{"id":14573,"date":"2022-11-02T00:59:09","date_gmt":"2022-11-01T23:59:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=14573"},"modified":"2022-12-06T02:59:27","modified_gmt":"2022-12-06T01:59:27","slug":"putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=14573","title":{"rendered":"Putin \u00fcber die neue Weltordnung: Russland reicht allen Staaten die Hand"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie jedes Jahr hat Putin auch jetzt wieder eine Grundsatzrede beim Valdai-Club gehalten. Dabei hat mit dem Westen und seiner Politik abgerechnet und gleichzeitig allen Staaten der Welt die Hand gereicht.<\/strong><\/p>\n<p><em>von\u00a0<strong>Anti-Spiegel<\/strong>\u00a0(d.i.\u00a0<strong>Thomas R\u00f6per<\/strong>)<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 28.10.2022 auf <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2022\/putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anti-spiegel.ru<\/a><\/span><\/p>\n<p>Die Valdai-Reden des russischen Pr\u00e4sidenten sind f\u00fcr Freund und Feind jedes Jahr ein geopolitisches Highlight, weil Putin sich dabei ausf\u00fchrlich \u00fcber seine Sicht zur aktuellen Lage der internationalen Politik \u00e4u\u00dfert und sich anschlie\u00dfend stundenlang den Fragen der Experten im Saal stellt. Auch dieses Jahr hat die Diskussion wieder \u00fcber vier Stunden gedauert.<\/p>\n<p>Hier \u00fcbersetze ich die Er\u00f6ffnungsrede von Pr\u00e4sident Putin, in der er mit den \u201eWerten\u201c des Westen abgerechnet und aufgezeigt hat, wohin sie f\u00fchren. F\u00fcr Putin, das ist offensichtlich, ist die Dominanz des Westens bereits Geschichte, in Putins Augen k\u00e4mpft der Westen um sein \u00dcberleben. In den n\u00e4chsten Tagen werde ich aus der Podiumsdiskussion, die auf Putins Rede folgte, ausgew\u00e4hlte Fragen und Putins Antworten darauf \u00fcbersetzen und ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p>Heute beginnen wir mit seiner <a href=\"http:\/\/kremlin.ru\/events\/president\/news\/69695\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Rede<\/a>, in der er zur weltweiten Zusammenarbeit und zu gegenseitigem Respekt aufruft und der Welt eine Alternative zur westlich gepr\u00e4gten Weltordnung anbietet. Besonders beeindruckt hat mich an Putins Rede, wie er sich an die Menschen im Westen wendet und ihnen die Hand in dem Wissen ausstreckt, dass auch dort viele Menschen nicht mit dem einverstanden sind, was ihre Regierungen tun.<\/p>\n<pre>Beginn der \u00dcbersetzung:<\/pre>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Sehr geehrte Teilnehmer der Plenarsitzung! Meine Damen und Herren! Freunde!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich habe einen kleinen Einblick in die Diskussionen bekommen, die hier in den vergangenen Tagen stattgefunden haben, sie waren sehr interessant und informativ. Ich hoffe, dass Sie es nicht bereut haben, nach Russland gekommen zu sein, und miteinander reden.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Es ist sch\u00f6n, Sie alle zu sehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Beim Valdai-Club haben wir mehr als einmal \u00fcber die Ver\u00e4nderungen gesprochen, die gravierenden, gro\u00dfen Ver\u00e4nderungen, die in der Welt stattgefunden haben und weiterhin stattfinden, \u00fcber die Risiken, die mit dem Abbau der globalen Institutionen, der Aush\u00f6hlung der Grunds\u00e4tze der kollektiven Sicherheit, der Ersetzung des V\u00f6lkerrechts durch so genannte Regeln verbunden sind \u2013 ich wollte sagen, Regeln, die von irgendwem ausgearbeitet wurden, aber das ist wahrscheinlich ungenau ausdr\u00fcckt \u2013 es ist \u00fcberhaupt nicht klar, wer sie ausgearbeitet hat, worauf diese Regeln beruhen, was in ihnen steckt. (<em>Anm. d. \u00dcbers.: Damit meint Putin die vom Westen ausgerufene \u201eregelbasierte Weltordnung\u201c \u2013 <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2022\/was-ist-eigentlich-die-regelbasierte-weltordnung-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier finden Sie<\/a> mehr Informationen dar\u00fcber, was hinter dem Begriff steckt<\/em>)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Offensichtlich wird nur versucht, eine einzige Regel aufzustellen, damit die M\u00e4chtigen \u2013 wir sprechen jetzt von Macht, ich spreche von globaler Macht \u2013 ohne jegliche Regeln leben und tun k\u00f6nnen, was sie wollen, mit allem durchkommen, was sie wollen. Tats\u00e4chlich sind das die Regeln, von denen man uns st\u00e4ndig erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Wert der Valdai-Diskussionen besteht darin, dass hier die verschiedensten Einsch\u00e4tzungen und Prognosen abgegeben werden. Wie richtig sie waren, zeigt das Leben selbst, das Leben, der strengste und objektivste Pr\u00fcfer. Er zeigt, wie wahr die Inhalte unserer Diskussionen in den vergangenen Jahren waren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Leider entwickeln sich die Ereignisse weiterhin nach dem negativen Szenario, \u00fcber das wir bei unseren fr\u00fcheren Treffen mehr als einmal gesprochen haben. Dar\u00fcber hinaus haben sich diese Ereignisse zu einer umfassenden Systemkrise entwickelt, nicht nur im milit\u00e4r-politischen Bereich, sondern auch im wirtschaftlichen und humanit\u00e4ren Bereich.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der sogenannte Westen \u2013 das ist nat\u00fcrlich im \u00fcbertragenden Sinn gemeint, denn es gibt dort keine Einigkeit \u2013 ist verst\u00e4ndlicherweise ein sehr kompliziertes Konglomerat, dennoch kann man sagen, dass dieser Westen in den letzten Jahren, und insbesondere in den letzten Monaten, eine Reihe von Schritten zur Eskalation unternommen hat. Genau genommen setzt er immer auf Eskalation, das ist nicht neu. Das sind die Anzettelung des Krieges in der Ukraine, die Provokationen rund um Taiwan und die Destabilisierung der globalen Lebensmittel- und Energiem\u00e4rkte. Letzteres geschah nat\u00fcrlich nicht absichtlich, daran besteht kein Zweifel, sondern aufgrund einer Reihe von systematischen Fehlern genau jener westlichen Regierungen, die ich bereits erw\u00e4hnt habe. Und wie wir jetzt sehen, kam auch noch die Zerst\u00f6rung der paneurop\u00e4ischen Gaspipelines dazu. Das ist unvorstellbar, aber wir sind trotzdem Zeugen dieser traurigen Ereignisse.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Macht \u00fcber die Welt ist genau das, worauf der sogenannte Westen gesetzt hat. Aber dieses Spiel ist mit Sicherheit ein gef\u00e4hrliches, blutiges und, ich w\u00fcrde sagen, schmutziges Spiel. Es leugnet die Souver\u00e4nit\u00e4t von L\u00e4ndern und V\u00f6lkern, ihre Identit\u00e4t und Einzigartigkeit und ignoriert die Interessen anderer Staaten. Zumindest dann, wenn es diese Interessen nicht ausdr\u00fccklich abstreitet, wird es in der Praxis aber genau so gehandhabt. Niemand, au\u00dfer denen, die die genannten Regeln formulieren, hat das Recht, seine eigene Identit\u00e4t zu entwickeln: Alle anderen m\u00fcssen sich diesen Regeln unterordnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">In diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich Sie an die Vorschl\u00e4ge Russlands an die westlichen Partner zur Vertrauensbildung und zum Aufbau eines Systems kollektiver Sicherheit erinnern. Im vergangenen Dezember wurden sie wieder einmal einfach beiseite geschoben. (<em>Anm. d. \u00dcbers.: Die Details zu dem Vorschlag von Russland an den Westen f\u00fcr gegenseitige Sicherheitsgarantien k\u00f6nnen Sie <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2021\/was-russland-den-usa-und-der-nato-als-gegenseitige-sicherheitsgarantien-vorschlaegt\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier finden<\/a><\/em>)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Aber in der heutigen Welt ist es kaum m\u00f6glich, etwas auszusitzen. Wer Wind s\u00e4t, wird, wie man sagt, Sturm ernten. Die Krise ist tats\u00e4chlich global geworden, sie betrifft jeden. Da braucht man sich keine Illusionen zu machen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Menschheit hat jetzt im Wesentlichen zwei M\u00f6glichkeiten: entweder die Probleme weiter anzuh\u00e4ufen, die uns alle unweigerlich erdr\u00fccken werden, oder zu versuchen, gemeinsam L\u00f6sungen zu finden, wenn auch unvollkommene, aber wirksame L\u00f6sungen, die unsere Welt stabiler und sicherer machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wissen Sie, ich habe immer an die Kraft des gesunden Menschenverstands geglaubt und tue das auch heute noch. Ich bin daher \u00fcberzeugt, dass sowohl die neuen Zentren der multipolaren Weltordnung als auch der Westen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter anfangen m\u00fcssen, auf Augenh\u00f6he \u00fcber eine gemeinsame Zukunft zu sprechen, und zwar je fr\u00fcher, desto besser. Und in diesem Zusammenhang m\u00f6chte ich auf einige f\u00fcr uns alle sehr wichtige Punkte hinweisen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die heutigen Ereignisse haben die Umweltthemen zur Seite geschoben. Es mag merkw\u00fcrdig, sein aber ich m\u00f6chte damit beginnen. Der Klimawandel steht nicht mehr ganz oben auf der Tagesordnung. Aber diese grundlegenden Herausforderungen sind nicht verschwunden, sie haben sich nicht verfl\u00fcchtigt, sie wachsen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Eine der gef\u00e4hrlichsten Folgen des \u00f6kologischen Ungleichgewichts ist der R\u00fcckgang der Artenvielfalt. Und nun komme ich zu dem Hauptthema, wegen dem wir alle zusammengekommen sind: Ist die andere Vielfalt \u2013 die kulturelle, soziale, politische, zivilisatorische \u2013 weniger wichtig?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Vereinfachung, die Ausl\u00f6schung, aller Unterschiede ist praktisch zum Wesen des modernen Westens geworden. Was steckt hinter dieser Vereinfachung? Vor allem das Verschwinden des kreativen Potenzials des Westens selbst und der Wunsch, die freie Entwicklung anderer Zivilisationen einzuschr\u00e4nken, zu blockieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Nat\u00fcrlich gibt es hier auch ein direktes wirtschaftliches Interesse: Mit der Durchsetzung ihrer Werte, ihrer Konsumklischees, ihrer Vereinheitlichung versuchen unsere Gegner \u2013 ich nenne sie mal vorsichtig so \u2013 die M\u00e4rkte f\u00fcr ihre Produkte zu erweitern. Am Ende ist das alles sehr primitiv. Es ist kein Zufall, dass der Westen den Anspruch erhebt, dass seine Kultur und Weltanschauung universell sein m\u00fcssen. Auch wenn sie es nicht direkt sagen \u2013 obwohl sie es auch oft sagen -, aber auch wenn sie es nicht direkt sagen, verhalten sie sich doch so und bestehen darauf, dass ihre Politik in der Realit\u00e4t darauf besteht, dass eben diese Werte von allen anderen Teilnehmern des internationalen Lebens bedingungslos akzeptiert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Hier ein Zitat aus der ber\u00fchmten Harvard-Rede von Alexander Solschenizyn. Bereits 1978 stellte er fest, dass der Westen von einer \u201eanhaltenden Blindheit der \u00dcberlegenheit\u201c gepr\u00e4gt sei \u2013 das alles passiert heute immer noch -, die \u201edie Vorstellung unterst\u00fctzt, dass alle Gebiete unseres Planeten sich gem\u00e4\u00df den derzeitigen westlichen Systemen entwickeln und von ihnen beherrscht werden sollten.\u201c Das war 1978. Es hat sich nichts ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Im Laufe des letzten halben Jahrhunderts hat diese Verblendung, von der Solschenizyn sprach \u2013 sie ist offen rassistisch und neokolonial \u2013 einfach nur h\u00e4ssliche Formen angenommen, insbesondere seit der Entstehung der sogenannten unipolaren Welt. Was m\u00f6chte ich dazu sagen? Das Vertrauen auf die eigene Unfehlbarkeit ist ein sehr gef\u00e4hrlicher Zustand: Er ist nur einen Schritt entfernt von dem Wunsch der \u201eUnfehlbaren\u201c, diejenigen, die ihnen nicht gefallen, einfach zu vernichten. Wie man so sch\u00f6n sagt, sie zu \u201ecanceln\u201c, sie abzuschaffen. Lassen Sie uns zumindest \u00fcber die Bedeutung des Wortes nachdenken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Selbst auf dem H\u00f6hepunkt des Kalten Krieges, auf dem H\u00f6hepunkt der Konfrontation zwischen Systemen, Ideologien und milit\u00e4rischen Rivalit\u00e4ten, kam es niemandem in den Sinn, die Existenz von Kultur, Kunst und Wissenschaft des Gegners zu leugnen. Auf die Idee w\u00e4re niemand gekommen! Ja, es gab gewisse Einschr\u00e4nkungen in den Bereichen Bildung, Wissenschaft, Kultur und leider auch im Sport. Dennoch waren sich damals sowohl die sowjetische als auch die amerikanische F\u00fchrung dar\u00fcber im Klaren, dass der humanit\u00e4re Bereich mit Fingerspitzengef\u00fchl angegangen werden sollte, indem man den Gegner studiert und respektiert und sich von ihm etwas abschaut, um zumindest f\u00fcr die Zukunft eine Grundlage f\u00fcr solide, fruchtbare Beziehungen zu erhalten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und was geschieht jetzt? Die Nazis gingen seinerzeit so weit, dass sie B\u00fccher verbrannten, und nun sind die westlichen \u201eF\u00f6rderer des Liberalismus und des Fortschritts\u201c so weit gegangen, dass sie Dostojewski und Tschaikowski verbieten. Die so genannte \u201eCancel Culture\u201c \u2013 die Kultur der Abschaffung -, aber in Wirklichkeit \u2013 wir haben schon oft dar\u00fcber gesprochen \u2013 raubt die tats\u00e4chliche Abschaffung der Kultur alles Lebendige und Sch\u00f6pferische und l\u00e4sst das freie Denken in keinem Bereich zur Entfaltung kommen: nicht in der Wirtschaft, nicht in der Politik, nicht in der Kultur.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die liberale Ideologie selbst hat sich heute bis zur Unkenntlichkeit ver\u00e4ndert. Verstand der klassische Liberalismus die Freiheit eines jeden Menschen urspr\u00fcnglich als die Freiheit, zu sagen und zu tun, was man will, so begannen Liberale bereits im 20. Jahrhundert zu sagen, dass die so genannte offene Gesellschaft Feinde hat \u2013 die offene Gesellschaft hat also Feinde \u2013 und dass die Freiheit dieser Feinde eingeschr\u00e4nkt oder sogar abgeschafft werden kann und muss. Inzwischen ist es sogar so absurd, dass jede alternative Sichtweise als subversive Propaganda und Bedrohung der Demokratie bezeichnet wird.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Alles, was aus Russland kommt, sind \u201eKreml-Machenschaften\u201c. Aber schaut Euch selbst an! Sind wir wirklich so allm\u00e4chtig? Jede Kritik an unseren Gegnern \u2013 jede! \u2013 wird als \u201eKreml-Machenschaften\u201c, als \u201eHand des Kreml\u201c wahrgenommen. So ein Unsinn. Wie weit sind sie gegangen? Benutzt einfach Euren Verstand, denkt Euch etwas Interessanteres aus, pr\u00e4sentiert Euren Standpunkt auf eine konzeptionellere Weise. Man kann nicht alles auf die Intrigen des Kreml schieben.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">All das hat Fjodor Dostojewski bereits im 19. Jahrhundert prophetisch vorausgesagt. Eine der Figuren in seinem Roman Die Besessenen, der Nihilist Schigaljow, beschrieb die strahlende Zukunft, die er sich vorstellte, folgenderma\u00dfen: \u201eDie grenzenlose Freiheit verlassend er\u00f6ffne ich den grenzenlosen Despotismus\u201c \u2013 dahin sind unsere westlichen Gegner \u00fcbrigens gekommen. Eine andere Figur des Romans, Peter Verhovensky, schlie\u00dft sich ihm an und erkl\u00e4rt, dass Verrat, Spitzeltum und Spionage \u00fcberall gebraucht werden, dass die Gesellschaft keine Talente und h\u00f6heren F\u00e4higkeiten braucht: \u201eCicero wird die Zunge herausgeschnitten, Kopernikus werden die Augen ausgestochen, Shakespeare wird gesteinigt.\u201c Das ist es, wohin unsere westlichen Gegner gehen. Was ist das anderes als die moderne westliche Cancel Culture?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das waren gro\u00dfe Denker und ich bin meinen Mitarbeitern, die diese Zitate gefunden haben, ehrlich gesagt dankbar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Was kann man dazu sagen? Die Geschichte wird sicherlich alles an seinen Platz stellen und die gr\u00f6\u00dften Werke der allgemein anerkannten Genies der Weltkultur nicht canceln, sondern diejenigen, die beschlossen haben, dass sie das Recht haben, nach ihrem Gutd\u00fcnken \u00fcber diese Weltkultur zu verf\u00fcgen. Die Eitelkeit dieser Leute sprengt, wie man sagt, den Rahmen, aber in ein paar Jahren wird sich niemand mehr an ihre Namen erinnern. Aber Dostojewski wird weiterleben, ebenso wie Tschaikowsky und Puschkin \u2013 so sehr sich manche auch etwas anderes w\u00fcnschen m\u00f6gen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das westliche Modell der Globalisierung, das in seinem Kern neokolonial ist, wurde ebenfalls auf Vereinheitlichung, auf finanziellem und technologischem Monopolismus und auf der Ausl\u00f6schung aller Unterschiede aufgebaut. Die Aufgabe war klar: Die bedingungslose Vorherrschaft des Westens in der Weltwirtschaft und -politik zu st\u00e4rken und zu diesem Zweck die nat\u00fcrlichen und finanziellen Ressourcen, die intellektuellen, menschlichen und wirtschaftlichen Kapazit\u00e4ten des gesamten Planeten in seinen Dienst zu stellen, und zwar unter dem Deckmantel der sogenannten neuen globalen gegenseitigen Abh\u00e4ngigkeit.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Hier m\u00f6chte ich an einen weiteren russischen Philosophen erinnern, an Alexander Sinowjew, dessen hundertsten Geburtstag wir am 29. Oktober feiern werden. Vor mehr als 20 Jahren sagte er, dass f\u00fcr das \u00dcberleben der westlichen Zivilisation auf dem von ihr erreichten Niveau \u201eder gesamte Planet als Lebensraum notwendig ist, alle Ressourcen der Menschheit sind daf\u00fcr notwendig.\u201c Das fordern sie ja auch, genau so ist es.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Dabei hat der Westen sich in diesem System von Beginn an einen gewaltigen Vorsprung geschaffen, da er die Prinzipien und Mechanismen entwickelt hat \u2013 so wie jetzt jene Prinzipien, \u00fcber die st\u00e4ndig gesprochen wird und die ein unverst\u00e4ndliches \u201eschwarzes Loch\u201c sind: was das ist, wei\u00df niemand. Aber sobald nicht die westlichen L\u00e4nder, sondern andere Staaten von der Globalisierung zu profitieren begannen, und wir sprechen hier nat\u00fcrlich in erster Linie von den gro\u00dfen asiatischen Staaten, hat der Westen viele Regeln sofort ge\u00e4ndert oder ganz aufgehoben. Und die sogenannten heiligen Grunds\u00e4tze des Freihandels, der wirtschaftlichen Offenheit, des fairen Wettbewerbs und sogar des Rechts auf Eigentum waren pl\u00f6tzlich v\u00f6llig vergessen. Sobald etwas f\u00fcr sie profitabel wurde, haben sie w\u00e4hrend des Spiels sofort und spontan die Regeln ge\u00e4ndert.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Oder ein weiteres Beispiel f\u00fcr die \u00c4nderung von Begriffen und Bedeutungen. Westliche Ideologen und Politiker erz\u00e4hlen der ganzen Welt seit vielen Jahren: Es gibt keine Alternative zur Demokratie. Allerdings ist die Rede vom westlichen, sogenannten liberalen Modell der Demokratie. Sie lehnen alle anderen Varianten und Formen der Demokratie mit Verachtung und \u2013 das m\u00f6chte ich unterstreichen \u2013 Arroganz ab. Dieses Verhalten hat sich schon vor langer Zeit, noch in der Kolonialzeit, herausgebildet: Alle werden als Menschen zweiter Klasse angesehen, w\u00e4hrend andere exklusiv sind. Das geht schon seit Jahrhunderten so, bis heute.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Aber heute verlangt die absolute Mehrheit der Weltgemeinschaft genau das: Demokratie in internationalen Angelegenheiten und sie akzeptiert keinerlei Formen autorit\u00e4rer Diktate einzelner L\u00e4nder oder Gruppen von Staaten. Was ist das, wenn nicht die direkte Anwendung der Prinzipien der Macht des Volkes auf der Ebene der internationalen Beziehungen?<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und was ist die Position des \u201ezivilisierten\u201c \u2013 in Anf\u00fchrungszeichen \u2013 Westens? Wenn Ihr Demokraten seid, dann m\u00fcsstet Ihr dieses nat\u00fcrliche Streben von Milliarden von Menschen nach Freiheit begr\u00fc\u00dfen \u2013 aber nein! Der Westen nennt das die Untergrabung der liberalen, regelbasierten Ordnung und startet Wirtschafts- und Handelskriege, Sanktionen, Boykotte, Farbrevolutionen und f\u00fchrt alle Arten von Putschen durch.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Einer davon f\u00fchrte zu den tragischen Folgen in der Ukraine im Jahr 2014 \u2013 sie haben den Putsch unterst\u00fctzt und sogar erz\u00e4hlt, wie viel Geld daf\u00fcr ausgegeben haben. Eigentlich sind sie einfach wahnsinnig, ihnen ist nichts peinlich. Sie haben Suleimani, einen iranischen General, get\u00f6tet. Man kann zu Suleimani stehen, wie man will, aber er ist ein offizieller Vertreter eines anderen Landes! Sie haben ihn auf dem Gebiet eines dritten Landes ermordet und gesagt: Ja, wir haben ihn ermordet. Was ist das \u00fcberhaupt? Wo leben wir? (<em>Anm. d. \u00dcbers.: Alle, die sich an den Vorfall nicht mehr erinnern, <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2020\/waren-geheimverhandlungen-zwischen-dem-iran-und-saudi-arabien-der-grund-fuer-den-us-angriff\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">finden hier Details<\/a><\/em>.)<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Washington bezeichnet die gegenw\u00e4rtige Weltordnung weiterhin gewohnheitsm\u00e4\u00dfig als amerikanisch-liberal, aber in Wirklichkeit vergr\u00f6\u00dfert diese ber\u00fcchtigte \u201eOrdnung\u201c jeden Tag das Chaos und wird, wie ich hinzuf\u00fcgen m\u00f6chte, sogar gegen\u00fcber den westlichen L\u00e4ndern selbst, gegen\u00fcber ihren Versuchen, irgendeine Unabh\u00e4ngigkeit zu zeigen, immer intoleranter. Alles wird bis an die Wurzel unterdr\u00fcckt und es werden Sanktionen gegen die eigenen Verb\u00fcndeten verh\u00e4ngt \u2013 ohne jede Scham! Und die nehmen das alles mit gesenktem Kopf hin.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Beispielsweise wurden die Vorschl\u00e4ge der ungarischen Parlamentarier vom Juli, im EU-Vertrag ein Bekenntnis zu europ\u00e4ischen christlichen Werten und zur europ\u00e4ischen Kultur zu verankern, nicht einmal als Fronde, sondern als direkte feindliche Sabotage wahrgenommen. Was ist das? Wie soll man das verstehen? Ja, einigen mag es gefallen, anderen nicht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">In Russland haben wir im Laufe von tausend Jahren eine einzigartige Kultur der Wechselbeziehungen zwischen allen Weltreligionen entwickelt. Es gibt keinen Grund, irgendetwas zu canceln: weder christliche Werte noch islamische oder j\u00fcdische Werte. Die anderen Weltreligionen sind in unserem Land pr\u00e4sent. Man muss sich einfach gegenseitig mit Respekt behandeln. In einigen Regionen unseres Landes, das habe ich aus erster Hand erfahren, feiern die Menschen christliche, islamische, buddhistische und j\u00fcdische Feiertage gemeinsam und tun das gerne, begl\u00fcckw\u00fcnschen einander und freuen sich zusammen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Aber nicht in Europa. Warum nicht? Zumindest h\u00e4tten sie dar\u00fcber sprechen k\u00f6nnen. Es ist erstaunlich!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">All das ist ohne \u00dcbertreibung nicht einmal eine systemische, sondern eine doktrin\u00e4re Krise des neoliberalen amerikanischen Modells der Weltordnung. Sie haben keine Ideen, etwas zu erschaffen und von positiver Entwicklung, sie haben der Welt einfach nichts zu bieten au\u00dfer dem Erhalt ihrer Vorherrschaft.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass echte Demokratie in einer multipolaren Welt zuallererst die M\u00f6glichkeit eines jeden Volkes \u2013 ich m\u00f6chte das betonen, jeder Gesellschaft, jeder Zivilisation \u2013 voraussetzt, ihren eigenen Weg, ihr eigenes soziales und politisches System zu w\u00e4hlen. Wenn die USA und die EU dieses Recht haben, dann haben es sicherlich auch die asiatischen L\u00e4nder, die islamischen Staaten, die Monarchien des Persischen Golfs und die Staaten anderer Kontinente. Nat\u00fcrlich hat auch unser Land, Russland, dieses Recht, und niemand wird jemals in der Lage sein, unserem Volk vorzuschreiben, welche Art von Gesellschaft wir aufzubauen haben und auf welchen Prinzipien sie beruhen soll.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die direkte Bedrohung des politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Monopols des Westens besteht darin, dass in der Welt alternative Gesellschaftsmodelle entstehen k\u00f6nnten \u2013 effektivere, das m\u00f6chte ich betonen \u2013 in der heutigen Zeit effektivere, hellere, attraktivere als die, die wir haben. Und diese Modelle werden sich entwickeln, das ist unvermeidlich. \u00dcbrigens schreiben amerikanische Politikwissenschaftler und Experten dar\u00fcber auch direkt. Die Regierungen h\u00f6ren zwar noch nicht wirklich auf sie, aber sie k\u00f6nnen diese Ideen in den politikwissenschaftlichen Zeitschriften und in Diskussionen nicht \u00fcbersehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Entwicklung muss im Dialog der Zivilisationen stattfinden, der auf geistigen und moralischen Werten beruht. Ja, verschiedene Zivilisationen haben unterschiedliche Verst\u00e4ndnisse des Menschen, seines Wesens. Es sind oft nur oberfl\u00e4chliche Unterschiede, aber alle erkennen die h\u00f6chste W\u00fcrde und das geistige Wesen des Menschen an. Und dieses gemeinsame Fundament, auf dem wir unsere Zukunft aufbauen k\u00f6nnen und m\u00fcssen, ist von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Was m\u00f6chte ich hier hervorheben? Traditionelle Werte sind nicht irgendwelche festen Postulate, an die sich alle halten m\u00fcssen. Nein, nat\u00fcrlich nicht. Sie unterscheiden sich von den so genannten neoliberalen Werten dadurch, dass jedes von ihnen einzigartig ist, weil sie aus der Tradition einer bestimmten Gesellschaft, ihrer Kultur und historischen Erfahrung stammen. Traditionelle Werte k\u00f6nnen daher niemandem aufgezwungen werden \u2013 sie m\u00fcssen einfach respektiert werden, indem das, was jede Nation im Laufe der Jahrhunderte gew\u00e4hlt hat, respektiert wird.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das ist unser Verst\u00e4ndnis von traditionellen Werten und dieser Ansatz wird von der Mehrheit der Menschheit geteilt und akzeptiert. Das ist logisch, denn die traditionellen Gesellschaften des Ostens, Lateinamerikas, Afrikas und Eurasiens bilden die Grundlage der Weltzivilisation.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Respekt vor den Besonderheiten der V\u00f6lker und Zivilisationen liegt im Interesse aller. Das liegt auch im Interesse des sogenannten Westens. Indem er seine Vormachtstellung verliert wird er schnell zu einer Minderheit auf der Weltb\u00fchne. Und nat\u00fcrlich sollte das Recht dieser westlichen Minderheit auf ihre eigene kulturelle Identit\u00e4t, das m\u00f6chte ich unterstreichen, gew\u00e4hrleistet sein, es sollte sicherlich respektiert werden, aber, das unterstreiche ich, gleichberechtigt mit den Rechten aller anderen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wenn die westlichen Eliten glauben, dass sie in der Lage sein werden, in den K\u00f6pfen ihrer Menschen, ihrer Gesellschaften, neue, meiner Meinung nach seltsame Trends wie Dutzende von Geschlechtern und Schwulenparaden einzuf\u00fchren, dann soll es so sein. Sollen sie tun, was sie wollen! Aber sie haben sicher nicht das Recht, von anderen zu verlangen, dass sie den gleichen Weg gehen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wir sehen, dass die westlichen L\u00e4nder komplizierte demographische, politische und soziale Prozesse haben. Das ist nat\u00fcrlich ihre innere Angelegenheit. Russland mischt sich nicht in diese Angelegenheiten ein und hat auch nicht die Absicht, das zu tun \u2013 im Gegensatz zum Westen mischen wir uns nicht in fremde Hinterh\u00f6fe ein. Wir gehen jedoch davon aus, dass der Pragmatismus die Oberhand gewinnen wird und der Dialog zwischen Russland und dem echten, traditionellen Westen sowie mit anderen Zentren gleicher Entwicklung einen wichtigen Beitrag zum Aufbau einer multipolaren Weltordnung leisten wird.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich m\u00f6chte hinzuf\u00fcgen, dass die Multipolarit\u00e4t die wirkliche und tats\u00e4chlich einzige Chance f\u00fcr Europa ist, seine politische und wirtschaftliche Subjektivit\u00e4t wiederherzustellen. Sicher, wir alle verstehen, und in Europa wird direkt dar\u00fcber gesprochen: Europas rechtliche Subjektivit\u00e4t ist heute \u2013 wie soll ich es vorsichtig ausdr\u00fccken, um niemanden zu beleidigen \u2013 sehr begrenzt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Welt ist von Natur aus vielf\u00e4ltig und die Versuche des Westens, alle in ein einziges Schema zu pressen, sind objektiv zum Scheitern verurteilt, und es wird nichts dabei herauskommen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das arrogante Streben nach der Weltherrschaft, nach dem Diktat oder nach dem Erhalt der F\u00fchrungsrolle durch Diktat, f\u00fchrt zum Niedergang der internationalen Autorit\u00e4t der F\u00fchrer der westlichen Welt, einschlie\u00dflich der USA, und zum wachsenden Misstrauen in ihre F\u00e4higkeit zu verhandeln insgesamt. An einem Tag sagen sie das eine und am n\u00e4chsten Tag etwas anderes; sie unterschreiben Dokumente und am n\u00e4chsten Tag weigern sie sich, sie einzuhalten; sie tun, was sie wollen. Es gibt \u00fcberhaupt keine Stabilit\u00e4t in irgendetwas. Wie die Dokumente unterzeichnet werden, wor\u00fcber gesprochen wurde, worauf man hoffen kann, ist vollkommen unklar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">W\u00e4hrend sich fr\u00fcher nur einige wenige L\u00e4nder erlaubt haben, mit Amerika zu streiten, und das fast wie eine Sensation aussah, ist es heute f\u00fcr viele Staaten \u00fcblich, die unbegr\u00fcndeten Forderungen Washingtons abzulehnen, auch wenn es immer noch versucht, alle herumzuschubsen. Das ist eine v\u00f6llig verfehlte Politik, die einfach ins Nichts f\u00fchrt. Sollen sie doch, das ist auch ihre Entscheidung.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich bin \u00fcberzeugt, dass die V\u00f6lker der Welt nicht die Augen vor der Politik der N\u00f6tigung verschlie\u00dfen werden, die sich selbst diskreditiert hat, und der Westen wird jedes Mal, wenn er versucht, seine Hegemonie aufrechtzuerhalten, einen immer h\u00f6heren Preis zahlen m\u00fcssen. W\u00e4re ich an der Stelle dieser westlichen Eliten, w\u00fcrde ich \u00fcber diese Perspektive ernsthaft nachdenken, so wie einige Politologen und Politiker in den USA selbst es tun, wie ich bereits sagte.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Unter den gegenw\u00e4rtigen Bedingungen gewaltt\u00e4tiger Konflikte werde ich einige Dinge direkt sagen. Russland als unabh\u00e4ngige, eigenst\u00e4ndige Zivilisation hat sich nie als Feind des Westens gesehen und sieht sich auch nicht als solcher. Amerikafeindlichkeit, Anglophobie, Frankophobie, Deutschfeindlichkeit sind ebenso Formen des Rassismus wie Russophobie und Antisemitismus, wie auch alle Formen der Fremdenfeindlichkeit.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Man muss klar verstehen, dass es, wie ich bereits sagte, zwei Westens gibt, mindestens zwei, vielleicht auch mehr, aber mindestens zwei: den Westen der traditionellen, vor allem christlichen Werte, der Freiheit, des Patriotismus, der reichhaltigen Kultur und jetzt auch der islamischen Werte, denn ein bedeutender Teil der Bev\u00f6lkerung vieler westlicher L\u00e4nder bekennt sich zum Islam. Dieser Westen ist uns in gewisser Weise nahe, in vielerlei Hinsicht haben wir gemeinsame, ja sogar antike Wurzeln. Aber es gibt auch den anderen Westen: aggressiv, kosmopolitisch, neokolonial, ein Werkzeug der neoliberalen Eliten. Das Diktat genau dieses Westens wird Russland sicher nicht akzeptieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich werde mich immer daran erinnern, was ich im Jahr 2000, nachdem ich zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt worden war, erleben musste. Erinnern Sie sich an den Preis, den wir f\u00fcr die Zerst\u00f6rung des Terrornestes im Nordkaukasus gezahlt haben, das der Westen damals praktisch offen unterst\u00fctzt hat. Alle Erwachsenen hier, die meisten von Ihnen in diesem Saal, verstehen, wovon ich spreche. Wir wissen, dass genau dies in der Praxis geschah: finanzielle, politische und mediale Unterst\u00fctzung. Wir alle haben das erlebt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Dar\u00fcber hinaus hat der Westen Terroristen auf russischem Territorium nicht nur aktiv unterst\u00fctzt, sondern dieser Bedrohung in vielerlei Hinsicht Vorschub geleistet. Wir wissen das. Aber nachdem sich die Lage stabilisiert hatte und die wichtigsten Terrorbanden besiegt waren, auch dank des Mutes des tschetschenischen Volkes, haben wir beschlossen, uns nicht abzuwenden, nicht den Beleidigten zu spielen, sondern vorw\u00e4rts zu gehen, Beziehungen auch zu denen aufzubauen, die eigentlich gegen uns arbeiteten, Beziehungen auf der Grundlage von gegenseitigem Nutzen und gegenseitigem Respekt zu allen aufzubauen und zu entwickeln, die das wollten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Man dachte, dass das im gemeinsamen Interesse liegt. Russland hat Gott sei Dank alle Schwierigkeiten dieser Zeit \u00fcberstanden, hat durchgehalten, ist gest\u00e4rkt, ist mit dem inneren und \u00e4u\u00dferen Terrorismus klargekommen, hat seine Wirtschaft bewahrt, hat begonnen, sich zu entwickeln, und seine Verteidigungsf\u00e4higkeit verbessert. Wir haben versucht, Beziehungen zu den f\u00fchrenden L\u00e4ndern des Westens und zur NATO aufzubauen. Die Botschaft war dieselbe: Lasst uns aufh\u00f6ren, Feinde zu sein, lasst uns als Freunde zusammenleben, lasst uns den Dialog aufnehmen, lasst uns Vertrauen aufbauen und damit Frieden schaffen. Wir waren absolut aufrichtig, das m\u00f6chte ich betonen. Wir waren uns \u00fcber die Komplexit\u00e4t dieser Ann\u00e4herung im Klaren, aber wir sind den Weg gegangen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Und was haben wir als Antwort erhalten? Kurz gesagt, wir haben in allen wichtigen Bereichen der m\u00f6glichen Zusammenarbeit ein \u201eNein\u201c erhalten. Wir haben st\u00e4ndig wachsenden Druck auf uns und die Schaffung von Spannungsherden in der N\u00e4he unserer Grenzen erhalten. Und was, wenn ich fragen darf, ist das Ziel dieses Drucks? Was ist es? \u00dcben sie etwa einfach nur ein bisschen? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Das Ziel ist es, Russland verwundbarer zu machen. Das Ziel ist es, Russland zu einem Werkzeug zur Erreichung ihrer eigenen geopolitischen Ziele zu machen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das ist in der Tat die universelle Regel: Sie versuchen, jeden in ein Werkzeug zu verwandeln, um dieses Werkzeug f\u00fcr ihre eigenen Ziele zu nutzen. Und diejenigen, die diesem Druck nicht nachgeben, die kein solches Werkzeug sein wollen, gegen die werden Sanktionen verh\u00e4ngt, gegen die werden alle m\u00f6glichen wirtschaftlichen Restriktionen verh\u00e4ngt, gegen die werden Putsche vorbereitet oder wenn m\u00f6glich durchgef\u00fchrt und so weiter. Und wenn am Ende nichts gelingt, gibt es ein Ziel \u2013 sie zu vernichten, sie von der politischen Landkarte zu tilgen. Aber so ein Szenario hat in Bezug auf Russland nie funktioniert und wird in Bezug auf Russland auch nie funktionieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Was w\u00fcrde ich noch gerne hinzuf\u00fcgen? Russland fordert die Eliten des Westens nicht heraus \u2013 Russland verteidigt lediglich sein Recht auf Existenz und freie Entwicklung. Dabei haben wir selbst nicht vor, zu einem neuen Hegemon zu werden. Russland schl\u00e4gt nicht vor, die Unipolarit\u00e4t durch Bipolarit\u00e4t, Tripolarit\u00e4t etc. auszutauschen, die westliche Vorherrschaft durch die Vorherrschaft des Ostens, des Nordens oder des S\u00fcdens zu ersetzen. Das w\u00fcrde unweigerlich in eine neue Sackgasse f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Hier m\u00f6chte ich die Worte des gro\u00dfen russischen Philosophen Nikolai Danilewski zitieren, der der Meinung war, dass der Fortschritt nicht darin besteht, nur in eine Richtung zu gehen, wozu einige unserer Gegner uns dr\u00e4ngen \u2013 dann w\u00fcrde der Fortschritt bald aufh\u00f6ren, so Danilewski -, sondern darin, \u201edas gesamte Feld, das den Bereich der geschichtlichen T\u00e4tigkeit der Menschheit ausmacht, in allen Richtungen anzugehen.\u201c Und er f\u00fcgt hinzu, dass sich keine Zivilisation r\u00fchmen kann, den h\u00f6chsten Entwicklungsstand zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass der Diktatur nur die freie Entwicklung von L\u00e4ndern und V\u00f6lkern entgegenstehen kann, dass der Degradation des Individuums die Liebe zum Menschen als Sch\u00f6pfer entgegenstehen kann, dass primitiver Vereinfachung und Verboten die bl\u00fchende Komplexit\u00e4t von Kulturen und Traditionen entgegenstehen kann.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Bedeutung des heutigen historischen Moments besteht gerade darin, dass sich vor allen Zivilisationen, Staaten und Staatenverb\u00e4nde die M\u00f6glichkeit einer eigenen, demokratischen, originellen Entwicklungsweise er\u00f6ffnet. Und vor allem glauben wir, dass die neue Weltordnung auf Recht und Gesetz beruhen muss, dass sie frei, unverwechselbar und gerecht sein muss.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Daher m\u00fcssen die Weltwirtschaft und der Handel gerechter und offener werden. Russland ist der Ansicht, dass der Prozess der Schaffung neuer internationaler Finanzplattformen, einschlie\u00dflich solcher f\u00fcr den internationalen Zahlungsverkehr, unumg\u00e4nglich ist. Solche Plattformen sollten au\u00dferhalb nationaler Zust\u00e4ndigkeiten liegen, sicher, entpolitisiert und automatisiert sein und nicht von einem einzigen Kontrollzentrum abh\u00e4ngen. Ist das m\u00f6glich oder nicht? Nat\u00fcrlich. Es wird gro\u00dfe Anstrengungen erfordern, viele L\u00e4nder m\u00fcssen ihre Kr\u00e4fte b\u00fcndeln, aber es ist machbar.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Das wird die M\u00f6glichkeit des Missbrauchs der neuen globalen Finanzinfrastruktur ausschlie\u00dfen und eine effiziente, profitable und sichere Abwicklung internationaler Transaktionen ohne den Dollar und andere so genannte Reservew\u00e4hrungen erm\u00f6glichen. Das umso mehr, als die USA und der Westen durch den Einsatz des Dollars als Waffe die Institution der internationalen Finanzreserven diskreditiert haben. Zuerst wurden sie durch die Inflation in der Dollar- und Eurozone abgewertet und dann haben sie unsere internationalen Reserven eingesackt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Umstellung auf nationale W\u00e4hrungen wird \u2013 zwangsl\u00e4ufig \u2013 an Dynamik gewinnen. Das h\u00e4ngt nat\u00fcrlich von der Verfassung der Emittenten dieser W\u00e4hrungen und ihrer Volkswirtschaften ab, aber sie werden st\u00e4rker werden und diese Zahlungen werden mit Sicherheit allm\u00e4hlich die Oberhand gewinnen. Das ist die Logik einer souver\u00e4nen Wirtschafts- und Finanzpolitik in einer multipolaren Welt.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Weiter. Die neuen Zentren der globalen Entwicklung verf\u00fcgen bereits heute \u00fcber einzigartige Technologien und wissenschaftliche Entwicklungen in einer Vielzahl von Bereichen und in vielen Bereichen k\u00f6nnen sie erfolgreich mit westlichen transnationalen Unternehmen konkurrieren.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Offensichtlich haben wir ein gemeinsames, ganz pragmatisches Interesse an einem fairen und offenen wissenschaftlichen und technologischen Austausch. Gemeinsam wird jeder mehr profitieren als allein. Die Vorteile sollten der Mehrheit zugute kommen, nicht einzelnen superreichen Konzernen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Wie sieht es heute aus? Wenn der Westen Medikamente oder Saatgut f\u00fcr Nahrungspflanzen an andere L\u00e4nder verkauft, werden die nationale Pharmaindustrie und Viehzucht vernichtet und im Grunde l\u00e4uft in der Praxis alles darauf hinaus: Die Lieferung von Maschinen und Ausr\u00fcstungen zerst\u00f6rt die lokale Maschinenbauindustrie. Als ich Premierminister war, habe ich es verstanden: Sobald man den Markt f\u00fcr eine bestimmte Warengruppe \u00f6ffnet, ist der lokale Produzent untergegangen und es ist fast unm\u00f6glich, dass er sein Haupt wieder erhebt. So werden Beziehungen aufgebaut. So werden M\u00e4rkte und Ressourcen erobert, L\u00e4nder werden ihres technologischen und wissenschaftlichen Potenzials beraubt. Das ist kein Fortschritt, sondern Versklavung, die Reduzierung der Volkswirtschaften auf ein primitives Niveau.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die technologische Entwicklung sollte die globale Ungleichheit nicht verst\u00e4rken, sondern verringern. Genau so setzt Russland traditionell seine technologische Au\u00dfenpolitik um. Wenn wir zum Beispiel Kernkraftwerke in anderen Staaten bauen, schaffen wir dort gleichzeitig Kompetenzzentren, bilden nationales Personal aus. Wir schaffen eine Industrie, wir bauen nicht nur eine Anlage, wir schaffen eine ganze Industrie. Im Grunde geben wir anderen L\u00e4ndern die M\u00f6glichkeit, einen echten Durchbruch in ihrer wissenschaftlichen und technologischen Entwicklung zu erzielen, Ungleichheiten zu verringern und ihren Energiesektor auf ein neues Niveau von Effizienz und Umweltfreundlichkeit zu bringen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich m\u00f6chte noch einmal betonen, dass Souver\u00e4nit\u00e4t und eigene Entwicklung keineswegs Isolation oder Autarkie bedeuten, sondern vielmehr eine aktive, f\u00fcr beide Seiten vorteilhafte Zusammenarbeit auf der Grundlage fairer und gerechter Prinzipien.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">W\u00e4hrend die liberale Globalisierung eine Entpers\u00f6nlichung ist, die der ganzen Welt das westliche Modell aufzwingt, geht es bei der Integration im Gegenteil darum, das Potenzial jeder Zivilisation zum Nutzen des Ganzen, zum Wohle aller zu erschlie\u00dfen. W\u00e4hrend der Globalismus ein Diktat ist, worauf er letztlich hinausl\u00e4uft, ist Integration die gemeinsame Erarbeitung von Strategien, die allen zugute kommen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">In dieser Hinsicht h\u00e4lt Russland es f\u00fcr wichtig, die Mechanismen zur Schaffung gro\u00dfer R\u00e4ume zu aktivieren, die auf der Zusammenarbeit von Nachbarl\u00e4ndern beruhen, deren Wirtschaft, Sozialsystem, Rohstoffe und Infrastruktur sich gegenseitig erg\u00e4nzen. Solche gro\u00dfen R\u00e4ume sind im Grunde die Grundlage f\u00fcr eine multipolare Weltordnung \u2013 die wirtschaftliche Grundlage. Aus ihrem Dialog erw\u00e4chst die wahre Einheit der Menschheit, die viel komplexer, ausgepr\u00e4gter und mehrdimensionaler ist als in den vereinfachenden Ansichten einiger westlicher Ideologen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die Einheit der Menschheit beruht nicht auf dem Befehl \u201emach es wie ich\u201c oder \u201ewerde wie wir\u201c \u2013 sie wird unter Ber\u00fccksichtigung und auf der Grundlage der Meinung aller und mit Respekt vor der Identit\u00e4t jeder Gesellschaft und Nation gebildet. Das ist das Prinzip, auf dem ein langfristiges Engagement in einer multipolaren Welt aufbauen kann.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">In diesem Zusammenhang k\u00f6nnte es sich lohnen, dar\u00fcber nachzudenken, dass die Struktur der Vereinten Nationen, einschlie\u00dflich des Sicherheitsrates, die Vielfalt der Weltregionen besser widerspiegeln sollte. Schlie\u00dflich wird in der Welt von morgen viel mehr von Asien, Afrika und Lateinamerika abh\u00e4ngen, als man heute gemeinhin annimmt, und diese Zunahme ihres Einflusses ist auf jeden Fall positiv.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich erinnere daran, dass die westliche Zivilisation nicht die einzige ist, auch nicht in unserem gemeinsamen eurasischen Raum. Au\u00dferdem konzentriert sich die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung gerade im Osten Eurasiens, wo die \u00e4ltesten Zivilisationen der Menschheit entstanden sind.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Wert und die Bedeutung Eurasiens liegen darin, dass dieser Kontinent ein autarker Komplex ist, der \u00fcber gigantische Ressourcen jeder Art und ein enormes Potenzial verf\u00fcgt. Und je h\u00e4rter wir daran arbeiten, die Verbindungen in Eurasien zu erh\u00f6hen, neue Wege und Formen der Zusammenarbeit zu schaffen, desto beeindruckendere Fortschritte machen wir.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Die erfolgreichen Aktivit\u00e4ten der Eurasischen Wirtschaftsunion, das rasche Anwachsen der Autorit\u00e4t und des Einflusses der Shanghaier Organisation f\u00fcr Zusammenarbeit, die gro\u00df angelegten Initiativen im Rahmen von \u201eOne Belt, One Road\u201c, die Pl\u00e4ne f\u00fcr eine multilaterale Zusammenarbeit zur Verwirklichung des Nord-S\u00fcd-Verkehrskorridors und andere, viele andere Projekte in diesem Teil der Welt sind, da bin ich mir sicher, der Beginn einer neuen \u00c4ra, einer neuen Phase in der Entwicklung Eurasiens. Integrationsprojekte stehen hier nicht im Widerspruch zueinander, sondern erg\u00e4nzen sich, wenn sie von den Nachbarl\u00e4ndern in ihrem eigenen Interesse durchgef\u00fchrt und nicht von \u00e4u\u00dferen Kr\u00e4ften gewaltsam eingef\u00fchrt werden, um den eurasischen Raum zu spalten und ihn in eine Zone der Blockkonfrontation zu verwandeln.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Sein westliches Ende, Europa, k\u00f6nnte auch ein nat\u00fcrlicher Teil des gro\u00dfen Eurasiens sein. Doch viele der f\u00fchrenden Vertreter sind von der \u00dcberzeugung beseelt, dass die Europ\u00e4er besser sind als andere und dass es unter ihrer W\u00fcrde ist, sich gleichberechtigt mit anderen an Unternehmungen zu beteiligen. Hinter dieser Arroganz bemerken sie nicht einmal, dass sie an den Rand gedr\u00e4ngt wurden, dass sie Vasallen sind \u2013 oft sogar ohne ein Wahlrecht.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Verehrte Kollegen!<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat auch das Gleichgewicht der geopolitischen Kr\u00e4fte zerst\u00f6rt. Der Westen f\u00fchlte sich als Sieger und proklamierte die unipolare Weltordnung, in der nur sein Wille, seine Kultur und seine Interessen eine Existenzberechtigung hatten.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Diese historische Periode der ungeteilten Vorherrschaft des Westens im Weltgeschehen geht nun zu Ende, die unipolare Welt geh\u00f6rt der Vergangenheit an. Wir stehen an einem historischen Wendepunkt, vor dem wahrscheinlich gef\u00e4hrlichsten, unvorhersehbarsten und doch wichtigsten Jahrzehnt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Westen ist nicht in der Lage, die Menschheit alleine zu regieren, aber er versucht es verzweifelt, und die meisten Nationen der Welt sind nicht mehr bereit, das zu dulden. Das ist der gr\u00f6\u00dfte Gegensatz der neuen \u00c4ra. Die Situation ist in gewisser Weise revolution\u00e4r: Die Oberschicht kann nicht und die Unterschicht will nicht mehr so leben, hei\u00dft es in einem Klassiker.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Dieser Zustand birgt globale Konflikte oder eine Kette von Konflikten, die eine Bedrohung f\u00fcr die Menschheit, einschlie\u00dflich des Westens selbst, darstellen. Diesen Widerspruch konstruktiv aufzul\u00f6sen, ist heute die wichtigste geschichtliche Aufgabe.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Alles zu ver\u00e4ndern, ist ein schmerzhafter, aber nat\u00fcrlicher und unvermeidlicher Prozess. Die k\u00fcnftige Weltordnung nimmt vor unseren Augen Gestalt an. Und in dieser Weltordnung m\u00fcssen wir jedem zuh\u00f6ren, jeden Standpunkt ber\u00fccksichtigen, jede Nation, Gesellschaft, Kultur, jedes System von Weltanschauungen, Ideen und religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen, ohne jemandem eine einheitliche Wahrheit aufzuzwingen. Nur auf dieser Grundlage k\u00f6nnen wir im Verst\u00e4ndnis f\u00fcr unsere Verantwortung f\u00fcr das Schicksal \u2013 das Schicksal der Nationen, des Planeten \u2013 eine Symphonie der menschlichen Zivilisation bauen.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Damit m\u00f6chte ich schlie\u00dfen und Ihnen f\u00fcr Ihre Geduld beim Anh\u00f6ren meiner Botschaft danken.<\/p>\n<p style=\"padding-left: 40px;\">Ich danke Ihnen vielmals.<\/p>\n<pre>Ende der \u00dcbersetzung<\/pre>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Thomas R\u00f6per, geboren 1971, lebt seit \u00fcber 15 Jahren in Russland. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Wir danken dem Autor\u00a0f\u00fcr die Genehmigung zur Ver\u00f6ffentlichung des Textes auf unserer Webseite.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Link zur Erstver\u00f6ffentlichung: <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2022\/putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2022\/putin-ueber-die-neue-weltordnung-russland-reicht-allen-staaten-die-hand\/<\/a><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Bild oben: Der russische Pr\u00e4sident Wladimir Putin w\u00e4hrend seiner Rede auf der Tagung des Valdai International Discussion Club, 27.10.2022<\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Foto: Kremlin.ru, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by\/4.0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY 4.0<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=124653777\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=124653777<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von\u00a0Anti-Spiegel\u00a0(d.i.\u00a0Thomas R\u00f6per)<\/b><br \/>\nDie Valdai-Reden des russischen Pr\u00e4sidenten sind f\u00fcr Freund und Feind jedes Jahr ein geopolitisches Highlight, weil Putin sich dabei ausf\u00fchrlich \u00fcber seine Sicht zur aktuellen Lage der internationalen Politik \u00e4u\u00dfert und sich anschlie\u00dfend stundenlang den Fragen der Experten im Saal stellt. Auch dieses Jahr hat die Diskussion wieder \u00fcber vier Stunden gedauert. Hier \u00fcbersetze ich die Er\u00f6ffnungsrede von Pr\u00e4sident Putin, in der er mit den \u201eWerten\u201c des Westen abgerechnet und aufgezeigt hat, wohin sie f\u00fchren. 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