{"id":24447,"date":"2026-02-19T15:41:22","date_gmt":"2026-02-19T14:41:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24447"},"modified":"2026-03-27T01:16:07","modified_gmt":"2026-03-27T00:16:07","slug":"hamburg-der-mord-von-wandsbek-und-das-verschwiegene-migrationsproblem","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24447","title":{"rendered":"Hamburg, der Mord von Wandsbek und das verschwiegene Migrationsproblem"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es war einer der ersch\u00fctternderen F\u00e4lle in einer mittlerweile recht langen Liste von zuf\u00e4lligen Morden, als ein angetrunkener S\u00fcdsudanese im Januar eine ihm unbekannte Frau mit sich vor die U-Bahn riss. Hamburg debattierte jetzt dar\u00fcber, aber wie immer ohne die entscheidende Frage. <\/strong><\/p>\n<p><em>Von <strong>Dagmar Henn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 12.02.2026 auf <a href=\"https:\/\/freedert.online\/meinung\/269947-hamburg-mord-von-wandsbek-und\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RT DE<\/a><\/span><\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-all\">\n<div class=\"AllEmbed\"><iframe loading=\"lazy\" title=\"Hamburg, der Mord von Wandsbek und das verschwiegene Migrationsproblem\" src=\"https:\/\/www.podbean.com\/player-v2\/?i=qe76w-1a4599c-pb&amp;from=pb6admin&amp;share=1&amp;download=1&amp;rtl=0&amp;fonts=Arial&amp;skin=f6f6f6&amp;font-color=&amp;logo_link=episode_page&amp;btn-skin=7\" width=\"100%\" height=\"150\" scrolling=\"no\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-name=\"pb-iframe-player\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<p>Am Mittwoch hat sich die Hamburger B\u00fcrgerschaft mit dem Mord in Wandsbek besch\u00e4ftigt. Ende Januar hatte der 25-j\u00e4hrige S\u00fcdsudanese Ariop A. im U-Bahnhof Wandsbek Markt eine 18-j\u00e4hrige Frau mit sich vor den einfahrenden Zug gerissen und get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Auch wenn das Thema mit einer Gedenkminute f\u00fcr das Opfer er\u00f6ffnet wurde, wurde die Debatte danach erregt. Schlie\u00dflich hatte schon nach der Tat selbst SPD-B\u00fcrgermeister Peter Tschentscher schnellere Abschiebungen von gef\u00e4hrlichen Fl\u00fcchtlingen gefordert.<\/p>\n<p>Seine Genossin Carola Veit hielt in der Sitzung jedoch dagegen. Man m\u00fcsse zwar diskutieren, &#8222;wie wir alle Menschen in unserer Stadt bestm\u00f6glich vor Gewalttaten sch\u00fctzen&#8220;, aber man k\u00f6nne niemanden gleich wegsperren, weil er verhaltensauff\u00e4llig werde. &#8222;Das ist das Konzept von Polizeistaaten und nicht unseres&#8220;, sagte sie.<\/p>\n<p>CDU-Chef Dennis Thiering wiederholte die Forderung Tschentschers: &#8222;Wir brauchen automatische Abschiebung bei schweren Straftaten.&#8220; Dass der T\u00e4ter frei herumgelaufen sei, &#8222;darf nicht sein, das d\u00fcrfen wir nicht zulassen.&#8220; Allerdings war der T\u00e4ter Ariop A. noch nicht verurteilt. Eine derartige Regelung h\u00e4tte also diese Tat zumindest nicht verhindert.<\/p>\n<p>Innensenator Grote wies die Vorw\u00fcrfe zur\u00fcck, die Ampelregierung trage wegen ihrer Beteiligung am Resettlement-Programm eine Mitverantwortung, und bezeichnete diese Schuldzuweisungen als &#8222;die schlechteste und politisch sch\u00e4bigste Art&#8220;, mit dem Fall umzugehen.<\/p>\n<p>AfD-Fraktionschef Dirk Nockemann erkl\u00e4rte, diese Tat sei wie weitere von Migranten ver\u00fcbte Taten in den vergangenen Jahren Zeichen eines &#8222;Staatsversagens&#8220;. &#8222;Statt Bereicherung bekommen wir viel Kriminalit\u00e4t. Statt Integration bekommen wir Parallelgesellschaften. Statt Fachkr\u00e4ften bekommen wir Sozialf\u00e4lle.&#8220;<\/p>\n<p>Die Fraktionschefin der Gr\u00fcnen, Sina Imhof, erkl\u00e4rte Hamburg f\u00fcr sicher, &#8222;wenn wir nicht in die Falle tappen, aus Angst oder mit Angst Politik zu machen&#8220;, w\u00e4hrend die Linken-Vertreterin Hila Latifi erkl\u00e4rte, die &#8222;Instrumentalisierung&#8220; des Femizids durch die AfD und die Position der CDU verst\u00e4rkten den &#8222;Rechtsruck in unserer Gesellschaft, der nicht nur Migrantinnen, sondern auch Frauen massiv gef\u00e4hrdet&#8220;.<\/p>\n<p>Die Geschichte des Ariop A. l\u00e4sst sich aber noch aus einer ganz anderen Perspektive lesen. Das Portal <em>Nius<\/em> hatte schon am 4. Februar die Ergebnisse von Erkundigungen <a href=\"https:\/\/nius.de\/analyse\/news\/ariop-a-suedsudan-u-bahn-hamburg-wandsbek-leben-kenia-unhcr-einreise\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ver\u00f6ffentlicht<\/a>, die sie unter anderem im kenianischen Fl\u00fcchtlingslager Kakuma eingeholt hatten, wo der Mann lebte, ehe er mit einem Resettlement-Programm der UNO 2024 nach Deutschland gebracht wurde. Und diese Daten deuten auf den gewaltigen blinden Fleck in der Geschichte, der die gesamte Migrationsdebatte in Deutschland verzerrt: die fehlende Wahrnehmung, was Migration eigentlich bedeutet.<\/p>\n<p>Denn der Mann, von dem die Rede ist, f\u00fchrte im S\u00fcdsudan nicht nur einen anderen Namen, Awan Matatu, sondern auch ein v\u00f6llig anderes Leben. Dieser Spitzname, so <em>Nius<\/em>, deutete an, dass er dort als Fahrer eines kleinen Minibusses gearbeitet habe. Matatu sei das Suaheli-Wort daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Sein bester Freund dort berichtete, er habe Fu\u00dfball gespielt, sei Christ gewesen, habe regelm\u00e4\u00dfig gebetet und nie Alkohol getrunken. &#8222;Die Schilderungen klingen, als h\u00e4tte A. zwei Leben gehabt: eines in Kenia, das nichts gemein mit dem in Deutschland hatte&#8220;, schreibt <em>Nius<\/em>.<\/p>\n<p>Auch die Bilder aus jener Zeit zeigen eine andere Person: &#8222;Ein anderes Foto f\u00e4ngt ihn in einem blauen Chelsea-Trikot ein, sitzend auf einem Plastikstuhl in einem Raum mit gefliestem Boden in Denkerpose. Seine Beine sind knochig, seine Arme lang. Insgesamt wirkt der Mann in jener Zeit in Afrika nicht reich, aber keineswegs bettelarm oder ungl\u00fccklich.&#8220;<\/p>\n<p>Ins Resettlement-Programm geriet er, weil er im Alter von elf Jahren seine Eltern verloren hatte. Am 13. Juni 2024 wurde er, trotz eines fehlenden Sicherheitschecks, nach Deutschland eingeflogen. Allerdings lassen es die Informationen von <em>Nius<\/em> denkbar erscheinen, dass er den Sicherheitscheck bestanden h\u00e4tte, denn der T\u00e4ter war die andere Variante von Ariop A.<\/p>\n<p>Der S\u00fcdsudanese ist sicher nicht der Einzige, bei dem die Entwicklung so verl\u00e4uft. Denn diese Geschichte erkl\u00e4rt sich eigentlich nur \u00fcber den einen Posten auf der Rechnung, den in der Regel beide Seiten der deutschen Migrationsdebatte unterschlagen. Es wird immer so getan, als gebe es nur arme traumatisierte Fl\u00fcchtlinge, die eben schon so gesch\u00e4digt ankommen, oder einfach b\u00f6se Menschen. In Wirklichkeit gibt es ein Trauma, dem sie alle ausgesetzt werden, \u00fcber das aber nicht gesprochen werden darf. Das ist die Migration selbst.<\/p>\n<p>Ariop A. ist in einem Fl\u00fcchtlingslager herangewachsen. Dort war er von Menschen umgeben, die aussahen wie er, a\u00dfen wie er, seine Sprache sprachen. Es war nicht das Land seiner Geburt, aber es war auch nicht die v\u00f6llige Fremde, und er war nicht einsam. In den Fl\u00fcchtlingsheimen in Deutschland war er in der Regel alleine unter Arabern, Afghanen und Ukrainern \u2012 in einer doppelten Fremde. Gleich, mit welchen Vorstellungen jemand migriert, selbst unter den g\u00fcnstigsten Voraussetzungen ist es eine traumatische Erfahrung, die die Forschung mit dem Verlust eines nahen Angeh\u00f6rigen vergleicht. Denn der Verlust ist doppelt: Da ist auf der einen Seite eine neue Umgebung, die einem wom\u00f6glich nicht zu betreten gelingt, und auf der anderen Seite ist die alte Umgebung f\u00fcr immer verloren.<\/p>\n<p>Probleme mit dieser Situation zeigen sich unter anderem daran, dass jemand zu trinken beginnt oder Drogen zu konsumieren. Da sich diese traumatische Lage nicht aufl\u00f6st, weil eben das Ankommen in Deutschland im Gegensatz zu den Erwartungen der Migrationsfanatiker keine Erl\u00f6sung ist, sondern bestenfalls der Anfang eines schweren Weges, gibt es viele Beispiele kompletten Scheiterns. Gerade die Geschichten rund um schwere Gewalttaten zeigen das oft. Da geht es nicht um ein altes Trauma, das aus dem Herkunftsland mitgebracht wurde. Da geht es um ein frisches Trauma, einen ganz akuten Schmerz, f\u00fcr den es keine Antwort gibt.<\/p>\n<p>Es k\u00f6nnte sie geben. Wenn die Mitarbeiter in den Unterk\u00fcnften, die Sozialarbeiter, auch die Aufgabe h\u00e4tten, dem einen oder anderen eine R\u00fcckkehr als L\u00f6sung vorzuschlagen und genau dabei zu unterst\u00fctzen \u2012 wom\u00f6glich k\u00f6nnten beide, Ariop A. und die junge Iranerin, noch leben. Aber kein Tr\u00e4ger einer Unterkunft hat ein Interesse daran, den dort untergebrachten Migranten eine R\u00fcckkehr nahezulegen, und in der gesellschaftlichen Debatte gibt es nur die beiden Pole Willkommenskultur oder Abschiebung. Die Menschlichkeit bleibt dabei oft auf der Strecke. Und immer wieder auch die Betroffenen selbst.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re sch\u00f6n, wenn es den Raum g\u00e4be, auch einmal die Opfer der Migration wahrzunehmen. Diejenigen, die es nicht bew\u00e4ltigen, herausgerissen und in eine Fremde geworfen zu werden. Die an dem Unterschied zwischen ihren eigenen Illusionen und den realen M\u00f6glichkeiten zerbrechen. Die die Sehnsucht zur\u00fcck vor sich selbst und vor allem vor ihrer Umgebung verbergen m\u00fcssen, bis sie von ihr v\u00f6llig zerfressen werden.<\/p>\n<p>Das w\u00fcrde das Gift aus der deutschen Debatte nehmen. Dann w\u00e4re klar, dass es nichts mit Rassismus zu tun hat, wenn man auf die h\u00e4ufigeren Straftaten von Migranten hinweist, sondern dass genau das ein Schritt sein kann, um endlich wahrzunehmen, was da wirklich mit den Menschen gemacht wird. Und dass es die Gewalt ist, als die die Migration erlebt wird, die viele der Probleme ausl\u00f6st. Man kann <em>Nius<\/em> nur daf\u00fcr danken, diese Details rund um den schrecklichen Mord von Wandsbek berichtet zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dagmar Henn ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Der <span class=\"mw-mmv-title\">U-Bahnhof &#8222;Wandsbek Markt&#8220; in Hamburg, auf dem sich die Tat des Ariop A. am 29.01.2026 ereignete\u00a0 (Foto von 2011)<br \/>\nFoto: NordNordWest, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/de\/deed.en\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 3.0 de<\/a><br \/>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=15634713\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=15634713<\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Dagmar Henn<\/b><br \/>\nAm Mittwoch hat sich die Hamburger B\u00fcrgerschaft mit dem Mord in Wandsbek besch\u00e4ftigt. Ende Januar hatte der 25-j\u00e4hrige S\u00fcdsudanese Ariop A. im U-Bahnhof Wandsbek Markt eine 18-j\u00e4hrige Frau mit sich vor den einfahrenden Zug gerissen und get\u00f6tet. Auch wenn das Thema mit einer Gedenkminute f\u00fcr das Opfer er\u00f6ffnet wurde, wurde die Debatte danach erregt. [&#8230;] Die Geschichte des Ariop A. l\u00e4sst sich aber noch aus einer ganz anderen Perspektive lesen. Das Portal Nius hatte schon am 4. Februar die Ergebnisse von Erkundigungen ver\u00f6ffentlicht, die sie unter anderem im kenianischen Fl\u00fcchtlingslager Kakuma eingeholt hatten, wo der Mann lebte, ehe er mit einem Resettlement-Programm der UNO 2024 nach Deutschland gebracht wurde. Und diese Daten deuten auf den gewaltigen blinden Fleck in der Geschichte, der die gesamte Migrationsdebatte in Deutschland verzerrt: die fehlende Wahrnehmung, was Migration eigentlich bedeutet.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":24449,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[2079,2412,1084,447,2188,403,1586,2032,2001,3050,3051],"class_list":["post-24447","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-demokratie-medien-aufklaerung","tag-abschiebung","tag-debatte","tag-fluechtlinge","tag-hamburg","tag-instrumentalisierung","tag-migration","tag-mord","tag-rechtsrutsch","tag-sicherheit","tag-suedsudan","tag-versagen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U-Bahnhof_Wandsbek_Markt_1_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-6mj","jetpack-related-posts":[{"id":21475,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=21475","url_meta":{"origin":24447,"position":0},"title":"So unterst\u00fctzen prominente Deutsche die Kriegstreiberei","author":"Webredaktion","date":"14. 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