{"id":17697,"date":"2023-12-28T01:36:39","date_gmt":"2023-12-28T00:36:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17697"},"modified":"2024-01-20T11:06:09","modified_gmt":"2024-01-20T10:06:09","slug":"als-wir-am-heiligen-abend-besuch-bekamen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17697","title":{"rendered":"Als wir am Heiligen Abend Besuch bekamen"},"content":{"rendered":"<p>Drau\u00dfen lag eine d\u00fcnne Schneedecke auf den Wegen zwischen den Baracken, es grieselte und die Dunkelheit war schon nachmittags um vier Uhr hereingebrochen. Es war der Hungerwinter 1946, im ersten Jahr nach dem Ende des Krieges. Wir froren, obwohl wir unsere St\u00fchle nah an den Ofen ger\u00fcckt hatten, einen l\u00e4nglichen Blechkasten, Brennhexe genannt, in dem ein Torffeuer brannte. Meine Mutter holte Decken, in die wir uns einh\u00fcllten.<\/p>\n<p><em>Eine Nachkriegsgeschichte von <strong>Wolfgang Bittner<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 24.12.2023 auf den <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108436\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NachDenkSeiten<\/a><\/span><\/p>\n<p>Auf der Herdplatte lagen vier Brotscheiben, die meine Schwester und ich mit hungrigen Augen bewachten. Als sie endlich von beiden Seiten gebr\u00e4unt waren, erhielt jeder so ein R\u00f6stbrot, das wir mit einer Knoblauchzehe einrieben. \u201eDen Geruch mochte ich noch nie\u201c, sagte mein Vater. Bed\u00e4chtig kauend, schien er dem Geschmack nachzusp\u00fcren und setzte hinzu: \u201eAber ist es nicht ein Genuss?\u201c Er nickte uns zu und legte sein linkes Bein mit der Kriegsverletzung auf einen Schemel.<\/p>\n<p>\u201eSchmeckt gut, ist nur zu wenig\u201c, erwiderte ich. Mir knurrte schon seit Tagen der Magen, denn ein richtiges Essen, so eins, von dem man satt wurde, hatte es schon l\u00e4nger nicht mehr gegeben. \u201eNachher, wenn wir die Kerze angez\u00fcndet haben, gibt es noch ein leckeres S\u00fcppchen\u201c, vertr\u00f6stete mich meine Mutter. Sie hatte ein paar Kartoffeln und einen Klecks Schmalz aufgespart, dazu eine Steckr\u00fcbe. Ich wollte beim Kochen helfen und konnte es kaum erwarten.<\/p>\n<p>Eigentlich war es ganz gem\u00fctlich, wie wir im D\u00e4mmerlicht einer von der Decke herabh\u00e4ngenden Gl\u00fchbirne um den Ofen herum sa\u00dfen. Meine Mutter begann, uns eine Geschichte zu erz\u00e4hlen, was sie gern und \u00f6fter tat. Sie war eine begabte Erz\u00e4hlerin und wusste viele Geschichten, die zumeist in Schlesien spielten, woher wir vor einem Jahr gekommen waren. Das hei\u00dft, mein Vater war schon vorher im Lager gewesen, das urspr\u00fcnglich ein Lazarett f\u00fcr verwundete Soldaten war.<\/p>\n<p>Die Geschichte handelte von Bergleuten, die im Gebirge nach Edelsteinen und wertvollen Erzen gruben. Tief unter der Erde schlugen sie in einem engen Stollen die Steine und das Erz aus dem Felsen heraus. Aber eines Tages war ein Knistern und ein Grollen zu vernehmen, das immer mehr anschwoll, bis der Stollen krachend zusammenbrach. Der Eingang wurde versch\u00fcttet, die Laternen waren verl\u00f6scht und um die Bergleute war nur noch undurchdringliche Dunkelheit. Zwei Tage mussten sie voller Angst in dieser unheimlichen Finsternis verharren. Da bemerkte einer von ihnen pl\u00f6tzlich einen schwachen Lichtschein, wie von einer Grubenlampe, am Ende des Stollens, wo es eigentlich nicht mehr weiterging. \u201eDer Berggeist\u201c, rief der Mann, \u201eer gibt uns ein Zeichen!\u201c Hastig krochen die M\u00e4nner durch ein Gewirr von Steinbrocken, H\u00f6lzern und geknickten St\u00fctzbalken auf das flimmernde Licht zu, dem sie allm\u00e4hlich n\u00e4her kamen. Und schlie\u00dflich \u00f6ffnete sich vor ihnen ein Notausgang in den hellen Tag hinein.<\/p>\n<p>Nachdem meine Mutter geendet hatte, herrschte eine Weile Schweigen. Dann sagte meine kleine Schwester: \u201eGut, dass die armen Bergleute von dem Berggeist gerettet wurden.\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, sie waren wirklich sehr arm, damals in Schlesien\u201c, erwiderte mein Vater. \u201eSie mussten jeden Tag in die Dunkelheit hinabsteigen und verdienten so wenig, dass sie kaum ihre Familien ern\u00e4hren konnten.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWaren sie denn noch \u00e4rmer als wir?\u201c, wollte meine Schwester wissen.<\/p>\n<p>\u201eIch glaube, sie waren noch viel \u00e4rmer\u201c, meinte meine Mutter. \u201eUnd sie lebten in st\u00e4ndiger Angst vor einem Ungl\u00fcck.\u201c<\/p>\n<p>Ich stellte mir noch die Bergleute in ihrem finsteren Stollen vor, als es unvermittelt an der T\u00fcr klopfte. \u201eWer kann denn das um diese Zeit sein?\u201c, murmelte mein Vater und stand auf. \u201eEs ist bestimmt der Weihnachtsmann!\u201c, vermutete ich, lief zur T\u00fcr und \u00f6ffnete. Und wirklich stand da in dem Schneegest\u00f6ber, das inzwischen eingesetzt hatte, ein Mann in einem verschneiten Kapuzenmantel. Er hatte zwei Koffer abgestellt, die er wieder aufnahm und hereinbrachte. \u201eMensch, Helmut\u201c, h\u00f6rte ich meinen Vater sagen. \u201eDu lebst und bist gesund!\u201c<\/p>\n<p>Der geheimnisvolle Besucher sch\u00fcttelte den Schnee von seinem Mantel und umarmte meine Eltern. Es war der Bruder meines Vaters, von dem die Eltern nicht gewusst hatten, ob er noch lebte. Wir setzten uns an den Tisch, wo es heller war, und mein Onkel musste erz\u00e4hlen, wie es ihm ergangen war und woher er kam. Doch kaum hatte er begonnen, sprang er wieder auf, um einen der Koffer zu \u00f6ffnen. Zum Vorschein kamen mehrere W\u00fcrste, Corned Beef, K\u00e4se, Reis, Nudeln, Dosen mit Obst, zwei Flaschen Wein, S\u00fc\u00dfigkeiten und ein gro\u00dfes Wei\u00dfbrot.<\/p>\n<p>\u201eFrohe Weinachten!\u201c, w\u00fcnschte uns mein Onkel. \u201eWenn ich mich nicht t\u00e4usche, ist heute Heilig Abend.\u201c Er verteilte Kekse und Schokolade und begann, eine Apfelsine zu sch\u00e4len. Meiner Schwester und mir gingen die Augen \u00fcber. \u201eVorsicht, nicht zu viel auf einmal!\u201c, warnte meine Mutter, \u201esonst bekommt ihr Bauchweh und Durchfall. Nachdem wir so etwas lange nicht mehr gegessen haben, muss sich der Magen erst wieder darauf einstellen.\u201c<\/p>\n<p>Mein Onkel erz\u00e4hlte, dass er gleich nach Kriegsende eine Stelle als Dolmetscher bei den Kanadiern gefunden hatte. \u201eSie sind fair und gro\u00dfz\u00fcgig\u201c, meinte er, \u201eund was das Essen angeht, sorgen sie f\u00fcr sich.\u201c Er deutete auf die mitgebrachten Lebensmittel und f\u00fcgte lachend hinzu: \u201eWie ihr seht, konnte ich einiges abzweigen.\u201c Noch Ende 1944 war er verwundet worden: \u201eSchuss in den Oberarm, Knochenbruch.\u201c Er zuckte mit den Schultern und meinte, die Wunde sei gut verheilt, aber der Arm jetzt einige Zentimeter k\u00fcrzer. \u201eGl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Es ist der linke Arm, und ich bin bekanntlich Rechtsh\u00e4nder. Jetzt muss ich immer den linken \u00c4rmel meiner Hemden und Jacken k\u00fcrzen lassen.\u201c<\/p>\n<p>Ihm war aufgefallen, dass mein Vater humpelte. \u201eWas ist passiert?\u201c, erkundigte er sich, und mein Vater berichtete von seiner Verwundung. Der Splitter einer Granate hatte ihn getroffen und er hatte wochenlang auf Leben und Tod im Lazarett gelegen. Auch er sprach von Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck. Denn er vermochte den Milit\u00e4rarzt davon abzuhalten, sein Bein zu amputieren. Au\u00dferdem war ihm durch die Verwundung \u2013 ebenso wie meinem Onkel \u2013 die Gefangenschaft erspart geblieben.<\/p>\n<p>Inzwischen war es immer sp\u00e4ter geworden und der Hunger holte uns in die Realit\u00e4t zur\u00fcck. Da mein Onkel auch W\u00fcrste mitgebracht hatte, lie\u00df sich aus den vorhandenen Kartoffeln, der Steckr\u00fcbe und dem Schmalz mit einer der Mettw\u00fcrste eine k\u00f6stliche Suppe kochen. Zum Nachtisch gab es Wei\u00dfbrot mit holl\u00e4ndischem K\u00e4se und danach noch Pfirsiche aus der Dose. So gut war es uns lange nicht mehr gegangen. Nach diesem opulenten Mahl \u00f6ffnete mein Onkel f\u00fcr sich und die Eltern eine Flasche Wein. Wir Kinder durften aufbleiben, f\u00fcr uns gab es s\u00fc\u00dfen Tee, und wir lauschten mit hei\u00dfen Ohren den Erz\u00e4hlungen der Erwachsenen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter kam die Sprache noch auf meine Gro\u00dfeltern, die ebenfalls aus Schlesien vertrieben worden waren und jetzt in Sachsen in der sowjetischen Besatzungszone lebten. Das hatte mein Onkel noch nicht gewusst, er wollte sich um eine Genehmigung bem\u00fchen, sie zu besuchen. Die zuvor gro\u00dfe Familie war jetzt \u2013 soweit sie noch lebte \u2013 in alle Winde zerstreut. Aber an diesem Abend waren wir Davongekommenen wieder vereint. Wir waren gl\u00fccklich zusammen und feierten den Heiligen Abend. Wenn ich so zur\u00fcckdenke, war es eines der sch\u00f6nsten Weihnachtsfeste, die ich erlebt habe. Es dauerte dann allerdings noch einige Jahre, bis die Schrecken des Krieges allm\u00e4hlich verblassten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dr. Wolfgang Bittner, Jahrgang 1941, lebt als freier Schriftsteller in G\u00f6ttingen und ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/photos\/weihnachten-kerze-advent-5826025\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">pixabay.com<\/a> \/ <a class=\"userName--owby3\" href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/franz26-1553839\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Franz26<\/a> \/ <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/service\/license-summary\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Inhaltslizenz<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Eine Nachkriegsgeschichte von Wolfgang Bittner<\/b><br \/>\nDrau\u00dfen lag eine d\u00fcnne Schneedecke auf den Wegen zwischen den Baracken, es grieselte und die Dunkelheit war schon nachmittags um vier Uhr hereingebrochen. Es war der Hungerwinter 1946, im ersten Jahr nach dem Ende des Krieges. Wir froren, obwohl wir unsere St\u00fchle nah an den Ofen ger\u00fcckt hatten, einen l\u00e4nglichen Blechkasten, Brennhexe genannt, in dem ein Torffeuer brannte. Meine Mutter holte Decken, in die wir uns einh\u00fcllten. Auf der Herdplatte lagen vier Brotscheiben, die meine Schwester und ich mit hungrigen Augen bewachten. Als sie endlich von beiden Seiten gebr\u00e4unt waren, erhielt jeder so ein R\u00f6stbrot, das wir mit einer Knoblauchzehe einrieben. \u201eDen Geruch mochte ich noch nie\u201c, sagte mein Vater. Bed\u00e4chtig kauend, schien er dem Geschmack nachzusp\u00fcren und setzte hinzu: \u201eAber ist es nicht ein Genuss?\u201c Er nickte uns zu und legte sein linkes Bein mit der Kriegsverletzung auf einen Schemel.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17698,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[1162,913],"tags":[648,491,1727,188,1390,992,2048],"class_list":["post-17697","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-geschichte","category-kultur-kunst","tag-2-weltkrieg","tag-geschichte","tag-hunger","tag-krieg","tag-literatur","tag-vertreibung","tag-verwundungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/christmas-5826025_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-4Br","jetpack-related-posts":[{"id":17635,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17635","url_meta":{"origin":17697,"position":0},"title":"Ausgewandert: Unser Weg nach Ungarn","author":"Webredaktion","date":"12. 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