{"id":22225,"date":"2025-06-26T19:24:49","date_gmt":"2025-06-26T17:24:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22225"},"modified":"2025-08-02T13:43:52","modified_gmt":"2025-08-02T11:43:52","slug":"patrik-baab-nach-einem-neuen-krieg-gegen-russland-wird-es-deutschland-nicht-mehr-geben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=22225","title":{"rendered":"Patrik Baab: \u201eNach einem neuen Krieg gegen Russland wird es Deutschland nicht mehr geben\u201c"},"content":{"rendered":"<p><em>Interview von <strong>Ulrich Heyden<\/strong> mit <strong>Patrick Baab<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 23.06.2025 auf den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134914\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a><\/span><\/p>\n<p>Der Journalist und Publizist <strong>Patrik Baab<\/strong> ist auf Veranstaltungen und in den Videos der deutschen Friedensbewegung ein gefragter Gespr\u00e4chspartner. In Moskau pr\u00e4sentierte er k\u00fcrzlich auf einer Veranstaltung in der Tscheglakow-Stiftung die russischsprachige Ausgabe seines Buches \u201e<a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/politik\/geopolitik\/auf-beiden-seiten-der-front.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Auf beiden Seiten der Front<\/a>\u201c. Das Buch handelt vom Krieg in der Ukraine. Mit Patrik Baab hat <strong>Ulrich Heyden<\/strong> gesprochen.<\/p>\n<p><strong>Ulrich Heyden: Herr Baab, Sie sind jetzt schon ein paar Tage in Moskau. Was haben Sie hier erlebt, und was sind Ihre Ziele auf dieser Moskau-Reise?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>Patrik Baab:<\/strong> Der Besuch ist rein privater Natur, denn ich finde, die Kontakte zu den Menschen in Russland m\u00fcssen erhalten bleiben, gerade in einer Zeit, in der wir sprechen k\u00f6nnen von dem vollst\u00e4ndigen Ruin der deutschen Diplomatie.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Man muss sich das vorstellen: Ein Land, von dem die furchtbarsten Kriege des vergangenen Jahrhunderts ausgegangen sind, mit vielen Millionen Toten, ist nicht in der Lage, im Ukraine-Konflikt eine einzige Friedens- und Vermittlungsinitiative zu starten. F\u00fcr diese verkommene deutsche Politik kann man sich wirklich nur sch\u00e4men. Und Spr\u00fcche wie \u201eRussland wird immer unser Feind sein\u201c \u2013 Johann Wadephul \u2013 oder seine Vorg\u00e4ngerin \u2013 Frau Baerbock \u2013 \u201ewir f\u00fchren einen Krieg gegen Russland\u201c, \u201edie Sanktionen werden Russland ruinieren\u201c, das ist der Bankrott der Diplomatie, vor allem, wenn man wei\u00df, dass dies alles andere ist als ein unprovozierter Angriffskrieg.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Also, ich halte die Verbindungen zu den Menschen in Russland aufrecht, ich recherchiere auch weiter in Russland, und ich bin meinem Verlag hier in Russland, Gnosis, dankbar, dass er mein Buch \u201eAuf beiden Seiten der Front\u201c \u00fcbersetzt hat und dass es auf Russisch herausgekommen ist. Das Interesse der Medien hier und der \u00d6ffentlichkeit ist gro\u00df. Und das ist \u2013 in Deutschland muss man das ja immer dazusagen \u2013 ein Verlag, der v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von der russischen Regierung arbeitet.<\/p>\n<p><strong>Sie haben hier in Moskau \u201eAuf beiden Seiten der Front\u201c [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] pr\u00e4sentiert. Nach der Veranstaltung wurden Sie von russischen Medien interviewt, von Rossija 1 und RT DE. Auch die Nachrichtenagentur Tass war da. Alle genannten Medien haben \u00fcber die Pr\u00e4sentation berichtet. Ist das nicht eigentlich ein ganz gutes Ergebnis, dass die russischen Medien Sie hier als Deutschen interessant finden und vorstellen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich freue mich dar\u00fcber. Zumal sich die russische \u00d6ffentlichkeit mit meinem Buch schwertut, denn es folgt weder der westlichen, der NATO-Propaganda, noch folgt es der Propaganda des Kremls. Das Buch ist irgendwo dazwischen. Es ist f\u00fcr die Menschen in Russland schwer einzuordnen, weil sie nat\u00fcrlich daran gew\u00f6hnt sind, unter einer Propaganda-Glocke zu leben. Das Buch f\u00fchrt zur Verunsicherung, und deswegen hat es der Verlag nat\u00fcrlich nicht leicht.<\/p>\n<p><strong>Der Titel des Buches \u201eAuf beiden Seiten der Front\u201c ist ja in Russland heute praktisch nicht pr\u00e4sent, denn wir h\u00f6ren in russischen Medien Reportagen von der russischen Kriegsfront. Wir h\u00f6ren aber eigentlich nichts \u00fcber das Leben der Ukrainer. Von daher ist der Ansatz des alten, liberalen deutschen Journalismus, wo man in den 1980er-Jahren noch versucht hat, beide Seiten der Front darzustellen, heute hier in Russland kaum noch zu erkl\u00e4ren. Die Russen interessieren sich zwar daf\u00fcr, was in der Ukraine passiert, aber zu diesem Thema werden hier keine Informationen geliefert.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich nehme das so wahr, dass auch auf Kan\u00e4len wie <em>Rossija 1<\/em> \u2013 einem staatlichen Kanal \u2013 zumindest die Positionen Deutschlands und der NATO-L\u00e4nder korrekt dargestellt werden, auch wenn man sie nicht teilt. Aber tats\u00e4chlich verfolgt der Mainstream-Journalismus in Russland einen Ansatz, der in meinen Augen zwingend ist, n\u00e4mlich beide Seiten zu h\u00f6ren. Vor allem muss man nat\u00fcrlich auch mit den Menschen sprechen. Das sieht man vor allem bei Milit\u00e4r-Bloggern oder Bloggern, die im Kriegsgebiet unterwegs sind. Die liefern wieder ein ganz anderes Meinungsbild.<\/p>\n<p><strong>Es gibt ja auch in Russland unterschiedlichen Journalismus. Es gibt einen Spielfilm und einen Dokumentarfilm, in dem die Realit\u00e4t des Kriegsalltags gezeigt wird [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]. F\u00fcr den Dokumentarfilm hat der Kameramann die russischen Soldaten bei der Eroberung von Mariupol begleitet. Das ist wirklich guter Journalismus. Leider ist das in Deutschland kaum bekannt und wird im deutschen Fernsehen auch nicht erw\u00e4hnt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das Problem f\u00fcr den Reporter ist, dass er im Kriegsgebiet konsekutiv \u2013 also nacheinander \u2013 arbeiten muss. Man kann nicht gleichzeitig auf beiden Seiten der Front sein, weil man daf\u00fcr die Feuerlinie der Maschinengewehre durchkreuzen m\u00fcsste, und das ist de facto unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Sie waren ja auch in St. Petersburg. Dort haben Sie einen Freund, der Sie eingeladen hatte, eine Lesung zu machen. Wie lief das da ab in St. Petersburg?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Mit Alexander arbeite ich seit 25 Jahren zusammen. Er ist Kollege und wie ich jetzt im Ruhestand. Er ist ein ehemaliger Journalist. Aus Kollegen wurden Freunde, und er hat sich sehr daf\u00fcr eingesetzt, eine Veranstaltung zu machen, eine Diskussionsrunde zu meinem Buch \u201eAuf beiden Seiten der Front\u201c, in St. Petersburg. Aber der Journalistenverband hat kalte F\u00fc\u00dfe bekommen und fragte beim Kulturamt der Stadt St. Petersburg nach. Dort wollte man sich auch nicht entscheiden, denn ich bin ja ein Autor aus Deutschland. Das ist ja gef\u00e4hrlich. Und dann fragte man den Inlandsgeheimdienst FSB. Der FSB wollte sich aber in die Inhalte des Buches gar nicht einmischen. Er gab nur ein Urteil ab, ob eine Gefahr f\u00fcr einen Terroranschlag vorliegt. Der FSB hat das verneint.<\/p>\n<p><strong>Ein Terroranschlag gegen Sie m\u00f6glicherweise?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ja, gegen die Veranstaltung. Der FSB hat das verneint und gab das zur\u00fcck an die Stadtverwaltung, aber die kalten F\u00fc\u00dfe sind geblieben. Auch in Russland gibt es viel vorauseilenden Gehorsam und Furcht, dass man irgendwas falsch machen k\u00f6nnte und dass dann sozusagen Blitz und Donner aus dem Kreml da reinhauen.<\/p>\n<p><strong>Vor zwei Wochen haben Sie den alternativen Karlspreis in der Stadt Aachen bekommen. In einem Video \u00fcber die Preisverleihung unter freiem Himmel hat mich etwas fasziniert. Ulrike Gu\u00e9rot trat auf, danach traten Sie auf. W\u00e4hrenddessen sah man im Hintergrund das Publikum. Es waren etwa 300 Menschen, die frenetisch Beifall klatschen, wie bei einem Rockkonzert. Was war das f\u00fcr ein Publikum?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das war nicht choreographiert und nicht gestellt. Die Reden in Aachen hatten eine lange Vorgeschichte. Und es geht darauf zur\u00fcck, dass ich einmal einen Film f\u00fcr den <em>NDR<\/em> gemacht habe, \u00fcber den Tod von Jenny B\u00f6ken auf der Gorch Fock. Das war eine Offiziersanw\u00e4rterin, die unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden an Bord des Segelschulschiffes ums Leben gekommen ist. Und so habe ich Kontakt zu der Familie bekommen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Vater von Jenny B\u00f6ken ist der Direktor eines Gymnasiums. Und der hat mich angerufen und gesagt: \u201eDu recherchierst ordentlich. Das habe ich erkannt. Ich m\u00f6chte, dass du mal dein Buch mit meinen Sch\u00fclern diskutierst.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und so habe ich eine Einladung an ein Gymnasium in Geilenkirchen in der N\u00e4he von Aachen bekommen. Doch dann erhob sich ein Proteststurm, nat\u00fcrlich von pro-ukrainischen Nichtregierungsorganisationen und von Nichtregierungsorganisationen, die der NATO nahestehen und von der EU bezahlt und organisiert wurden. Das hat zu einem Shitstorm gef\u00fchrt, an den sich die \u00f6rtliche Presse \u2013 die <em>Aachener Zeitung<\/em> \u2013 drangeh\u00e4ngt hat.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">In Deutschland geht es ja darum, nicht offen zu diskutieren, sondern Veranstaltungen zu verhindern und am besten die Existenz des Autors zu besch\u00e4digen. Die Presse selbst und die Nichtregierungsorganisationen sind die sch\u00e4rfsten Kriegstreiber im Ukraine-Krieg. Und sie sind selbst die Vernichter der \u00f6ffentlichen Meinung. Hier hat sich etwas v\u00f6llig verkehrt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und dann wurde der Schuldirektor im Bildungsministerium Nordrhein-Westfalen einbestellt. Und dann gab es eines von diesen Sechs-Augen-Gespr\u00e4chen, wo sich die Gegenseite immer gegenseitig in den Zeugenstand rufen kann. Aber der Direktor war schlau genug, seinen Anwalt mitzunehmen. Aber er musste die Veranstaltung absagen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und da waren die Kr\u00e4fte des Friedens und der Demokratie im Raum Aachen so ver\u00e4rgert, dass ich am Ende drei Veranstaltungen bew\u00e4ltigen musste, bei denen jeweils 200 bis 250 Leute zu Gast waren. Die waren w\u00fctend, dass sich das Bildungsministerium anma\u00dft, eine offene Diskussion zu unterbinden. So wurden schlie\u00dflich drei Veranstaltungen organisiert, darunter eine von der protestantischen und katholischen Kirche gemeinsam veranstaltete.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wir haben eine Diskussion im Gemeindehaus gemacht, die wunderbar verlief. Da waren fast 300 Leute da, wenn ich mich richtig erinnere. Und das waren eben die Menschen, die dann zur Verleihung des [Alternativen] Karlspreises gekommen sind. Und sie haben mich nat\u00fcrlich begeistert empfangen, weil es eine Vorgeschichte gab.<\/p>\n<p><strong>Die Geschichte, die Sie gerade erz\u00e4hlt haben, macht Hoffnung.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ja.<\/p>\n<p><strong>Aber wie betten Sie dieses Erlebnis ein in die Gesamtlage in Deutschland? Wir stehen ja vor dem Problem, dass die Kriegstreiber immer frecher auftreten. Unsere Stimmen kommen in den Medien nicht mehr vor. Wie kann es weitergehen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wir m\u00fcssen nun mal feststellen, dass die Kriegspropaganda \u00fcber die Ministerien, in die Kirchen hinein, \u00fcber die Verb\u00e4nde in die einzelnen Fachbereiche hinein, \u00fcber die Nichtregierungsorganisationen in die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen hinein, \u00fcber die Medien in die \u00d6ffentlichkeit hinein organisiert und orchestriert wird.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das Beispiel Aachen zeigt, dass mutige B\u00fcrger dem etwas entgegenstellen k\u00f6nnen, wenn sie sich auf dem Absatz umdrehen und sagen \u201aFreunde, bis hierher und nicht weiter\u2018. Jetzt wehren wir uns. So schaffen wir eine neue \u00d6ffentlichkeit, eine Gegen\u00f6ffentlichkeit, die sich im Unterschied zu den Regierenden am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und ich kann die Menschen in ganz Deutschland nur ermutigen, auf die Stra\u00dfe zu gehen und ihren Protest gegen den Kriegskurs der Regierung in die \u00d6ffentlichkeit zu tragen.<\/p>\n<p><strong>Wir haben jetzt drei Jahre \u201eSpezialoperation\u201c, also russischen Krieg in der Ukraine. Und wir haben eine Entwicklung, die sich immer mehr steigert. Wenn Sie jetzt zur\u00fcckblicken, was haben die friedensbewegten Menschen in Deutschland erreicht und was nicht?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wir haben nichts erreicht. Wir haben deswegen nichts erreicht, weil es der Regierung und der NATO gelingt, die Gesellschaft zu spalten. Der Riss geht heute durch die Gruppe der Gleichaltrigen, durch die Familien, durch die Betriebsgruppen, die sozialen Einrichtungen. Dem m\u00fcssen wir Einhalt gebieten. Wir brauchen wieder eine Kultur des Sich-Unterhakens. Denn eines ist doch v\u00f6llig klar, Deutschland wird derzeit immer tiefer in diesen Krieg hineingezogen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich kenne die Russen schon sehr lange. Ich arbeite in Russland schon seit 25 Jahren. In Russland schaut man den Dingen sehr lange zu, denn Russland ist ein Land mit einem gro\u00dfen Raum. Es ist das gr\u00f6\u00dfte Land der Welt, und da gelten andere Dimensionen. In Russland zieht man sich eine ganze Weile immer nur zur\u00fcck, und dann dreht man sich auf dem Absatz um und bek\u00e4mpft den Gegner mit aller Macht. Und das kann Deutschland auch passieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und es ist doch v\u00f6llig klar: Wenn der Kriegskurs der Regierung so fortgesetzt wird, dann werden unsere Kinder in den kommenden Kriegen sterben. Die neuen Kriege gegen Russland werden ausgehen wie die alten Kriege, die wir mit Millionen Opfern verloren haben, mit einem Unterschied: Nach einem neuen Krieg gegen Russland wird es Deutschland nicht mehr geben.<\/p>\n<p><strong>Menschen, die f\u00fcr den Frieden sind, begn\u00fcgen sich ja oft damit, einfach nur Videos zu \u201eliken\u201c oder zu teilen. Doch eigentlich hoffen viele darauf, dass Politiker vom BSW oder der AfD oder Leute wie Sie, Herr Baab, den Karren aus dem Dreck ziehen. Das ist eine Haltung, die darauf hinausl\u00e4uft: \u201aIch kann ja sowieso nichts machen, das m\u00fcssen irgendwie st\u00e4rkere Leute machen.\u00b4 Wie kann man diese Einstellung ver\u00e4ndern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Dazu sind zwei Schritte erforderlich: Der eine Schritt ist, aus der Nebelglocke der Propaganda herauszutreten und anzufangen, selbst zu denken. Und dazu geh\u00f6rt es, dass man eben nicht nur um 20 Uhr den Fernseher einschaltet oder die Regionalzeitungen liest. Sondern da muss man sich auch aus den neuen Medien informieren, aus ausl\u00e4ndischen Medien, englisch-, franz\u00f6sisch- und russischsprachigen Medien, um durch die Vielfalt der Positionen und der Perspektiven zu einem eigenst\u00e4ndigen Urteil zu gelangen und nicht wie ein Schaf den Mainstream-Medien zu folgen. Denn die lassen die H\u00e4lfte weg. Die lassen vor allem die wahren Kriegsursachen weg. Sie l\u00fcgen durch Weglassen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der zweite Schritt ist, wir m\u00fcssen wieder lernen, von der eigenen \u00dcberlegung zu einer Handlungsoption zu gelangen. Wir m\u00fcssen handlungsf\u00e4hig werden, und das geht eben nicht als Einzelk\u00e4mpfer, sondern das geht nur gemeinsam. Und hier lohnt es sich, sich in Friedensgruppen zusammenzuschlie\u00dfen. Und dann werden sie sehen: Die Mehrheit der Menschen in Deutschland sind f\u00fcr den Frieden. Und wir m\u00fcssen auf die Stra\u00dfe gehen. Und wenn beispielsweise Sahra Wagenknecht aufruft zu einer Friedensdemonstration, dann erwarte ich schon von den Menschen, die am Friedensgebot des Grundgesetzes orientiert sind, dass sie eben zu dieser Demo hingehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Aber ich sage auch: Am Ende des Tages muss das herrschende Parteien-Kartell geschlossen abgew\u00e4hlt werden. Denn die Brandmauer gegen die AfD ist die Lebensversicherung des herrschenden Parteien-Kartells, das uns in den Krieg f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>Ich erinnere mich an unser letztes Gespr\u00e4ch [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>], das war im Oktober 2024 hier in Moskau. Da kamen Sie gerade aus dem Kriegsgebiet Donbass zur\u00fcck. Ich hatte damals das Gef\u00fchl, dass Sie sich nun zu Hause in Berlin an den Schreibtisch setzen, um ein neues Buch zu schreiben. Stattdessen geben Sie nun fast w\u00f6chentlich YouTube-Interviews. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie sich in diesen Interviews wiederholen? Brauchen Sie jetzt nicht mehr Ruhe, um auf neue Gedanken zu kommen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ja, ich brauche mehr Ruhe. Das Buch kommt voran, leider zu langsam. Aber es ist so, dass ich die meisten Interview-Anfragen absage. Es ist die Not, die mich zu diesen Diskussionen zwingt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Vor allem versuche ich nun, Kontakt zu finden zu den friedliebenden Menschen im amerikanischen und englischsprachigen Raum und in Skandinavien. Das ist wichtig, denn heute unterliegen Menschen, die aus dem Kriegsgebiet berichten wie Alina Lipp und Thomas R\u00f6per, aber auch Intellektuelle wie Professor Ulrike Gu\u00e9rot in Deutschland im Grunde genommen einer subtilen politischen Verfolgung. Man muss jede Nacht mit einer Hausdurchsuchung rechnen. Oder man muss inzwischen \u2013 nachdem Alina Lipp und Thomas R\u00f6per mit Sanktionen \u00fcberzogen wurden \u2013 damit rechnen, dass man auch mit Sanktionen \u00fcberzogen wird. Konten werden beschlagnahmt. Man wird im Grunde genommen aus Deutschland rausgedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><strong>F\u00fchrende Funktion\u00e4re der SPD haben ein Manifest f\u00fcr den Frieden verfasst. Wie ist Ihre Meinung dazu?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich war viele Jahre Mitglied der SPD. 1999 bin ich ausgetreten, als der v\u00f6lkerrechtswidrige Angriffskrieg der NATO gegen Serbien mit Unterst\u00fctzung der Regierung Schr\u00f6der durchgef\u00fchrt wurde. Das war mir zu viel. Ich beobachte die Sozialdemokratie mit einer gewissen Leidenserfahrung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich halte dieses Manifest f\u00fcr eine erforderliche und notwendige, aber nicht f\u00fcr eine zureichende Sache. Es ist einfach zu wenig. Es muss von den Kr\u00e4ften in der SPD, die zum Frieden zur\u00fcckfinden wollen, mehr Aktivit\u00e4t kommen. Ein Manifest gen\u00fcgt nicht, ich erwarte hier Handlung. Denn die SPD ist Regierungspartei, und da geh\u00f6rt es sich, dass die Friedenskr\u00e4fte in dieser Partei die Regierung unter Druck setzen. Und da habe ich bislang noch nicht viel gesehen.<\/p>\n<p><strong>Sogar der Vorsitzende der Jungsozialisten hat das Manifest kritisiert. Dabei waren die Jusos fr\u00fcher noch das linke Feigenblatt der SPD.<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Jusos, das ist heute ein Club von Leuten, die Karriere machen und nicht arbeiten wollen. Sie sind bei den Jusos, weil sie hoffen, dass sie irgendwann einen Koffertr\u00e4ger-Job bekommen, statt sich dem Arbeitsleben zu stellen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Da wird nicht viel kommen. Die SPD hat sich zu einer Kriegspartei formiert, und sie hat den Boden der \u00dcberlegungen von Willy Brandt vollst\u00e4ndig verlassen. Willy Brandt hat gesagt: Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts. Deshalb bin ich mal in die SPD eingetreten. Das gilt f\u00fcr mich heute noch.<\/p>\n<p><strong>Herr Baab, Sie sind nach dem Krieg geboren, aber Sie sind trotzdem vom Krieg gezeichnet. Das habe ich Ihren Ver\u00f6ffentlichungen entnommen. In einem Text schreiben Sie, dass Sie von Ihren Eltern, die durch den Zweiten Weltkrieg traumatisiert waren, sehr streng erzogen wurden. Einmal mussten Sie als Vierj\u00e4hriger zur Strafe eine Nacht allein in einem Keller verbringen. H\u00e4ngt Ihr Engagement als Journalist und Kriegsreporter damit zusammen, dass Sie etwas wiedergutmachen wollen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Vielleicht kann man das so sagen. Die Familiengeschichte pr\u00e4gt einen Menschen. Mein Gro\u00dfvater v\u00e4terlicherseits wurde im Ersten Weltkrieg schwer verwundet. Mein Vater bekam im Februar 1945 \u2013 er war der beste Sch\u00fctze in der Hitler-Jugend und 15 Jahre alt \u2013 einen Einberufungsbescheid an die Ostfront. Sein Vater sagte: \u201eDer Krieg ist verloren. Du gehst nicht mehr Verrecken. Versteck\u2019 Dich im Wald.\u201c Das tat mein Vater, und so geriet er im S\u00fcdwesten von Deutschland zwischen die Fronten der Amerikaner und der SS. Die SS zog nach Osten ab. Die amerikanischen Soldaten str\u00f6mten in die W\u00e4lder und schossen auf jedes Eichh\u00f6rnchen. Das waren ja junge Kerle mit ihren 19, 20 Jahren. Mein Vater war nat\u00fcrlich vollst\u00e4ndig traumatisiert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Vater meiner Mutter war Kommandant der Au\u00dfenstelle des Konzentrationslagers Neue Bremm \u2013 Au\u00dfenstelle Neunkirchen \u2013 im Saarland. Und nat\u00fcrlich pr\u00e4gt das. Das war durchaus eine Erziehung, die nicht demokratisch, sondern eher streng war und sich an den Vorstellungen der Hitler-Diktatur orientierte. Und wenn man solche Erfahrungen hat, dann ist es doch das Erste, zur Selbstst\u00e4ndigkeit zu reifen und sich gegen die Eltern aufzulehnen, Handlungsf\u00e4higkeit aus freien St\u00fccken zur\u00fcckzugewinnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wenn ich in Kriegsgebiete reingehe, dann hat das nat\u00fcrlich auch damit zu tun, dass ich die Traumata der Familie noch einmal durchlebe. Vielleicht ist es das.<\/p>\n<p><strong>Schafft Ihr Herangehen bei den Menschen eine gewisse Achtung oder eher eine Distanz?<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das ist v\u00f6llig unterschiedlich. Nat\u00fcrlich kann man niemandem empfehlen, der noch bei Sinnen ist, in ein Kriegsgebiet reinzugehen. Aber das verschafft mir viel Respekt bei Menschen, die sagen, er versucht wenigstens, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen. Und das ist das, was mein Freund Patrick Lawrence aus den Vereinigten Staaten sagt: \u201eWas wir leisten k\u00f6nnen als Reporter, das ist Sehen und Sagen. Wir m\u00fcssen genau hinschauen, die Situation genau analysieren und dann davon erz\u00e4hlen, was wir erlebt haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und das steht in einem gro\u00dfen Unterschied zu den sogenannten Journalisten, den Schreibtischt\u00e4tern in den Redaktionen. Die fragen \u00fcberhaupt nicht mehr, was man im Kriegsgebiet erlebt hat. Sie beugen sich ins Joch der NATO-Propaganda. Diese Berichterstattung ist nichts wert. Wir befinden uns im postfaktischen Zeitalter, weil sich niemand mehr der Situation aussetzt. Die Beobachtung vor Ort wird vermieden. Man schreibt den K\u00e4se von der Nachrichtenagentur ab, und es f\u00fchrt zu nichts.<\/p>\n<p><strong>Ich w\u00fcnsche Ihnen noch eine gute Reise!<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich hatte hier in Russland eine ganze Reihe lebhafter und hitziger Diskussionen. Manchmal hat man hier in Moskau das Gef\u00fchl, man kann offener und streitbarer diskutieren, als das heute in Deutschland noch m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Patrik Baab ist ein deutscher Journalist und Autor. Er recherchierte u.\u202fa. zu Geheimdiensten und politischen Morden, zum Krieg in der Ukraine, \u00fcber Russland und zu geopolitischen Fragen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ulrich Heyden arbeitet seit 1992 als freier Korrespondent f\u00fcr deutschsprachige Medien in Moskau und sprach auf verschiedenen Veranstaltungen des Deutschen Freidenker-Verbandes und der Nachdenkseiten-Lesekreise<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"hr_wrap\">\n<hr \/>\n<\/div>\n<p><small><strong>Fu\u00dfnoten:<\/strong><\/small><\/p>\n<p><small>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">\u00ab1<\/a>] <a href=\"https:\/\/gnosisbooks.ru\/books\/politologiya\/po_obe_storony_fronta_iskusstvo_reportazha\/\">https:\/\/gnosisbooks.ru\/books\/politologiya\/po_obe_storony_fronta_iskusstvo_reportazha\/<\/a><\/small><br \/>\n<small>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">\u00ab2<\/a>] Mein Artikel \u00fcber zwei russische Filme (Spiel- und Dokumentarfilm), welche den Kriegsalltag lebensnah zeigen. <a href=\"https:\/\/berlin247.net\/panorama\/zwei-aktuelle-russische-filme-ueber-den-krieg-in-der-ukraine-zeigen-das-geschehen-aus-ungewohnten-blickwinkeln\/\">Zwei aktuelle russische Filme \u00fcber den Krieg in der Ukraine zeigen das Geschehen aus ungewohnten Blickwinkeln. \u2013 Berlin 24\/7<\/a><\/small><br \/>\n<small>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">\u00ab3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=123234\">Buchautor Patrik Baab \u00fcber die Eindr\u00fccke seiner neuen Reise in das Kriegsgebiet Donbass<\/a><\/small><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: <small>Ulrich Heyden und Patrick Baab in Moskau<br \/>\nFoto: Ulrich Heyden, \u00fcbernommen von <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=134914\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a><\/small><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Interview von Ulrich Heyden mit Patrick Baab<\/b><br \/>\nDer Journalist und Publizist Patrik Baab ist auf Veranstaltungen und in den Videos der deutschen Friedensbewegung ein gefragter Gespr\u00e4chspartner. In Moskau pr\u00e4sentierte er k\u00fcrzlich auf einer Veranstaltung in der Tscheglakow-Stiftung die russischsprachige Ausgabe seines Buches \u201eAuf beiden Seiten der Front\u201c. Das Buch handelt vom Krieg in der Ukraine. Mit Patrik Baab hat Ulrich Heyden gesprochen.<br \/>\nUlrich Heyden: Herr Baab, Sie sind jetzt schon ein paar Tage in Moskau. Was haben Sie hier erlebt, und was sind Ihre Ziele auf dieser Moskau-Reise?<br \/>\nPatrik Baab: Der Besuch ist rein privater Natur, denn ich finde, die Kontakte zu den Menschen in Russland m\u00fcssen erhalten bleiben, gerade in einer Zeit, in der wir sprechen k\u00f6nnen von dem vollst\u00e4ndigen Ruin der deutschen Diplomatie.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":22226,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[1031,2237,162,452,1406,182,335,2461,188,339,121,685,56,889,1388,222,1852,815,675,2656,639],"class_list":["post-22225","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-demokratie-medien-aufklaerung","tag-afd","tag-bsw","tag-demokratie","tag-deutschland","tag-diplomatie","tag-eu","tag-frieden","tag-front","tag-krieg","tag-kriegspropaganda","tag-medien","tag-moskau","tag-nato","tag-ngo","tag-presse","tag-russland","tag-spaltung","tag-spd","tag-terroranschlaege","tag-traumatisierung","tag-ukraine-konflikt"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/Patrik-Baab_Ulrich-Heyden_15-06-25_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-5Mt","jetpack-related-posts":[{"id":18490,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=18490","url_meta":{"origin":22225,"position":0},"title":"Russland \u2013 zwischen Feindesland und neuer Heimat","author":"Webredaktion","date":"8. 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Seit 1992 ist\u2026","rel":"","context":"In &quot;Kultur &amp; Kunst&quot;","block_context":{"text":"Kultur &amp; Kunst","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?cat=913"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Ulrich_Heyden_FaM_2024_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Ulrich_Heyden_FaM_2024_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200 1x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Ulrich_Heyden_FaM_2024_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=525%2C300 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/Ulrich_Heyden_FaM_2024_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=700%2C400 2x"},"classes":[]},{"id":18103,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=18103","url_meta":{"origin":22225,"position":1},"title":"Echter Journalismus und falsche EU","author":"Webredaktion","date":"9. 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