{"id":17564,"date":"2023-11-22T23:59:04","date_gmt":"2023-11-22T22:59:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17564"},"modified":"2023-12-24T01:43:07","modified_gmt":"2023-12-24T00:43:07","slug":"dann-eben-ein-gemeinsamer-staat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=17564","title":{"rendered":"\u201eDann eben ein gemeinsamer Staat\u201c"},"content":{"rendered":"<p><i>Wer nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr die aktuellen Gewaltexzesse in Pal\u00e4stina sucht, k\u00f6nnte vielleicht bei Jeff Halper, dem Gr\u00fcnder des &#8222;Israeli Committee Against House Demolitions (ICAHD)&#8220; f\u00fcndig werden, der von J\u00fcrgen Rose schon vor Jahren zu dieser Problematik interviewt wurde. Wir ver\u00f6ffentlichen hier ein Interview aus dem Jahre 2009, welches nichts an Aktualit\u00e4t verloren hat.<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\"><i>Webredaktion<\/i><\/p>\n<hr \/>\n<p><em><span class=\"text_small\">Interview von <strong>J\u00fcrgen Rose<\/strong> mit <strong>Prof. Jeff Halper<\/strong> vom Israelischen Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung<\/span><\/em><\/p>\n<p><span class=\"text_teaser_cc\">Das \u201cIsraelische Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung\u201c ist eine israelische B\u00fcrgerrechtsgruppe in Jerusalem, die sich f\u00fcr die Rechte von Pal\u00e4stinensern in den besetzten Gebieten einsetzt. Hauptanliegen der Proteste und gewaltfreien Aktionen der Gruppe sind das Aufzeigen von Menschenrechtsverletzungen, Verhinderung von H\u00e4userzerst\u00f6rungen sowie deren Wiederaufbau und ein eigenst\u00e4ndiger, gleichberechtigter pal\u00e4stinensischer Staat. Gegr\u00fcndet wurde die Organisation von Jeff Halper, ehemaliger Professor f\u00fcr Anthropologie an der Ben-Gurion-Universit\u00e4t. Das Komitee wird finanziert sich aus Spenden und wird von der Europ\u00e4ischen Kommission unterst\u00fctzt.<\/span><\/p>\n<p><em>J\u00fcrgen Rose: Aus welchem Grund haben Sie das \u201cIsraelische Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung\u201c gegr\u00fcndet \u2013 gab es ein Schl\u00fcsselerlebnis hierf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Jeff Halper: Ja und nein. Zun\u00e4chst wuchs ich als Kind der 60er Jahre auf \u2013 wir waren damals die \u201eBlumenkinder\u201c. Und die Sechziger waren sehr politisch. Auch ich selbst, ich war immer links, ob in der Bewegung gegen den Vietnam-Krieg oder in der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Und als ich sp\u00e4ter nach Israel ging, hatte ich keine romantischen Vorstellungen, sondern da war mir bewu\u00dft, da\u00df dort ein Besatzungsregime existierte. Deshalb war das erste, was ich in Israel tat, der israelischen Friedensbewegung beizutreten. Dort lernte ich dann \u00fcbrigens auch meine Frau kennen \u2013 schon in der ersten Woche haben wir uns bei einer politischen Veranstaltung getroffen. Ich war also schon viele Jahre lang friedenspolitisch aktiv. Den konkreten Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Gr\u00fcndung unseres <em>\u201c<\/em>Komitees gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung<em>\u201c <\/em>lieferte dann die Wahl Benjamin Netanyahus im Jahr 1996. Dies geschah auf Grundlage einer klaren Anti-Friedensprogrammatik und beendete definitiv den israelisch-pal\u00e4stinensischen Friedensproze\u00df. Die Besatzung verst\u00e4rkte sich daraufhin auf eine sehr brutale Weise: H\u00e4userzerst\u00f6rungen, milit\u00e4rische Einm\u00e4rsche, Israels Verweigerung eines R\u00fcckzuges trotz der Vereinbarungen von Oslo. Ein knappes Jahr sp\u00e4ter schlo\u00df sich eine Gruppe von <em>\u201c<\/em>Linken\u201c zusammen, um Widerstand gegen die Besatzung zu leisten, weil diese ganz offensichtlich aufrechterhalten werden sollte und Israel sich einer Zwei-Staaten-L\u00f6sung verweigerte. Netanyahu war also der ausschlaggebende Faktor. Wir entschlossen uns, das Thema der H\u00e4userzerst\u00f6rungen in den Mittelpunkt unserer Aktivit\u00e4ten zu stellen. Allerdings dauerte es fast ein Jahr bis wir erstmals Augenzeuge einer Hauszerst\u00f6rung wurden, da diese \u00fcblicherweise im Morgengrauen, still und heimlich durchgef\u00fchrt wurden. Und bei dieser Gelegenheit habe ich mich dann ganz spontan entschlossen, mich dem Bulldozer entgegenzustellen. Da begann mein physischer Widerstand unter Einsatz meines K\u00f6rpers. Das charakterisierte im Folgenden dann den Modus unserer Aktionen, n\u00e4mlich ganz bodenst\u00e4ndig, gemeinsam mit den Pal\u00e4stinensern.<\/p>\n<p><em>JR: Was dachten Sie Sie angesichts dessen, als die amerikanische Friedensaktivistin <\/em><em>Rachel Corrie w\u00e4hrend einer solchen Aktion von einem israelischen Bulldozer zerquetscht\u00a0wurde?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ich kannte sie bis dahin gar nicht. Sie geh\u00f6rte zur internationalen Solidarit\u00e4tsbewegung und war vorher in Gaza. Wir waren allesamt \u00e4u\u00dferst emp\u00f6rt \u00fcber die Tat, vor allem weil es noch nicht einmal eine Untersuchung gab. Selbst die USA weigerten sich zu ermitteln. Mittlerweile kennen wir Rachels Familie gut und arbeiten mit der Rachel-Corrie-Stiftung zusammen. Sie war eine \u00e4u\u00dferst engagierte Pers\u00f6nlichkeit und ihr Tod wirklich ein gro\u00dfer Verlust. Heute freilich stellt sie ein sehr wirkungsm\u00e4chtiges Symbol dar.<\/p>\n<p><em>JR: Ihr Tod hat Sie demnach nur noch in Ihrer Auffassung best\u00e4rkt, da\u00df Sie mit Ihrem <\/em><em>Engagement auf dem richtigen Weg waren und sind?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Das wu\u00dften wir nat\u00fcrlich immer schon. Aber man mu\u00df folgendes bedenken: Pal\u00e4stinenser sterben st\u00e4ndig, oftmals ohne da\u00df \u00fcberhaupt dar\u00fcber berichtet wird, und aus nichtigen Anl\u00e4ssen. Mal hat einer die Anweisungen an einem Kontrollposten nicht geh\u00f6rt und wird erschossen oder er hat Widerstand gegen die Zerst\u00f6rung seines Hauses geleistet. Israelis und internationale Aktivisten dagegen genie\u00dfen einen gewissen Schutz. Wir sind in gewisser Weise privilegiert, insbesondere wenn wir j\u00fcdisch sind. Sie k\u00f6nnen uns nicht einfach schlagen oder erschie\u00dfen. Allerdings hat uns Rachel Corys Tod vor Augen gef\u00fchrt, da\u00df auch wir verwundbar sind, da\u00df der Schutz nicht vollkommen ist. Wir haben verstanden, da\u00df man sich wirklich entscheiden mu\u00df und da\u00df es sich keineswegs um ein Spiel handelt. Es handelt sich um eine Sache von Leben und Tod und man mu\u00df dar\u00fcber sich klar werden, ob man diesen Preis wirklich zu zahlen bereit ist.<\/p>\n<p><em>JR: Worin besteht das Ziel ihrer Aktivit\u00e4ten und wie sch\u00e4tzen Sie die Erfolgsaussichten <\/em><em>ein?<\/em><\/p>\n<p><strong>Die Ein-Staat-L\u00f6sung<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ich denke unsere Arbeit ist schon sehr effektiv. In Israel selbst werden wir zwar ignoriert \u2013 niemand kennt uns, niemand spricht mit uns, weil wir nicht zionistisch sind. Aber wir sind Israelis und als solche k\u00f6nnen wir uns beispielsweise f\u00fcr den Fall, da\u00df die Zwei-Staaten-L\u00f6sung nicht funktioniert \u2013 und sie wird nicht funktionieren, weil Israel selbst sie eliminiert hat \u2013 die Ein-Staat-L\u00f6sung vorstellen. Wir haben kein Problem damit, mit den Pal\u00e4stinensern zusammenzuleben und zu versuchen, eine multikulturelle Gesellschaft zu errichten. Allein schon diese Idee bef\u00f6rdert uns zuhause v\u00f6llig ins Abseits. International dagegen arbeiten wir buchst\u00e4blich mit Tausenden von gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Organisationen zusammen. Und ich denke, da\u00df es uns in den vergangenen Jahren erfolgreich gelungen ist, unser Ziel zu einem zentralen, global bedeutsamen Thema zu machen, genauso wie dies zuvor mit der Anti-Apartheid-Politik gegen S\u00fcdafrika geschehen war. Dabei wir arbeiten wir keineswegs ausschlie\u00dflich mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen, sondern auch mit Regierungen. Und langsam fangen die Leute an zu begreifen \u2013 auch die US-Regierung. Unsere Stimme wird vernommen, unsere Informationen werden beachtet, unsere Analysen gelesen und auch die Politiker h\u00f6ren uns zu. Selbst wenn man uns also in Israel nicht anh\u00f6rt, so versuchen wir, das Interesse der internationalen Gemeinschaft zu mobilisieren.<\/p>\n<p><em>JR: Eine Art dialektischer Proze\u00df also, dergestalt da\u00df Ihr Anliegen auf dem Weg \u00fcber <\/em><em>das Ausland schlie\u00dflich nach Israel findet?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Genau, und am Ende f\u00e4llt Netanyahu die Synthese auf den Kopf.<\/p>\n<p><em>JR: Haben Sie eine kurzfristige Perspektive f\u00fcr den Friedensproze\u00df einerseits, und wie <\/em><em>sieht Ihre l\u00e4ngerfristige Vision f\u00fcr eine dauerhafte Friedensl\u00f6sung andererseits <\/em><em>aus?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Nein, denn meines Erachtens mu\u00df schon ganz am Anfang eine wirkliche Friedensl\u00f6sung stehen. Diese mu\u00df gerecht und praktikabel sein. Und wenn es nicht die Zwei-Staaten-L\u00f6sung ist, dann mu\u00df es eben ein gemeinsamer Staat sein. Und wenn es auch letzteres nicht sein kann, dann gibt es da immer noch die Option f\u00fcr eine \u201cMiddle East Economic Confederation\u201c <em>(Wirtschaftsgemeinschaft f\u00fcr den Mittleren Osten)<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Vertrauen aufbauen und tragf\u00e4hige Strukturen schaffen<\/strong><\/p>\n<p><em>JR: Nach dem Modell Europ\u00e4ischen Union?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ja, aber nicht in Form der politischen Union von heute, sondern mehr dergestalt, wie sich die EU vor drei\u00dfig Jahren darstellte, also eher als eine Wirtschaftsgemeinschaft. Dieser sollten Israel, Pal\u00e4stina, Jordanien, Syrien und Libanon angeh\u00f6ren. Dies w\u00fcrde \u00fcbrigens die vormals historische Einheit dieser Weltregion wiederherstellen. Ohnehin w\u00e4re Israel-Pal\u00e4stina zu klein, um die Probleme wirklich bew\u00e4ltigen zu k\u00f6nnen. Denn diese sind regional, egal ob es sich um das Fl\u00fcchtlingsproblem handelt oder um die Frage der Wasserverteilung, um die wirtschaftliche Entwicklung oder die internationale Sicherheit. Auch wir leisten nicht nur Widerstand und protestieren, ganz im Gegenteil: Wir denken kreativ \u00fcber den Tellerrand hinweg und versuchen Ans\u00e4tze f\u00fcr konstruktive Probleml\u00f6sungen zu entwickeln. So scheint es f\u00fcr uns durchaus vorstellbar, da\u00df die internationale Gemeinschaft Israel und den Pal\u00e4stinensern sagt, da\u00df es zehn Jahre dauern werde, bis eine politische L\u00f6sung gefunden sei, weil man zun\u00e4chst Vertrauen aufbauen und tragf\u00e4hige Strukturen schaffen m\u00fcsse. Entscheidend dabei ist freilich die Garantie, da\u00df am Ende eine Friedensl\u00f6sung steht. Die Pal\u00e4stinenser d\u00fcrfen nicht mit dem Gef\u00fchl allein gelassen werden, da\u00df das Ergebnis offen bleibt und sie, wie nach Oslo, letztlich mit leeren H\u00e4nden dastehen k\u00f6nnten. Es braucht also einen klaren Zeitrahmen und ein eindeutiges Endziel. Und erst dann, wenn schlu\u00dfendlich eine politische L\u00f6sung erreicht ist, kann man wirklich mit der Vers\u00f6hnung beginnen \u2013 man kann das Pferd nicht von hinten aufz\u00e4umen. Nat\u00fcrlich arbeiten wir auf freundschaftliche Weise mit pal\u00e4stinensischen Gruppen zusammen, um die Besatzung zu beenden, und oft entstehen dabei Freundschaften, aber wir achten darauf, da\u00df die Distanz erhalten bleibt. Wir wollen unsere Beziehung nicht wirklich normalisieren, bevor ein gerechter Frieden erreicht ist.<\/p>\n<p><strong>\u201cReframing\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><br \/>\n<em>JR: Ihre praktische Arbeit als Friedensaktivist basiert auf einem Theorieansatz, den Sie <\/em><em>als Professor und Wissenschaftler formuliert haben und den Sie \u201cReframing\u201c nennen. <\/em><em>Wie m\u00fcssen wir uns diese \u201cstrategische Neugestaltung\u201c vorstellen?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Zuallererst m\u00fcssen wir erkl\u00e4ren, warum die Weltgemeinschaft sich \u00fcberhaupt f\u00fcr den israelisch-pal\u00e4stinensischen Konflikt, der ja nur einer von Tausenden ist, interessieren sollte. Hierf\u00fcr ben\u00f6tigen wir einen Aufh\u00e4nger, wie zum Beispiel die Frage der Menschenrechte. Gerade Juden sind aufgrund ihrer Traditionen hierf\u00fcr sehr ansprechbar. Unter einer solchen Perspektive l\u00e4\u00dft sich dann auch der Konflikt zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern thematisieren. Unser \u201cReframing\u201c beruht in diesem Kontext auf drei Punkten: Erstens ist der Konflikt politischer Natur und kann daher gel\u00f6st werden, wenn \u2013 gest\u00fctzt auf die Menschenrechte \u2013 beide Bev\u00f6lkerungen gesch\u00fctzt und ihre Bed\u00fcrfnisse gestillt werden. Dagegen macht die Mystifizierung des Konflikts als \u201cZusammenprall der Kulturen\u201c eine L\u00f6sung unm\u00f6glich. Zweitens existiert ein Besatzungsregime, das f\u00fcr eine nicht-defensive Politik der Kontrolle des gesamten Territoriums zwischen der Mittelmeerk\u00fcste und dem Jordantal steht. Und drittens ist Israel der \u00dcberlegene und als solcher verantwortlich f\u00fcr seine Politik und seine Taten.<\/p>\n<p><strong>Die Rolle Deutschlands<\/strong><br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><br \/>\n<em>JR: Und wie stellt sich Ihr Reframing-Ansatz in Bezug auf Deutschland dar?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: In Deutschland f\u00fchlen sich die Menschen, gerade die j\u00fcngeren, immer st\u00e4rker verpflichtet, auf die Einhaltung der Menschenrechte zu achten. Die deutsche Au\u00dfenpolitik dagegen schwankt zwischen Schuldgef\u00fchlen f\u00fcr den Holocaust und Interessenverfolgung als wiedererstandene Weltmacht. Was in meinen Augen fehlt, ist die Umsetzung der Lektionen aus dem Holocaust \u2013 insbesondere der absolute Vorrang f\u00fcr die Menschenrechte und das V\u00f6lkerrecht \u2013 in der deutschen Au\u00dfenpolitik. Das ist indessen von entscheidender Bedeutung, denn solange Deutschland die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die israelische Besatzungspolitik mit der S\u00fchne f\u00fcr den Holocaust verwechselt, bildet es ein Hindernis im nah\u00f6stlichen Konfliktl\u00f6sungsproze\u00df. Zwar hat sich Deutschland zu einem verantwortlichen Akteur in der internationalen Politik entwickelt und Israel von Beginn an wichtige Hilfe geleistet \u2013 auch wenn es mitunter viel zu hilfreich war, indem es nuklearwaffenf\u00e4hige U-Boote dorthin lieferte. Der aufrichtigste und bedeutsamste Akt der Bu\u00dfe und Wiedergutmachung best\u00fcnde indessen darin, Israel zu helfen, sich aus einem verh\u00e4ngnisvollen Konflikt zu befreien, der seine Sicherheit in zunehmendem Ausma\u00df beeintr\u00e4chtigt und Frieden mit den Pal\u00e4stinensern zu schlie\u00dfen. Das jedoch erfordert, da\u00df Deutschland entschlossen, aber konstruktiv die Verletzungen der pal\u00e4stinensischen Menschenrechte durch Israel anspricht. Israel selbst mu\u00df seinen Proze\u00df der Wiedergutmachung n\u00e4mlich noch beginnen, indem es die Verantwortung f\u00fcr die furchtbare Zerst\u00f6rung der pal\u00e4stinensischen Gesellschaft und die fortdauernde Besatzung \u00fcbernimmt, in deren Verlauf 24.000 H\u00e4user von unschuldigen Menschen dem Erdboden gleichgemacht worden sind. Im Gegensatz dazu versucht Israel, auf v\u00f6lkische Weise einen exklusiv j\u00fcdischen Staat in ganz Pal\u00e4stina zu errichten und begeht dabei st\u00e4ndig Verbrechen der ethnischen S\u00e4uberung, der Besatzung, der Kriegf\u00fchrung und Unterdr\u00fcckung, f\u00fcr die wir dereinst selbst um Vergebung werden nachsuchen m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\"><strong>Einen Schlu\u00dfstrich unter den Holocaust ziehen<\/strong><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wenn Deutschland wirklich ein besonderes Verh\u00e4ltnis zu Israel hat, dann ist es aufgrund seiner eigenen Vergangenheit einzigartig disponiert, Israel von seiner eigenen v\u00f6lkischen Ideologie und der Besatzung abzubringen. Entweder nimmt Deutschland diese Verantwortung gegen\u00fcber Israel wahr oder es begeht Verrat an seinen aus dem Holocaust resultierenden Verpflichtungen, indem es weiterhin Israels Besatzungspolitik zum Schaden insbesondere der israelischen Juden unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Israel selbst mu\u00df einen Schlu\u00dfstrich unter den Holocaust ziehen. In den H\u00e4nden zynischer Politiker, die ihn dazu gebrauchen, Israels eigene Unterdr\u00fcckungspolitik zu rechtfertigen und alle Kritik daran im Keim zu ersticken, ger\u00e4t das Erbe des Holocausts selbst in Gefahr, minimiert, entweiht und verdreht zu werden. Wie Avraham Burg, der ehemalige Sprecher der Knesset und Vorsitzende der Jewish Agency in seinem k\u00fcrzlich erschienenen Buch formulierte: \u201eDer Holocaust ist vorbei: Wir m\u00fcssen uns aus seiner Asche erheben\u201c.<\/p>\n<p><em>JR: Was meinen Sie damit, wenn Sie fordern, da\u00df ein Schlu\u00dfstrich unter den Holocaust <\/em><em>gezogen werden sollte?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Was es hei\u00dft, einen Schlu\u00dfstrich zu ziehen? Ich meine damit, da\u00df wir ein ganz normales Verh\u00e4ltnis zueinander entwickeln m\u00fcssen. Nicht gemeint ist, da\u00df wir das Geschehene vergessen sollten.<\/p>\n<p><em>JR: Soll Normalisierung demnach bedeuten, da\u00df Deutschland Israel als einen ganz <\/em><em>normalen Staat wie jeden anderen auf der Welt behandeln sollte?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ja \u2013 nein, nein, es bedeutet etwas graduell anderes. Es bedeutet, da\u00df Deutschland Israel helfen mu\u00df, einen Status zu erreichen, in dem es normale Beziehungen zu den arabischen Staaten, den Pal\u00e4stinensern und allen anderen unterh\u00e4lt. Wir in Israel m\u00fcssen verstehen, da\u00df wir Teil der Weltgemeinschaft sein m\u00fcssen. Und Deutschland mu\u00df Israel sagen, da\u00df es das verstehen mu\u00df und nicht der Tyrann sein darf und derjenige, der immer abseits steht und fordert, besonders behandelt zu werden. Das erzeugt n\u00e4mlich nur Ressentiments und Ha\u00df bei allen anderen. Deutschland kann den Israelis sagen: Schaut her, wir haben alles getan, unsere Schuld anzuerkennen und zu begleichen, jetzt ist das letzte, was wir tun k\u00f6nnen, euch zu helfen, Frieden mit den Pal\u00e4stinensern zu schlie\u00dfen. Und anschlie\u00dfend, wenn Ihr normale Beziehungen zu den Pal\u00e4stinensern und der arabische Welt habt, dann k\u00f6nnt Ihr auch normale Beziehungen zu uns Deutschen und zu allen anderen pflegen. Und das meint dann wirklich einen Schlu\u00dfstrich: Jetzt sind wir Freunde, nun k\u00f6nnen Deutschland und Israel alle m\u00f6glichen Verbindungen etablieren und in diesem Sinne existiert dann kein besonderes Verh\u00e4ltnis mehr.<\/p>\n<p><em>JR: Bleibt am Ende dann noch Raum f\u00fcr ein besonderes Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschland und Israel?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ich glaube nicht. Nat\u00fcrlich bleibt der Holocaust Teil eurer Geschichte. Aber der betrifft ohnehin nicht allein die Juden. Normalisierung als Teil des Prozesses der Wiedergutmachung hei\u00dft auch, das Geschehene geschehen sein zu lassen und es nicht st\u00e4ndig dem anderen ins Gesicht zu schleudern. Denn das geht dann irgendwann nach hinten los. Gerade die junge Generation reagiert darauf sehr ungehalten. Vers\u00f6hnung meint also nicht Vergessen, sondern Normalisierung.<\/p>\n<p><strong>Israel ist ein Milit\u00e4rstaat<\/strong><br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><br \/>\n<em>JR: Wenden wir uns der aktuellen Politik Israels zu. Wie sch\u00e4tzen Sie den Willen und <\/em><em>die F\u00e4higkeit der gegenw\u00e4rtigen israelischen Regierung ein, mit den Pal\u00e4stinensern <\/em><em>beziehungsweise den Arabern zu einer dauerhaften Friedensl\u00f6sung zu gelangen?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Es existiert nicht das geringste Interesse innerhalb der Netanyahu-Regierung, Frieden mit den Pal\u00e4stinensern zu schlie\u00dfen. Israel ist ein Milit\u00e4rstaat. In Wirklichkeit bestimmt schon immer die Armee die Politik und wurden die milit\u00e4rischen F\u00fchrer zu Politikern. Und die leben mit der Vorstellung, die Pal\u00e4stinenser besiegen zu k\u00f6nnen \u2013 beziehungsweise die \u201cAraber\u201c, denn in Israel wird das Wort \u201cPal\u00e4stinenser\u201c nicht benutzt. Zu diesem Zweck wird der Holocaust instrumentalisiert, werden die Beziehungen zu den USA und der sehr einflu\u00dfreichen j\u00fcdischen Gemeinde in Europa genutzt. Israel verf\u00fcgt \u00fcber diese Ressourcen und seine \u00fcberaus starken Streitkr\u00e4fte. Hiermit \u00fcbt es Kontrolle \u00fcber das gesamte Land aus, und zwar f\u00fcr immer. Daher kann Israel einen Friedensproze\u00df bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag hinausz\u00f6gern, indem es die Pal\u00e4stinenser isoliert und mit jedem arabischen Land separate Friedensvereinbarungen abschlie\u00dft. Das Kalk\u00fcl lautet: Wenn wir siegen k\u00f6nnen, warum sollten wir uns dann zu einem Friedenskompromi\u00df bequemen? F\u00fcr uns als Friedensorganisation folgt daraus, in die Welt hinauszugehen und klar zu machen, da\u00df dieser Konflikt eine globale Bedeutung besitzt und es im Interesse der Weltgemeinschaft liegt, sich darum zu k\u00fcmmern. Das Resultat soll darin bestehen, da\u00df die Staaten Druck auf Israel aus\u00fcben, einen wirklichen Frieden mit den Pal\u00e4stinensern zu schlie\u00dfen. Dies kann n\u00e4mlich nicht in Israel selbst geschehen, sondern mu\u00df von au\u00dfen durchgesetzt werden. Israel wird hierzu niemals freiwillig bereit sein, es mu\u00df dazu gepre\u00dft und<br \/>\ngezwungen werden. Nur wenn dieser Druck ausge\u00fcbt wird, kann Israel geholfen werden, anderenfalls wird lediglich der Konflikt auf ewig verl\u00e4ngert.<\/p>\n<p><em>JR: Wie w\u00fcrden Sie die Protagonisten der derzeitigen Koalitionsregierung, Netanyahu, <\/em><em>Liebermann und Barak, beschreiben?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Alle politischen Parteien in Israel teilen dieselbe Ideologie. Deren fundamentale Doktrin lautet, da\u00df die Araber unsere ewigen Feinde sind. Nicht Netanyahu, sondern Barak verk\u00fcndet das jeden zweiten Tag. \u201eEs gibt es keine politische L\u00f6sung, die Araber trachten nach nichts anderem, als uns ins Meer zu werfen, es existiert kein Partner f\u00fcr den Frieden, man kann den Arabern nicht trauen\u201c \u2013 all diese Parolen hat die israelische Bev\u00f6lkerung internalisiert und auf diese Weise gelingt es, das gesamte Land zu kontrollieren. Demgegen\u00fcber steht, da\u00df das israelische Volk durchaus Frieden will. Das israelische Volk ist gegen die Besatzung und die Siedlungspolitik. Aber das Milit\u00e4r, f\u00fcr das Barak steht, und die Rechte, f\u00fcr die Netanyahu steht, sie glauben das gesamte Land auf Dauer kontrollieren zu m\u00fcssen. Entweder aus nationalen Motiven \u2013 es ist \u201cunser\u201c Land \u2013 oder aus Sicherheitsgr\u00fcnden. Wie also l\u00e4\u00dft sich die Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Besatzung herstellen, wenn die Bev\u00f6lkerung diese eigentlich gar nicht will? Nun, dies geschieht, indem man ihr erkl\u00e4rt, da\u00df sie von Feinden umgeben ist und daher auf die \u00dcberwachung nicht verzichten darf. Denn selbst wenn der Feind sagen w\u00fcrde, da\u00df er zum Frieden bereit sei, k\u00f6nne und d\u00fcrfe man ihm nicht trauen, da er nur darauf aus sei, Israel in einen Hinterhalt zu locken. Diese Propaganda hat die israelische Bev\u00f6lkerung komplett ohnm\u00e4chtig gemacht, denn wenn alle politischen Parteien so argumentieren \u2013 wen soll sie dann w\u00e4hlen? Im Grunde genommen hat Israel f\u00fcnf Likud-Parteien: die echte von Netanyahu, die von Liebermann, die Kadima Sharons, dazu die religi\u00f6se Shaz und schlie\u00dflich die Arbeitspartei.<\/p>\n<p><em>JR: Und deshalb bestand auch keine Schwierigkeit, diese Koalition einzugehen?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Ja, de facto handelt es sich um eine Regierung der nationalen Einheit, deren Teilhaber sehr gl\u00fccklich miteinander sind. Die israelische \u00d6ffentlichkeit aber hat dabei keine Wahlalternative, da keine der Parteien aufsteht und sagt: \u201eWir k\u00f6nnen Frieden schlie\u00dfen, es gibt eine politische L\u00f6sung, die Araber sind nicht unsere Feinde usw.\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201cAraber\u201c &#8211; ein Nicht-Thema<\/strong><br \/>\n<em>\u00a0<\/em><br \/>\n<em>JR: Wie w\u00fcrden Sie das Verh\u00e4ltnis zwischen der israelischen Bev\u00f6lkerung und den Pal\u00e4stinensern beschreiben? Welche Gef\u00fchle und Einstellungen existieren in Anbetracht des von Ihnen erw\u00e4hnten politischen Zionismus? Gibt es so etwas wie einen <\/em><em>sublimen Rassismus?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Viel schlimmer noch. Die Israelis benutzen den Begriff \u201cPal\u00e4stinenser\u201c nicht, und die \u201cAraber\u201c sind ganz einfach ein Nicht-Thema. Es ist so, als ob ich Sie hier in Deutschland fragen w\u00fcrde: \u201eWie sch\u00e4tzen Sie die Lage der Bergv\u00f6lker in Birma ein?\u201c Genauso weit weg sind die Araber f\u00fcr die israelische Gesellschaft. Wir denken nicht an sie, wir sorgen uns nicht um sie, wir wissen nichts von ihnen und wir wollen auch nichts von ihnen wissen \u2013 eben ein Nicht-Thema. Und das macht es so schwer. Wenn die Israelis die Araber einfach hassen w\u00fcrden \u2013 ok, das w\u00e4re wenigstens eine Gef\u00fchlsregung. Wenn wir Angst h\u00e4tten vor den Arabern oder was immer \u2013 in Ordnung. Aber wenn sie niemanden k\u00fcmmern, wenn niemand an sie denkt, niemand sie f\u00fcrchtet, niemand sie mag oder nicht mag, wenn sie lediglich im Hintergrund stehen, dann wird es unm\u00f6glich, einzugreifen.<\/p>\n<p><em>JR: Meinen Sie tats\u00e4chlich, da\u00df die Araber als nicht-menschliche Wesen behandelt <\/em><em>werden?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Nein, sie sind ganz einfach unsichtbar, v\u00f6llig bedeutungslos. Wissen Sie, wir haben da einen Witz in der Friedensbewegung und der lautet, da\u00df die Araber, die Pal\u00e4stinenser und die West Bank genauso dicht an Israel liegen wie Thailand. Tats\u00e4chlich jedoch sind sie weiter weg von Israel als Thailand, weil n\u00e4mlich viele Israelis nach Thailand fliegen k\u00f6nnen, aber niemand jemals in die West Bank geht oder in arabische L\u00e4nder reist, weil die Israelis n\u00e4mlich nicht das geringste Interesse daran haben. Die Araber stellen gewisserma\u00dfen v\u00f6lligen Neutren dar. Und das verhindert jegliches Engagement. Sie sind einfach total irrelevant. Und man kann niemanden zwingen, sich f\u00fcr sie zu interessieren. Aus diesem Grund wendet ICADH sich an das Ausland.<\/p>\n<p><strong>Alles, was Israel tut, ist Verteidigung<\/strong><br \/>\n<strong>\u00a0<\/strong><br \/>\n<em>JR: Wenden wir uns abschlie\u00dfend dem israelischen Milit\u00e4r zu, die stets als \u201eSelbstverteidigungskr\u00e4fte\u201cbezeichnet werden \u2013 oder m\u00fc\u00dfte man zutreffender von \u201eBesatzungskr\u00e4ften\u201coder gar von \u201eAngriffsstreitkr\u00e4ften\u201c sprechen?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Nun, der gesamte Konflikt dreht sich um die Wortwahl. Die Sprache ist also \u00e4u\u00dferst wichtig. Wir benutzen beispielsweise niemals den Begriff \u201eBesatzung\u201c. Wir sprechen nie von \u201ePal\u00e4stinensern\u201c. Anstelle von \u201eWest Bank\u201c nennen wir dieses Gebiet \u201eJud\u00e4a und Samaria\u201c. Wir benutzen niemals den Terminus \u201eSiedlung\u201c \u2013 wir sprechen von Gemeinden. Wir reden auch nie von \u201eSiedlern\u201c. Zwei oder mehr Generationen von Israelis sind daran gew\u00f6hnt, von den \u201ej\u00fcdischen Gemeinden in Jud\u00e4a und Samaria, die von Arabern angegriffen werden\u201c zu h\u00f6ren, ohne politischen Kontext, ohne da\u00df von Besatzung die Rede ist. Nach demselben Muster wurde Gaza pr\u00e4sentiert: \u201eSie schie\u00dfen in krimineller Weise mit Raketen auf uns\u201c. Wenn das also derart dargestellt wird, dann ist die Armee selbstverst\u00e4ndlich eine Verteidigungsarmee. Denn alles, was Israel tut, ist Verteidigung. Und das erscheint den Israelis plausibel. Wenn nun Israel seine Streitkr\u00e4fte als \u201eBesatzungsarmee\u201c bezeichnen w\u00fcrde, so w\u00fcrde das nat\u00fcrlich das Verteidigungsargument untergraben, dann w\u00e4re es nicht l\u00e4nger das Opfer. Und das ist der springende Punkt an dieser Stelle. Opfer zu sein, ist n\u00e4mlich eine sehr wirkungsm\u00e4chtige Rolle, denn ein Opfer kann f\u00fcr das, was es tut, niemals verantwortlich gemacht werden. Wenn es also gelingt, \u00fcberw\u00e4ltigende milit\u00e4rische St\u00e4rke mit dem Status einer Besatzungsmacht zu kombinieren und dabei keinerlei Verantwortlichkeit gen\u00fcgen zu m\u00fcssen, dann ist das gro\u00dfartig. Israel hat w\u00e4hrend seines letzten Einmarsches Gaza zerst\u00f6rt und dabei an der Infrastruktur einen gesch\u00e4tzten Schaden von anderthalb Milliarden US-Dollar angerichtet. Danach gab es in Sharm el-Sheikh eine internationale Geber-Konferenz. Dort hat Saudi-Arabien eine Milliarde US-Dollar an Hilfsgeldern zugesagt, die USA 900 Millionen, sicherlich hat sich auch Deutschland beteiligt \u2013 aber hat irgendjemand Israel aufgefordert, auch nur einen einzigen Euro beizusteuern? Nein, Israel blieb v\u00f6llig au\u00dfen vor, denn Israel war ja das Opfer. Gut, es gibt nat\u00fcrlich auch noch die anderen Opfer, n\u00e4mlich die Pal\u00e4stinenser, das ist sehr traurig, aber niemand dachte auch nur im Traum daran, Israel zur Verantwortung zu ziehen. Und an diesem Punkt gewinnt Israel.<\/p>\n<p>Unser Anliegen besteht darin, genau dies zu \u00e4ndern \u2013 das nennen wir \u201eReframing\u201c. Das bedeutet eine Ver\u00e4nderung dahingehend herbeizuf\u00fchren, da\u00df Israel als die \u00fcberlegene Macht, die Besatzungsmacht mit einer starken Armee, wahrgenommen wird, die keineswegs das Opfer ist, sondern pro-aktiv handelt. Und wenn es uns gelingt, die Art und Weise wie Israel wahrgenommen wird zu ver\u00e4ndern, dann kann man Israel auch zur Rechenschaft ziehen. Und genau das erwarte ich von Deutschland. Wir wollen nicht anti-israelisch sein, wir wollen Israel nicht d\u00e4monisieren, ich will nicht, da\u00df Deutschland ein Feind Israels ist, aber ich will, da\u00df Deutschland Israel f\u00fcr seine Handlungen verantwortlich macht, genauso wie Deutschland internationale Verantwortung f\u00fcr seine Aktivit\u00e4ten \u00fcbernehmen mu\u00df. Das bedeutet Normalisierung und das ist gut so. Denn wenn Israel seitens der Weltgemeinschaft keine Grenzen gezogen werden, so f\u00fcrchte ich, da\u00df es schlu\u00dfendlich Selbstmord begeht, weil niemand es n\u00e4mlich stoppt. Niemand sagt zu Israel: \u201eDas ist absolut inakzeptabel\u201c, beispielsweise im Hinblick auf Gaza. Irgendwann k\u00f6nnte das Land isoliert dastehen, anstatt da\u00df man es zur\u00fcck auf den richtigen Pfad gebracht hat. Irgendwann k\u00f6nnte Israel auf v\u00f6llig intolerable Weise durchdrehen und dann voll gegen die Wand laufen \u2013 und das w\u00e4re wirklich kein gutes Szenario.<\/p>\n<p><strong>Israel der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte R\u00fcstungsexporteur<\/strong><\/p>\n<p><em>JR: Denken Sie, da\u00df der Frieden \u00fcberhaupt eine Chance hat, solange Israel die st\u00e4rkste <\/em><em>Milit\u00e4rmacht in der Region und die drittst\u00e4rkste Nuklearmacht der Welt mit ungef\u00e4hr <\/em><em>500 Atomsprengk\u00f6pfen darstellt? W\u00e4re es nicht sinnvoll, mit R\u00fcstungskontroll- und <\/em><em>Abr\u00fcstungsverhandlungen zu beginnen?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Mir scheint es wirklich schwierig, einen solchen Proze\u00df in Gang zu bringen, bevor eine politische Friedensl\u00f6sung existiert. In Israel selbst ist dies mit Sicherheit ein Nicht-Thema. Israel argumentiert, da\u00df es seiner milit\u00e4rischen St\u00e4rke bedarf, weil es von Feinden umgeben ist \u2013 beispielsweise dem Iran. Aber im Zuge einer politischen Friedensl\u00f6sung mu\u00df man selbstverst\u00e4ndlich auf eine De-Militarisierung hinarbeiten, dies kann indes nicht am Anfang stehen.<\/p>\n<p>Ich schreibe gerade ein Buch \u00fcber das, was ich das \u201eGlobale System der Pazifizierung\u201c nenne, und Israel spielt darin eine bedeutende Rolle. So ist Israel unter anderem auch der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte R\u00fcstungsexporteur weltweit. Israel exportiert mehr Waffen als China oder Gro\u00dfbritannien. Es ist also ein \u00fcberw\u00e4ltigend m\u00e4chtiges Land, und das Problem besteht darin, da\u00df es von diesen Waffen keineswegs in einer guten Weise Gebrauch macht. Beispielsweise in Westafrika mit seiner Diamantenindustrie, den Blut-Diamanten. Auch in Kolumbien und Birma mischt Israel mit, ebenso in China, und zwar auf ungute Weise, was den Waffenhandel angeht. Dies stellt eine besondere Art von Sicherheitspolitik dar, indem n\u00e4mlich Israel seine St\u00e4rke auf dem R\u00fcstungssektor dazu nutzt, Unterst\u00fctzung von anderen L\u00e4ndern zu erhalten. Das wiederum ist \u00fcberhaupt kein f\u00f6rderlicher Beitrag zum globalen Sicherheitssystem.<\/p>\n<p><em>JR: Und was bedeutet es, da\u00df Israel das Nuklearwaffenmonopol in der Region besitzt?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Noch ist das der Fall, aber Iran arbeitet daran, Pakistan hat bereits Kernwaffen, \u00c4gypten befindet sich auf dem Weg dahin. Gleichwohl stellen Atomwaffen ein globales Problem dar. Es handelt sich um einen weltweiten Konflikt, nicht lediglich um einen lokalen. Und daher mu\u00df dieses Problem im Rahmen eines globalen Friedens gel\u00f6st werden.<\/p>\n<p><strong>Kriegsdienstverweigerung ist verboten <\/strong><br \/>\n<em>\u00a0<\/em><br \/>\n<em>JR: Lassen Sie mich eine Frage stellen, die Ihnen als Mitglied der Friedensbewegung <\/em><em>vielleicht n\u00e4her am Herzen liegt. Es gibt mittlerweile Dutzende von Luftwaffenpiloten <\/em><em>bis hinauf zum Brigadegeneral, die sich geweigert haben, Luftangriffe in den besetzten <\/em><em>Gebieten zu fliegen, dar\u00fcber hinaus Hunderte von Heeressoldaten und -soldatinnen, die den Dienst verweigerten. Welche Rolle spielen Ihrer Meinung nach diese Deserteure und Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgr\u00fcnden in den Reihen der israelischen Streitkr\u00e4fte?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Alle meine Kinder sind Kriegsdienstverweigerer, jedes von ihnen hat den Dienst in den Streitkr\u00e4ften verweigert. Meine beiden S\u00f6hne waren inhaftiert. Das Thema ist sehr wichtig, nicht so sehr innerhalb Israels, weil nur ein winziger Prozentsatz verweigert. Im Allgemeinen wollen die jungen Menschen zum Milit\u00e4r gehen. Sie wollen in all diesen Einheiten dienen, wo was los ist. Innerhalb Israels sind die Verweigerer nicht so wichtig. Ihre wahre Bedeutung besteht aber darin, da\u00df sie Israels Humanit\u00e4t am Leben erhalten. Wenn wir mit dem Proze\u00df der Vers\u00f6hnung beginnen, brauchen wir diese jungen Leute, die sich dem Frieden wirklich verpflichtet f\u00fchlen und daf\u00fcr einen hohen Preis bezahlt haben. Das wird sp\u00e4ter noch von gro\u00dfer Wichtigkeit sein. Aber heutzutage, angesichts der in Israel vorherrschenden kriegerischen, militanten Positionen, sind sie noch nicht so relevant. Au\u00dferhalb Israels indes ist diese Problematik sehr viel einflu\u00dfreicher.<\/p>\n<p><em>JR: Dennoch stellt das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ein fundamentales Menschenrecht dar, weshalb es doch auch in Israel selbst anzuerkennen ist, nicht <\/em><em>wahr?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: In der Tat, denn gem\u00e4\u00df dem V\u00f6lkerrecht mu\u00df in der Verfassung eines jeden Staates das Recht auf Kriegsdienstverweigerung verankert sein. Es handelt sich also um ein Menschenrecht, nur nicht in Israel. Im v\u00f6lligen Gegensatz dazu wurden in Israel in den letzten Wochen einige Aktivisten der Bewegung \u201cNew Profile\u201c verhaftet, einer Bewegung, die junge Menschen dazu ermutigt, den Milit\u00e4rdienst zu verweigern, beziehungsweise ihnen hilft, aus den Streitkr\u00e4ften herauszukommen. Diese Vorg\u00e4nge illustrieren den in Israel herrschenden Militarismus. Auch hierin zeigt sich erneut, da\u00df Ver\u00e4nderungen unm\u00f6glich sind, da\u00df es aussichtslos ist, Israel zu einer normalen Haltung gegen\u00fcber den Menschenrechten zu bewegen, solange der israelisch-pal\u00e4stinensische Konflikt andauert.<\/p>\n<p><em>JR: Zum Schlu\u00df: Wie beurteilen Sie die gegenw\u00e4rtige Behandlung von Mordechai Vanunu, der vor fast drei\u00dfig Jahren die Welt \u00fcber die Existenz der israelischen Atomwaffenr\u00fcstung informiert hatte?<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">JH: Oh, das ist schrecklich. Ich kenne Mordechai, er befindet sich im Hausarrest. Es ist mir unbegreiflich, warum Israel in nicht ziehen l\u00e4\u00dft. Ich vermute, da\u00df es sich schlicht um Rache handelt, denn er kann mittlerweile nach all den Jahren im Gef\u00e4ngnis keine nuklearen Geheimnisse mehr kennen. Auch darin spiegelt sich die Gemeinheit und Grausamkeit eines Besatzungsregimes, das weit \u00fcber die Befriedigung eines normalen Sicherheitsbed\u00fcrfnisses hinausgeht. (PK)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: right;\"><em>Professor Jeff Halper, 1973 aus den USA nach Israel \u00fcbergesiedelt, wurde als Vorsitzender des \u201cIsraeli Committee Against House Demolitions, ICAHD\u201c im Jahre 2009 in Freiburg mit dem \u201cImmanuel-Kant-Weltb\u00fcrgerpreis\u201c ausgezeichnet. <\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px; text-align: right;\"><em>Oberstleutnant a.D. J\u00fcrgen Rose ist Vorsitzender des Arbeitskreises &#8222;Darmst\u00e4dter Signal&#8220; und Mitglied des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span class=\"text_small_linespace\" style=\"font-size: 10pt;\">Das Interview wurde auch ver\u00f6ffentlicht\u00a0 in der <a href=\"http:\/\/www.nrhz.de\/flyer\/beitrag.php?id=14020\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">NRhZ, Online-Flyer Nr. 206\u00a0 vom 15.07.2009<\/a><br \/>\nsowie in gek\u00fcrzter Version im <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/juergen-rose\/deutschland-war-oft-zu-hilfreich\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">&#8222;Freitag&#8220; vom 10.06.2009<\/a>\u00a0<\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Jeff Halper<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: ICAHD-USA, <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/3.0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 3.0<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4068185\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4068185<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Interview von J\u00fcrgen Rose mit Prof. Jeff Halper vom Israelischen Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung<\/b><br \/>\nJ\u00fcrgen Rose: Aus welchem Grund haben Sie das \u201cIsraelische Komitee gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung\u201c gegr\u00fcndet \u2013 gab es ein Schl\u00fcsselerlebnis hierf\u00fcr?<br \/>\nJeff Halper: Ja und nein. Zun\u00e4chst wuchs ich als Kind der 60er Jahre auf \u2013 wir waren damals die \u201eBlumenkinder\u201c. Und die Sechziger waren sehr politisch. Auch ich selbst, ich war immer links, ob in der Bewegung gegen den Vietnam-Krieg oder in der B\u00fcrgerrechtsbewegung. Und als ich sp\u00e4ter nach Israel ging, hatte ich keine romantischen Vorstellungen, sondern da war mir bewu\u00dft, da\u00df dort ein Besatzungsregime existierte. Deshalb war das erste, was ich in Israel tat, der israelischen Friedensbewegung beizutreten. &#8230; Den konkreten Ausl\u00f6ser f\u00fcr die Gr\u00fcndung unseres \u201cKomitees gegen H\u00e4userzerst\u00f6rung\u201c lieferte dann die Wahl Benjamin Netanyahus im Jahr 1996.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":17576,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[699,2004,335,43,277,393,563,1955,394],"class_list":["post-17564","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frieden-antifaschismus-solidaritaet","tag-aussenpolitik","tag-besatzung","tag-frieden","tag-friedensbewegung","tag-holocaust","tag-israel","tag-menschenrechte","tag-nahostkonflikt","tag-palaestina"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Jeff_Halper_color_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-4zi","jetpack-related-posts":[{"id":24903,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24903","url_meta":{"origin":17564,"position":0},"title":"Wenn der T\u00e4ter sich zum Richter erhebt","author":"Webredaktion","date":"18. 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Mai 2018","format":false,"excerpt":"Beitrag von Annette Groth Der angeblich zunehmende Antisemitismus soll nach dem Willen der Bundesregierung und aller im Bundestag vertretenen Parteien effektiv bek\u00e4mpft werden. Dass der im Januar beschlossene Antisemitismusantrag aber auch einige Paragraphen enth\u00e4lt, die \u00e4u\u00dferst kritikw\u00fcrdig sind, ist in der \u00d6ffentlichkeit bislang kaum diskutiert worden. 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