{"id":19048,"date":"2024-05-11T12:49:58","date_gmt":"2024-05-11T10:49:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=19048"},"modified":"2024-06-03T19:57:18","modified_gmt":"2024-06-03T17:57:18","slug":"vor-zehn-jahren-ukrainische-soldaten-beschiessen-demonstration-zum-9-mai-und-polizei-zentrale-in-mariupol","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=19048","title":{"rendered":"Vor zehn Jahren: Ukrainische Soldaten beschie\u00dfen Demonstration zum 9. Mai und Polizei-Zentrale in Mariupol"},"content":{"rendered":"<p><em>von <strong>Ulrich Heyden<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 09.05.2024 auf den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114968\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a><\/span><\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf\u00fcgbar.<\/em><\/p>\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-19048-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3?_=1\" \/><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3<\/a><\/audio>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bereitgestellt von den\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114968\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a>\u00a0|\u00a0<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240508-Mariupol-vor-zehn-Jahren-NDS.mp3\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Download<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Angriff ukrainischer Soldaten, Nationalgardisten und Asow-Mitglieder auf eine Demonstration zum Tag des Sieges \u00fcber Hitler-Deutschland am 9. Mai 2014 in Mariupol und die Beschie\u00dfung der \u00f6rtlichen Polizeizentrale, wo sich meuternde Polizisten verbarrikadiert hatten, am gleichen Tag waren nach <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=114630\">dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa<\/a> ein weiterer Z\u00fcndfunken im ukrainischen B\u00fcrgerkrieg. In Mariupol starben am 9. Mai 2014 durch die Kugeln ukrainischer Sicherheitskr\u00e4fte 26 Menschen. 35 Personen wurden verletzt.<\/p>\n<p>Die Gewalt in Mariupol war Folge des ukrainischen B\u00fcrgerkrieges, der nach dem Staatsstreich in Kiew am 22. Februar 2014 begann. Am 23. Februar wurde von der Werchowna Rada das Gesetz \u00fcber die Regionalsprachen zur\u00fcckgerufen. Nach dem Gesetz war die russische Sprache in den Regionen, in denen mehr als zehn Prozent der Einwohner russischer Abstammung waren, zweite offizielle Sprache. In die neue ukrainische Regierung wurden mehrere Minister der rechtsradikalen Partei Swoboda berufen.<\/p>\n<p>Im vorwiegend russischsprachigen S\u00fcdosten der Ukraine kochten die Emotionen nach diesen Entscheidungen hoch. Am 6. April 2014 besetzten im Anschluss an gro\u00dfe Demonstrationen Anti-Maidan-Aktivisten die Gebietsverwaltungen der St\u00e4dte Charkow, Lugansk und Donezk.<\/p>\n<p>Am 12. April 2014 besuchte der CIA-Direktor John Brennan Kiew. Bei den Beratungen mit der ukrainischen Regierung wurde offenbar der Beschluss gefasst, eine Anti-Terror-Operation in der S\u00fcdost-Ukraine zu starten. Am Tag darauf gab der gesch\u00e4ftsf\u00fchrende ukrainische Pr\u00e4sident, Aleksandr Turtschinow, den Beginn einer Anti-Terror-Operation im S\u00fcdosten der Ukraine bekannt.<\/p>\n<h5>Den 9. Mai 2014 wird man in Mariupol nie vergessen<\/h5>\n<p>In Mariupol hatte es schon seit Mitte April 2014 gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen zwischen Anh\u00e4ngern der am 7. April ausgerufenen \u201eVolksrepublik Donezk\u201c und ukrainischen Sicherheitskr\u00e4ften gegeben. Am 13. April besetzten Anh\u00e4nger der Volksrepublik die Stadtverwaltung von Mariupol. Am 7. Mai eroberten ukrainische Sicherheitskr\u00e4fte unter Einsatz von Tr\u00e4nengas die besetzte Stadtverwaltung zur\u00fcck und verhafteten die Besetzer.<\/p>\n<p>Die Spannung in der Industriestadt Mariupol stieg von Tag zu Tag. In die Stadt waren ukrainische Milit\u00e4reinheiten der 72. Brigade, Einheiten der Nationalgarde und des neu gegr\u00fcndeten rechtsradikalen Freiwilligenbataillons Asow einger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Mariupol geh\u00f6rte zum ukrainischen Verwaltungsgebiet Donezk. F\u00fcr den 11. Mai 2014 hatten die Aufst\u00e4ndischen, die in Donezk und Lugansk bereits Regierungsgeb\u00e4ude besetzt hatten, ein Referendum \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit der Volksrepublik Donezk und Lugansk angesetzt. Diese Referenden versuchte die Regierung in Kiew durch den Einsatz von Milit\u00e4r zu verhindern.<\/p>\n<p>Als am 9. Mai im Zentrum von Mariupol eine Demonstration zum Tag des Sieges \u00fcber Hitler-Deutschland stattfand, schossen ukrainische Soldaten und Sicherheitskr\u00e4fte wahllos auf unbewaffnete Demonstranten und Passanten, s\u00e4uberten die Gebietsverwaltung, sch\u00fcchterten die Anwohner der Stadt mit Gewehrsalven ein und jagten mit ihren Sch\u00fctzenpanzern \u00fcber von Anwohnern errichtete Barrikaden. Anwohner versuchten, mit nackten H\u00e4nden ukrainische Sch\u00fctzenpanzer aufzuhalten und Soldaten zum R\u00fcckzug zu \u00fcberreden.<\/p>\n<p>Bereits am Morgen des 9. Mai hatten ukrainische Soldaten die Polizei-Zentrale von Mariupol mit schweren Waffen beschossen. Ukrainisches Milit\u00e4r brach mit gepanzerten Fahrzeugen Breschen in die Polizei-Zentrale. Das Geb\u00e4ude geriet in Brand. Polizisten versuchten, sich mit einem Sprung aus dem Fenster zu retten. Das offizielle Kiew begr\u00fcndete die Beschie\u00dfung damit, dass <a href=\"http:\/\/www.gazeta.ru\/politics\/2014\/05\/09_a_6024521.shtml\">60 Separatisten die Polizei-Zentrale angegriffen h\u00e4tten<\/a>. Der wahre Grund f\u00fcr den Angriff auf die Polizeizentrale war jedoch, dass die Polizisten sich geweigert hatten, auf die Teilnehmer der Demonstration zum Siegestag zu schie\u00dfen.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Beschie\u00dfung der Polizeizentrale von Mariupol war der Hilferuf des st\u00e4dtischen Polizei-Chefs Waleri Andrustschik gewesen. Dieser war erst am 1. Mai 2014 von der Regierung in Kiew als neuer Polizei-Chef eingesetzt worden. Als er seinen Untergebenen befahl, auf \u201eProvokateure\u201c, die angeblich in gro\u00dfer Zahl an der Parade zum Siegestag teilnehmen, ohne Vorwarnung zu schie\u00dfen, wollten seine Untergebenen den Befehl nicht ausf\u00fchren. Um sich Respekt zu verschaffen, soll der Polizei-Chef dann angeblich einen seiner Untergebenen mit einem Schuss aus der Dienstwaffe verletzt und sich danach in seinem Dienstzimmer verbarrikadiert haben. Von dort rief er die ukrainischen Milit\u00e4rs um Hilfe. Die r\u00fcckten mit Sch\u00fctzenpanzern sowie Angeh\u00f6rigen der Nationalgarde und Mitgliedern paramilit\u00e4rischer Gruppen an und begannen, das Geb\u00e4ude <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=WExEvZYR6yU\">zu beschie\u00dfen<\/a>.<\/p>\n<p>Die Anwohner von Mariupol waren emp\u00f6rt. Sie riefen \u201efasst unsere Polizei nicht an!\u201c, \u201everschwindet aus unserer Stadt\u201c, \u201eFaschisten\u201c.<\/p>\n<h5>Das Referendum fand trotzdem statt<\/h5>\n<p>Trotz der tragischen Ereignisse in Mariupol fanden in den von Separatisten kontrollierten Gebieten der Verwaltungseinheiten Donezk und Lugansk Referenden \u00fcber die Unabh\u00e4ngigkeit statt. Auf den Abstimmungszetteln stand in russischer und ukrainischer Sprache eine einzige Frage: \u201eUnterst\u00fctzen sie den Akt der staatlichen Unabh\u00e4ngigkeit der Volksrepublik Donezk?\u201c<\/p>\n<p>Die Beteiligung an den Referenden lag nach Angaben der Zentralen Wahlkommission im Gebiet Donezk bei 71 Prozent und im Gebiet Lugansk, wo ebenfalls abgestimmt wurde, bei 80 Prozent. Im Gebiet Donezk stimmten 89 Prozent, im Gebiet Lugansk 96 Prozent f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<h5>Privatarmee des Oligarchen Kolomoiski schoss in die Menge<\/h5>\n<p>Nicht \u00fcberall verlief das Referendum friedlich. In der Stadt Krasnoarmejsk im Gebiet Donezk blockierten Mitglieder einer bewaffneten Einheit aus Dnjepopetrowsk das in der Gebietsverwaltung untergebrachte Wahllokal. Weil die bewaffneten M\u00e4nner mit gepanzerten Autos der \u201ePrivatbank\u201c gekommen waren, gingen Beobachter davon aus, dass es sich um Mitglieder der Sicherheitstruppe von Privatbank-Besitzer Igor Kolomoiski handelte.<\/p>\n<p>Als die unbewaffneten B\u00fcrger der Stadt den Mitgliedern der Spezialeinheit aus Protest gegen die Blockade des Wahllokals den Weg versperrten, schossen die Mitglieder der Spezialeinheit \u2013 offenbar in Panik \u2013 in die Menge. Wie der Korrespondent des westlich orientierten Radios <em>Echo Moskwy<\/em> per Twitter berichtete, wurde ein unbewaffneter B\u00fcrger get\u00f6tet, mehrere Menschen wurden verletzt.<\/p>\n<h5>Oligarch Achmetow forderte Einstellung der Milit\u00e4roperationen<\/h5>\n<p>Der damals reichste Mann der Ukraine, der Oligarch Rinat Achmetow, dem im Donbass zahlreiche gro\u00dfe Betriebe geh\u00f6rten, unter anderem auch die Stahlh\u00fctte in Mariupol mit 30.000 Mitarbeitern, rief die Regierung in Kiew Anfang Mai 2014 dazu auf, die Kiewer Milit\u00e4roperation im S\u00fcdosten der Ukraine abzubrechen. Der <a href=\"http:\/\/www.metinvestholding.com\/ru\/press\/news\/show\/2903\">Oligarch argumentierte<\/a>, \u201eweitere Milit\u00e4roperationen auf dem Territorium des Donbass f\u00fchren nur dazu, dass die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung das Vertrauen und die Achtung vor der Macht verliert\u201c.<\/p>\n<p>Oligarch Achmetow geh\u00f6rte zu den F\u00f6rderern des gest\u00fcrzten ukrainischen Pr\u00e4sidenten Viktor Janukowitsch, wechselte aber sp\u00e4ter ins Lager der Kiewer Staatsstreich-Regierung.<\/p>\n<p>Bis zum Einmarsch der russischen Armee in die Ukraine versuchte Kiew, die Stadt Mariupol zur \u201eHauptstadt\u201c des Gebiets Donezk auszubauen. In der Stadt wurden zahlreiche Milit\u00e4reinheiten mit schwerer Bewaffnung stationiert.<\/p>\n<p>Als die russische Armee Mariupol Ende Februar 2022 angriff, verbarrikadierten sich ukrainische Milit\u00e4reinheiten und Asow-Mitglieder \u2013 nach russischen Angaben \u2013 vorwiegend in Krankenh\u00e4usern, Schulen und Wohnh\u00e4usern. Das war offenbar einer der Gr\u00fcnde, warum ein gro\u00dfer Teil der Stadt bei den K\u00e4mpfen Anfang 2022 zerst\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>In den letzten zwei Jahren wurde zahlreiche Geb\u00e4ude wieder instand gesetzt. Mariupol tr\u00e4gt noch die Zeichen des Krieges. In der Stadt ist es aber nach Berichten von Augenzeugen ruhiger als in Donezk und Lugansk.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ulrich Heyden arbeitet seit 1992 als freier Korrespondent f\u00fcr deutschsprachige Medien in Moskau <\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Ausgebrannte Polizeistation in Mariupol 2014<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Carl Ridderstr\u00e5le, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=64001649\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=64001649<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Ulrich Heyden<\/b><br \/>\nDer Angriff ukrainischer Soldaten, Nationalgardisten und Asow-Mitglieder auf eine Demonstration zum Tag des Sieges \u00fcber Hitler-Deutschland am 9. Mai 2014 in Mariupol und die Beschie\u00dfung der \u00f6rtlichen Polizeizentrale, wo sich meuternde Polizisten verbarrikadiert hatten, am gleichen Tag waren nach dem Brand des Gewerkschaftshauses in Odessa ein weiterer Z\u00fcndfunken im ukrainischen B\u00fcrgerkrieg. In Mariupol starben am 9. Mai 2014 durch die Kugeln ukrainischer Sicherheitskr\u00e4fte 26 Menschen. 35 Personen wurden verletzt. Die Gewalt in Mariupol war Folge des ukrainischen B\u00fcrgerkrieges, der nach dem Staatsstreich in Kiew am 22. Februar 2014 begann. Am 23. Februar wurde von der Werchowna Rada das Gesetz \u00fcber die Regionalsprachen zur\u00fcckgerufen. 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