{"id":1699,"date":"2016-12-16T03:01:26","date_gmt":"2016-12-16T02:01:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/?p=1699"},"modified":"2018-02-25T12:57:42","modified_gmt":"2018-02-25T11:57:42","slug":"religion-thesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=1699","title":{"rendered":"Religion: Thesen"},"content":{"rendered":"<p>Aus: <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=1082\">\u201eFREIDENKER\u201c Nr. 4-16<\/a>, Dezember 2016, S. 3-17, 75. Jahrgang<\/p>\n<p><em>Verbandsvorstand des Deutschen Freidenker-Verbandes e.V.<\/em><\/p>\n<p style=\"padding-left: 30px;\"><strong><em>Diese Thesen standen zwei Jahre im Freidenkerverband zur Diskussion, das zum Verbandstag im Juni 2016 in Potsdam vorgelegte Ergebnis wurde in dessen Auftrag nochmals vom Verbandsvorstand bearbeitet. Es soll auch zur weiterf\u00fchrenden Diskussion einladen.<\/em><\/strong><\/p>\n<h3><\/h3>\n<h4>1 \u00a0\u00a0Entwicklung religi\u00f6ser \u00dcber\u00adzeugungen, ihrer Institutionen und der Religionskritik<\/h4>\n<h5>1.1 Bedarf f\u00fcr religi\u00f6sen Glauben<\/h5>\n<p>Weltweit erleben Religiosit\u00e4t und Religionen in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen wieder einen Aufschwung. Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man sich klarmachen: die Menschen haben nicht einfach Ideen, sondern sie reflektieren in ihnen ihr soziales und politisches Dasein. Dieses hat sich in den letzten Jahrzehnten weltweit negativ ver\u00e4ndert. Nach dem Zerfall der sozialistischen Staatengemeinschaft herrscht der Imperialismus nahezu unumschr\u00e4nkt. Er hat mit permanenten Kriegen, \u00f6konomischen und \u00f6kologischen Krisen sowie mit sozialer und kultureller Verw\u00fcstung die Lebenssituation und Zukunftsperspektiven der gro\u00dfen Mehrheit der Weltbev\u00f6lkerung drastisch verschlechtert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.2 Das \u201ewirkliche Elend\u201c<\/h5>\n<p>Zwischen Religiosit\u00e4t und pr\u00e4senter Religion einerseits und sozial\u00f6konomischer und politisch-ideologischer Situation andererseits besteht ein Zusammenhang, eine Wechselbeziehung. Denn die krisenhafte, durch den Imperialismus verursachte globale Entwicklung, die daraus resultierende Zunahme von Massenverelendung und auch von medienunterst\u00fctzter geistiger Verunsicherung und Manipulierung ist nicht zu \u00fcbersehen. Un\u00fcbersehbar sind kriegerische Aktionen und Barbarei, Terror; Gewalt und andere milit\u00e4rische Auseinandersetzungen, Hunger und Krankheiten (bei v\u00f6llig unzureichender medizinischer Versorgung) sowie Umweltzerst\u00f6rungen in weiten Teilen der Welt. Un\u00fcbersehbar auch die h\u00e4ufig fehlende, real erscheinende gesellschaftliche Alternative. All das hat ma\u00dfgeblich dazu beigetragen, dass das \u201ereligi\u00f6se Elend\u201c als \u201eAusdruck des wirklichen Elends \u2026, (als) Seufzer der bedr\u00e4ngten Kreatur (und als) Gem\u00fct einer herzlosen Welt\u201c<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\"><sup>[1]<\/sup><\/a> Aufschwung erhielt und weiterhin erh\u00e4lt. Vorstellungen eines raschen \u201eVerschwindens\u201c von Religiosit\u00e4t und Religion haben sich als \u00fcbereilte Illusionen erwiesen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.3 Imperialistische Offensive<\/h5>\n<p>In jenen Regionen der Welt, die zur milit\u00e4rischen Zielscheibe der westlichen &#8222;Wertegemeinschaft&#8220; wurden, ist die Bedeutung religi\u00f6ser Bekenntnisse bzw. der Einfluss religi\u00f6ser Organisationen gewachsen. Zum einen hat die systematische Zerst\u00f6rung souver\u00e4ner, im antikolonialen Kampf entstandener Staaten, dazu gef\u00fchrt, dass religi\u00f6se Organisationen oft die einzigen Institutionen sind, die eine rudiment\u00e4re Versorgung in Bezug auf Gesundheit, Bildung und Wohlfahrt \u00fcbernehmen. Zudem sind sie zum Teil als einzige Kraft in der Lage, den Kampf gegen die westlichen Aggressoren zu organisieren. Ein Bekenntnis zu diesen Organisationen erscheint als die letzte Chance des \u00dcberlebens in einer vom Imperialismus zerst\u00f6rten Staatlichkeit.<\/p>\n<p>Andererseits ist es aber den westlichen Staaten gelungen, Teile der religi\u00f6sen Organisationen f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren: Religi\u00f6se Streitigkeiten werden genutzt, um die Menschen aufeinander zu hetzen und in den jeweiligen Heimatl\u00e4ndern der NATO-Staaten wird diese barbarische Rekolonialisierung als Kampf gegen religi\u00f6se Fanatiker verkauft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.4 Gl\u00e4ubigkeit und Kircheneinfluss in Deutschland<\/h5>\n<p>Mit Blick auf die gesellschaftliche Bedeutung der christlichen Kirchen und die Bedeutung der Religion in Deutschland konstatieren wir zun\u00e4chst steigende Kirchenaustritte, Sonntagsgottesdienste ohne Zuh\u00f6rer und die Problematisierung des Religionsunterrichtes an den Schulen.<\/p>\n<p>Solche Tendenzen sind jedoch nicht gleichbedeutend mit zunehmender weltanschaulicher M\u00fcndigkeit der Einzelnen und Anhebung des kulturellen Niveaus der Gesellschaft. Unter den Bedingungen der Marktkonkurrenz, die zu Egoismus und Isolierung der Einzelnen f\u00fchrt, gilt eher das Gegenteil. Es entstehen kommerziell motivierte quasi-religi\u00f6se Angebote, die entsprechend dem Grad der Vereinzelung nicht mehr als gemeinschaftliches Projekt, sondern als individuell k\u00e4ufliche und konsumierbare Waren den Menschen den Blick auf die Ursachen ihrer Verlorenheit verstellen.<\/p>\n<p>Dennoch ist die Macht der traditionellen religi\u00f6sen Organisationen ungebrochen, die sie nach wie vor mittels aktiver Lobbyarbeit in bewusstseinsbildenden Organisationen wie den \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, den Kultusministerien etc. aus\u00fcben. Mehr noch: die gesellschaftliche Relevanz der Amtskirchen nimmt weiter zu. Das hat auch historische Ursachen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.5 Kirchliche Privilegien<\/h5>\n<p>Von Anbeginn existierte in der BRD zwar \u201ekeine Staatskirche\u201c<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>, aber die beiden gro\u00dfen Kirchen genossen zahlreiche Privilegien, \u201ehinkende Trennung\u201c oder auch \u201ewilde Ehe\u201c von Staat und Kirche genannt. Dies wird zun\u00e4chst am Einzug der \u201eKirchensteuer\u201c durch den Staat offensichtlich, der vielf\u00e4ltigen Finanzierung der Kirchen aus Steuergeldern, an Religionsunterricht und theologischen Lehrst\u00fchlen bis hin zur \u201eMilit\u00e4rseelsorge\u201c.<\/p>\n<p>Das 1952 von der Adenauer-Regierung der BRD verabschiedete Betriebsverfassungsgesetz gilt explizit nicht f\u00fcr Religionsgemeinschaften. Ihnen wird die Definitionshoheit \u00fcber die Ausgestaltung von Arbeitsvertr\u00e4gen in ihren Unternehmen zugestanden. Das Streikrecht gilt nicht (gegen Gott kann nicht gestreikt werden), das Privatleben ist nach den Grunds\u00e4tzen der jeweiligen Dogmen auszurichten, Tarifl\u00f6hne werden (mit Ausnahme der evangelischen Brandenburgischen Landeskirche) nicht gezahlt. Die evangelische und die katholische Kirche haben ca. 1,3 Mio Arbeitsvertr\u00e4ge zu diesen abenteuerlichen Bedingungen abgeschlossen. Etwa 5% davon sind sogenannte Kirchenpersonen, also Personen mit &#8218;Verk\u00fcndigungsauftrag&#8216;, der Rest zivile Angestellte.<\/p>\n<p>1961 wurde im Bundessozialgesetzbuch festgelegt, dass der Betrieb von Einrichtungen f\u00fcr \u00f6ffentliche Angelegenheiten auch f\u00fcr freie Tr\u00e4ger ausgeschrieben werden m\u00fcsse. Den Zuschlag erhalten dann die kosteng\u00fcnstigsten Betriebe. Diejenigen, in denen der Gotteslohn dominiert und der K\u00fcndigungsschutz vom Wohlverhalten gegen\u00fcber der Bibel abh\u00e4ngt, haben da die besten Karten. Zudem d\u00fcrfen diese Tr\u00e4ger &#8211; im Unterschied zu kommunalen Einrichtungen &#8211; Beitr\u00e4ge erheben. In Zeiten klammer Haushaltskassen sind die Gottesf\u00fcrchtigen also zunehmend die erste Wahl. Die sozialen Einrichtungen der Kirchen werden mittlerweile zu einem Gro\u00dfteil mit Steuergeldern finanziert (Krankenh\u00e4user gar zu 100%).<\/p>\n<p>SPD und FDP, die in Zeiten der Hochkonjunktur zumindest verbal f\u00fcr eine striktere Trennung von Staat und Kirche eintraten, haben ihre Argumentation an die Zeiten der Zerschlagung der Tarifvertragssysteme, der Angriffe auf den K\u00fcndigungsschutz und der Zerschlagung der sozialen Sicherungssysteme angepasst. Heute singen die staatstragenden Parteien ein Hohelied auf das \u201eSelbstordnungs- und Selbstverwaltungsrecht\u201c der religi\u00f6sen Gemeinschaften, denn nach der Weimarer Reichsverfassung ordnen und verwalten die \u201eihre Angelegenheiten selbst\u00e4ndig\u201c.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> Der zweite Teil des Satzes \u201einnerhalb der Schranken des f\u00fcr alle geltenden Gesetzes\u201c wird dabei regelm\u00e4\u00dfig negiert, denn das allgemeine Arbeits- und Tarifrecht, das Betriebsverfassungsrecht und selbst der Gleichbehandlungsgrundsatz gelten f\u00fcr kirchliche Arbeitsverh\u00e4ltnisse nicht.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur BRD galt in der DDR die Trennung von Staat und Kirche auch in der Praxis. Nach dem Anschluss an die BRD 1990 wurde deren Staatskirchenrecht automatisch auf das Gebiet der DDR \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.6 Zwiesp\u00e4ltige S\u00e4kularisierung<\/h5>\n<p>Die Gleichzeitigkeit einerseits zunehmender \u201eReligiosit\u00e4t\u201c im Sinne einer vermehrten Hinwendung zu traditionellen Religionen (und modischen \u201eErsatzreligionen\u201c), sowie andererseits eines zunehmenden \u201eAtheismus\u201c im Sinne fortschreitender Ausbreitung von areligi\u00f6sem, weltlichem, wirklichkeitsbezogenem Bewusstsein und Verhalten, mag paradox erscheinen.<\/p>\n<p>Aber der Widerspruch ist als Ausdruck von zwei gegenl\u00e4ufigen und zugleich zusammenh\u00e4ngenden Tendenzen zu begreifen. Beide Erscheinungen beruhen auf denselben materiellen Prozessen der Gesellschaftsentwicklung. Einerseits ver\u00e4ndern Wissenschaft, Technik, Industrialisierung, Verkehr und Kommunikation in tiefgreifender Weise das Bewusstsein dadurch, dass der Mensch sich selbst als Gestalter seiner eigenen Lebensbedingungen, als den \u201eSch\u00f6pfer seiner selbst\u201c erf\u00e4hrt. Der moderne Gesellschaftsprozess vermittelt ein Alltagsbewusstsein, in welchem die Gottesvorstellung zunehmend bedeutungslos ist. Insofern ist die S\u00e4kularisierung ein objektiver gesellschaftlicher Prozess. Er wirkt unweigerlich auch in L\u00e4ndern, deren Kultur stark von Religion gepr\u00e4gt ist, indem diese in die Weltwirtschaft integriert werden.<\/p>\n<p>Doch die fortschreitende S\u00e4kularisierung erfolgt unter den Bedingungen der kapitalistischen Gesellschaftsformation, durch welche in der allgemeinen Krise die soziale Lage von gro\u00dfen Menschenmassen, nicht nur in armen L\u00e4ndern, nachhaltig ersch\u00fcttert wird. S\u00e4kularisierung verbreitet sich im Rahmen eines imperialistischen Weltsystems, in dem eine Handvoll m\u00e4chtige L\u00e4nder den Rest der Welt dominieren. Westliche Einmischung und Angriffskriege haben nicht nur bestehende Staatsordnungen und Volkswirtschaften unterminiert und zerst\u00f6rt. Sie haben auch s\u00e4kulare Weltanschauungen abgewertet, die von den Ideen der nationalen W\u00fcrde und Selbstbestimmung sowie fortschrittlicher, sozialistischer Gesellschaftsentwicklung be\u00adstimmt waren. So entsteht geistige Leere, in der viele Menschen wieder Halt und Orientierung an religi\u00f6sen Vorstellungen suchen. Es ist kein Zufall, dass nach dem Untergang der Sowjetunion in Russland die moralischen Werte des orthodoxen Christentums, wie \u00fcbrigens auch anderer Religionen, eine neue Wertsch\u00e4tzung als Orientierung erfahren haben und als geistige Elemente nationalen Zusammenhalts und internationaler Selbstbehauptung eine wichtige Rolle spielen.<\/p>\n<p>In den L\u00e4ndern des Vorderen und Mittleren Osten war der Islam lange Zeit auf dem R\u00fcckzug vor den konkurrierenden s\u00e4kularen Ideologien des Nationalismus und Sozialismus. Es ist im Wesentlichen ein Resultat imperialistischer Einmischung und Gewaltpolitik, insbesondere der USA und Israels, dass islamisch gepr\u00e4gtes weltanschauliches Bewusstsein wieder auf dem Vormarsch ist.<\/p>\n<p>Der politische Islam erscheint aber nicht, wie oft suggeriert, allein in der Ideologie von Terrorgruppen, im Wahhabismus und Takfirismus, die der offiziellen Religion der pro-imperialistischen Dynastie der Saudis entspringen. Vor allem sind islamische Bewusstseinsformen, insbesondere in Iran, Libanon und Syrien, eine unverzichtbare religi\u00f6se Ressource des patriotischen Widerstands.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>1.7 Religionskritik der Freidenker<\/h5>\n<p>Religionskritik erfordert ein Mindestma\u00df an Kenntnissen von Glaubensinhalten, Wesen, sozialen Wirkungen sowie der Geschichte und Wandelbarkeit von Religionen. Beachtung sollten dabei auch neuere, nichtkonservative, humanistische und antimilitaristische Tendenzen in der Entwicklung der Religionen (bzw. deren Theologien) finden.<\/p>\n<p>Auch wenn sich die globale Situation ge\u00e4ndert hat, wenn es auch in Europa und in Deutschland partielle Verschiebungen gibt, muss der Deutsche Freidenker-Verband seine Positionen zu Religiosit\u00e4t und Religionen nicht prinzipiell neu bestimmen. Diese sind schon in der Berliner Erkl\u00e4rung von 1994 klar und eindeutig fixiert. Auch die zum Dialog mit Gl\u00e4ubigen und zu unserer Haltung gegen\u00fcber Kirchen und Klerikalen. Es hei\u00dft dort:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Trotz teilweise tiefer weltanschaulicher Gegens\u00e4tze zwischen dem, was wir unter freiem Denken verstehen, und dem religi\u00f6sen Glauben, treten wir f\u00fcr Dialog und Zusammenarbeit mit allen Gl\u00e4ubigen ein, die sich f\u00fcr die Verwirklichung des Humanismus einsetzen. Wir wollen die Konfrontation der Ideen zum Zweck der Kooperation im Handeln. Wir erwarten von den Pers\u00f6nlichkeiten und Institutionen der Kirche, dass sie ebenfalls auf den humanistischen Dialog setzen und nicht auf den kr\u00e4ftezehrenden Kampf gegen Andersdenkende und deren Geistesfreiheit.<\/em><\/li>\n<li><em>Wir lassen uns davon leiten, dass die religi\u00f6se Frage der Sicherung des \u00dcberlebens der Menschheit und der Schaffung menschenw\u00fcrdiger Zustande untergeordnet werden muss.<\/em><\/li>\n<li><em>Unsere Religionskritik ist nicht gegen religi\u00f6se Menschen oder die Religion \u201ean sich\u201c gerichtet, sondern gegen jegliche Form des Klerikalismus, den politischen Missbrauch der Religion und der religi\u00f6sen Gef\u00fchle der Menschen, gegen religi\u00f6sen Fundamentalismus Dogmatismus und Fanatismus und gegen die \u201eAllianz von Thron und Altar\u201c, also gegen jegliche Form des Staatskirchentums.<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>In diesem Sinne verstehen wir Religionskritik als Gesellschaftskritik.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h4>2 \u00a0\u00a0Das Ph\u00e4nomen Religion aus philosophischer und historischer Sicht<\/h4>\n<h5>2.1 Was aber sind Religionen?<\/h5>\n<p>Religionen beziehen sich auf eine jenseitige (immaterielle) Macht (bzw. M\u00e4chte oder Prinzipien), auf etwas geistig Transzendentes, Heiliges, von dem der Mensch in irgendeiner Weise abh\u00e4ngig ist, bestraft und ggf. (meist erst jenseitig) belohnt werden kann. Religionen haben z. T. eine sehr lange Geschichte und Traditionen, die von Generation zu Generation, ggf. variiert, weiter gegeben werden. Aber auch nicht wenige Religionen sind heute ganz verschwunden. Religionen \u201epflegen\u201c bestimmte Riten, Zeremonien und Kulthandlungen, die bei den Gl\u00e4ubigen ein Gemeinschaftsgef\u00fchl manifestieren, auch \u00fcber soziale Schranken hinweg. Daf\u00fcr bed\u00fcrfen Religionen kundiger, meist speziell ausgebildeter Personen (z. B. Priester, den Klerus, Imame, Rabbinen). Religionen berufen sich auf heilige Schriften oder B\u00fccher. Religionen k\u00f6nnen Moralvorschriften und Lebensorientierungen geben, oft f\u00fcr jedwede Lebens- und Grenzsituation, k\u00f6nnen ggf. Trost und Geborgenheit vermitteln.<\/p>\n<p>Religionen sind fast immer auch Erkl\u00e4rungsversuche f\u00fcr das Weltganze. Sie besitzen Weltanschauungscharakter, ohne auf eine generelle Welterkenntnis zu zielen, ja objektiv zielen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Manche Religionen beziehen sich (h\u00e4ufig indirekt) auf philosophische, meist idealistische Systeme im weitesten Sinne oder haben solche in sich aufgenommen (das Christentum etwa den Stoizismus und den Neoplatonismus aus der Sp\u00e4tantike). Andere Religionen, etwa bestimmte Richtungen des Islam oder das Christentum im Mittelalter, sind st\u00e4rker politisch, teils sogar theokratisch orientiert. Hinduismus und Buddhismus legen gr\u00f6\u00dferen Wert auf spirituelle Aspekte. \u00dcberschneidungen finden sich in nahezu allen Religionen und insbesondere bei deren Rezeption und Aus\u00fcbung durch den einzelnen Menschen. In Mode gekommen, besonders bei J\u00fcngeren, sind \u201eneue\u201c Religionen bzw. \u201ePatch-Work-Religionen\u201c, die Inhalte und Riten verschiedener Religionen kombinieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>2.2 Die Anf\u00e4nge<\/h5>\n<p>Entgegen h\u00e4ufig ge\u00e4u\u00dferter Auffassung ist der Mensch die weitaus l\u00e4ngste Zeit seiner Existenz ohne Religion ausgekommen (\u00fcbrigens auch ohne Kriege!<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\"><sup>[4]<\/sup><\/a>). Gemeint ist die Zeit der Pr\u00e4-Geschichte, in der das gesellschaftliche Sein des Menschen noch so primitiv war, dass sein Bewusstsein ausschlie\u00dflich an die Praxis gebunden und daher nicht imstande war, abstrakte religi\u00f6se Vorstellungen zu entwickeln.<\/p>\n<p>Zwar erlebten die als Sammler und J\u00e4ger lebenden Menschen \u00c4ngste vor bestimmten Naturereignissen wie Blitz und Donner, Hagel und Unwetter, \u00dcberschwemmungen und D\u00fcrreperioden, auch vor dem Tod. Die nat\u00fcrlichen Ursachen daf\u00fcr aber blieben ihnen aus Unverst\u00e4ndnis verschlossen.<\/p>\n<p>Erst mit der beginnenden Abspaltung geistiger von manuell-k\u00f6rperlicher T\u00e4tigkeit konnten langsam Deutungsversuche f\u00fcr solche Erscheinungen entstehen. Obwohl das historisch einen gewaltigen kulturellen und sozialen Fortschritt markierte, mussten diese Versuche zwangsl\u00e4ufig spekulativ bleiben. Sie m\u00fcndeten u. a. in Jagdmagie, Fruchtbarkeitskulte, Bestattungszeremonien und Grabbeigaben \u2013 Anf\u00e4nge religi\u00f6ser Vorstellungen und Praktiken (z. B. Schamanismus), die z. T. mit den Anf\u00e4ngen k\u00fcnstlerischer Ent\u00e4u\u00dferung verbunden blieben (H\u00f6hlenmalerei, Venusstatuetten etc.).<\/p>\n<p>Religionen sind bis heute ein wichtiger Kulturfaktor in den unterschiedlichsten Gesellschaften und Regionen geblieben!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>2.3 Erkenntnistheorie<\/h5>\n<p>Die historischen Anf\u00e4nge von Religiosit\u00e4t und Religion legen zugleich eine ihrer Wurzeln (Quellen) blo\u00df. Es handelt sich um die erkenntnistheoretischen (gnoseologischen) Wurzeln.<\/p>\n<p>Sie sind in einem objektiven Widerspruch begr\u00fcndet. Die Welt ist raum-zeitlich mikroskopisch wie makroskopisch unendlich, und sie befindet sich in permanenter Ver\u00e4nderung. Darum ist auch ebenso unser Erkenntnisprozess unendlich, andererseits aber das Wissen \u00fcber diese Welt zu jedem Zeitpunkt endlich. L\u00fccken zwischen Erkanntem und (Noch-)Nichterkanntem bieten jedoch immer Raum f\u00fcr Spekulationen, darunter auch f\u00fcr religi\u00f6se Deutungen. Diese (zeitweiligen!) L\u00fccken gab es immer und wird es immer geben. Auch deswegen ist es \u00e4u\u00dferst problematisch zu behaupten, Religiosit\u00e4t und Religionen beruhen lediglich auf mangelnder Welterkenntnis.<\/p>\n<p>Erkenntnisgewinn f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zur selektiven Infragestellung bestimmter religi\u00f6ser bzw. theologischer Vorstellungen, evtl. auch zu deren Korrektur oder Preisgabe, und unstreitig hat die Wissenschaft jedem religi\u00f6sen Glauben manch tiefe Wunde geschlagen und ihn zu \u201eFrontbegradigungen\u201c gezwungen. Sie tut es permanent noch heute. Aber daran ist der Glaube eben nicht gestorben und wird daran auch nicht sterben. Und Gott ist auch nicht \u201etot\u201c.<\/p>\n<p>Die Wissenschaft allein ist nur bedingt tauglich, gegen verinnerlichte religi\u00f6se Mythen, Bilder und Legenden anzugehen. Genau das ist auch die Grenze, an die jeder lediglich nur auf (natur-) wissenschaftliche Indizien gr\u00fcndende Atheismus st\u00f6\u00dft. Das gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr den sog. \u201eneuen\u201c Atheismus.<\/p>\n<p>Im Lichte der Wissenschaft wird es kein letztes, nur noch aufzudeckendes \u201eSchlupfloch\u201c f\u00fcr Gott geben, denn f\u00fcr Religiosit\u00e4t kann bzw. wird immer wieder noch eins gefunden werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>2.4 Gesellschaftliches Bewusstsein<\/h5>\n<p>Die Entwicklung der Menschheit f\u00fchrte \u00fcber die gro\u00dfen Arbeitsteilungen und der sukzessiv entstehenden Ungleichverteilung bei der Aneignung des Mehrprodukts zur schrittweisen Herausbildung eines \u201eOben und Unten\u201c, der Klassenteilung und der Staatenbildung. Die \u201eOberen\u201c, eine Koalition von politischer und geistig-religi\u00f6ser Macht, nutzten bestehende und auch eigens daf\u00fcr entwickelte und &#8222;gepflegte&#8220; religi\u00f6se Vorstellungen f\u00fcr die Erkl\u00e4rung der realen sozialen Ungleichheit und zugleich als Begr\u00fcndung der Machtverh\u00e4ltnisse und deren Manifestierung. Es wurde suggeriert, dass die bestehende Ordnung von Gott und G\u00f6ttern gewollt und unver\u00e4nderbar sei. Die wahren sozial\u00f6konomischen Zusammenh\u00e4nge sollten f\u00fcr die unteren Schichten weitgehend undurchschaubar und unerkl\u00e4rlich bleiben. Religionen wurden auf diese Weise ideologisch, und sie wurden zu einer Form des gesellschaftlichen Bewusstseins.<\/p>\n<p>Hier sehen wir eine zweite Wurzel der Religionen, die gesellschaftliche bzw. soziale. Diese gesellschaftliche (sozial\u00f6konomische) Wurzel der Religion ist an die Existenz der Gliederung der Gesellschaft in Klassen (nicht nur antagonistischer!) gebunden. Zwischen ihr und der erkenntnistheoretischen Wurzel besteht keine starre Grenze. Sie hat aber, im Unterschied zur erkenntnistheoretischen Wurzel, keinen Ewigkeitscharakter. Als Form des gesellschaftlichen Bewusstseins steht Religion in einem engen Wechselverh\u00e4ltnis zu den jeweils realen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\"><sup>[5]<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h5>2.5 Fanatismus und \u201eMissbrauch\u201c der Religion<\/h5>\n<p>Der weitere Verlauf der Geschichte der Klassengesellschaften machte deutlich, dass Religionen und religi\u00f6se Vorstellungen bald und intensiv dazu gebraucht, richtiger: missbraucht wurden, die Ausbeutung nach innen zu versch\u00e4rfen und nach au\u00dfen Kriege im Namen eben dieser Religion zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Die Religionsgl\u00e4ubigkeit und Fr\u00f6mmigkeit der Menschen ausnutzend, wurde (und wird!) gegen Andersgl\u00e4ubige &#8211; propagandistisch begr\u00fcndet gegen \u201eUngl\u00e4ubige\u201c und Heiden &#8211; blutig zu Felde gezogen. Keine der sogenannten Weltreligionen blieb daran unbeteiligt, und die Geschichtsb\u00fccher sind angef\u00fcllt von Intoleranz, von Verbrechen bis hin zu terroristischen Aktionen und V\u00f6lkermord \u2013 gerechtfertigt mit religi\u00f6sen Versatzst\u00fccken.<\/p>\n<p>Der religi\u00f6ser Fanatismus tritt aktuell insbesondere in den Kriegsszenarien im arabischen Raum in Erscheinung: Im Judentum als Zionismus, insofern er den Landraub und die Vertreibung und Entrechtung von Pal\u00e4stinensern mit religi\u00f6sen Anrechten des j\u00fcdischen Volkes rechtfertigt. Im sunnitischen Islam als Takfirismus, der die Verfolgung und T\u00f6tung von Ungl\u00e4ubigen, einschlie\u00dflich der zu Ketzern erkl\u00e4rten Muslime, insbesondere der Schiiten, rechtfertigt, also die Praxis der terroristischer Gruppen wie Al-Qaida, Daesh (\u201eIS\u201c) etc., die ideologisch und materiell aus den pro-westlichen Golfstaaten unterst\u00fctzt werden. Im Christentum als fanatisierte Evangelikale, Katholiken und Mormonen, die in den USA, in \u201egod\u2019s own country\u201c, sowohl gegen staatliche Daseinsf\u00fcrsorge zu Felde ziehen als auch dem gelobten Land und seinen Verb\u00fcndeten jedwede ideologische Missionierung und Einmischung in anderen L\u00e4ndern zugestehen.<\/p>\n<p>Die Kriminalgeschichte der Religionen, die nur ein Ausdruck des gewaltt\u00e4tigen Charakters der Klassengesellschaft ist, stellt insofern auch kein \u00fcberzeugendes Argument gegen die Religion an sich dar, zumal der religi\u00f6se Fanatismus immer auch im Namen des wahren Wesens der Religion bek\u00e4mpft worden ist, so der Zionismus als antijudaistisch, der Takfirismus als unislamisch, der Evangelikalismus als extremistisch-fundamenta\u00adlistisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>2.6 Basis f\u00fcr Reaktion oder Fortschritt<\/h5>\n<p>Kaum ein religi\u00f6ses System ist in sich geschlossen oder gar abgeschlossen. Das erkl\u00e4rt die Wandlungs- und Anpassungsf\u00e4higkeit vieler Religionen. Es erkl\u00e4rt aber auch die M\u00f6glichkeit differenzierter Interpretationen der Widerspr\u00fcchlichkeiten in religi\u00f6sen Texten. Auf diese Weise kann Religion sogar Vehikel f\u00fcr den Widerstand gegen bestehende gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse werden, Motivation und aktives Handeln f\u00fcr politisch progressive Kr\u00e4fte. Auch daf\u00fcr liefert die Geschichte Europas zahlreiche Beispiele: die Bewegung der Katharer und Waldenser, die Wiedert\u00e4ufer, die Reformationsbewegung in Deutschland, besonders die Theologie eines Thomas M\u00fcntzer, die Bekennende Kirche in der Zeit des deutschen Faschismus und aktuell die Theologie der Befreiung in Lateinamerika usw.<\/p>\n<p>Nach Karl Marx ist Religion nicht nur Ausdruck des wirklichen Elends und Opium des Volks, sondern zugleich auch Protestation gegen dieses Elend. Dazu schreibt Jan Rehmann: \u201eAuch religi\u00f6s inspirierte Bewegungen k\u00f6nnen die illusorische und zugleich l\u00e4hmende Eigenschaft religi\u00f6sen Opiums \u00fcberwinden, wenn es ihnen gelingt, den \u201aSeufzer der bedr\u00e4ngten Kreatur\u2019 mit fundierter Kapitalismuskritik \u2026 zu verbinden\u201c.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> Andererseits muss jede einseitige Orientierung des religi\u00f6sen Glaubens auf ein Jenseits, auf eine Erwartung eines \u201eewigen Lebens\u201c, zwangsl\u00e4ufig zur L\u00e4hmung in der Auseinandersetzung und der progressiven Ver\u00e4nderung der diesseitigen Welt f\u00fchren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h4>3 \u00a0\u00a0Marxistische Religionskritik und Freidenkerbewegung<\/h4>\n<h5>3.1 Geschichte und Formen der Religionskritik<\/h5>\n<p>Die Geschichte der Religionen wurde fast von Anfang an begleitet von der Kritik der Religionen. Religionskritik hinterfragt oder bezweifelt Religiosit\u00e4t und Religionen, deren Glaubensaussagen, Dogmen und Konzepte, auch Institutionen und Organisation. Religionskritik kann rational und\/oder moralisch-ethisch sein. Sie ist aber nicht sofort gleichzusetzen mit genereller Infragestellung der Religion. Das aber bedeutet auch, dass Religionskritik nicht automatisch Atheismus ist.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Es gibt aber bis in die Antike zur\u00fcckreichende religionskritische (tendenziell auch atheistische) Denker, von vielen Vorsokratikern, insbesondere den atomistischen Materialisten bis hin zu Aristoteles und Epikur samt deren Schulen.<\/p>\n<p>Auch im Mittelalter, bei religi\u00f6ser \u00dcberformung des gesamten gesellschaftlichen \u00dcberbaus, fehlten religionskritische Stimmen keineswegs. Viele Scholastiker wurden zum Widerruf bestimmter Thesen und auch ganzer Werke durch die Kirche verurteilt oder gar durch die Inquisition \u201epeinlich befragt\u201c, um evtl. danach auf dem Scheiterhaufen zu landen. Unz\u00e4hlige Schriften wurden verboten und verbrannt. Nahezu alle Religionen erwiesen sich nicht nur religionskritischen Auffassungen gegen\u00fcber als intolerant und fundamentalistisch, sondern auch gegen\u00fcber der jeweils anderen Religion. Ein Wesenszug war und ist teilweise noch immer auch eine gewisse Wissenschaftsfeindlichkeit, aus der Bef\u00fcrchtung heraus, die Deutungshoheit bzw. das Monopol \u00fcber einen wesentlichen geistigen Bereich zu verlieren und im Widerstreit von (religi\u00f6sem) Glauben und Wissen Niederlagen einzustecken.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>3.2 Aufkl\u00e4rungsbewegung<\/h5>\n<p>Das Freidenkertum nahm seinen Anfang Ende des 17.\/Anfang des 18. Jahrhunderts in England ebenfalls als religions- und kirchenkritische Bewegung. Im Interesse des aufstrebenden B\u00fcrgertums ging es um die Emanzipation von der politisch-ideologischen Macht der Kirche(n). Die Entwicklung ging vom Deismus \u00fcber den Pantheismus bis hin zum Atheismus der (englischen) Aufkl\u00e4rung.<\/p>\n<p>St\u00e4rker als die meisten Aufkl\u00e4rer Englands, sp\u00e4ter auch Deutschlands, strebte die Mehrheit der franz\u00f6sischen Aufkl\u00e4rer, besonders die Enzyklop\u00e4disten im 18. Jahrhundert, nicht blo\u00df die \u00dcberwindung konfessioneller Streitereien an. Sie forderten im Namen der Vernunft gegen jedweden Glauben die \u00dcberwindung der Religionen zugunsten eines an den Naturwissenschaften orientierten Atheismus. Ihr Hauptfeind war die Kirche, ihre Philosophie war radikal, b\u00fcrgerlich-progressiv und tendenziell materialistisch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>3.3 Ludwig Feuerbach<\/h5>\n<p>Ludwig Feuerbach, aus der linkshegelianischen Schule kommend, wandte sich nach der philosophischen Epoche des deutschen Idealismus wieder dem philosophischen Materialismus zu. In seinem Werk \u201eDas Wesen des Christentums\u201c (1841) polemisiert er kritisch gegen die Religion und kennzeichnet sie als Projektion des menschlichen Wesens. F\u00fcr ihn ist Gott nur der an den Himmel projizierte Selbstausdruck des menschlichen Selbstbewusstseins. Mit der Vorstellung Gottes stellt sich der Mensch seinem eigenen Wesen gegen\u00fcber, mache es sich aber als Objekt seiner Sehnsucht gegenst\u00e4ndlich anschaulich. Feuerbach schreibt: \u201eDenn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel steht, sondern der Mensch schuf\u2026Gott nach seinem Bilde.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>3.4 Karl Marx<\/h5>\n<p>Karl Marx sah im Wirken Feuerbachs den H\u00f6hepunkt des b\u00fcrgerlichen Atheismus, kn\u00fcpfte kritisch an ihn an und \u00fcberwand dessen subjektive Sicht der Wirklichkeit. Feuerbachs Religionskritik endet dort, wo Marx\u2018 eigener Neuansatz seinen Anfang nimmt. Das letzte Wort Feuerbachs ist die theoretische Kritik der Religion und die Postulierung eines abstrakten Humanismus. Marx hingegen war sich dar\u00fcber klar, dass eine blo\u00dfe theoretische Kritik nicht ausreicht, um die Emanzipation des Menschen herbeizuf\u00fchren. Der Kampf gegen die Religion steht f\u00fcr ihn darum nicht im Zentrum, denn jede Religion hat objektive materielle und geistige Grundlagen. Die Waffe der Religionskritik muss selbst hinsichtlich ihrer Wirkm\u00f6glichkeit kritisch durchschaut werden. Als Fazit ergibt sich: Materielle gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse sind nur durch die materielle Aktion ver\u00e4nderbar.<\/p>\n<p>Deshalb muss von der Kritik des Himmels zur Kritik der Erde, von der Kritik der Religion zur Kritik der Politik und der tats\u00e4chlichen sozial\u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse \u00fcbergegangen werden. \u201eDie Aufhebung der Religion als des illusorischen Gl\u00fccks ist die Forderung seines wirklichen Gl\u00fccks. Die Forderung, die Illusionen \u00fcber seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.\u201c<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Wir geben den Marx\u2018schen Standpunkt nicht ad\u00e4quat wieder, wenn wir ihn schlechthin verk\u00fcrzt als \u201eAtheismus\u201c bezeichnen und es dabei bewenden lassen. Vielmehr ist der Marxismus hier sowohl der Fortsetzer als auch der Kritiker des Atheismus in einem. Er stellt die dialektische Negation des (b\u00fcrgerlichen) Atheismus dar. Das gilt ebenso f\u00fcr den aktuellen, vemeintlich \u201eneuen\u201c Atheismus.<\/p>\n<p>\u201eDie Kritik der Religion endet mit der Lehre, dass der Mensch das h\u00f6chste Wesen f\u00fcr den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist.\u201c<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> Gerade darum kritisiert Marx auch Feuerbachs (und Hegels) rein individualistischen, dem Idealismus verhafteten Ansatz und stellt ihnen seine ber\u00fchmten \u201eThesen \u00fcber Feuerbach\u201c entgegen, die in der 11. These gipfeln:<\/p>\n<p>\u201eDie Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es k\u00f6mmt drauf an, sie zu ver\u00e4ndern.\u201c<a href=\"#_edn10\" name=\"_ednref10\"><sup>[10]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>3.5 Organisierte Freidenker<\/h5>\n<p>Die organisierte Freidenkerbewegung in Deutschland hat sich diesen \u00dcberlegungen nicht sofort und auch nicht gleich in G\u00e4nze angeschlossen.<\/p>\n<p>Ihre Entwicklung im 19. Jahrhundert entstammt zweier Wurzeln. Einmal die sogenannten Freireligi\u00f6sen und Freigeistigen, die sich nach der gescheiterten b\u00fcrgerlichen Revolution in Deutschland organisatorisch von den (christlichen) Gro\u00dfkirchen gel\u00f6st haben, weil diese Partei f\u00fcr die Reaktion ergriffen hatten. Bei Freireligi\u00f6sen und Freigeistigen fanden und finden auch Gl\u00e4ubige ihren Platz, die der Dogmatik der Amtskirchen nicht mehr folgen, die nicht unbedingt an einen personalen Gott, aber jedenfalls an ein h\u00f6heres Wesen, ein \u00fcbersinnliches Prinzip o.\u00e4. glauben.<\/p>\n<p>Eine andere Quelle bildeten die Erkenntnisse der aufstrebenden Naturwissenschaften. Nicht wenige (mechanisch-)materialistisch orientierte Naturwissenschaftler versuchten, breite Kreise des Volkes atheistisch zu erziehen und naturwissenschaftlich zu bilden. Sie hinterfragten z. B., ob die Ergebnisse der Naturwissenschaften mit dem Konzept einer immateriellen Seele, eines personalen Gottes und eines freien Willens vereinbar sind. Dabei kamen sie zu antireligi\u00f6sen und antikirchlichen Schlussfolgerungen.<\/p>\n<p>Die Beschr\u00e4nkung des b\u00fcrgerlichen Atheismus auf eine Kritik der Ideen wurde mit den Arbeiten von Marx und Engels zum dialektischen Verh\u00e4ltnis von t\u00e4tigem sozialen Sein und dessen Reflektion \u00fcberwunden. Und mit dem Erstarken der organisierten Arbeiterbewegung in Deutschland wurde die Religions- und Kirchenkritik auch konkret. Der 1905 gegr\u00fcndete marxistisch orientierte Verein f\u00fcr Feuerbestattung bot Jugendweihen, Eheschlie\u00dfungen und Trauerfeierlichkeiten an und brach somit das Monopol der Kirchen auf diesem Gebiet. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entwickelte sich hieraus eine Massenbewegung.<\/p>\n<p><strong>Der Deutsche Freidenker-Verband steht in dieser Tradition.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<h4>4 \u00a0\u00a0Toleranz, Gleichberechti\u00adgung, humane Gesellschaft<\/h4>\n<h5>4.1 Freie Selbstverwirklichung<\/h5>\n<p>Freidenker sind weltanschaulich einem philosophischen Materialismus verpflichtet, wir setzen auf die Vernunft und streiten f\u00fcr eine Gesellschaft freier und gleichberechtigter Menschen. Daher hei\u00dft es in unserer Berliner Erkl\u00e4rung: \u201eDas Grundprinzip einer menschenw\u00fcrdigen Gesellschaft muss die volle und freie Entfaltung jedes Individuums sein\u201c. Jedes Individuums, wohlgemerkt! Dieses Prinzip bestimmt auch unser Verh\u00e4ltnis zu Religionen, zu Gl\u00e4ubigen und zu Kirchen.<\/p>\n<p>Unsere grundlegende \u00dcberzeugung ist es, dass es weder f\u00fcr das Verstehenwollen und Verstehen der Vorg\u00e4nge in der Welt noch f\u00fcr die pers\u00f6nliche Konfliktregelung und positive Lebensgestaltung n\u00f6tig ist, auf religi\u00f6se Vorstellungen zur\u00fcckzugreifen. Vielmehr st\u00fctzen wir uns auf die Erkenntnisse der Wissenschaft und die widerspr\u00fcchlichen Erfahrungen der Geschichte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>4.2 Dialog und Zusammenarbeit<\/h5>\n<p>Zugleich bedenken wir: Jeder Mensch pr\u00e4gt seine Sicht von der Welt und seine daraus erwachsende Lebenseinstellung unterschiedlich aus. Dieser Prozess ist bekanntlich nie endg\u00fcltig abgeschlossen, in ihm entstehen vielmehr immer wieder neue Themenbereiche und damit verkn\u00fcpfte Probleme. Es tauchen Fragen auf, z. B. nach moralischen Normen, nach Ma\u00dfst\u00e4ben f\u00fcr Recht und Unrecht, f\u00fcr soziale Gerechtigkeit, f\u00fcr Schuld, Gewissen und eigene Verantwortung. Sie bed\u00fcrfen immer auch neuer Antworten, die freilich notwendig auch unterschiedlich ausfallen k\u00f6nnen und m\u00fcssen.<\/p>\n<p>In diesem Kontext sind aber Inhalte eingebettet, die sich \u2013 bildlich gesprochen \u2013 diagonal \u00fcber die Gesellschaft legen, unabh\u00e4ngig von der jeweiligen Weltanschauung oder Religion.<\/p>\n<p>Es seien nur wenige Stichworte mit weltanschaulicher Relevanz genannt:<\/p>\n<ul>\n<li>H\u00f6hen und Tiefen des Lebens, Konfliktbew\u00e4ltigung in komplizierten Lebens- und Grenzsituationen,<\/li>\n<li>Fragen des Umgangs mit Andersdenkenden, Anderslebenden, Andersglaubenden: in der Familie, in der Welt der Arbeit, in der Rechtsstaatlichkeit der Gesellschaft,<\/li>\n<li>Sozial- und Solidarverhalten unter den Bedingungen eine<u>s<\/u> sich zunehmend brutalisierenden und globalisierenden Kapitalismus,<\/li>\n<li>Krankheit und Behinderung, Alter und Tod; Sterbehilfe; Alkohol- und Drogensucht,<\/li>\n<li>Partnerschaftliches Zusammenleben, Liebe, Sexualit\u00e4t (auch Homosexualit\u00e4t), Schwangerschaftsabbruch, In-Vitro-Befruchtung, Ehe, Freundschaft, Gleichstellung der Geschlechter,<\/li>\n<li>Manipulation und Bewusstseinsbildung der Menschen, Aufkl\u00e4rung gegen Volksverdummung,<\/li>\n<li>Globale Probleme und Konflikte, Unterdr\u00fcckung, Armut und Reichtum in der Welt, Schutz der nat\u00fcrlichen Umwelt,<\/li>\n<li>Aufr\u00fcstung und Kriege, Remilitarisierung, Terror in der Welt,<\/li>\n<li>Kampf um den Frieden, f\u00fcr Friedenssicherung und Abr\u00fcstung.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Da solche Problemfelder real in der Gesellschaft existieren, suchen wir dar\u00fcber den Dialog, unabh\u00e4ngig von weltanschaulich-religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen der Menschen.<\/p>\n<p>Erfahrungsgem\u00e4\u00df werden Vorstellungen und Aktivit\u00e4ten zu gesellschaftlichen Probleml\u00f6sungen eher von der sozialen Lage als von weltanschaulichen \u00dcberzeugungen gepr\u00e4gt. Freidenker begr\u00fc\u00dfen die Teilnahme gl\u00e4ubiger Menschen an den K\u00e4mpfen f\u00fcr Frieden, Menschenrechte und sozialen Fortschritt, und erachten sie f\u00fcr unverzichtbar. Die gemeinsamen praktischen Aktivit\u00e4ten haben auch Vorrang vor der Auseinandersetzung um die \u201erichtige\u201c weltanschauliche Motivation, in der Zusammenarbeit treten wir f\u00fcr die Orientierung auf Vernunft und Rationalit\u00e4t ein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>4.3 Toleranz und ihre Grenzen<\/h5>\n<p>Die Orientierung auf gemeinsames Handeln bei der L\u00f6sung der dr\u00e4ngendsten Probleme beinhaltet notwendig Toleranz gegen\u00fcber Andersdenkenden und somit auch gegen\u00fcber gl\u00e4ubigen Menschen. Toleranz bedeutet Respektierung des \u201eAnderen\u201c, nicht, dieses auch zu teilen. Es bedeutet nicht Ignorieren oder Gleichg\u00fcltigkeit, sondern Auseinandersetzung und \u201eKonfrontation der Ideen\u201c.<\/p>\n<p>Toleranz ist in diesem Sinne Ausdruck einer humanistischen, im weitesten Sinn auf Wahrheitssuche und Sinngebung des Lebens gerichteten Haltung. Toleranz bedeutet nicht Verzicht auf die Kl\u00e4rung jedweden Wahrheitsanspruchs. Toleranz kann es nur dann geben, wenn es zwischen den unterschiedlichen, ja gegens\u00e4tzlichen Auffassungen und \u00dcberzeugungen genau zu diesem Anspruch einen verbindenden, gemeinsame Handlungen erm\u00f6glichenden Konsens gibt oder er wenigstens sichtbar angestrebt wird.<\/p>\n<p>Toleranz h\u00f6rt f\u00fcr Freidenker gegen\u00fcber Menschenfeindlichkeit, Kriegs- und V\u00f6lkerhetze, Rassismus, Faschismus, religi\u00f6sem Fundamentalismus usw. selbstverst\u00e4ndlich auf.Religi\u00f6se oder religi\u00f6s begr\u00fcndete Praktiken, die gegen pers\u00f6nliche, soziale und politische Grundrechte versto\u00dfen, sollten ebenfalls nicht toleriert werden: die Begr\u00fcndung der Kirchenmitgliedschaft durch die Taufe nicht einwilligungsf\u00e4higer S\u00e4uglinge, Beschneidungspraktiken bei Unm\u00fcndigen, versch\u00e4rfte Ausbeutung in kirchlichen und kirchennahen Einrichtungen unter Verweigerung sozialer Grundrechte, Berufsverbote mit religi\u00f6ser Begr\u00fcndung sowie die Zwangsteilnahme an religi\u00f6sen Riten im Rahmen \u00f6ffentlicher Veranstaltungen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>4.4 Trennung von Staat und Kirche<\/h5>\n<p>Der Deutsche Freidenker-Verband ist Interessenvertreter religionsfreier Menschen, seine Mitglieder sind links und areligi\u00f6s, aber nicht notwendig antireligi\u00f6s orientiert. Sie sind aber antiklerikal und k\u00e4mpfen energisch gegen den politischen Missbrauch der Religionen und der religi\u00f6sen Gef\u00fchle der Menschen, gegen religi\u00f6sen Fundamentalismus, Dogmatismus und Fanatismus und gegen die \u201eAllianz von Thron und Altar\u201c, also gegen jegliche Form des Staatskirchentums. (siehe dazu auch These 1.5)<\/p>\n<p>Darum fordert unser Verband die strikte Trennung von Kirche und Staat, von Kirche und Schule. Das bedeutet u. a.:<\/p>\n<ul>\n<li>die Einhaltung der im Grundgesetz festgeschriebenen religi\u00f6sen bzw. weltanschaulichen Neutralit\u00e4t des Staates,<\/li>\n<li>die Abschaffung des staatlichen Einzugs der Kirchensteuern, der ohnehin eine Bevorzugung der Gro\u00dfkirchen und eine Benachteiligung der kleineren Religionsgemeinschaften (diffamierend Sekten genannt) darstellt,<\/li>\n<li>die Abschaffung der Staatsdotationen an die Kirchen (ausgenommen f\u00fcr Zwecke der Denkmalpflege und des Erhalts kulturellen Erbes),<\/li>\n<li>die Aufhebung der Staatsleistungen zur \u201eWiedergutmachung\u201c der S\u00e4kularisierung des Kircheneigentums im Gefolge des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803,<\/li>\n<li>Wir fordern auch die K\u00fcndigung von Staatsvertr\u00e4gen mit der Kirche, die z. T. noch auf das Reichskonkordat zwischen Nazideutschland und dem Vatikan Bezug nehmen.<\/li>\n<li>Wir betrachten den Religionsunterricht als Angelegenheit der Kirchen und der Religionsgemeinschaften. An staatlichen Schulen hat er nichts zu suchen. Das schlie\u00dft nicht aus, grundlegende Kenntnisse zu Religionen, deren Inhalten und deren Geschichte zu vermitteln (vgl. das Modell LER in Brandenburg). Statt missionarischer Glaubensunterweisung in Form des konfessionellen Unterrichts ist eine Erziehung zur weltanschaulichen M\u00fcndigkeit und Selbstbestimmung erforderlich. Die Regelschule nach dem Grundgesetz muss die bekenntnisfreie Schule werden.<\/li>\n<li>Das Studium der Theologie, gleich welchen Glaubensbekenntnisses, ist ebenso Angelegenheit der Kirchen und Religionsgemeinschaften. Darum sind theologische Lehrst\u00fchle an \u00f6ffentlichen Hochschulen und Universit\u00e4ten abzuschaffen bzw. auszugliedern.<\/li>\n<li>In staatlichen Einrichtungen und Institutionen wollen wir au\u00dfer einer obligaten staatlichen Symbolik keine religi\u00f6sen Artefakte (Kruzifixe u. a.) haben.<\/li>\n<li>Wir fordern insbesondere die Abschaffung der Milit\u00e4rseelsorge und lehnen ein \u201ehumanistisches\u201c Pendant zur \u201eethischen\u201c Wehrert\u00fcchtigung ab.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>4.5 Gleichberechtigung und Nichtdiskriminierung<\/h5>\n<p>Wird in Deutschland der im Grundgesetz verankerte Artikel 137 der Weimarer Verfassung \u00fcberhaupt ernst genommen, der auch den deutschen Freidenker-Verband als Weltanschauungsgemeinschaft mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften gleichstellt?<\/p>\n<p>M\u00fcsste ihm und dem Status quo gem\u00e4\u00df z. B. nicht auch die Vermittlung einer materialistischen Weltanschauung ordentliches Lehrfach sein, mit von uns genehmigten Lehrpl\u00e4nen und Lehrb\u00fcchern und der Ausbildung entsprechender Lehrkr\u00e4fte? M\u00fcsste nicht das Wort zum Tage gleichberechtigt auch von Freidenkern \u00fcber die Medien kommen, unserem Verband nicht auch das Recht zustehen, Schulen in eigener Tr\u00e4gerschaft zu unterhalten? &#8211; Utopisch? Vielleicht.<\/p>\n<p>Doch abgesehen davon, dass wir Freidenker f\u00fcr uns keine solche Rechtsstellung reklamieren, wie sie die gro\u00dfen Kirchen heute noch haben, bricht doch der offiziell (!) weltanschaulich neutrale Staat mit dieser Neutralit\u00e4t, wenn er nahezu ausschlie\u00dflich Moral- und Wertevorstellungen der Kirchen zu verbindlichen Entscheidungsvorgaben macht. Hier liegt ein entscheidender Grund f\u00fcr die Schwierigkeiten beim Zustandekommen einer auf Toleranz begr\u00fcndeten Normalit\u00e4t im Verh\u00e4ltnis von Nichtreligi\u00f6sen und Gl\u00e4ubigen.<\/p>\n<p>Es ist die Furcht der Kirchenoberen vor dem Verlust ihrer privilegierten Stellung in unserem Staatswesen, die Furcht vor den Konsequenzen einer strikten Trennung vom Staat. Doch echte Religionsfreiheit ist nicht mit Staatsn\u00e4he, sondern nur mit Unabh\u00e4ngigkeit zu erreichen. Weiterdenkende Theologen wie Friedhelm Hengsbach erhoffen sich damit eher mehr gesellschaftliche Autorit\u00e4t.<sup> <a href=\"#_edn11\" name=\"_ednref11\">[11]<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Ob wir diese Schlussfolgerung nun teilen oder nicht, mit Sicherheit ist die strikte Trennung der Kirche vom Staat eine wesentliche Voraussetzung f\u00fcr die Nichtdiskriminierung der Nichtreligi\u00f6sen. Dies ist eine Voraussetzung f\u00fcr dauerhafte, stabile, auf Toleranz gegr\u00fcndete Beziehungen von Nichtreligi\u00f6sen und Gl\u00e4ubigen in unserer Gesellschaft.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>4.6 Vernunft statt Imperialismus<\/h5>\n<p>Als Weltanschauungsgemeinschaft f\u00fchren die Freidenker die geistige Auseinandersetzung mit allen Formen des Irrationalismus, in seiner \u201eheiligen\u201c wie in seiner weltlichen Gestalt. Dies betrifft einerseits in Zeiten des schwindenden, direkten Einflusses von kirchlicher Religion auf die Bewusstseinsinhalte der Menschen die verschiedenen Formen eines religi\u00f6sen Pluralismus, der nicht weniger zur Systemstabilisierung und Desorientierung beitr\u00e4gt als die Verbindung von Obrigkeitsstaat und Quasi-Staatskirchen im 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert. Dies betrifft andererseits und insbesondere die Rolle der Massenmedien bei der Volksverdummung, bei der Verschleierung der Ursachen und Nutznie\u00dfer von Krisen und Kriegen, bei der Desinformation und Volksverhetzung.<\/p>\n<p>Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Zukunft finden Viele keine rationale Antwort mehr. Wir wirken daf\u00fcr, dass die in Zeiten massenhafter Ausgrenzung, Existenzbedrohung und sozialer Erniedrigung um sich greifende Perspektivlosigkeit und Zukunftsangst nicht die Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr vermeintliche Heilslehren und Irrationalismus f\u00f6rdert. Die Ideologie-Agenturen der kapitalistischen Gesellschaft predigen den Glauben an die \u201eSelbstheilungskr\u00e4fte des Marktes\u201c, postulieren \u201eEigenverantwortung\u201c, wenn sich Staat und Unternehmen das Soziale sparen wollen, verk\u00fcnden das \u201eEnde der Geschichte\u201c, bestreiten die Erkennbarkeit der Welt, schlie\u00dflich wird Krieg Frieden genannt und Unwissenheit St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Wie kann der \u201eGeist geistloser Zust\u00e4nde\u201c, die Abwesenheit von Sinn sinnf\u00e4lliger deutlich werden? Der Verlust humaner Orientierung und des sozialen Zusammenhalts ist Zweck der \u00dcbung, der \u201eBedarf\u201c an Irrationalismus ist das planm\u00e4\u00dfige Ergebnis. Wir bek\u00e4mpfen aber nicht Menschen mit verkehrtem Bewusstsein, sondern die Zust\u00e4nde, die es hervorbringt. Es ist das Resultat von Entfremdung und Selbstentfremdung, der erfahrenen Zerrissenheit der realen Welt.<\/p>\n<p>Freidenker sehen sich in der Tradition der Aufkl\u00e4rung und ihrem historischen Ziel verpflichtet: der Verteidigung und Durchsetzung der Vernunft im geistigen und wissenschaftlichen Leben, nicht zuletzt in allen Bereichen von Gesellschaft, Staat und Politik. Diesem Anliegen spricht der global agierende Kapitalismus Hohn, der sich nicht an den Entwicklungsinteressen der Menschen orientiert, sondern Not, Elend, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung f\u00fcr immer gr\u00f6\u00dfere Teile der Weltbev\u00f6lkerung bewirkt, er bringt immer neue Kriege hervor und beschw\u00f6rt die Gefahr des Untergangs der menschlichen Gattung herauf. Der Imperialismus ist das Gegenteil von Vernunft, er ist purer Irrationalismus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Als Kulturorganisation treten die Freidenker f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige, humane Gesellschaft ein. Sie ist keine Gottesgabe, sie muss erk\u00e4mpft werden. Deshalb m\u00fcssen die Menschen aus der passiven Rolle als Objekt der Herrschenden heraustreten, und zum Subjekt ihrer Geschicke werden:<\/p>\n<p>\u201eWir behaupten aber, dass der Mensch auch Herr der Gesellschaft und ihrer Entwicklung werden muss, indem er sie der Herrschaft des Egoismus, der Willk\u00fcr, der Gewaltt\u00e4tigkeit, der Ausbeutung entzieht. Er muss eine Gesellschaft in der Dimension seiner eigenen Freiheit schaffen. Nur so kann man, glaube ich, zu jener vollen Entwicklung der menschlichen Pers\u00f6nlichkeit kommen, die das Ziel der gesamten Menschheitsgeschichte ist.\u201c<a href=\"#_edn12\" name=\"_ednref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5>Literatur:<\/h5>\n<ul>\n<li>Czermak, Gerhard: Problemfall Religion. Ein Kompendium der Religions- und Kirchenkritik. Marburg 2014<\/li>\n<li>Faber, Richard\/Lanwerd, Susanne (Hrsg.): Atheismus: Ideologie, Philosophie oder Mentalit\u00e4t? W\u00fcrzburg 2006<\/li>\n<li>Feuerbach, Ludwig: Das Wesen des Christentums. Berlin 1984<\/li>\n<li>Grabner-Haider, Anton: Gott. Eine Lebensgeschichte. Ostfildern 2006<\/li>\n<li>Heuer, Uwe-Jens: Marxismus und Glauben. Hamburg 2006<\/li>\n<li>Hartmann, Klaus: Freies Denken im Wandel seiner Bedeutung. In: Freidenker 1\/2013<\/li>\n<li>Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. In: Bd. 1. Berlin 1958<\/li>\n<li>: Thesen \u00fcber Feuerbach. In: ebd., Bd. 3, Berlin 1978<\/li>\n<li>Pickert, Horst\/Schild, Horst: Wissenschaft und Glaube, der Neoatheismus und seine Grenzen. In: Freidenker 1\/2009<\/li>\n<li>Raussendorff, Klaus: Unsere Religionskritik ist Gesellschaftskritik. In: Freidenker 2\/2009<\/li>\n<li>Schr\u00f6der, Richard: Abschaffung der Religion? Freiburg i. Br. (2. Aufl.) 2009<\/li>\n<li>Schweizer, Gerhard: Ungl\u00e4ubig sind immer die anderen. Weltreligionen zwischen Toleranz und Fanatismus. Stuttgart. (2. Aufl.) 2002<\/li>\n<li>Tokarev, S. A.: Die Religionen in der Geschichte der V\u00f6lker. Berlin 1968<\/li>\n<li>Weltmacht Religion. Wie der Glaube Politik und Gesellschaft beeinflusst. SPIEGEL spezial. 9\/2006<\/li>\n<li>Wer sind die Freidenker und was wollen sie? Berliner Erkl\u00e4rung des DFV-Verbandstages 1994<\/li>\n<li>Die Vernunft verteidigen &#8211; gegen Sekten, Aberglauben, religi\u00f6sen Wahn, Positionspapier des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/li>\n<li>Gegen Volksverdummung und die Zerst\u00f6rung der Vernunft \u2013 F\u00fcr Aufkl\u00e4rung! Dokument des Freidenker-Verbandstages 2009<\/li>\n<li>http:\/\/www.wikipedia.org, &#8211; die freie Enzyklop\u00e4die, Stichworte \u201eReligion\u201c und \u201eReligionskritik\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong><em>\u00a0<\/em><\/strong><\/p>\n<h5>Zitate:<strong><em><br \/>\n<\/em><\/strong><\/h5>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> MEW, Bd. 1, S. 378<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Artikel 140 des Grundgesetzes f\u00fcr die Bundesrepublik Deutschland: \u201eDie Bestimmungen der Artikel 136, 137, 138, 139 und 141 der deutschen Verfassung vom 11. August 1919 sind Bestandteil dieses Grundgesetzes.\u201c Art. 138 (1): \u201eEs besteht keine Staatskirche.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a> Art. 137 (3) Weimarer Reichsverfassung<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Man kann sich fragen, ob es je einen Krieg ohne religi\u00f6se bzw. weltanschauliche Begr\u00fcndung gegeben hat.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Religion spiegelt genau darum \u201e auf dem Kopf stehende\u201c, verkehrte Verh\u00e4ltnisse wider, wie K. Marx schreibt &#8211; als das verkehrte Bewusstsein einer verkehrten Welt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a> Rehmann, Jan: Kritik des Jammertals. In: junge welt v. 25. August 2008<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a> Im Mittelalter h\u00e4tte z. B. weder im christlichen Europa noch in den vom Islam beherrschten Regionen jemand offen die jeweilige Religion als Atheist infrage stellen k\u00f6nnen, ohne dass dies dessen \u201eb\u00fcrgerlichen\u201c (und danach auch physischen) Tod bedeutet h\u00e4tte.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a> MEW, Bd. 1, S. 379<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Ebenda, Bd. 1, S. 385<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref10\" name=\"_edn10\">[10]<\/a> ebenda, Bd. 3, S. 7<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref11\" name=\"_edn11\">[11]<\/a> Hengsbach, Friedhelm: Trennung in Sicht? In: Freitag, Nr. 25 vom 12. Juni 1998, S. 5. \u2013 Hengsbach ist Jesuit und war Professor f\u00fcr christliche Gesellschaftsethik.<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref12\" name=\"_edn12\">[12]<\/a> Palmiro Togliatti, Ausgew\u00e4hlte Reden und Aufs\u00e4tze, Berlin 1977, S. 683-684<\/p>\n<hr \/>\n<h5>Download<\/h5>\n<p>Der Artikel kann auch als PDF-Dokument angesehen und heruntergeladen werden:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"1076\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=1076\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"32,32\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"pdf_icon\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?fit=32%2C32&amp;ssl=1\" class=\"alignnone size-full wp-image-1076\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/pdf_icon-2.png?resize=32%2C32\" alt=\"\" width=\"32\" height=\"32\" \/>\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Freidenker_2016-04_ReligionThesen.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Verbandsvorstand: Religion &#8211; Thesen <\/a>(Auszug aus FREIDENKER 4-16, ca. 0,5 MB)<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bild oben: <a href=\"https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/pixel2013-2364555\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/pixabay.com\/de\/users\/pixel2013-2364555\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Aus: \u201eFREIDENKER\u201c Nr. 4-16 <\/strong><br \/>\nDiese Thesen standen zwei Jahre im Freidenkerverband zur Diskussion, das zum Verbandstag im Juni 2016 in Potsdam vorgelegte Ergebnis wurde in dessen Auftrag nochmals vom Verbandsvorstand bearbeitet.<br \/>\nAuszug: Weltweit erleben Religiosit\u00e4t und Religionen in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen wieder einen Aufschwung. Um diese Entwicklung zu verstehen, muss man sich klarmachen: die Menschen haben nicht einfach Ideen, sondern sie reflektieren in ihnen ihr soziales und politisches Dasein. &#8230;<br \/>\nAls Kulturorganisation treten die Freidenker f\u00fcr eine menschenw\u00fcrdige, humane Gesellschaft ein. Sie ist keine Gottesgabe, sie muss erk\u00e4mpft werden. Deshalb m\u00fcssen die Menschen aus der passiven Rolle als Objekt der Herrschenden heraustreten, und zum Subjekt ihrer Geschicke werden.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":1790,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[15,16],"tags":[213,371,279,410,38],"class_list":["post-1699","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-religions-kirchenkritik","category-weltanschauung-philosophie","tag-freies-denken","tag-religion","tag-religionskritik","tag-verbandstag","tag-weltanschauung"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/church-window-2217785_800_445.jpg?fit=800%2C445&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-rp","jetpack-related-posts":[{"id":3052,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=3052","url_meta":{"origin":1699,"position":0},"title":"Freidenker und Religion","author":"Webredaktion","date":"2. 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