{"id":23704,"date":"2025-12-05T22:00:54","date_gmt":"2025-12-05T21:00:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=23704"},"modified":"2026-01-27T03:32:49","modified_gmt":"2026-01-27T02:32:49","slug":"der-abend-an-dem-der-wolf-die-zaehne-niederlegte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=23704","title":{"rendered":"Der Abend, an dem der Wolf die Z\u00e4hne niederlegte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt Tage, an denen die Welt drau\u00dfen tobt, w\u00e4hrend drinnen ein Raum entsteht, in dem man sich wieder als Mensch sp\u00fcrt. Der Vortrag von Eugen Drewermann in H\u00f6hr-Grenzhausen war ein solcher Raum. Kein politisches Spektakel, auch kein Programm, eher eine Begegnung, die mehr \u00fcber unsere Zeit erz\u00e4hlte als viele Debatten: \u00fcber Angst, Gewalt, Mut \u2013 und \u00fcber das stille Beharren auf Frieden.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Essay von <strong>Sabiene Jahn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 30.11.2025 auf <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/der-abend-an-dem-der-wolf-die-zaehne-niederlegte\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">globalbridge.ch<\/a><\/span><\/p>\n<p>Es beginnt mit einer Stille, die keine ist. Hundert, vielleicht weit \u00fcber hundert Menschen sitzen an diesem Abend in der \u201eZweiten Heimat\u201c in H\u00f6hr-Grenzhausen. Einige lehnen sich in die St\u00fchle zur\u00fcck, andere r\u00fccken Jacken zurecht, manche sehen sich suchend um, als erwarte der Raum selbst eine Antwort, die sie selbst nicht auszusprechen wissen. Drau\u00dfen herrscht die gewohnte Lautst\u00e4rke unserer Gegenwart: Schlagzeilen, Eilmeldungen, geopolitische Prognosen, politische Ersch\u00f6pfung, ein Land in dauerndem Alarmmodus. Drinnen wirkt es, als h\u00e4tten die Menschen die T\u00fcr geschlossen, um f\u00fcr einen Moment dem Dr\u00f6hnen zu entkommen. Und dann tritt Eugen Drewermann nach vorne \u2013 langsam, ohne Pathos, ohne Anspruch auf Wichtigkeit, und doch mit einer inneren Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die den Raum sofort ausrichtet. Er steht dort wie jemand, der wei\u00df, dass Worte heilen k\u00f6nnen, wenn man sie nicht wie Waffen gebraucht.<\/p>\n<p>Bevor er den ersten Satz spricht, hat der Saal bereits verstanden, dies wird kein \u00fcblicher Abend. Es wird ein Abend, an dem man vielleicht zum ersten Mal seit langem wieder h\u00f6rt, was in einem selbst schon lange spricht. Drewermann beginnt mit einer Geschichte, die so alt ist wie das Christentum und doch im Kern so zeitlos wie die Angst. Die Legende vom Wolf von Gubbio (Italien), jenem ausgehungerten Tier, das Schafe riss, Menschen bedrohte und die Dorfbewohner in Schrecken hielt. Franz von Assisi ging ihm barfu\u00df entgegen und wollte dem Tier nur sagen, ich sehe deine Not. Und weil der Wolf begriff, dass er nicht bek\u00e4mpft wurde, weil er verstanden wurde, legte er seine Z\u00e4hne nieder. Dieses Bild bleibt den ganzen Abend im Raum stehen wie ein stiller Begleiter. Der Wolf, der zur Ruhe kommt, wenn man seine Angst erkennt.<\/p>\n<p>Dann folgen die Bilder, die Drewermann in seiner unverwechselbaren Weise ineinander webt. Die Anekdoten, die er erz\u00e4hlt, wirken wie F\u00e4den eines einzigen gro\u00dfen Gewebes. Er spricht von Hiroshima und Nagasaki, von den verbrannten Schatten, die an den Mauern blieben wie stumme Anklagen. Er spricht von Franz von Assisi, der die Auss\u00e4tzigen ber\u00fchrte, die man damals \u201eUnber\u00fchrbare\u201c nannte. Und er spricht von Tolstoi, der seinen Adelstitel ablegte wie eine zu schwere R\u00fcstung, um endlich frei zu sein von einer Welt, die ihn zu etwas machen wollte, was er nicht war. Dostojewski taucht auf, wie ein dunkler, flackernder Stern, der uns daran erinnert, dass keine Seele nur das ist, was sie tut. Jeder Mensch tr\u00e4gt das, was er h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, in sich wie ein zweites Gesicht.<\/p>\n<p>Zwischendurch zieht er eine kurze, unerbittliche Linie durch die Menschheitsgeschichte, vom Faustkeil zum Speer, vom Bogen zur Kanone, von der Atombombe zur Wasserstoffbombe und weiter zu Drohnen und Algorithmen, die aus sicherer Entfernung t\u00f6ten. Wir seien, sagt er, die einzige Spezies auf diesem Planeten, die gelernt habe, das T\u00f6ten selbst als Antwort auf die eigene Angst zu begreifen. Alles andere sei nur Variationsmaterial dieses einen Irrtums.<\/p>\n<p>Wenn er von der Gegenwart spricht, spart er die politische Landkarte nicht aus. Die Eskalationen in der Ukraine, in Gaza, die immer neuen R\u00fcstungspakete, die NATO, die sich seit 1989 Schritt f\u00fcr Schritt nach Osten schiebt, gebrochene Zusagen und vertane Friedenschancen. Er erinnert an Gorbatschows Angebot eines entmilitarisierten Europas, an Vertr\u00e4ge, die zu Aufr\u00fcstungspl\u00e4nen wurden, und an eine westliche Politik, die Frieden weniger zu f\u00fcrchten scheint als den Verlust ihrer Vorherrschaft. Man versteht, worauf er hinauswill. Aufr\u00fcstung ist keine Sicherheit. Sie ist Angst in Stahl gegossen. Der Saal lauscht, als habe jeder im Raum heimlich gehofft, dass dieser Abend \u00fcber jedes analytische Wort hinaus etwas ber\u00fchrt, das mit der W\u00fcrde des Menschen zu tun hat. Man sp\u00fcrt im Saal auch, niemand will diese Bilder \u201eh\u00f6ren\u201c und doch sind sie notwendig. Drewermann bleibt nicht beim Grauen stehen, er f\u00fchrt zum Preis der Menschlichkeit. Er erz\u00e4hlt davon, wie schwer es ist, ein Mensch zu bleiben in einer Welt, die st\u00e4ndig von uns verlangt, eine Seite zu w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Abends \u2013 die Diskussion \u2013 ist unmittelbarer, fast schon roh in ihrer Ehrlichkeit. Fragen steigen auf wie Rauchf\u00e4den aus einer brennenden Erfahrung. Ein Gast fragt, was ein moralisches Fundament sei in einer Zeit, in der jedes Wort \u201erelativ\u201c genannt wird. Ein Mann erz\u00e4hlt von seiner Hilflosigkeit gegen\u00fcber einem Staat, der immer neue Feinde erfindet, damit man nicht merkt, wie ver\u00e4ngstigt man selbst gemacht wurde. Drewermann antwortet langsam, mit dieser Mischung aus seelsorgerischer Z\u00e4rtlichkeit und analytischer Sch\u00e4rfe, die ihn auszeichnet. Er spricht \u00fcber den Staat, der sich wie ein \u00fcbergro\u00dfer Wolf geb\u00e4rdet, um die kleineren W\u00f6lfe der Gesellschaft zu b\u00e4ndigen \u2013 und doch selbst aus Angst handelt. \u201ePolitik\u201c, sagt er, \u201eist die s\u00e4kulare Form der Gottesvorstellung geworden.\u201c Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, aber sie glauben an den Staat. Und dieser Glaube sei gef\u00e4hrlicher als jeder Aberglaube, denn er n\u00e4hrt die Illusion, dass Gewalt legitim sei, sobald sie organisiert ist. Ein Satz, der wie ein Aderlass wirkt.<\/p>\n<p>Mehr als einmal kommt er dabei auf die Bergpredigt zur\u00fcck. Gegen jenen Satz, den Politiker so gern bem\u00fchen, mit der Bergpredigt k\u00f6nne man keine Politik machen, stellt er das genaue Gegenteil. Nur aus der Logik der Feindesliebe, des Verzichts auf Vergeltung und der Bereitschaft, den anderen \u00fcberhaupt als Menschen zu sehen, lasse sich eine Politik denken, die zum Frieden f\u00e4hig ist. Es wirkt nicht wie eine fromme Randbemerkung, eher wie eine Zumutung an unser politisches Denken. An diesem Punkt verweist er auch auf Paulus, der im Galaterbrief schrieb, es gebe \u201enicht mehr Juden und Griechen, Sklaven und Freie\u201c, eine radikale Gleichsetzung, die jede Hierarchie unterl\u00e4uft. F\u00fcr Drewermann liegt im vergessenen Kern des Christentums nicht Dogma und nicht Moral. Es ist die Aufhebung der Grenze zwischen \u201awir\u2018 und \u201asie\u2018. Frieden, sagt er, beginnt dort, wo wir aufh\u00f6ren, Menschen in Feinde einzuteilen.<\/p>\n<p>Die Fragen werden pers\u00f6nlicher. Jemand m\u00f6chte wissen, warum Friedenswille heute diffamiert wird. Eine \u00e4ltere Dame, die die Worte langsam abw\u00e4gt, fragt: \u201eWarum gilt Frieden pl\u00f6tzlich als verd\u00e4chtig?\u201c Drewermann schaut lange, als wolle er keinen falschen Ton wagen. Dann sagt er leise, \u201eWeil Macht die Angst braucht. Und weil Frieden keine Angst braucht.\u201c Der Satz f\u00e4llt wie ein Stein ins Wasser. Und erst im Schweigen danach merkt man, wie tief er sinkt.<\/p>\n<p>Dann tritt Johannes Heibel vor. Ein Mann mit ruhigem Gesicht, der etwas in den H\u00e4nden h\u00e4lt, das erst wie ein St\u00fcck Stoff wirkt, dann wie eine Erinnerung. Eine wei\u00dfe Fahne, schlicht, fast unscheinbar, w\u00e4re da nicht der Ast, an dem sie befestigt ist. Ein St\u00fcck L\u00e4rchenholz aus einem Bombentrichter von 1945, gefunden im Westerwald, wo die letzten Bomben fielen, als die Welt schon in Tr\u00fcmmern lag und doch noch niemand wusste, wie man Frieden macht. Heibel erz\u00e4hlt, wie sich diese Fahne in seinem Leben verdichtet hat, vom Grab seines Vaters, der im 2. Weltkrieg an der Ostfront war und desertierte, \u00fcber ein kleines, von der Schwiegertochter gen\u00e4htes F\u00e4hnchen, bis hin zu jenem Moment, als Papst Franziskus auf dem Petersplatz den Segen spendete und der Frieden pl\u00f6tzlich kein abstraktes Wort mehr war. Und er erz\u00e4hlt von der Idee, die er gemeinsam mit Julian Aicher, ein Neffe von Sophie und Hans Scholl, daraus entwickelte, einen \u201eWeg der wei\u00dfen Fahne\u201c, eine Pilgerbewegung des Friedens. Sp\u00e4ter, sagt er, habe er Menschen aufgerufen, am Ostermontag wei\u00dfe Fahnen aus ihren Fenstern zu h\u00e4ngen. Aus einem Haus in Tirol, aus einer Wohnung im drei\u00dfigsten Stock eines Hochhauses in Shanghai, aus deutschen Kleinst\u00e4dten kamen die Bilder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Inzwischen seien diese gr\u00f6\u00dferen Fahnen an Menschen gegangen, die sich \u00f6ffentlich dem Krieg widersetzen. An den mitteldeutschen Landesbischof, der als einer der wenigen \u201eNein\u201c zu Waffenlieferungen sagte, an einen ehemaligen Piloten, der erkl\u00e4rte, er werde nie wieder Bomben werfen, an Sch\u00fcler, die unter dem Motto \u201ekleine Schritte f\u00fcr den Frieden\u201c ihren eigenen Weg suchen.<\/p>\n<p>Nun steht dieser Ast aus einem Bombentrichter neben Drewermann, der seine H\u00e4nde darauflegt wie auf einen verletzten Ort. Als w\u00fcrde er sagen, auch das kann heilen. Auch das geh\u00f6rt dazu. Drewermann nimmt die Fahne entgegen, als w\u00fcrde er eine verletzbare Stelle eines anderen Menschen ber\u00fchren. F\u00fcr einen Moment ist der ganze Saal still. Der Wolf ist in diesem Augenblick wieder da, aber in einer neuen Gestalt. Als inneres Tier, das durch Generationen wandert, von Vater zu Sohn, von Krieg zu Frieden, von Angst zu Angst. Und die wei\u00dfe Fahne ist jener seltene Moment, in dem der Wolf f\u00e4hig wird, sich hinzulegen.<\/p>\n<p>In solchen Momenten denkt man an jene Literatur, die Kriege nicht heroisiert und die Verwundbarkeit der Heimkehr erz\u00e4hlt. Remarques \u201eDer Weg zur\u00fcck\u201c geh\u00f6rt zu diesen B\u00fcchern. Das weniger beachtete, aber um so eindr\u00fcckliche Werk zeigt kein Schlachtenl\u00e4rm, nur die m\u00fchsame R\u00fcckkehr von M\u00e4nnern, die das Leben wiederfinden m\u00fcssen. Wer Krieg zur\u00fcckbringt, bringt immer auch etwas mit nach Hause, beschreibt die Wirkung. Niemand kann das mehr heilen. Vielleicht brauchen wir solche Stimmen wieder, gerade jetzt, in einer Zeit, die Schnellurteile liebt und die Folgen von Gewalt gern ausblendet.<\/p>\n<p>Die letzten Fragen des Abends drehen sich um das, was Hoffnung sein kann, Volksentscheide, Bewegungen oder Zusammenschl\u00fcsse. Drewermann l\u00e4chelt traurig. \u201eFrieden l\u00e4sst sich nicht organisieren\u201c, sagt er. \u201eFrieden w\u00e4chst. Wie Vertrauen w\u00e4chst. Wie Mut w\u00e4chst.\u201c<\/p>\n<p>In diesen Tagen bereiten Jugendliche im ganzen Land einen Schulstreik am 5. Dezember vor \u2013 gegen die geplante Wiedereinf\u00fchrung der Wehrpflicht. Zehn Uhr, Hachmannplatz, steht auf den Flyern. \u201eWir wollen nicht kriegst\u00fcchtig gemacht werden.\u201c Es ist ein stiller Satz jener Generation, die gerade beginnt zu begreifen, dass Frieden nicht verordnet wird, sondern entschieden. Vielleicht ist es genau dieser Impuls, der an diesem Abend im Saal so sp\u00fcrbar war.<\/p>\n<p>Mehr als einmal an diesem Abend spricht Drewermann auch \u00fcber das, was uns als \u201ePflicht\u201c verkauft wird. Kasernenh\u00f6fe, in denen der eigene Wille systematisch gebrochen wird, Soldaten, die sp\u00e4ter sagen, sie h\u00e4tten \u201enur Befehle ausgef\u00fchrt\u201c, jene immer gleiche Formel, die schon in N\u00fcrnberg wie eine Bankrotterkl\u00e4rung der Moral klang. In einer Geschichte erz\u00e4hlt er von einem Mann, der zu Zeiten des Vietnamkriegs jeden Freitag mit einer wei\u00dfen Fahne vor dem Wei\u00dfen Haus stand. Ob er denn glaube, so die Welt ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen, habe ein Journalist gefragt. \u201eNein\u201c, habe der Mann geantwortet. \u201eIch stehe hier, um zu verhindern, dass die Welt mich ver\u00e4ndert.\u201c Es ist einer jener S\u00e4tze, die lange im Raum bleiben, ohne dass jemand sie kommentieren muss. Und dann, nach einem Moment, der fast schmerzt, weil er so wahr klingt, sagt er: \u201eIhr m\u00fcsst euch weigern zu t\u00f6ten.\u201c Nicht als Parole und nicht als Programm. Es ist das Einzige, was uns als Menschen bleibt. Als der Applaus verstummt, bleibt jene besondere W\u00e4rme im Raum, die entsteht, wenn Fremde f\u00fcr kurze Zeit etwas Gemeinsames geteilt haben. Doch gerade hier wird sp\u00fcrbar, dass dieser Abend weit \u00fcber das Innere hinausreichte und sich auch als politischer Moment zeigte.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerinitiative \u201eWir f\u00fcr H\u00f6hr-Grenzhausen\u201c hatte den Saal des durch die Stadt unterhaltenen Jugend-, Kultur- und B\u00fcrgerzentrums \u201eZweite Heimat\u201c gemietet, Einlass organisiert und die G\u00e4ste empfangen. Es waren Menschen, die wollten, dass dieser Abend stattfindet. Im Foyer stand w\u00e4hrenddessen auf einem Bildschirm:\u201eDies ist keine Veranstaltung des Jugend-, Kultur- und B\u00fcrgerzentrums Zweite Heimat.\u201c Ein Satz, der im Tonfall einer Warnung erschien. Viele bemerkten ihn. Manche G\u00e4ste waren irritiert, manche verletzt. Kein B\u00fcrgermeister kam, auch kein Ratsmitglied. Kein Pressevertreter. Es war ein Abend der B\u00fcrger \u2013 und sonst niemandes.<\/p>\n<p>Erst im Nachgang des Abends wurde sichtbar, dass die Verweigerung eines Fotografen nicht einfach ein technischer Defekt oder ein Missverst\u00e4ndnis war. Stattdessen wirke es auf Johannes Heibel \u201einitiiert&#8220;. Die Leitung des Kulturhauses hatte die Einladung Drewermanns durch Heibel zun\u00e4chst abgelehnt. Eva Pucher-Palmer und J\u00f6rg Gaisbauer, die K\u00f6pfe der B\u00fcrgerinitiative, zeigten sich ebenso verwundert \u00fcber die Reaktionen. Sie bedauerten zudem, die deutlich zur Schau getragene Mi\u00dfbilligung der Veranstaltung und kommentierten, &#8222;Wir haben das Thema Frieden zum Mittelpunkt dieses Abends gemacht. Drewermann spricht sich f\u00fcr Verst\u00e4ndigung und gewaltfreie L\u00f6sung von Konflikten aus. Wir verstehen nicht, warum man sich von dieser Haltung distanzieren m\u00fcsse.\u201c Die Ablehnung war, so Pucher-Palmer auf meine Anfrage hin, bedauerlicherweise in der gesamten Betreuung der Veranstaltung erkennbar. Zugleich mahnte Pucher-Palmer an, die auch als Stadtr\u00e4tin einer W\u00e4hlergruppe vertreten ist, \u201eso etwas darf nicht noch einmal vorkommen\u201c. Der B\u00fcrgermeister Wolfgang Letschert \u00e4u\u00dferte sich auf meine Nachfrage nicht, und auch der Kulturhausleiter h\u00fcllte sich in Schweigen. Bekannt wurde jedoch, der Tr\u00e4gerverein des Hauses habe inzwischen einen neuen Vorstand, der k\u00fcnftig von zwei regionalen Ratsvorstehern wahrgenommen werde \u2013 ein Schritt, den Pucher-Palmer f\u00fcr dringend notwendig h\u00e4lt. Und sie erw\u00e4hnte noch etwas, beinahe beil\u00e4ufig. Das n\u00e4chste Thema der B\u00fcrgerinitiative hei\u00dfe \u201eDemokratie leben!\u201c. Auch dort gebe es \u201eTransparenzbedarf in der Verbandsgemeinde. In der Summe entsteht ein stilles, aber deutliches Bild. Wie sehr selbst kleine Kulturh\u00e4user, eine Funktion, die die &#8222;Zweite Heimat&#8220; neben der Jugendbetreuung in H\u00f6hr-Grenzhausen eben auch erf\u00fcllen soll, inzwischen zu Schaupl\u00e4tzen politischer Empfindlichkeiten werden und wie viel b\u00fcrgerschaftlicher Mut n\u00f6tig ist, damit ein Abend wie dieser \u00fcberhaupt stattfinden kann.<\/p>\n<p>Worum ging es aber genau? Ein Fotograf war bestellt worden, offiziell und schriftlich. Er erschien,\u00a0fotografierte, verweigerte am n\u00e4chsten Tag jedoch die Herausgabe der Bilder. Mit Begr\u00fcndungen, die bei fachlicher und juristischer Betrachtung keinen Bestand hatten \u201eRichtlinien\u201c, \u201eDatenschutzgr\u00fcnde\u201c oder \u201etechnische Gr\u00fcnde\u201c. Es war nicht die Absage allein. Es war der Ton einer Flucht, der auffiel. Er behauptete sp\u00e4ter, die Veranstaltung sei \u201enicht im Rahmen der richtigen Organisation\u201c erfolgt. Doch ein Blick in den Schriftverkehr zeigt eine andere Wirklichkeit, eine, die sich nicht wegreden l\u00e4sst. Der Fotograf wusste von Beginn an, worum es ging. Er wusste, dass Johannes Heibel im Namen seiner \u201eInitiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V.\u201c handelte. Er wusste auch, dass die \u00dcbergabe der wei\u00dfen Friedensfahne der Kern des Abends war. Und er wusste, dass genau dieser Moment fotografisch dokumentiert werden sollte, weil Heibel es ihm schriftlich mitgeteilt hatte, Punkt f\u00fcr Punkt. Nichts davon war vage. Nichts offen, nichts missverst\u00e4ndlich. Dass im Nachhinein behauptet wurde, man habe ihm nicht den \u201erichtigen Veranstaltungsrahmen\u201c mitgeteilt, war daher nicht nur unzutreffend, sondern das genaue Gegenteil dessen, was belegbar ist. Es war eine Behauptung gegen die Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Die B\u00fcrgerinitiative hatte lediglich darum gebeten, die G\u00e4ste nicht frontal abzubilden. Ein Gebot des Respekts, nicht der Einschr\u00e4nkung. War es Angst, in der N\u00e4he einer Friedensinitiative t\u00e4tig zu werden? War es die Loyalit\u00e4t zu einem Kulturhausleiter, der die Veranstaltung von Beginn an abgelehnt hatte? Oder glaubte er ernsthaft, eine Dokumentation zu verhindern, die Dokumentation eines 85-j\u00e4hrigen Geistlichen, dessen positive Wirkung auf Abertausende Menschen seit Jahrzehnten unbestritten ist? Was immer es war, es hatte nichts mit fehlenden Informationen zu tun. Die lagen schriftlich vor. Und zwar aus seiner eigenen Inbox. Der Vorgang wirkt weniger wie ein Missverst\u00e4ndnis als wie ein Zeitzeichen. Ein Hinweis darauf, wie sehr selbst neutrale kulturelle Ereignisse inzwischen in ein Klima geraten, in dem Menschen abw\u00e4gen, mit wem sie \u00f6ffentlich gesehen werden d\u00fcrfen, und mit wem besser nicht. Man sp\u00fcrt in seiner E-Mail die Angst einer Zeit, die Menschen dazu bringt, sich selbst zu zensieren.<\/p>\n<p>Ich selbst hatte mich, vielleicht aus einer Art siebtem Sinn heraus, doch noch kurzfristig auf den Weg gemacht, um Drewermann zu h\u00f6ren. Immerhin ist er inzwischen ein sehr betagter Mann, dessen Vortr\u00e4ge f\u00fcr viele seit Jahrzehnten Inspiration sind. Und ich hatte meine Kamera dabei. Dieses kleine Detail sollte sich sp\u00e4ter als Gl\u00fccksfall erweisen. Denn Bilder existieren. Und sie dokumentieren, was dokumentiert werden sollte. Die Menschen schrieben sp\u00e4ter an die B\u00fcrgerinitiative, \u201eSeit vierzig Jahren hat mich kein Vortrag so ber\u00fchrt\u2026\u201c, \u201eMan konnte eine Stecknadel fallen h\u00f6ren\u2026\u201c, \u201eBitte nehmen Sie mich in Ihren Verteiler auf\u2026\u201c, \u201eWird die Rede ver\u00f6ffentlicht?\u201c<\/p>\n<p>Unter den G\u00e4sten war auch ein junger Russe, gl\u00e4ubig, zur\u00fcckhaltend. Er sagte sp\u00e4ter, f\u00fcr ihn sei das Wichtigste an diesem Abend gewesen, wie klar Drewermann die Bergpredigt ins Zentrum gestellt habe. Auf ihn wirkten Drewermanns Gedanken nicht als frommer Text f\u00fcr den Religionsunterricht. Er verstand ihn als Ma\u00dfstab f\u00fcr Politik. Das, sagte er, mache die Worte f\u00fcr ihn glaubw\u00fcrdig. Wenn jemand das Evangelium nicht bei Zitaten bel\u00e4sst und es bis in seine Konsequenzen hinein ernst nimmt. F\u00fcr Drewermann beginnt das Evangelium an einem einzigen, fast unscheinbaren Punkt, im entschiedenen Verzicht auf Gewalt. Wer es ernst nimmt, kann niemanden t\u00f6ten, entwerten, dem\u00fctigen oder ausschlie\u00dfen. Nicht durch Worte und nicht durch Taten. Wer es lebt, l\u00e4sst sich auf keine Logik ein, die Gewalt entschuldigt, und wendet sich stattdessen den eigenen \u00c4ngsten zu, der Angst vor dem Fremden, vor dem Verlust, vor dem Anderen, vor der Ohnmacht.<\/p>\n<p>Das Evangelium l\u00e4dt dazu ein, den Anderen zuerst zu verstehen, bevor man ihn beurteilt, wirklich zuzuh\u00f6ren, statt vorschnell zu erkl\u00e4ren, aus der eigenen Verletzung heraus nicht zur\u00fcckzuschlagen. Dieses Mitgef\u00fchl ist f\u00fcr Drewermann kein \u201enett sein\u201c, es ist ein leiser Wechsel des Blicks, fort vom Urteil und hin zum Verstehen. Daraus erw\u00e4chst eine Herausforderung, die er seit vierzig Jahren formuliert, Gott steht f\u00fcr ihn niemals auf der Seite eines Milit\u00e4rs, keiner Religion und keinem Staat. Und kein Staat darf verlangen, was Jesus ausdr\u00fccklich untersagt hat: zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Und so ist die Bergpredigt f\u00fcr ihn kein Ideal und keine sch\u00f6ne Erz\u00e4hlung, sie ist ein Auftrag, \u201aLiebet eure Feinde\u2018, \u201aHalte die andere Wange hin\u2018, \u201aSelig die Friedfertigen\u2018, \u201aWer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen\u2018. Christsein hei\u00dft f\u00fcr ihn nicht, diese S\u00e4tze zu bewundern, es hei\u00dft, ihnen im politischen, sozialen und pers\u00f6nlichen Leben Gestalt zu geben.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich, ohne religi\u00f6sen Hintergrund, liegt in all dem eine Klarheit, die man in politischen Debatten kaum noch h\u00f6rt. Drewermann sagt nicht, wer schuldig ist, er beschreibt, was Angst aus Menschen macht, wenn sie keinen anderen Weg mehr sehen. Und gerade diese Perspektive macht verst\u00e4ndlich, warum eine Machtordnung, die sich selbst als H\u00fcterin der Welt erkl\u00e4rt, andere V\u00f6lker moralisch herabsetzen und politisch niederhalten kann, mit allen Mitteln, die ihr zur Verf\u00fcgung stehen. Und ebenso wird verst\u00e4ndlich, warum f\u00fcr Menschen in der Ostukraine oder Gaza irgendwann nur noch die Verteidigung ihres Lebens blieb, weil ihnen jede andere M\u00f6glichkeit schrittweise genommen wurde. Es ist der tragische Befund einer Welt, die Konflikte so lange zuspitzt, bis sie eskalieren.<\/p>\n<p>Dass dieser Abend \u00fcberhaupt m\u00f6glich wurde, lag an einer B\u00fcrgerinitiative, die nichts weiter wollte, als einen gesch\u00fctzten Ort f\u00fcr Nachdenklichkeit zu schaffen und Johannes Heibel hatte sich \u00fcber ein halbes Jahr bem\u00fcht, den Vortrag mit Eugen Drewermann m\u00f6glich zu machen. \u201eWir f\u00fcr H\u00f6hr-Grenzhausen\u201c handelte nicht politisch, es handelte vor allem menschlich. Sie wollte dem L\u00e4rm der Gegenwart einen Raum entgegenstellen, in dem Frieden gedacht, ausgesprochen und gelebt werden konnte. Ohne Etikett und ohne Angst vor falschen Zuschreibungen. Es war ein Abend, der daran erinnerte, dass Frieden l\u00e4ngst wieder von unten kommt, von B\u00fcrgern, die tun, was Institutionen nicht mehr wagen.<\/p>\n<p>Als die Menschen den Saal verlie\u00dfen, trugen sie etwas mit sich. Es waren nicht nur Gedanken, es entstand etwas wie ein innerer Auftrag. Ein St\u00fcck Wolf, den sie verstanden hatten. Ein St\u00fcck wei\u00dfe Fahne, die kein Symbol war, sondern nur eine leise Botschaft, \u201eEs ist deine Entscheidung.\u201c Ein Wissen, das sich nicht wieder verdr\u00e4ngen l\u00e4sst. Frieden beginnt nicht dort, wo Waffen schweigen. Frieden beginnt dort, wo ein Mensch beschlie\u00dft, niemanden mehr zu f\u00fcrchten, auch nicht sich selbst. In diesem Moment atmet der Wolf ruhig.<\/p>\n<p>Politischer Widerstand beginnt genau dort, im Entschluss, sich nicht mehr in die Angst hineinregieren zu lassen. Und Dostojewskis alte Wahrheit fl\u00fcstert uns nach, \u201eJeder von uns ist f\u00fcr alle schuldig \u2013 vor allen und f\u00fcr alles.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Sabiene Jahn, Tr\u00e4gerin des K\u00f6lner Karlspreises f\u00fcr Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz \/ Saarland<\/em><\/p>\n<p>\u00a9 Sabiene Jahn<br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Wir danken der Autorin f\u00fcr das Recht zur Ver\u00f6ffentlichung des Beitrages<\/span><br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg05.met.vgwort.de\/na\/d6b7cc0c47cc4e369f866db0de64744d\" alt=\"&quot;\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Zu sehen sind, (v.l.n.r.) Dr. Eugen Drewermann, Johannes und Monika Heibel bei der \u00dcbergabe einer wei\u00dfen Fahne in Anerkennung f\u00fcr ihr Engagement f\u00fcr den Frieden. Die Fahne ist am Rande nur ganz dezent mit der Aussage von Papst Leo XIV. &#8222;Mai pi\u00f9 la guerre\u201c- auf Deutsch: \u201eNie wieder Krieg\u201c- beschriftet. <\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Sabiene Jahn<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Ein Essay von Sabiene Jahn<\/b><br \/>\nEs beginnt mit einer Stille, die keine ist. Hundert, vielleicht weit \u00fcber hundert Menschen sitzen an diesem Abend in der \u201eZweiten Heimat\u201c in H\u00f6hr-Grenzhausen. [&#8230;] Drau\u00dfen herrscht die gewohnte Lautst\u00e4rke unserer Gegenwart: Schlagzeilen, Eilmeldungen, geopolitische Prognosen, politische Ersch\u00f6pfung, ein Land in dauerndem Alarmmodus. Drinnen wirkt es, als h\u00e4tten die Menschen die T\u00fcr geschlossen, um f\u00fcr einen Moment dem Dr\u00f6hnen zu entkommen. Und dann tritt Eugen Drewermann nach vorne \u2013 langsam, ohne Pathos, ohne Anspruch auf Wichtigkeit, und doch mit einer inneren Selbstverst\u00e4ndlichkeit, die den Raum sofort ausrichtet. Er steht dort wie jemand, der wei\u00df, dass Worte heilen k\u00f6nnen, wenn man sie nicht wie Waffen gebraucht.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":23705,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[12,1162],"tags":[387,1296,2908,335,1136,1172,491,2909,832,2910,124,639,1050,2421,1524,2218],"class_list":["post-23704","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-demokratie-medien-aufklaerung","category-geschichte","tag-christentum","tag-diskussion","tag-drewermann","tag-frieden","tag-friedenspolitik","tag-gaza","tag-geschichte","tag-hoffnung","tag-menschenwuerde","tag-nachdenken","tag-politik","tag-ukraine-konflikt","tag-veranstaltung","tag-vergeltung","tag-vortrag","tag-wehrpflicht"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/Sabiene_Jahn_Eugen-Drewermann_P1176275_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-6ak","jetpack-related-posts":[{"id":19595,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=19595","url_meta":{"origin":23704,"position":0},"title":"Die langen Schatten des Ersten Weltkriegs (1)","author":"Webredaktion","date":"30. 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