{"id":22824,"date":"2025-09-12T02:41:51","date_gmt":"2025-09-12T00:41:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22824"},"modified":"2025-10-15T20:53:01","modified_gmt":"2025-10-15T18:53:01","slug":"lebe-nach-unseren-gesetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22824","title":{"rendered":"Lebe nach unseren Gesetzen"},"content":{"rendered":"<h4>Sachartschenko und der Krieg der Identit\u00e4t<\/h4>\n<p><strong>Am 31. August 2018 starb Alexander Sachartschenko, Pr\u00e4sident der Volksrepublik Donezk, bei einem Bombenattentat im Caf\u00e9 \u201eSepar\u201c. Sieben Jahre sp\u00e4ter bleibt die Frage, warum ein Bergmannssohn aus dem Donbass zu einer Symbolfigur wurde, deren Botschaft im Westen kaum verstanden wurde.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Essay von <strong>Sabiene Jahn<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Am 2. September 2018 stand Donezk still. Zehntausende Menschen s\u00e4umten die Stra\u00dfen, Blumen in den H\u00e4nden, Trauerflor an den Balkonen. Der Sarg Alexander W. Sachartschenkos, Pr\u00e4sident der Volksrepublik Donezk, wurde durch die Stadt getragen. Die Menschen klatschten unaufh\u00f6rlich in stillem Respekt \u2013 ein rhythmischer, gleichm\u00e4\u00dfiger Beifall, der wie ein Herzschlag durch die Stadt ging. Donezk nahm Abschied von einem Mann, den sie verehrten. Ich hatte ihn vier Monate zuvor kennengelernt. Was mich damals traf, war nicht sein Rang, sondern diese eigent\u00fcmliche Aura, die ihn umgab. In all dem Schlimmen strahlte er v\u00e4terliche Ruhe aus. Er besa\u00df Humor, h\u00f6rte interessiert zu. Seine St\u00e4rke lag in einer inneren Gewissheit, die man nur selten bei einem Menschen findet, und in Mut. F\u00fcr viele Menschen im Donbass wurde Alexander Sachartschenko zur Symbolfigur, weil er etwas tat, was andere Kommandeure vermieden. Er stellte sich selbst in die erste Reihe. \u201eNach Vorschriften muss das zahlenm\u00e4\u00dfige \u00dcbergewicht beim Angriff mindestens drei zu eins betragen, nach amerikanischen Normen sechs zu eins. Bei uns war es umgekehrt. Wir hatten weniger. Aber wir nahmen Debalzewo in drei Tagen\u201c, erinnerte er sich an eine der bedeutenden K\u00e4mpfe.<\/p>\n<p>Auch bei der erbitterten Schlacht um den H\u00fcgel Saur-Mogila im Sommer 2014 zeigte sich diese Haltung. \u201eWenn wir Saur-Mogila verloren h\u00e4tten, w\u00e4re der ganze S\u00fcden offen gewesen. Mariupol, Donezk \u2013 alles w\u00e4re gefallen. Deshalb mussten wir dort bleiben, koste es, was es wolle\u201c. \u201eSaur-Mogila war kein H\u00fcgel mehr, sondern ein Kraterfeld. Jeden Tag fielen Dutzende, manchmal mehr. Die Erde selbst war zerfetzt, die Gr\u00e4ben voller Blut\u201c, notierte Prilepin in seinem Tagebuch. Schon im Zweiten Weltkrieg war der H\u00fcgel hart umk\u00e4mpft, jetzt wieder. Ein Kamerad beschrieb ihn: \u201eEr konnte an der Frontlinie stehen, mit Zigarette im Mund, ruhig Befehle geben. Keine Hektik, kein Geschrei\u201c. Seine F\u00fchrungsweise unterschied sich von jener vieler anderer Kommandeure. Er setzte auf Vertrauen. \u201eEr schrie nicht, er erkl\u00e4rte. Selbst im Gefecht sagte er: \u201aRuhig, Jungs. Wir machen das\u201c. Ein anderer erg\u00e4nzte: \u201eEr war unbeirrbar. Wenn er sagte: \u201aWir gehen\u2018, dann gingen alle. Weil man wusste: er geht mit\u201c. Seine gr\u00f6\u00dfte Angst war nicht zu sterben, sondern dass die Leute ihm nicht folgen w\u00fcrden. \u201eAber sie folgten \u2013 gerade weil er selbst das Risiko trug\u201c. Damit verband sich sein Bild als Held mit einer Haltung: Dasselbe Risiko tragen, das dieselben M\u00e4nner tagt\u00e4glich ihr Leben kostete. Sein Freund, der Schriftsteller Sachar Prilepin, der ihn einige Zeit begleitet hatte, schrieb damals: \u201eMut \u2013 das war er. Ehre \u2013 das war er. Sein Herz brannte, sein Blick war geradeaus gerichtet, er wich nicht aus. Er war zu gut f\u00fcr einen Politiker. Er war zu mutig f\u00fcr einen Soldaten. Deshalb wurde er get\u00f6tet.\u201c<\/p>\n<p>Alexander Sachartschenko wurde am 26. Juni 1976 in Donezk geboren, in einem Viertel namens Ignatjewka. \u201eDort lebt Arbeitervolk, dort gibt es Stra\u00dfenleben, manchmal auch das Leben von Banditen\u201c, erinnerte er sich. Er boxte, er rang, trainierte beinahe zweimal t\u00e4glich. Nach der Schule schloss er das Technikum f\u00fcr Industrieautomation mit Auszeichnung ab, versuchte sich an einem Jurastudium, arbeitete als Elektromechaniker im Bergbau und wurde sp\u00e4ter Unternehmer. Doch mehr noch als sein beruflicher Weg pr\u00e4gte ihn das Gef\u00fchl der Herkunft. Er trug seine Familiengeschichte wie ein inneres Abzeichen. \u201eDie Gene haben gewirkt. Mit der Muttermilch hat man all dies aufgenommen. In unserer Familie gibt es sieben Helden der Sowjetunion. Einer meiner Ahnen erhielt von Suworow einen Silberrubel f\u00fcr den \u00dcbergang \u00fcber die Alpen.\u201c Der Name Suworow war f\u00fcr ihn kein Zufall. Generalissimus Alexander Suworow (1730\u20131800) gilt bis heute als gr\u00f6\u00dfter Feldherr Russlands. Er nahm an sieben gro\u00dfen Kriegen teil, gewann sechzig Schlachten und verlor keine einzige. Ber\u00fchmt ist sein Satz: \u201eVor dem tapferen russischen Grenadier kann keine Armee der Welt bestehen.\u201c F\u00fcr Sachartschenko war die Erinnerung an diesen Silberrubel kein blo\u00dfes Familienerbst\u00fcck, sondern ein Symbol, dass Mut, Treue und Pflichtbewusstsein Teil des Blutes waren, das er in sich trug. An seinem G\u00fcrtel trug er oft einen schweren Kosakendolch. \u201eDas ist nicht mein Dolch\u201c, sagte er, \u201edas ist der meines Ahnen. Ich werde ihn meinem Sohn \u00fcbergeben.\u201c In diesem Bild lag seine Haltung. Das Vergangene nicht als Last, sondern als Auftrag zu begreifen.<\/p>\n<h5>Jeder Kompromiss wirkt wie Verrat<\/h5>\n<p>R\u00fcckblende: Der Fr\u00fchling 2014 brachte f\u00fcr den Donbass zun\u00e4chst keine Schlachten, sondern Kundgebungen. Auf dem Leninplatz in Donezk wehten Transparente: \u201eFreiheit f\u00fcr die russische Sprache!\u201c stand auf einem, \u201eDonbass mit Russland!\u201c auf einem anderen. Die Menge rief im Chor: \u201eRussland! Russland!\u201c \u2013 und dann: \u201eRussen, vorw\u00e4rts!\u201c Prilepin, der als Chronist vor Ort war, notierte in sein Tagebuch: \u201eDie Rufe wurden rhythmisch, sie rollten wie Wellen \u00fcber den Platz. Es war nicht mehr nur Protest \u2013 es war das Erwachen eines Gef\u00fchls.\u201c Wer an diesen Tagen auf dem Platz stand, sp\u00fcrte, dass eine Schwelle \u00fcberschritten wurde. \u201eDas Wort war gefallen, und es lie\u00df sich nicht zur\u00fcckholen.\u201c Eine Frau, die ihre Tochter dabeihatte, erinnerte sich: \u201eEs war wie ein Fest. Sie rief die Parolen mit, schwenkte ihr F\u00e4hnchen. Wir f\u00fchlten uns pl\u00f6tzlich wie Viele.\u201c Ein \u00e4lterer Bergmann sagte: \u201eWir wussten, dass man uns nicht zuh\u00f6ren w\u00fcrde. Aber wir wollten, dass sie uns wenigstens sehen.\u201c<\/p>\n<p>Doch im Hintergrund ver\u00e4nderte sich die Lage. Der Donezker Andrei Trapeznikow schilderte, wie Studenten \u201emannschaftsweise\u201c nach Kiew gebracht wurden, \u201efast unter Stockschl\u00e4gen \u2013 es musste sein!\u201c Bald tauchten \u201eLeute besonderer Art\u201c auf: Sicherheitskr\u00e4fte, Instruktoren. Jeden Morgen gab es \u00dcbungen, \u201eWand gegen Wand\u201c, dann Schilde, dann W\u00fcrfe. Schlie\u00dflich begannen sie, Molotowcocktails zu f\u00fcllen, sie in Schneehaufen zu verstecken \u2013 ganze Batterien, bereit zum Einsatz. Politiker tauchten auf dem Maidan auf, \u201everteilten Instruktionen, was und wie zu tun sei\u201c.<\/p>\n<h5>Der entscheidende Wendepunkt<\/h5>\n<p>Noch 2013 dachte Alexander Sachartschenko nicht an Krieg. Gemeinsam mit seiner Frau plante er eine Reise nach Argentinien. \u201eWir wollten eine Behandlung durchf\u00fchren lassen, weil wir kein viertes Kind bekommen konnten. Wir hatten drei S\u00f6hne, wir wollten eine Tochter.\u201c Es war ein famili\u00e4rer Traum, unspektakul\u00e4r und privat. Doch dieser Plan wurde vom Maidan hinweggefegt. \u201eIch sagte zu meiner Frau: Wir werden nirgendwohin fliegen. Ich fuhr nach Charkiw, dann nach Kiew. Ich gr\u00fcndete ein Bataillon, organisierte achtzehn Waffenlieferungen und wurde Kommandeur.\u201c Er handelte nicht aus Kalk\u00fcl, sondern aus dem Gef\u00fchl, dass es keine Alternative mehr gab. Mit seinem Verband \u201eOplot Donbassa\u201c besetzte er am 16. April 2014 das Donezker Stadtparlament, was der Milliard\u00e4r Rinat Achmetow mit seinen Leuten besetzen wollte. Sachartschenko forderte ein Referendum und nahm kurz darauf das Fernsehzentrum ein. Er erinnerte sich: \u201eIch habe es so gr\u00fcndlich vermint und die Verteidigung so angelegt, dass selbst Speznas-Offiziere (Spezialeinheiten, die Red.) mir sagten, sie h\u00e4tten sich an einen Sturm nicht herangetraut.\u201c<\/p>\n<p>Die ersten Monate waren improvisiert, brutal und zugleich von Eigeninitiative gepr\u00e4gt. \u201eIm M\u00e4rz und April habe ich meine pers\u00f6nlichen Gelder ausgegeben\u201c, sagte er. \u201eUniformen, Verpflegung, Sold \u2013 alles aus eigener Tasche.\u201c Prilepin beschreibt, wie Sachartschenko einen Teil seines unternehmerischen Verm\u00f6gens in die K\u00e4mpfe steckte \u2013 eine riskante Investition. Sachartschenko organisierte Waffenkonvois \u00fcber die russische Grenze. \u201eAchtzehn Karawanen\u201c brachte er ins Land. Prilepin schreibt, dass \u201erussische Spezialdienste\u201c an diesen Lieferungen beteiligt waren, doch nach Grenz\u00fcbertritt seien die Transporte \u201efrei jagbare Ziele\u201c f\u00fcr die ukrainische Luftwaffe gewesen. Drei Viertel dieser Lieferungen flossen an seinen Verband \u2013 und machten ihn zu einer Schl\u00fcsselfigur. Im August 2014 trat er vor die Kameras und erkl\u00e4rte: \u201eWir haben Hilfe aus Russland \u2013 eine Kolonne gepanzerter Technik und 1.200 Freiwillige.\u201c Prilepin kommentierte trocken: \u201e\u2026es waren zwar Freiwillige, also solche, die freiwillig gingen, aber durchaus konkrete Teile der russischen Streitkr\u00e4fte.\u201c F\u00fcr die Menschen im Donbass war diese Ankunft ein Wendepunkt. Wo zuvor Freiwilligenverb\u00e4nde und Milizen improvisierten, standen nun gepanzerte Fahrzeuge und ausgebildete M\u00e4nner.<\/p>\n<p>Der Umsturz in Kiew im Februar 2014 bedeutete f\u00fcr Alexander Sachartschenko und viele Menschen im Donbass eine Z\u00e4sur, die nicht mehr r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen war. Noch am 23. Februar 2014, einen Tag nach der Flucht Janukowytschs, hob die Werchowna Rada das Sprachgesetz von 2012 auf. Das Gesetz \u201e\u00dcber die Grundlagen der staatlichen Sprachpolitik\u201c hatte Russisch als Regionalsprache in mehrheitlich russischsprachigen Gebieten erlaubt. Formal trat die Entscheidung nicht sofort in Kraft, doch symbolisch wirkte sie wie ein Fanal. \u201eDa wurde klar, wo es der neuen Macht besonders juckt\u201c, kommentierte Sachar Prilepin. Bereits am 22. Februar 2014 hob das Parlament ein anderes Gesetz auf, das bis dahin die \u00f6ffentliche Leugnung oder Rechtfertigung von Verbrechen des Faschismus unter Strafe stellte. Die \u201ePropagierung nationalsozialistischer Ideologie\u201c sowie das \u201eSch\u00e4nden oder Zerst\u00f6ren von Denkm\u00e4lern, die den K\u00e4mpfern gegen den Nationalsozialismus gewidmet sind\u201c, waren damit nicht l\u00e4nger strafbar. Mit anderen Worten, das Zeigen von NS-Symbolen, das Verherrlichen der Waffen-SS oder die Zerst\u00f6rung antifaschistischer Denkm\u00e4ler fiel nun nicht mehr unter ein Verbot. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung im Donbass war dies ein klares Signal, der neue Staat definierte seine Legitimit\u00e4t in Abgrenzung zur sowjetisch-russischen Erinnerung und stellte damit nicht nur die Sprache, sondern auch das historische Fundament in Frage.<\/p>\n<p>In Kiew selbst beobachtete Prilepin das Auseinanderklaffen von Erz\u00e4hlung und Realit\u00e4t. W\u00e4hrend westliche Medien berichteten, \u201edie ganze Stadt sei auf dem Maidan\u201c, schrieb er: \u201eAus unserem siebenst\u00f6ckigen Haus ging niemand dorthin hinaus\u201c. F\u00fcr ihn war es eine Inszenierung, die das Land spaltete. Schon in den ersten Wochen nach dem Machtwechsel kippte f\u00fcr Alexander Sachartschenko das Geschehen von Protest zur Kriegslage. Er schilderte den eigenen Wendepunkt so: \u201eAls wir aus Kiew wegfuhren und man mit scharfen Automatikgewehren, mit echter Kriegswaffe, auf uns schoss, verstand ich, l\u00e4cherlich ist all das, womit wir bewaffnet waren \u2013 Jagdgewehre, Ketten, Schlagringe \u2026 Das ist kein Spiel, das ist Krieg\u201c. Die M\u00e4nner hatten einfache Mittel mitgenommen, weil sie \u00dcbergriffe erwarteten \u2013 St\u00f6cke, Steine, Schl\u00e4gereien. Aber keine scharfen Waffen. Als die ersten Salven fielen, war klar, dass es kein Zur\u00fcck mehr geben w\u00fcrde. Parallel erreichten ihn Berichte aus den D\u00f6rfern: \u201eSie gingen gegen Zivilisten vor. Eine Frau in Nowoswetlowka verlor nach den Schl\u00e4gen des Bataillons \u201aAidar\u2018 ihr Augenlicht\u201c.<\/p>\n<p>Das Massaker von Odessa am 2. Mai 2014 war f\u00fcr viele der entscheidende Wendepunkt. Prilepin notierte: \u201eDas Geschehen in Odessa ersch\u00fctterte eine enorme Zahl von Menschen durch den demonstrativen und geradezu z\u00fcgellosen Charakter des massenhaften und bestialischen Massakers\u201c. \u201eIn Odessa jedoch jagten die Euromaidan-Anh\u00e4nger die \u201aSeparatisten\u2018 gezielt in das Gewerkschaftshaus und verbrannten es begeistert, unter Jubel\u201c. Viele dachten, es sei noch eine Kundgebung. Aber als die ersten Kugeln fielen, war klar: \u201eEs gibt keinen Weg zur\u00fcck\u201c. F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung im Donbass war dies ein Schl\u00fcsselsignal. Die neue Macht in Kiew war nicht auf Ausgleich bedacht, sondern r\u00fcstete sich planm\u00e4\u00dfig f\u00fcr einen Krieg. Diejenigen, die noch gehofft hatten, die Ereignisse k\u00f6nnten in einem politischen Rahmen bleiben, mussten erkennen, dass die Konfrontation vorbereitet wurde \u2013 nicht nur im Inneren, sondern auch mit aktiver Unterst\u00fctzung aus dem Ausland.<\/p>\n<h5>Amerikaner hatten Schl\u00fcssel zum Safe<\/h5>\n<p>Die Einmischung von au\u00dfen nahm immer konkretere Gestalt an. \u201eIm SBU sitzen zu siebzig Prozent Leute der CIA. Ohne Gewalt kann man sie von dort nicht entfernen. Du wirst aus deren Verteidigungsministerium nicht alle zugereisten Berater entfernen k\u00f6nnen,\u201c kommentiert Sachartschenko. \u201eEin Bekannter von mir, der im SBU arbeitete, erz\u00e4hlte,\u201c so Prilepin, \u201eIn einem Raum sitzt ein ukrainischer General, daneben \u2013 ein amerikanischer Offizier. Der Amerikaner hat den Schl\u00fcssel zum Safe. Der General geht hinein, \u00f6ffnet mit dem Amerikaner zusammen, nimmt die Papiere, schlie\u00dft wieder ab. So arbeiten sie. Das ist keine Partnerschaft, das ist eine Verwaltung.\u201c Auf dem Maidan tauchten Namen auf, die f\u00fcr ihn Beleg einer gezielten Regie waren: John Brennan, Geoffrey Pyatt, Chris Murphy, John McCain, Victoria Nuland, Guido Westerwelle, Catherine Ashton, Frans Timmermans, Linas Linkevi\u010dius. \u201eAmerika und England bildeten ukrainische Milit\u00e4rs aus, ihre Geheimdienste lieferten Aufkl\u00e4rung, Lieferungen von Technik und Kommunikationsmitteln liefen\u201c. Auch die britische Rolle blieb nicht auf Worte beschr\u00e4nkt. \u201eDer SBU wurde nicht nur vom CIA, sondern auch von britischen Beratern kontrolliert\u201c. In Jaworiw, im Westen der Ukraine bei Lwiw, \u201earbeiteten englische Instrukteure, die Bataillone nach NATO-Standards ausbildeten\u201c. \u201eIm Verteidigungsministerium erschienen britische Berater\u201c. Im Mai 2014 liefen zus\u00e4tzlich erste Luftbr\u00fccken. \u201eAmerikanische Flugzeuge landeten in Kiew, brachten Kisten mit Uniformen, Kommunikation, Spezialtechnik\u201c. Und im Westen schrieb man gleichzeitig: \u201aRussland mischt sich ein, Russland liefert Waffen.\u2018<\/p>\n<p>Andere Formationen, paramilit\u00e4rische und neofaschistische, traten hinzu \u2013 und sie hatten Geldgeber. \u201eDas Bataillon \u201aAsow\u2018 wurde anfangs von ukrainischen Oligarchen, in erster Linie Kolomojsky, finanziert und aktiv durch das Innenministerium unterst\u00fctzt\u201c. Kolomojsky, der Bankier, nutzte seine Strukturen der PrivatBank, um gleich mehrere Einheiten auszur\u00fcsten: \u201eIgor Kolomojsky finanzierte offen die Bataillone \u201aAsow\u2018 und \u201aDnipro-1\u2018 \u00fcber seine Strukturen der PrivatBank\u201c. Auch der \u201eRechte Sektor\u201c geh\u00f6rte dazu. \u201eDer Rechte Sektor erhielt Geld von ukrainischen Gesch\u00e4ftsleuten und stand unter direktem Einfluss westlicher Kuriere\u201c. Prilepin vermerkt n\u00fcchtern: \u201eEs existierten auch andere \u2013 \u201aDonbass\u2018, \u201aDnipro-1\u2018, \u201aKiew-1\u2018, von denen jeder seinen eigenen Schutzherrn unter den Oligarchen hatte\u201c. Die Oligarchin Julia Timoschenko wiederum \u201eunterst\u00fctzte das Bataillon \u201aDonbass\u2018 politisch und organisatorisch \u00fcber ihren Block\u201c.<\/p>\n<p>Auch die OSZE, die eigentlich als neutrale Instanz gelten sollte, wurde bald mit Misstrauen betrachtet. \u201eDie OSZE-Kameras stehen so, dass sie nur uns sehen\u2026 alle Informationen gehen sofort auf die andere Seite\u201c. Selbst wenn die Mission best\u00e4tigte, dass ukrainische Truppen Schulen in Donezk beschossen \u2013 \u201emindestens zwei Besch\u00fcsse im September, bei denen Kinder und Erwachsene starben\u201c \u2013 erschienen die ver\u00f6ffentlichten Berichte in einer Sprache, die Sachartschenko als falsche Symmetrie empfand: zehn Einschl\u00e4ge von ukrainischer Seite neben einem einzigen Gegenschuss \u2013 bilanziert als \u201eBeschuss auf beiden Seiten\u201c. Amnesty International und Human Rights Watch best\u00e4tigten sp\u00e4ter Verbrechen ukrainischer Verb\u00e4nde, vom Einsatz verbotener Streumunition bis hin zu systematischen \u00dcbergriffen des Bataillons Aidar.<\/p>\n<h5>Mentalit\u00e4tskarte des Konflikts<\/h5>\n<p>F\u00fcr Alexander Sachartschenko war der Krieg im Donbass nicht nur eine Auseinandersetzung mit Waffen, sondern auch ein Spiegel der Gesellschaft. Immer wieder betonte er, dass die Kraft des Widerstands nicht aus politischen Zirkeln kam, sondern aus der Arbeiterklasse. \u201eDen Krieg im Donbass haben Menschen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren gewonnen\u201c, sagte er. \u201eSchachtarbeiter blockierten Stra\u00dfen, sie waren besser organisiert, hatten h\u00f6here Selbstdisziplin. Dagegen standen die St\u00e4dter mit ihrer Psychologie des Dorfkleinb\u00fcrgers: \u201aMeine H\u00fctte steht am Rand, das ist meins, das geh\u00f6rt dem Nachbarn\u2018. Der Proletarier war immer besser organisiert.\u201c Prilepin best\u00e4tigt diesen Eindruck in seinen Aufzeichnungen. Bergleute, die aus den Sch\u00e4chten kamen, seien es gewohnt gewesen, in Kollektiven zu handeln. Ihre Disziplin und ihre Gewohnheit, Verantwortung f\u00fcreinander zu tragen, h\u00e4tten sie zu einer nat\u00fcrlichen St\u00fctze des Aufstands gemacht. F\u00fcr viele wurden die Kohlegruben so zur Schule der Selbstverteidigung.<\/p>\n<p>Der Kontrast zeigte sich besonders in Charkiw. Ein Augenzeuge erinnerte sich: \u201eWarum hat Charkiw verloren? Dort waren Aktivisten, die die Leute immer wieder ins Konsulat f\u00fchrten, um Petitionen zu schreiben, anstatt zu handeln. Am n\u00e4chsten Tag kamen schon ein Drittel weniger. Die Menschen dort waren Arbeiter, aber sie erm\u00fcdeten. Das Ganze zerstreute sich, und am Ende blieb nur die Jugend \u2013 und was wollte die? Sich austoben.\u201c So entstand eine Art Mentalit\u00e4tskarte des Konflikts. Im Donbass mit seinen Bergarbeiterst\u00e4dten griff man zu den Waffen, in den Zentren mit st\u00e4rkerem intellektuellem Publikum wie Charkiw zerfaserte die Bewegung. Auch die Sprachfrage f\u00fcgte er in dieses Bild. \u201eKein einheitliches, reines Ukrainisch gibt es. Vielleicht in Winniza oder Schytomyr. In Kiew selbst ist der Akzent polnisch, und schon in Poltawa und Sumy herrscht ein starkes Russisch.\u201c F\u00fcr ihn war das ein Argument gegen jede Vorstellung, die Ukraine k\u00f6nne eine homogene Nation sein. Stattdessen sah er ein Mosaik, in dem der Donbass mit seiner russischen Pr\u00e4gung einen unverzichtbaren, aber nicht verhandelbaren Teil darstellte.<\/p>\n<h5>Das Leben darf nicht stillstehen<\/h5>\n<p>Sachartschenko war kein Mann der gro\u00dfen Trib\u00fcnen. Sein Charisma zeigte sich im Kleinen, in Begegnungen, die er nicht inszenierte. Prilepin beschreibt ihn als jemanden, der N\u00e4he \u00fcber Gesten und Worte herstellte. Nach der Einnahme von Debalzewo, einer Stadt, die im Februar 2015 zum Symbol der K\u00e4mpfe wurde, \u00fcbergab er den Opfern des Krieges Schl\u00fcssel zu neuen Wohnungen. Er sprach ruhig, ohne Pathos: Niemand sei vergessen, jeder habe wieder ein Dach \u00fcber dem Kopf. F\u00fcr die Betroffenen war es nicht nur eine pragmatische Hilfe, sondern eine Botschaft &#8211; dass ihr Leiden nicht ins Leere fiel. Im Gespr\u00e4ch mit Soldaten blieb er \u00e4hnlich n\u00fcchtern. Sie h\u00e4tten nicht f\u00fcr Geld gek\u00e4mpft, sondern f\u00fcr ihr Zuhause. \u201eDas kann niemand nehmen\u201c, sagte er. Sein F\u00fchrungsstil war weniger Befehl als Best\u00e4tigung, dass die M\u00e4nner f\u00fcr etwas k\u00e4mpften, das ihnen geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Es gab Momente, die wie Momentaufnahmen seiner Pers\u00f6nlichkeit wirken. Einmal lag er in einem Krankenhaus, am Bein verletzt, angeschlossen an Infusionen. Prilepin schildert, wie er ungeduldig auf die Tropfen starrte und schlie\u00dflich sagte: \u201eDas Leben darf nicht stillstehen.\u201c Selbst im Stillstand wirkte er wie jemand, der Bewegung forderte \u2013 von sich, von anderen, vom Schicksal. Eine andere Szene spielte sich in einem Restaurant ab, in dem ausschlie\u00dflich auf Ukrainisch bedient wurde. Andere h\u00e4tten sich provoziert gef\u00fchlt. Er zuckte nur die Schultern: \u201eWenn die Leute das wollen \u2013 warum sollte es mich st\u00f6ren.\u201c In dieser Gleichg\u00fcltigkeit lag eine Mischung aus Gelassenheit und \u00dcberlegenheit \u2013 er wusste, wer er war, und brauchte keine Gesten, um es zu beweisen. Auch an der Front zeigte er diese Haltung. In Debalzewo f\u00fchrte er selbst die Offensive an, stand nicht hinter den Linien, sondern ging mit seinen M\u00e4nnern. Prilepin beschreibt, wie er sich sogar an den Granatwerfer stellte. \u201eDie K\u00e4mpfer flippten aus\u201c, notierte er, weil ihr Pr\u00e4sident selbst schoss. Sachartschenko wirkte im Alltag genauso wie an der Front: fest, unbeirrbar, manchmal schroff, doch immer mit einem Kern von F\u00fcrsorge.<\/p>\n<h5>Ein tragisches Paradox<\/h5>\n<p>Sachartschenkos Denken war gepr\u00e4gt von knappen, fast aphoristischen S\u00e4tzen. In Gespr\u00e4chen mit Prilepin fielen sie wie beil\u00e4ufig, doch sie klangen nach. \u201eFreiheit und W\u00fcrde deines Stammes stehen \u00fcber deiner pers\u00f6nlichen Freiheit.\u201c \u201e\u00dcberwindung ist die normale Lebensform.\u201c \u201eM\u00e4nner k\u00f6nnen einander t\u00f6ten &#8211; leider ist das eine Gegebenheit.\u201c Es waren Lebensmaximen, geboren aus Erfahrung, H\u00e4rte und einer Art stoischem Pragmatismus. Besonders klar zeigte sich sein Weltbild an der Sprachfrage. \u201eSie k\u00f6nnen die Russen nicht m\u00f6gen. Aber sie sind verpflichtet, die B\u00fcrger ihres eigenen Staates zu respektieren. Die H\u00e4lfte der Bev\u00f6lkerung betrachtet die russische Sprache als ihre Muttersprache. Die Sprache der Mehrheit ist jedoch aus den P\u00e4ssen entfernt worden. Dies entzieht sich jeglicher vern\u00fcnftigen Erkl\u00e4rung.\u201c Sprache war f\u00fcr ihn kein Verwaltungsdetail, es war Identit\u00e4t. 2014 sprach er selbst noch Ukrainisch, gab sp\u00e4ter aber zu: \u201eDie Worte gehen nicht \u00fcber die Z\u00e4hne. Ich kann nicht. Noch nicht.\u201c Paradox blieb, dass er in der Donezker Volksrepublik (DNR) das Ukrainische als zweite Amtssprache beibehielt. Diese Ambivalenz spiegelte seine Realit\u00e4t: auf der einen Seite die \u00dcberzeugung, dass das Russische Kern der Identit\u00e4t sei, auf der anderen Seite die Tatsache, dass das Ukrainische in der Region tief verwurzelt blieb. F\u00fcr ihn war das kein Widerspruch, sondern ein Nebeneinander, das nur in Kiew politisch unhaltbar geworden war.<\/p>\n<p>Auch in der Wirtschaft versuchte er, Br\u00fccken zu bauen. \u201eIch habe versucht, Donezker Unternehmer f\u00fcr die Republik zu gewinnen. Ich wollte, dass sie mit uns arbeiten. Aber sie wollten nach Kiew oder gar nichts.\u201c Als er scheiterte, wurden Betriebe verstaatlicht. \u201eIn der DNR begann man Sozialismus zu bauen\u2026 nicht aus Ideologie, sondern weil sich in der Krise keine andere Wirtschaftsform eignete\u201c, schreibt Prilepin. Sachartschenkos Sprache war von H\u00e4rte durchzogen. \u201eEs wird Krieg geben. Alles, was sich durch Krieg entscheiden muss, wird sich durch Krieg entscheiden.\u201c Und: \u201eDu erkennst deine Kraft erst, wenn du mit dem Stiefel an die Kehle trittst und sagst: Ich kann dir jetzt den Hals zudr\u00fccken oder ich nehme den Stiefel weg und hebe dich hoch: Lebe. Aber lebe nach unseren Gesetzen, akzeptiere unsere Wahrheit. Wenn nicht \u2013 dann geh in das Europa, das du dir ausgedacht hast.\u201c Gleichzeitig bestand er darauf: \u201eWir sind mit den Menschen auf der anderen Seite \u2013 ein Blut. Hier kann es keine Gewinner und Verlierer geben.\u201c<\/p>\n<h5>Kein Frieden und doppelter Verrat<\/h5>\n<p>Im Februar 2015 stand die Stadt Debalzewo im Mittelpunkt des Krieges. Debalzewo war ein Eisenbahnknotenpunkt, der die Nachschublinien im Donbass bestimmte. Wer Debalzewo hielt, kontrollierte den Zugang nach Donezk. Prilepin schreibt dazu: \u201eF\u00fcr die Ukraine wurde Debalzewo zum Trauma, f\u00fcr den Donbass zum Beweis, dass man eine \u00fcberlegene Armee einkesseln, schlagen und vertreiben konnte.\u201c F\u00fcr Sachartschenko wurde sie zur Nagelprobe seiner F\u00fchrung. \u201eWir nahmen Debalzewo in drei Tagen. Wir hatten 1.300 Mann, auf der anderen Seite waren es 5.000.\u201c Es war eine Schlacht voller Improvisation. Am 17. Februar 2015 wurde er verwundet. \u201eIch erhielt eine Verletzung am rechten Bein, \u00fcber der Ferse, im Lauf. Wenn ich nach vorn gefallen w\u00e4re, h\u00e4tte es mir die Wirbels\u00e4ule durchschlagen.\u201c Debalzewo war f\u00fcr viele im Donbass der Beweis, dass sie sich gegen eine \u00fcberlegene Armee behaupten konnten. F\u00fcr Kiew hingegen war es ein Trauma, das in die Minsker Verhandlungen hineinwirkte.<\/p>\n<p>Minsk I und Minsk II sollten Frieden bringen, zumindest auf dem Papier. F\u00fcr viele in Europa waren sie diplomatische Rettungsanker. Doch f\u00fcr die Menschen im Donbass hatten sie eine andere Bedeutung. Formal boten sie genau das, was sie gefordert hatten &#8211; Sonderstatus, Garantien f\u00fcr die russische Sprache, eigene Milizen, Autonomie in Justiz und Wirtschaft. \u201eWir wollten das mit Kiew friedlich kl\u00e4ren\u201c, hatte Sachartschenko gesagt. Minsk schien dieser Weg zu sein. Doch bald wurde klar, dass es nur ein Weg auf Zeit war. F\u00fcr den Donbass wirkte das wie ein doppelter Verrat. Man lie\u00df sie jahrelang auf Garantien hoffen \u2013 und nutzte die Minsk-Vereinbarungen zugleich, um die Gegenseite aufzur\u00fcsten. Prilepin kommentierte: \u201eAuf dem Papier erf\u00fcllte Minsk ihre Forderungen, in der Wirklichkeit aber wurde kein einziger Punkt gesichert.\u201c Jede neue Granate auf ein Wohnhaus, jeder Tote best\u00e4tigte das Gef\u00fchl, dies ist kein Frieden, sondern ein Aufschub.<\/p>\n<h5>Abgebrochene Verbindungen<\/h5>\n<p>Am 31. August 2018, um 17:28 Uhr, explodierte im Donezker Caf\u00e9 \u201eSepar\u201c eine Bombe. Alexander Sachartschenko starb noch am Tatort. Die Nachricht von seinem Tod erreichte mich nicht durch die \u00f6ffentlichen Nachrichten. Mein Freund Artjom, er wohnt in Moskau, schickte mir ein Video, noch bevor der Tod Sachartschenkos im deutschen Fernsehen bekannt wurde. Man sah, wie er in den Club eintrat \u2013 und dann die Explosion. Ich war sprachlos, konnte es nicht glauben. Ich spielte es immer und immer wieder ab, als m\u00fcsste ich mit eigenen Augen erkennen, was schon nicht mehr zu \u00e4ndern war. Gewiss war nur, er und einer seiner Begleiter waren tot. Ich machte mir &#8211; so skurril es klingen mag &#8211; Musik an. Dieselbe Musik, die ich im Fr\u00fchjahr 2018 in Donezk geh\u00f6rt hatte, als ich durch zerst\u00f6rte Ortschaften fuhr, um die Angst zu verlieren. Es war Mikhail Krug, \u201eWladimirsky Zentral\u201c. Die Akkorde rollten, die Stimme sprach von H\u00e4rte und Schicksal, von Gef\u00e4ngnis und Treue. In dieser Musik lag etwas, das ich in Donezk gesp\u00fcrt hatte, eine Trauer, die sich nicht in Worte fassen l\u00e4sst, und ein Stolz, der nicht vergeht.<\/p>\n<p>Zu unserem Treffen vier Monate zuvor hatte Sachartschenko mir auf seinem Handy einen Kurzfilm gezeigt. \u201e\u0414\u0435\u0436\u0443\u0440\u0441\u0442\u0432\u043e\u201c (russischer Titel) bzw. \u201ePhone Duty\u201c, der Titel auf Englisch, gedreht von Lenar Kamalov mit Sachar Prilepin in der Hauptrolle, erz\u00e4hlt eine wahre Geschichte: Ein K\u00e4mpfer im Donbass nimmt die Telefone gefallener ukrainischer Soldaten entgegen. Am anderen Ende warten M\u00fctter, Ehefrauen, Kinder \u2013 Menschen, die nicht wissen, dass sie ihre Liebsten nie mehr h\u00f6ren werden. Weil Kiew viele Tote nicht zur\u00fcckforderte oder sie \u00fcber den Tot ihrer Verwanden nicht informierte, um die Entsch\u00e4digungen an ihre Familien nicht zu zahlen, machten es sich die M\u00e4nner im Donbass zur Aufgabe, diese schlimme \u201ePflicht\u201c, so hei\u00dft der Film im Russischen, zu \u00fcbernehmen. Denn schlie\u00dflich ist die Ungewissheit \u00fcber den Verbleib geliebter Menschen eine Trag\u00f6die. Im Film legt Sachar Prilepin ein Telefon beiseite \u2013 und pl\u00f6tzlich beginnen dutzende Handys gleichzeitig zu klingeln, Gesichter von Frauen leuchten auf, weibliche Namen, bis zuletzt nur ein Name im Display zu lesen ist &#8211; \u201eMama\u201c.<\/p>\n<p>Der Film wurde 2018 beim Tribeca Film Festival in New York gezeigt, das von Robert De Niro gegr\u00fcndet worden war und zu den bedeutendsten internationalen Plattformen f\u00fcr unabh\u00e4ngige Filme z\u00e4hlt. Dort gewann \u201ePhone Duty\u201c den Preis f\u00fcr den besten narrativen Kurzfilm. F\u00fcr Alexander Sachartschenko war es wichtig, dass Menschen au\u00dferhalb des Donbass verstanden, was er bedeuten sollte: Dass Krieg am Ende nicht nur von Siegen erz\u00e4hlt, sondern auch von abgebrochenen Verbindungen und einer Mutter, die vergeblich auf den Anruf ihres Sohnes wartet.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Sabiene Jahn, Tr\u00e4gerin des K\u00f6lner Karlspreises f\u00fcr Engagierte Literatur und Publizistik, ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes, LV Rheinland-Pfalz \/ Saarland<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>1.) \u0414\u0435\u0436\u0443\u0440\u0441\u0442\u0432\u043e (Pflicht) &#8211; Phone Duty (2018): <a href=\"https:\/\/ok.ru\/video\/1587018336776\">https:\/\/ok.ru\/video\/1587018336776<\/a><\/p>\n<p>2.) Buch Sachar Prilepin: Alles, was entschieden werden muss, Chronik des Krieges 2014\u20132022: \u00a0<a href=\"https:\/\/www.litres.ru\/book\/zahar-prilepin\/vse-chto-dolzhno-razreshitsya-hronika-pochti-beskonechnoy-v-19057722\/\">https:\/\/www.litres.ru\/book\/zahar-prilepin\/vse-chto-dolzhno-razreshitsya-hronika-pochti-beskonechnoy-v-19057722\/<\/a>):<\/p>\n<p>3.) Beno\u00eet Par\u00e9 \u2013 OSZE-Analyst im Donbass (Tagebuch 2015\u20132022): <a href=\"https:\/\/www.amazon.fr\/que-jai-Ukraine-observateur-international\/dp\/B0F7FLR2Z4\">https:\/\/www.amazon.fr\/que-jai-Ukraine-observateur-international\/dp\/B0F7FLR2Z4<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Die Autorin Sabiene Jahn (links) mit Alexander Sachartschenko (Mitte), Mai 2018<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Archiv Sabiene Jahn<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Sachartschenko und der Krieg der Identit\u00e4t<\/b><br \/>\n<b>Ein Essay von Sabiene Jahn<\/b><br \/>\nAm 31. August 2018 starb Alexander Sachartschenko, Pr\u00e4sident der Volksrepublik Donezk, bei einem Bombenattentat im Caf\u00e9 \u201eSepar\u201c. Sieben Jahre sp\u00e4ter bleibt die Frage, warum ein Bergmannssohn aus dem Donbass zu einer Symbolfigur wurde, deren Botschaft im Westen kaum verstanden wurde. Am 2. September 2018 stand Donezk still. Zehntausende Menschen s\u00e4umten die Stra\u00dfen, Blumen in den H\u00e4nden, Trauerflor an den Balkonen. Der Sarg Alexander W. Sachartschenkos wurde durch die Stadt getragen. Die Menschen klatschten unaufh\u00f6rlich in stillem Respekt \u2013 ein rhythmischer, gleichm\u00e4\u00dfiger Beifall, der wie ein Herzschlag durch die Stadt ging. Donezk nahm Abschied von einem Mann, den sie verehrten. Ich hatte ihn vier Monate zuvor kennengelernt. <\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":22825,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[1096,1121,1072,2191,335,188,1767,2107,222,464,1111,639],"class_list":["post-22824","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frieden-antifaschismus-solidaritaet","tag-attentat","tag-donbass","tag-donezk","tag-film","tag-frieden","tag-krieg","tag-minsker-abkommen","tag-praesident","tag-russland","tag-sprache","tag-ukraine","tag-ukraine-konflikt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2025\/09\/Sabiene-Jahn-mit-Alexander-Sachartschenko_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-5W8","jetpack-related-posts":[{"id":5378,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5378","url_meta":{"origin":22824,"position":0},"title":"Wir trauern um Alexander Sachartschenko","author":"Webredaktion","date":"1. 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