c, vom Israelhass, der ihn bedr\u00fccke. Er sagte, \u201eWir haben diese beiden Versprechen gebrochen\u201c und meinte damit das Versprechen, mit besonderer Sympathie auf Israel zu blicken und j\u00fcdische Menschen in Deutschland Sicherheit zu garantieren. In diesem Augenblick verschob sich die Debatte von allgemeinen Zuschreibungen hin zu einer expliziten politischen Selbstkritik. Das verlieh dem Beitrag Gewicht \u2013 unabh\u00e4ngig davon, wie man seine Schlussfolgerungen bewertet. Martenstein wiederum erz\u00e4hlte von seiner eigenen Jugend, von der Scham \u00fcber deutsche Geschichte, von seinem Aufenthalt in Israel. \u201eSchuld ist etwas Individuelles\u201c, sagte er, \u201enicht vererblich.\u201c Heimat, so seine Definition, sei kleiner als der Staat, denn \u201eDeutschland ist mir zu gro\u00df f\u00fcr Heimat. Mainz, die Neustadt \u2013 das ist Heimat.\u201c Es waren pr\u00e4zise, sehr pers\u00f6nliche S\u00e4tze, die das Thema erdeten.<\/p>\n<p>Doch schon bald verschob sich der Schwerpunkt. Die moralische Temperatur zeigte Konsistenz bei der entsprechenden Frage zur Unterst\u00fctzung der Ukraine in Koblenz. Die AfD wurde \u00fcberwiegend als Bedrohung markiert. Widerspruch war m\u00f6glich \u2013 aber er blieb minorit\u00e4r. Bemerkenswert war, dass diese Einsch\u00e4tzung zu Beginn des Abends bereits durch die einleitende Handabfrage gerahmt worden war. Rund drei Viertel der Anwesenden hatten signalisiert, die AfD f\u00fcr gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Demokratie zu halten. Doch im weiteren Verlauf wurde kaum konkretisiert, worin genau die individuelle Gef\u00e4hrdung des eigenen Heimatgef\u00fchls bestehen soll. Die Diagnose stand im Raum und eine Begr\u00fcndung schien bereits besprochen zu sein. Damit war die politische Topografie des Abends fr\u00fch sichtbar. Migration wurde zum dominierenden Referenzrahmen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang setzte Michael Roth einen starken Akzent auf das Thema Antisemitismus. F\u00fcr manche im Publikum wirkte dieser Fokus wie ein Br\u00fcckenschlag, f\u00fcr andere wie eine Verschiebung des Themas. Statt das Heimatgef\u00fchl zun\u00e4chst existenziell oder sozial zu verorten, wurde es eng an Fragen von Migration und islamistisch gepr\u00e4gtem Antisemitismus gekoppelt. Ob dies eine strategische Antwort auf migrationspolitische Vers\u00e4umnisse der etablierten Altpartei darstellt oder ein Versuch, das Deutungsfeld gegen\u00fcber der AfD neu zu besetzen, blieb unausgesprochen.<\/p>\n<p>Roth sprach von \u201eVerdruss an der liberalen Demokratie\u201c, von einem Vakuum, das die AfD gef\u00fcllt habe. Martenstein warnte davor, legitime Sicherheitsbed\u00fcrfnisse zu delegitimieren und meinte, \u201eWenn Sie nicht bereit sind zuzugeben, dass wachsender Antisemitismus auch mit Zuwanderung aus extrem konservativen islamisch gepr\u00e4gten Gesellschaften zusammenh\u00e4ngt, dann sehen Sie die Realit\u00e4t nicht\u201c. So unterschiedlich ihre Akzente waren, so \u00e4hnlich war die Rahmung. Heimat erschien bei beiden weniger als gelebte Erfahrung denn als politisches Spannungsfeld, das entlang von Migration und Antisemitismus vermessen wurde. Der Streit spielte sich innerhalb derselben Koordinaten ab. Was an diesem Abend ebenfalls nicht gefragt wurde, war die einfache, aber unbequeme Grundfrage, warum entstehen \u00fcberhaupt Fl\u00fcchtlingsbewegungen? Menschen verlassen ihre Heimat in der Regel nicht freiwillig. Kriege, politische Destabilisierung und \u00f6konomische Verwerfungen sind Ursachen \u2013 und an vielen dieser Konflikte sind westliche Staaten mittelbar oder unmittelbar beteiligt. Wer \u00fcber \u201eunsere Heimat\u201c spricht, ohne \u00fcber die verlorene Heimat anderer zu sprechen, verengt den Blick. Doch auch dieser Zusammenhang blieb ausgespart.<\/p>\n<p>Es war ein Satz, der Applaus wie Widerspruch gleicherma\u00dfen provozierte. Und hier zeigte sich das Dilemma des Abends. Er bewegte sich st\u00e4ndig zwischen berechtigter Problemanalyse und pauschaler Zuspitzung. Zwischen Erfahrungsbericht und politischer Zuschreibung. Eine Lehrerin aus dem Publikum berichtete von muslimischen Sch\u00fclern, die mit Begeisterung \u201eKein sch\u00f6ner Land\u201c gesungen h\u00e4tten. Eine andere Frau, selbst Tochter von Vertriebenen, erz\u00e4hlte von f\u00fcnf \u201eM\u00fcttern\u201c, die ihr nach 1945 Heimat geschenkt h\u00e4tten. Ein Mann sprach von der \u201eErodierung humanistischer Werte\u201c. Eine junge Frau mit Migrationsgeschichte sagte, \u201eDeutschland ist meine Heimat gewesen bis zu dem Punkt, als es pl\u00f6tzlich hie\u00df, Migranten sollen wieder gehen.\u201c Das waren die eigentlichen Momente von Substanz. Wenn Heimat als biografische Erfahrung sichtbar wurde. Wenn jemand sagte, \u201eHeimat ist da, wo ich verstanden werde.\u201c Oder, \u201eHeimat ist auch Schmerz.\u201c Dann blitzte auf, was dieser Begriff leisten kann \u2013 und was er verdeckt.<\/p>\n<p>Was jedoch auffiel, war die mangelnde Moderation. Themen wurden angerissen, aber nicht vertieft. Roths Selbstkritik am linken Milieu, das antisemitische Tendenzen verharmlost habe, blieb ebenso im Raum stehen wie Martensteins Forderung nach fairem Umgang mit der AfD. Statt nachzufragen, statt Differenzen zu sch\u00e4rfen, glitt die Diskussion weiter. Der Abend wirkte wie ein Fluss ohne Ufer. Themen tauchten auf \u2013 Wehrpflicht, Energiepreise, Bildungsgerechtigkeit, Russland, Antisemitismus \u2013 und trieben weiter. Nichts wurde wirklich eingefasst. Vielleicht lag das eigentliche Problem tiefer. Es ging an diesem Abend weniger um \u201eHeimat\u201c als um ihre politische Umrahmung. Der Begriff wurde nicht als offenes Erfahrungsfeld entfaltet, er wurde entlang vertrauter Konfliktachsen sortiert. Heimat erschien nicht als kultureller, sozialer oder existenzieller Raum, eher als Reaktionsbegriff \u2013 als Antwort auf Bedrohung, \u00dcberforderung oder moralische Krise.<\/p>\n<p>Hinzu kam die Form des Abends selbst. Zwar war das Publikum ausdr\u00fccklich eingeladen, mitzudiskutieren. Doch jede Wortmeldung blieb kurz. Jeder sprach aus seinem eigenen Sichtfenster, ohne dass Argumente vertieft, hinterfragt oder aufeinander bezogen wurden. Es entstand kein eigentlicher Dialog, anstattdessen eine Abfolge von vielen Perspektiven. Man h\u00f6rte einander, doch man stritt nicht im argumentativen Sinn. So entstand in gro\u00dfen Teilen der Eindruck einer kontrollierten Kontroverse. Eine wirkliche Zuspitzung, in der Argumente aufeinanderprallen und sich ver\u00e4ndern, blieb aus. Demokratie wurde beschworen, doch sie wurde nur begrenzt praktiziert. Heimat wurde benannt, beschrieben und empfunden. Aber sie wurde nicht gemeinsam durchdrungen.<\/p>\n<p>Der \u201erote Faden\u201c, den mehrere Zuh\u00f6rer vermissten, war tats\u00e4chlich schwer zu erkennen. Heimat wurde zur Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr nahezu alle gesellschaftlichen Konflikte. Doch gerade deshalb h\u00e4tte es eine st\u00e4rkere Struktur von der B\u00fchne aus gebraucht. Eine Moderation, die kl\u00e4rt, sprechen wir \u00fcber kulturelle Identit\u00e4t, \u00fcber soziale Gerechtigkeit, \u00fcber politische Loyalit\u00e4t oder \u00fcber emotionale Verwurzelung? Stattdessen dominierte das Narrativ einer bedrohten Ordnung. Mehrfach fiel der Satz, man m\u00fcsse die Demokratie \u201everteidigen\u201c. Roth warnte vor dem R\u00fcckzug ins Private: \u201eWenn nur noch die Lauten, die Harten, die Aggressiven \u00fcbrig bleiben, werden wir diese liberale Demokratie nicht verteidigen k\u00f6nnen.\u201c Martenstein erg\u00e4nzte: \u201eFairness ist ein Selbstzweck.\u201c Auch gegen\u00fcber der AfD. Hier lag der produktive Konflikt, der h\u00e4tte ausgeleuchtet werden k\u00f6nnen. Wie geht eine Gesellschaft mit Kr\u00e4ften um, die sie in Frage stellen? Wie viel Streit vertr\u00e4gt Heimat? Wie viel Dissens?<\/p>\n<p>Erst im Nachhinein wurde verst\u00e4ndlich, weshalb das Konzept des Abends nicht aufgehen konnte \u2013 und vielleicht auch gar nicht darauf angelegt war, v\u00f6llig offen zu sein: Der \u201ePEN Berlin\u201c &#8211; Vertreter Deniz Y\u00fcsel verteidigte an diesem Abend die Ausgewogenheit der Reihe und z\u00e4hlte Ministerien sowie F\u00f6rderer auf. Genannt wurden der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages, die Beauftragte der Bundesregierung f\u00fcr Kultur und Medien, das Bundesministerium f\u00fcr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das Ministerium f\u00fcr Familie, Frauen, Kultur und Integration des Landes Rheinland-Pfalz. Ein Staatssekret\u00e4r war anwesend. Kurzum: Demokratie als gef\u00f6rdertes Projekt!<\/p>\n<p>Projektf\u00f6rderung setzt konkrete Zieldefinitionen voraus. F\u00f6rderantr\u00e4ge benennen Problemstellung, Zielgruppe und erwartete Wirkung. Ein Diskurs, der in diesem Rahmen stattfindet, beginnt nicht bei Null, daf\u00fcr jedoch innerhalb eines gesetzten Wertehorizonts. Neutral sind sie deshalb nicht. Der Deutungsrahmen entsteht bereits im Antrag.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein historischer Hintergrund, der f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der aktuellen Ausrichtung nicht unerheblich ist. Im Mai 2022 eskalierte auf der Mitgliederversammlung der Schriftstellervereinigung \u201ePEN-Zentrum Deutschland\u201c in Gotha ein folgenschwerer Richtungsstreit. Deniz Y\u00fccel, damals zwei Jahre Pr\u00e4sident des Verbandes, hatte \u00f6ffentlich die Einrichtung einer milit\u00e4risch durchzusetzenden \u201eNo-Fly-Zone \u00fcber der Ukraine\u201c gefordert. 36 Mitglieder beantragten daraufhin seine Abwahl. F\u00fcr Teile des Verbandes war eine solche milit\u00e4rpolitische Positionierung nicht mit dem traditionellen Selbstverst\u00e4ndnis eines literarischen, dem Frieden verpflichteten PEN vereinbar. Y\u00fccel verteidigte seine Haltung mit dem Hinweis, er habe ja nicht zum Angriff auf Russland aufgerufen, nur auf einen bereits gebrochenen Frieden reagiert. Der Konflikt legte jedoch eine grunds\u00e4tzlichere Frage offen. Soll ein Schriftstellerverband politisch-interventionistisch auftreten oder soll er sich prim\u00e4r als \u00fcberparteilicher Schutzraum f\u00fcr die Freiheit des Wortes verstehen? Y\u00fccel trat schlie\u00dflich zur\u00fcck. Kurz darauf zerfiel das Pr\u00e4sidium. In der Folge gr\u00fcndete eine Gruppe von Mitgliedern \u2013 Medien berichteten von mehr als 200 \u2013 einen neuen Verein \u201ePEN Berlin\u201c. Das urspr\u00fcngliche \u201ePEN-Zentrum Deutschland\u201c mit Sitz in Darmstadt besteht weiterhin fort und betont unter Pr\u00e4sident Matthias Politycki eine bewusst deeskalierende Debattenkultur. \u201ePEN Berlin\u201c hingegen positionierte sich von Beginn an deutlich aktivistischer im gesellschaftspolitischen Raum. Diese Richtungsentscheidung von 2022 bildet den institutionellen Hintergrund der Gespr\u00e4chsreihen.<\/p>\n<p>Die zeitliche Platzierung des Formats ist dabei strukturell auff\u00e4llig. Bereits 2024 wurde es im Vorfeld ostdeutscher Landtagswahlen eingesetzt, 2026 tourt es erneut in politisch sensiblen Phasen durch mehrere Bundesl\u00e4nder. \u00d6ffentlich wird dies als Beitrag zur \u00dcberwindung gesellschaftlicher Spaltung beschrieben. F\u00f6rderrechtlich ist das Projekt jedoch klar (und nur allein) im Bundesprogramm \u201eDemokratie leben!\u201c verortet, im Programmbereich Antisemitismus, unter dem Titel \u201eJ\u00fcdische Heimat Deutschland, gestern, heute, morgen \u2013 ist das noch mein Land?\u201c. F\u00fcr dieses Projekt sind im Innovationsfonds des Bundes in den Jahren 2023 rund 42.800 Euro und 2024 rund 60.400 Euro ausgewiesen. F\u00fcr 2025 und 2026 sind bislang keine projektbezogenen Einzelbetr\u00e4ge \u00f6ffentlich dokumentiert. Unabh\u00e4ngig von der genauen Summe gilt, hier handelt es sich um staatlich finanzierte Diskursformate, die einer definierten Zielsetzung folgen. Diese Zielsetzung ist politisch legitimiert und dar\u00fcber hinaus nicht neutral.<\/p>\n<p>In der \u00f6ffentlichen Veranstaltungsank\u00fcndigung in Koblenz wurde diese spezifische F\u00f6rderrahmung nicht offengelegt. Das Publikum diskutierte unter dem Titel \u201eHeimat\u201c, ohne \u00fcber die konkrete Projektbezeichnung und den antisemitismusbezogenen Schwerpunkt informiert zu sein. Die Differenz zwischen \u00f6ffentlicher Darstellung und f\u00f6rderrechtlicher Einbettung wurde nicht transparent gemacht. Transparenz \u00fcber Kontext und Zielsetzung w\u00e4re jedoch Voraussetzung informierter Teilnahme gewesen.<\/p>\n<p>Wenn der Sprecher des \u201ePEN Berlin\u201c, Deniz Y\u00fccel, in einem Interview Anfang des Jahres erkl\u00e4rt, man mache diese Formate \u201eweil es sonst keiner macht\u201c, greift diese Darstellung zu kurz. Gespr\u00e4che \u00fcber Heimat und Migration finden t\u00e4glich statt \u2013 in freien Medien, in lokalen und privaten Initiativen, in Vereinen, in digitalen R\u00e4umen. Der Unterschied liegt nicht im Engagement, er betrifft den prinzipiellen Zugang zu den \u00fcppigen Ressourcen. F\u00f6rderf\u00e4higkeit im Rahmen staatlicher Programme (u.a. \u201eDemokratie leben\u201c) setzt strikt institutionelle Struktur, Antragstellung und organisatorische Einbindung voraus. Nicht organisierte oder bewusst unabh\u00e4ngige Akteure verf\u00fcgen \u00fcber diesen Zugang gem\u00e4\u00df der Gesch\u00e4ftsbedingungen nicht. So entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht. Institutionell eingebundene Tr\u00e4ger erhalten B\u00fchne, Technik, enorme Reichweite, mediale Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit. Ungebundene Stimmen bleiben auf eigene Mittel angewiesen. Vor diesem Hintergrund erscheint die thematische Rahmung des Abends weniger zuf\u00e4llig. Wenn unmittelbar zu Beginn Fragen zur AfD, zu Antisemitismus und zu demokratischer Gef\u00e4hrdung gestellt werden. Der Konflikt von Gotha markierte die Entscheidung f\u00fcr eine st\u00e4rker politisierte Ausrichtung. Die Gespr\u00e4chsreihe f\u00fchrt diese Linie sichtbar fort.<\/p>\n<p>Ein Blick auf die zwischen dem 26. Januar und dem 18. M\u00e4rz 2026 geb\u00fcndelten 41 Veranstaltungen mit mehr als 60 Mitwirkenden \u2013 erg\u00e4nzt um eine weitere, bislang nur rahmenhaft angek\u00fcndigte Tour im Sp\u00e4tsommer und Fr\u00fchherbst 2026 in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin \u2013 verdeutlicht die Struktur dieses eng kuratierten Diskursraums. F\u00fcr diese zweite Phase stehen weder konkrete Termine noch die Namen der Mitwirkenden fest, wohl aber der strategisch politische Rahmen und die geografische Ausdehnung. Bereits die Ank\u00fcndigung legt jedoch nahe, dass die Reihe in vergleichbarer Gr\u00f6\u00dfenordnung fortgesetzt werden soll. Biografisch ist das Tableau vielf\u00e4ltig.<\/p>\n<p>Schriftstellerinnen wie Eva Menasse, Simone Buchholz oder Thea Dorn, Journalisten wie Georg Restle, Ijoma Mangold oder Deniz Y\u00fccel, Politiker wie Michael Roth, Malu Dreyer, Kurt Beck, Fritz Kuhn oder Ralf F\u00fccks, Wissenschaftler wie Heinz Bude, Harald Welzer oder Andreas R\u00f6dder, Vertreter j\u00fcdischer Organisationen wie Philipp Peyman Engel und Hanna Veiler, dazu B\u00fcrgermeister, Kirchenvertreter und Kulturschaffende. Diese Vielfalt in Herkunft und Profession erzeugt den Eindruck breiter gesellschaftlicher Repr\u00e4sentanz. In ihrem normativen Grundverst\u00e4ndnis jedoch bewegen sich die meisten dieser Akteure innerhalb eines klar umrissenen demokratisch-liberalen Spektrums, das Antisemitismus, Rechtspopulismus und Gef\u00e4hrdungen der liberalen Ordnung als zentrale Bezugspunkte setzt.<\/p>\n<p>Parteipolitisch dominieren fr\u00fchere oder aktive Vertreter von SPD und Gr\u00fcnen, flankiert von einzelnen CDU- oder FDP-Politikern; dezidiert migrations- oder EU-kritische Intellektuelle, Vertreter alternativer Medien oder exponierte Stimmen aus jenen Milieus, die im Heimatdiskurs h\u00e4ufig als \u201eprotestorientiert\u201c oder AfD-nah beschrieben werden, fehlen hingegen vollst\u00e4ndig. Auch die publizistische Verankerung vieler G\u00e4ste \u2013 von der S\u00fcddeutschen Zeitung \u00fcber Zeit, Welt, taz und ARD bis zu parteinahen Thinktanks \u2013 weist in ein etabliertes Medien- und Institutionsmilieu. So entsteht zwar kein parteipolitisch einheitliches Podium, wohl aber ein diskursiv konsolidierter Rahmen. Die Reihe bildet unterschiedliche Tonlagen desselben Grundverst\u00e4ndnisses ab, nicht jedoch die Spannweite der gesellschaftlichen Konfliktlinien, die unter dem Begriff \u201eHeimat\u201c und in Verbindung mit \u201eDemokratie\u201c auch nicht repr\u00e4sentativ, tats\u00e4chlich verhandelt werden. Gerade jene Perspektiven, die im \u00f6ffentlichen Streit als Herausforderung oder Irritation auftreten, erscheinen nicht als gleichberechtigte Gespr\u00e4chspartner, denn sie bleiben implizit Gegenstand der Debatte. Einzelne biografische Ausnahmen \u2013 etwa die Teilnahme der fr\u00fcheren AfD-Abgeordneten Joana Cotar, die ihre Partei bereits 2022 verlassen hat und seither fraktionslos war \u2013 ver\u00e4ndern an dieser Grundstruktur wenig.<\/p>\n<p>Ein Zwischenruf im Theaterzelt Koblenz sprach von \u201eSPD-Werbung\u201c. Der Diskurs drohte in Meta-Ebenen zu kippen. Dieser Zwischenruf kam von mir. Er fiel nicht aus Affekt, viel mehr aus Irritation. Michael Roth ist Berufspolitiker der SPD, und nat\u00fcrlich spricht er aus dieser Rolle. Doch im Verlauf des Abends wurde die Parteizugeh\u00f6rigkeit mehrfach betont, bisweilen an Stellen, an denen sie f\u00fcr die Frage nach Heimat keine erkennbare Relevanz hatte. Etwa 1,8 Prozent der Bev\u00f6lkerung sind parteipolitisch organisiert. Der \u00fcberwiegende Teil gesellschaftlichen Zusammenhalts entsteht jenseits von Parteien \u2013 in Vereinen, in Nachbarschaften, bei der Feuerwehr. In der Atmosph\u00e4re kurz vor einer Landtagswahl in Rheinland-Pfalz wirkte die parteipolitische Pr\u00e4senz auf mich streckenweise wie eine Wahlkampfb\u00fchne. Zugleich war die AfD an diesem Abend indirekt Objekt der Debatte, ohne dass ein Vertreter Gegenposition h\u00e4tte einnehmen k\u00f6nnen. Das erzeugte eine sp\u00fcrbare Asymmetrie.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend meiner Zwischenbemerkung fiel eine Szene im Publikum auf, die mir erst sp\u00e4ter geschildert wurde. Eine Frau einige Reihen vor mir hielt sich demonstrativ beide Ohren zu. Mein Platznachbar erz\u00e4hlte mir anschlie\u00dfend, sie habe offenbar nicht weiter zuh\u00f6ren wollen. Ob es \u00dcberforderung, \u00c4rger oder blo\u00dfe Geste war, l\u00e4sst sich nicht sagen. Doch die Szene war symptomatisch &#8211; nicht nur Zustimmung und Widerspruch, auch Abschottung war an diesem Abend sichtbar. Im Verlauf des Abends entstand zudem mehrfach der Eindruck, die AfD vertrete pauschal eine Haltung \u201egegen Ausl\u00e4nder\u201c oder gegen Migration insgesamt. Diese Verk\u00fcrzung blieb unwidersprochen im Raum stehen. Programmatisch fordert die Partei vor allem eine Begrenzung der Einwanderung, insbesondere die Unterbindung illegaler Migration sowie die konsequente Abschiebung straff\u00e4llig gewordener Ausl\u00e4nder. Diese Positionen unterscheiden sich argumentativ von der pauschalen Ablehnung aller Zuwanderung. Eine solche Differenzierung fand an diesem Abend nicht statt.<\/p>\n<p>Zugleich blieb eine naheliegende Gegenfrage offen: Wenn Fragen von Migration, Integrationsf\u00e4higkeit und innerer Sicherheit gesellschaftlich virulent sind \u2013 was hindert andere Parteien daran, diese Themen selbst offensiv zu bearbeiten? Die Vorstellung, ein politisches Feld k\u00f6nne dauerhaft \u201ebesetzt\u201c bleiben, ohne dass konkurrierende Akteure es betreten, wirkt bei n\u00e4herem Hinsehen wenig plausibel.<\/p>\n<p>Und doch, in all der Unruhe, im fragmentierten Gespr\u00e4ch, zeigte sich etwas Entscheidendes. Heimat ist kein harmonischer Ort. Sie ist ein Spannungsfeld. Sie ist das, was Roth \u201eVerwundbarkeit\u201c nannte. Sie ist das, was Martenstein als \u201eGeruch des Rheins\u201c beschrieb. Sie ist die Erfahrung der Vertriebenen, die Sehnsucht der Gefl\u00fcchteten, die Angst der Alten und der Groll der Entt\u00e4uschten. Noch Stunden nach der Veranstaltung stellte sich mir eine schlichte Frage: Welchen Erkenntnisgewinn hatte dieser Abend gebracht? Die Erwartung einer echten Gegenrede zumindest von Harald Martenstein \u2013 insbesondere im Hinblick auf die j\u00fcngst gef\u00fchrten Debatten um ein m\u00f6gliches AfD-Verbot blieb eingebettet in ein kalkulierbares Spannungsverh\u00e4ltnis. Vielleicht lag gerade darin die eigentliche Irritation. Die Erwartung speiste sich auch aus der aktuellen Rechtslage. Kurz zuvor hatte ein K\u00f6lner Gericht in einem vielbeachteten Verfahren deutlich gemacht, dass die pauschale Einstufung der AfD als \u201erechtsextrem\u201c in dieser Form rechtlich nicht haltbar sei. Auch die Diskussion um die beh\u00f6rdliche Bewertung durch das Bundesinnenministerium hatte dadurch einen empfindlichen D\u00e4mpfer erhalten. Parallel war in Ludwigshafen die Nichtzulassung eines AfD-Kandidaten zur Oberb\u00fcrgermeisterwahl juristisch umstritten.<\/p>\n<p>All diese Entwicklungen ber\u00fchren die Frage, wie weit staatliche und politische Institutionen in der Auseinandersetzung mit einer Oppositionspartei gehen d\u00fcrfen \u2013 und wo rechtsstaatliche Grenzen verlaufen. An diesem Abend jedoch wurden diese Aspekte nicht aufgegriffen. Die Debatte blieb auf der moralischen Ebene stehen. Eine ernsthafte Debatte \u00fcber ein Parteiverbot setzt voraus, dass rechtliche Ma\u00dfst\u00e4be, Beweislasten und gerichtliche Entscheidungen mitgedacht werden. Die politische Bewertung allein ersetzt keine juristische Pr\u00fcfung.<\/p>\n<p>Was an diesem Abend fehlte, war die ernsthafte Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit. Ein Lehrer sprach von fehlender Bildungsgerechtigkeit. Ein anderer warnte vor \u00f6konomischer \u00dcberforderung. Doch diese F\u00e4den wurden nicht weitergesponnen. Dabei ist Heimat ohne soziale Sicherheit kaum denkbar. Wer Angst vor dem sozialen Abstieg hat, wird Heimat anders definieren als jemand, der \u00f6konomisch abgesichert ist. Ebenso fehlte eine tiefere Reflexion \u00fcber den Begriff selbst. Jean Am\u00e9ry, der auf dem Plakat angek\u00fcndigt war, blieb unerw\u00e4hnt. Sein Verst\u00e4ndnis von Heimat als verlorener Selbstverst\u00e4ndlichkeit h\u00e4tte der Diskussion Sch\u00e4rfe verliehen.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig war auch, welche Themen mit Nachdruck eingefordert \u2013 und welche in ihrer ganzen Breite dennoch nicht ausgeleuchtet \u2013 wurden. Eine Dame meldete sich gleich zweimal mit Vehemenz zu Wort. Man m\u00fcsse zwingend \u00fcber Antisemitismus sprechen, sagte sie, man d\u00fcrfe j\u00fcdisches Leben nicht wieder an den Rand dr\u00e4ngen. Sie verwies darauf, israelische K\u00fcnstler w\u00fcrden nicht mehr eingeladen oder in eine Art Sippenhaft f\u00fcr politische Entscheidungen genommen. Konkrete Beispiele wurden nicht vertieft. Ebenso wenig wurde diskutiert, dass in den vergangenen Jahren auch russische K\u00fcnstler ausgeladen oder unter neutraler Flagge an internationalen Wettbewerben teilnehmen mussten.<\/p>\n<p>Die Frage nach doppelten Ma\u00dfst\u00e4ben blieb unausgesprochen im Raum. Vollst\u00e4ndig unerw\u00e4hnt blieb, dass am selben Morgen Israel und die USA milit\u00e4rische Angriffe auf iranisches Territorium begonnen hatten. Die Bundesregierung ver\u00f6ffentlichte hierzu noch am Mittag eine Erkl\u00e4rung, in der sie die Vorg\u00e4nge als Reaktion auf iranische Bedrohungen einordnete. Unabh\u00e4ngige Berichte zeigten jedoch, dass die milit\u00e4rische Initiative von israelischer und amerikanischer Seite ausging. \u00dcber die v\u00f6lkerrechtliche Einordnung, \u00fcber angebliche Pr\u00e4ventivschlag-Doktrinen oder \u00fcber m\u00f6gliche Verst\u00f6\u00dfe gegen das Gewaltverbot der UN-Charta wurde in Koblenz nicht gesprochen.<\/p>\n<p>Gerade in einer Veranstaltung, die sich als \u201epolitische Temperaturmessung\u201c verstand, w\u00e4re es naheliegend gewesen, diese Diskrepanz zwischen offizieller Regierungsdarstellung und dem faktischen Ablauf zumindest zu benennen. Es blieb bei der Rahmung \u201eAntisemitismus\u201c.<\/p>\n<p>Die Unterst\u00fctzung der Ukraine hingegen schien im westdeutschen Publikum weitgehend ungebrochen. Zu Beginn hatten sich bei der\u00a0 entsprechenden Frage zahlreiche H\u00e4nde gehoben. In Koblenz war kein sp\u00fcrbarer Bruch mit der offiziellen Linie erkennbar. W\u00e4hrend in Teilen der Europ\u00e4ischen Union inzwischen st\u00e4rker \u00fcber Verhandlungsl\u00f6sungen, Belastungsgrenzen und strategische Neujustierungen debattiert wird, und erstmals Zustimmungswerte unter 50 Prozent &#8211; so in Frankreich &#8211; zu verzeichnen sind, in Italien sehr niedrig ausfallen, dominierte hier eher die Haltung der moralischen Kontinuit\u00e4t. Zweifel wurden kaum artikuliert \u2013 offenbar aus \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Gerade diese sichtbare Geschlossenheit erzeugte jedoch eine merkw\u00fcrdige Schieflage. Weder wurde vertieft er\u00f6rtert, welche diplomatischen Optionen vor 2022 in der Ukraine realistisch gewesen w\u00e4ren, noch wurde ernsthaft diskutiert, welche langfristigen \u00f6konomischen Folgen der Sanktionspolitik und der energiepolitischen Entscheidungen Deutschland heute tragen muss. Ich sprach die hohen Energiepreise an, sp\u00e4ter griff auch Martenstein den industriellen Substanzverlust und die Abwanderung von Produktion diesen Punkt auf. Doch der Themenstrang wurde nicht weiter vertieft. Gerade hier w\u00e4re eine strukturierende Nachfrage hilfreich gewesen.<\/p>\n<p>Katja Gloger hat sich in ihrer publizistischen Arbeit intensiv mit Russland und geopolitischen Entwicklungen, wie sie im ZDF bei Lanz vor einigen Jahren bekannte, befasst. Umso mehr h\u00e4tte dieser Aspekt das Potenzial geboten, die Debatte \u00fcber Heimat um eine wirtschaftliche und au\u00dfenpolitische Dimension zu erweitern. Gloger ist zudem in transatlantischen Netzwerken engagiert, was ihre Perspektive auf sicherheitspolitische Fragen mitpr\u00e4gt. Gerade bei Fragen der Energie- und Russlandpolitik existieren in Deutschland unterschiedliche Deutungsangebote \u2013 sowohl in auflagenstarken Medien als auch in alternativen Publikationsformen. Eine Moderation, die diese Spannbreite zumindest skizziert oder zur Diskussion stellt, h\u00e4tte den Diskurs ge\u00f6ffnet. Expertise war vorhanden \u2013 sie wurde nur nicht diskursiv aktiviert. Dabei liegt hier ein zentraler Heimatfaktor. Wenn Energie dauerhaft teuer bleibt, wenn industrielle Kerne erodieren, wenn mittelst\u00e4ndische Betriebe schlie\u00dfen oder verlagern, dann ver\u00e4ndert sich die materielle Grundlage dessen, was viele als Sicherheit empfinden. Wohlstand ist kein ideologischer Begriff, er ist\u00a0 infrastrukturelle Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig war zudem die Altersstruktur des Publikums. Viele \u00e4ltere Besucher, gepr\u00e4gt von Jahrzehnten relativer Sicherheit, solider Einkommen, g\u00fcnstiger Energie und funktionierender Exportwirtschaft. Menschen \u201eunter drei\u00dfig\u201c schienen an diesem Abend nicht erreicht worden zu sein. Ob dies am Format, an der Themenansprache oder an der generellen Entfremdung j\u00fcngerer Generationen von klassischen Diskursveranstaltungen liegt, w\u00e4re eine eigene Untersuchung wert. Nach der Veranstaltung sprach mich ein Besucher darauf an. Er nannte das Publikum zugespitzt eine \u201epensionsverw\u00f6hnte Strickpullover-Generation\u201c \u2013 eine polemische, aber nicht ganz folgenlose Bemerkung. Hinter ihr stand die Frage, ob Formate wie dieses tats\u00e4chlich jene Generation erreichen, die mit steigenden Mieten, unsicheren Arbeitsverh\u00e4ltnissen, digitaler Dauerpr\u00e4senz und geopolitischer Verunsicherung aufw\u00e4chst.<\/p>\n<p>Wenn Heimat verhandelt wird, ohne dass die J\u00fcngeren anwesend sind, entsteht eine Schieflage. Denn f\u00fcr sie ist Heimat weniger Erinnerung als Zukunftsfrage. An diesem Abend wurde viel \u00fcber Werte gesprochen. Weniger \u00fcber strukturelle Grundlagen. Vielleicht erkl\u00e4rt das die latente Unzufriedenheit mancher Zuh\u00f6rer. Ein sp\u00fcrbarer Teil des Saales wirkte reservierter, kritischer, weniger bereit, sich in die dominante Deutung einzuf\u00fcgen. Das Publikum war engagiert, streitbar und teilweise auch aufgebracht. Es wollte reden. Vielleicht war das die eigentliche Leistung dieses Abends, einen Raum zu \u00f6ffnen. Ein \u201ekollektives Lagerfeuer\u201c, wie Roth es nannte. Doch ein Lagerfeuer braucht nicht nur Brennholz. Es ben\u00f6tigt auch jemanden, der das Feuer h\u00fctet.<\/p>\n<p>Eine weitere eigenartige Rahmensetzung entstand, als ein Zuschauer die geringe Wahlbeteiligung in Ludwigshafen erw\u00e4hnte \u2013 sie habe bei gut zwanzig Prozent gelegen. Die Zahl stand im Raum wie ein Symptom demokratischer M\u00fcdigkeit. Nicht erl\u00e4utert wurde jedoch, dass der dortige OB-Wahlkampf im Vorfeld von juristischen Auseinandersetzungen gepr\u00e4gt war. Ein Kandidat der AfD war kurzfristig nicht zugelassen worden. Ob und in welchem Umfang diese Konstellation Einfluss auf die Wahlbeteiligung hatte, blieb uner\u00f6rtert. Statt diese komplexe Vorgeschichte zumindest einzuordnen, verlief die Diskussion einfach weiter. Die niedrige Beteiligung wurde als Indikator allgemeiner Politikverdrossenheit gelesen \u2013 ohne die konkreten lokalen Umst\u00e4nde auszuleuchten. Gerade an einem Abend, der sich als Seismograf der aktuellen gesellschaftlichen Spannungen verstand, w\u00e4re eine differenzierte Betrachtung dieses Beispiels naheliegend gewesen.<\/p>\n<p>Heimat ist kein Besitzstand. Sie ist eine Beziehung. Zwischen Menschen, zwischen Generationen, zwischen Erinnerung und Gegenwart. Wer sie politisch instrumentalisiert, verengt sie. Wer sie nur sentimental betrachtet, verkennt ihre H\u00e4rte.<\/p>\n<p>\u201eIst das noch mein Land?\u201c Diese Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht, weil sie gar nicht kollektiv beantwortet werden kann, sehr intim und pers\u00f6nlich ist. Vielleicht auch, weil sie mehr verlangt als eine zweist\u00fcndige Podiumsdiskussion. Sie verlangt Zuh\u00f6ren, Widerspruch, Selbstkritik, und deshalb ist Demokratie auch nur \u201eals Prozess unter Menschen und nicht durch Politiker zu verstehen\u201c, wie es ein Zuh\u00f6rer anregend er\u00f6rterte \u2013 und eine Moderation, die nicht nur Fragen stellt und eher Gespr\u00e4che f\u00fchrt. Und so blieb Heimat das, was sie oft ist, ein gro\u00dfes Wort, unter dem vieles verhandelt wird \u2013 und manches ungesagt bleibt.<\/p>\n<p>Was aber ist nun Heimat? Der \u00f6sterreichische Schriftsteller Jean Am\u00e9ry schrieb nach dem Exil, Heimat sei nicht nur ein Ort, er ist \u201eSicherheit in der Welt\u201c. Und er wusste, dass sie zerbrechen kann \u2013 innerlich und nicht nur geografisch. Der Philosoph Ernst Bloch nannte Heimat \u201eetwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war\u201c \u2013 eine Utopie, die wir vor uns hertragen. Die deutsch-amerikanische Publizistin Hannah Arendt beschrieb Heimatlosigkeit als den eigentlichen Skandal des 20. Jahrhunderts und das Fehlen eines Raumes, in dem man Rechte hat, weil man dazugeh\u00f6rt. Christa Wolf, eine ostdeutsche Autorin, sprach wiederum von einer \u201eOrtsgebundenheit des Ged\u00e4chtnisses\u201c. Heimat war f\u00fcr sie nicht Staat und nicht Ideologie, vor allem jedoch Erinnerungsschicht. Landschaft, Geruch, Sprache, Dialekt, Biografie. Ein Raum, in dem sich Erfahrung sedimentiert. F\u00fcr viele Ostdeutsche bedeutete Heimat lange Zeit etwas sehr Konkretes. Die Gewissheit, Arbeit zu haben, gemeinsam und sinnerf\u00fcllt etwas zu tun. Keine Existenzangst zu kennen. Nicht f\u00fcrchten zu m\u00fcssen, in einen fernen Krieg geschickt zu werden. Man kann \u00fcber politische Systeme streiten, \u00fcber Freiheitsgrade und auch \u00fcber M\u00e4ngel. Aber Sicherheit \u2013 soziale wie pers\u00f6nliche \u2013 war eine Realit\u00e4t. Solche Gewissheiten pr\u00e4gen ein Heimatgef\u00fchl. Und sie sind nicht trivial.<\/p>\n<p>Heimat ist auch das Wissen, ich falle nicht ins Bodenlose. In der Gegenwart erleben wir eine neue Form der Verunsicherung. Auch Autoren berichten davon, dass sie sich im eigenen Land nicht mehr frei f\u00fchlen. Die Journalistin Dagmar Henn lebt heute in Moskau und begr\u00fcndete ihren Weggang mit der Sorge, in Deutschland nicht mehr ungehindert arbeiten zu k\u00f6nnen \u2013 ihr Schritt verweist auf ein Gef\u00fchl von Entfremdung und Angst frei ihre Meinung \u00e4ussern zu d\u00fcrfen. Diese Entfremdung ist der Anfang von Heimatverlust.<\/p>\n<p>Der Eindruck entstand, dass sich in den vergangenen Jahren eine projektf\u00f6rmig k\u00fcnstlich organisierte Zivilgesellschaft etabliert hat, deren Existenz zunehmend von staatlicher F\u00f6rderung abh\u00e4ngt. Eine ehemalige Lehrerin und Schriftstellerin im Gespr\u00e4ch nach der Veranstaltung formulierte es zugespitzt: F\u00fcr nahezu jedes gesellschaftliche Anliegen werde eine Initiative gegr\u00fcndet, die \u00f6ffentliche Mittel erh\u00e4lt \u2013 und deren Fortbestand dann wiederum vom Fortbestehen dieses Anliegens abh\u00e4ngt. Sie verweist auf ein Unbehagen, dass organisierte Interessen bisweilen medial sichtbarer erscheinen als das allt\u00e4gliche, nicht gef\u00f6rderte gesellschaftliche Miteinander.<\/p>\n<p>Der Kern ist, Heimat ist etwas Besonderes. Etwas, das sich nicht beliebig vervielf\u00e4ltigen l\u00e4sst. Es ist einzigartig. Etwas, das Wohlgef\u00fchl und Verl\u00e4sslichkeit braucht. Eine vermeintliche Heimat, die ihre sozialen Anker verliert, die wirtschaftliche Substanz erodieren l\u00e4sst, die Gespr\u00e4chsr\u00e4ume nicht pflegt und sie \u00fcberwiegend in Projektform verwaltet, wird br\u00fcchig. Und eine br\u00fcchige Heimat verteidigt man nicht aus \u00dcberzeugung. Man verteidigt nur, was einem Halt gibt.<\/p>\n<p>Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Frage dieses Abends. Nicht: Ist das noch mein Land? Vielleicht eher: Was schenkt mir dieses Land, damit ich es als meines empfinden kann? Heimat ist kein politisches Etikett, kein Schlagwort f\u00fcr Wahlprogramme und keine moralische Selbstvergewisserung. Heimat ist eine Erfahrung. Eine leise, k\u00f6rperliche Gewissheit. Sie wohnt im Alltag, nicht im Diskurs. Sie zeigt sich im Blick des B\u00e4ckers, der Dich kennt, im Nachbarn, der Deine Pakete annimmt oder Dich zum Grillen einl\u00e4dt, im Wissen, dass man bleiben darf, ohne sich st\u00e4ndig rechtfertigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es geht nicht um Zuwanderung als abstrakte Gr\u00f6\u00dfe. Es geht um das Ma\u00df dessen, was eine Gesellschaft unter normalen Bedingungen tragen kann, ohne zu zerrei\u00dfen. Es geht um das Gleichgewicht zwischen Offenheit und Verl\u00e4sslichkeit. Um die F\u00e4higkeit, Neues aufzunehmen, ohne das Eigene preiszugeben. Heimat gedeiht nicht im permanenten Ausnahmezustand. Sie w\u00e4chst nicht aus rhetorischer Eskalation, nicht aus Hass gegen Nationen, nicht aus einem moralischen Argwohn gegen\u00fcber anderen Entwicklungswegen. Jede Gesellschaft hat ihre eigenen Zyklen, ihre eigenen Reifungen, ihre eigenen Fehler und Korrekturen. Bevormundung \u2013 gleich in welcher Richtung \u2013 schafft keine N\u00e4he. Sie erzeugt Distanz. Vielleicht braucht es weniger Misstrauen. Die schlichte Gewissheit, dass der andere ebenfalls Kinder hat \u2013 und sie lachen sehen will. Dass Sicherheit, W\u00fcrde und Zukunft keine exklusiven G\u00fcter sind. Heimat entsteht dort, wo man nicht im Dauervergleich lebt. Sie beginnt im Vertrauen. Und sie bleibt nur dort lebendig.<\/p>\n<p>Der Abend war weniger eine Suche nach Heimat als der Versuch, politische Koordinaten zu festigen. Heimat wurde vermessen \u2013 aber nicht betreten.<\/p>\n<p>Vielleicht zeigt auch die gemessene Temperatur dieses Abends weniger \u00fcber Heimat als \u00fcber uns selbst. \u00dcber unsere Gewissheiten politischer Machtfragen, unsere Bruchlinien und unsere Gespr\u00e4chsf\u00e4higkeit. Die Temperatur war nicht eisig. Aber sie war auch nicht warm. Die Veranstaltung wollte fragen, ob dieses Land noch als Heimat empfunden wird. Tats\u00e4chlich wurde vor allem dar\u00fcber gesprochen, wovor es gesch\u00fctzt werden m\u00fcsse. Das ist nicht dasselbe.<\/p>\n<p>Heimat entsteht nicht auf Podien und nicht in Parteizuschreibungen. Sie entsteht zwischen Menschen, die ihr Leben miteinander organisieren. Dorfgemeinschaften an Rhein und Mosel wissen, was Gemeinsinn bedeutet, sp\u00e4testens wenn sie gemeinsam Hochwasser bek\u00e4mpfen mussten. Politische \u00dcberzeugungen werden auch dort diskutiert. Aber im praktischen Zusammenhalt verlieren sie ihre Sch\u00e4rfe. Heimat zeigt sich nicht im permanenten Alarmmodus. Sie zeigt sich dort, wo man kontinuierlich gemeinsam handelt, weil man es muss \u2013 und weil man dort bleiben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Sabiene Jahn, Tr\u00e4gerin des K\u00f6lner Karlspreises f\u00fcr Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz \/ Saarland<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>Ausschnitt aus der Veranstaltung in Koblenz (Video): <a href=\"https:\/\/penberlin.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/penberlin.de\/<\/a><\/p>\n<p>Tonmitschnitt der Veranstaltung in Koblenz (ohne Fragerunde): <a href=\"https:\/\/penberlin.de\/wp-content\/uploads\/26.02.28._Heimat_Koblenz_Audio.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/penberlin.de\/wp-content\/uploads\/26.02.28._Heimat_Koblenz_Audio.mp3<\/a><\/p>\n<p>Termine und Mitwirkende: <a href=\"https:\/\/penberlin.de\/heimat_rp-mitwirkende\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/penberlin.de\/heimat_rp-mitwirkende\/<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">\u00a9 Sabiene Jahn<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Wir danken der Autorin f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung des Beitrages<\/span><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/63030b8c6e9c4cf2862e77fd20c88acd\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Veranstaltung des PEN am 28.Februar 2026 in Koblenz (Theaterzelt): v.l.n.r. Michael Roth, SPD-Politiker, Harald Martenstein, Publizist und Katja Gloger, Autorin und Journalistin, die am Abend moderierte.<br \/>\nFoto: PEN Berlin<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Ein Meinungsbeitrag von Sabiene Jahn<\/b><br \/>\nEin Abend im Koblenzer Theaterzelt wollte \u00fcber \u201eHeimat\u201c sprechen \u2013 und zeigte, wie sehr der Begriff politisch gerahmt und existenziell unterbelichtet bleibt. Die Schriftstellervereinigung \u201ePEN Berlin\u201c suchte die offene Debatte und offenbarte dabei die Grenzen seines eigenen Rahmens. Was als Gespr\u00e4ch \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit begann, endete in politischer Vermessung. [&#8230;] Es begann harmlos, beinahe heiter. Ein Fragespiel zum Aufw\u00e4rmen. \u201eF\u00fcr wen ist Koblenz Heimat?\u201c H\u00e4nde gingen hoch. \u201eWer ist Rheinl\u00e4nder? Wer ist Europ\u00e4er? Wer sagt Kartoffeln? Wer sagt Grummbeere?\u201c Lachen. Dann die Fragen, die sich enger zogen wie ein Netz: \u201eWer findet die AfD gef\u00e4hrlich f\u00fcr die Demokratie? Wer findet, Deutschland muss die Zuwanderung st\u00e4rker regulieren?\u201c Sp\u00e4testens an dieser Stelle wurde deutlich, dass dieser Abend nicht nur ein literarischer Diskurs sein w\u00fcrde.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":24577,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1031,2634,512,567,162,1963,1296,627,1576,2189,2930,159,478,1315,3098,395,403,2838,3099,3100,2218,2736,833,1212,2078],"class_list":["post-24570","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-demokratie-medien-aufklaerung","tag-afd","tag-analyse","tag-antisemitismus","tag-bildung","tag-demokratie","tag-diskurs","tag-diskussion","tag-energiepolitik","tag-entfremdung","tag-erinnerungskultur","tag-foerderung","tag-freiheit","tag-heimat","tag-journalismus","tag-koblenz","tag-meinungsfreiheit","tag-migration","tag-oelpreis","tag-pen-berlin","tag-schriftsteller","tag-wehrpflicht","tag-widerspruch","tag-zivilgesellschaft","tag-zukunft","tag-zuwanderung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/PEN-Berlin-am-28-02-2026-in-Koblenz-2_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-6oi","jetpack-related-posts":[{"id":15954,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=15954","url_meta":{"origin":24570,"position":0},"title":"Kesseltreiben gegen die &#8222;Nicht-Mainstream-Konformen&#8220;","author":"Webredaktion","date":"6. 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