{"id":12534,"date":"2022-04-04T23:57:25","date_gmt":"2022-04-04T21:57:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=12534"},"modified":"2022-05-02T21:44:36","modified_gmt":"2022-05-02T19:44:36","slug":"ein-paar-worte-zu-butscha","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=12534","title":{"rendered":"Ein paar Worte zu Butscha"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Westen ist sich schon einig in der Bewertung der Aufnahmen aus Butscha. Aber liegen die Dinge wirklich so klar auf der Hand? Gerade in einem Krieg ist es schwierig, die Wahrheit herauszufinden. Spontane Emp\u00f6rung f\u00fchrt oft in die Irre. Bilder von Toten sind allein noch kein Beweis f\u00fcr ein Verbrechen und die T\u00e4ter. <\/strong><\/p>\n<p><em>von <strong>Dagmar Henn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 03.04.2022 auf <a href=\"https:\/\/rtde.site\/meinung\/135348-paar-worte-zu-butscha\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RT DE<\/a>.<\/span><\/p>\n<p>Ganz pl\u00f6tzlich beherrscht der Krieg in der Ukraine wieder die Schlagzeilen, und die politische Klasse \u00fcberschl\u00e4gt sich mit neuen Sanktionsforderungen. &#8222;Die Bilder aus Butscha sind unertr\u00e4glich&#8220;, erkl\u00e4rt beispielsweise Au\u00dfenministerin Baerbock, und fordert sofort neue Sanktionen gegen Russland. Die Bilder aus dem Ort in der N\u00e4he von Kiew wurden sofort &#8222;eingeordnet&#8220; \u2013 das kann nur ein russisches Massaker an unschuldigen ukrainischen Zivilisten sein, ein abscheuliches Kriegsverbrechen.<\/p>\n<p>Nun ist die Berichterstattung \u00fcber jeden Krieg seit jenem in Vietnam im Westen unlauter. Weil die Sichtbarkeit des Elends damals weltweit einen starken Widerwillen gegen jenen Krieg ausl\u00f6ste, werden Bilder aus Kriegsgebieten nur noch in hom\u00f6opathischen Dosen verabreicht. Dadurch wird schon einmal die erste, grundlegende Tatsache verdr\u00e4ngt: Krieg ist eine kollektive Unternehmung menschlicher Gruppen, deren erstes Ergebnis darin besteht, andere lebende Menschen in tote Menschen zu verwandeln. Das ist ein technischer Fakt. Die einzige Sache, an der es in Kriegen nie mangelt, sind Leichen.<\/p>\n<p>Der zweite Punkt, \u00fcber den man gerne hinweggeht, ist die Tatsache, dass die Genfer Konventionen zwar der rechtliche Ma\u00dfstab sind, nach dem Kriegsverbrechen bemessen werden, es aber seit ihrer Verabredung kurz nach dem zweiten Weltkrieg keinen einzigen Krieg gegeben haben d\u00fcrfte, bei dem sich beide Seiten \u2013 oder auch nur eine \u2013 in jedem Moment daran gehalten haben. Auch Soldaten sind Menschen, begehen Fehler, haben Angst, reagieren falsch. Artilleristen k\u00f6nnen sich verrechnen und das eigentliche Ziel verfehlen. Krieg ist nun einmal ein in der menschlichen Psyche nicht vorgesehener Zustand. Das normalerweise starke T\u00f6tungsverbot muss aufgel\u00f6st werden, um \u00fcberhaupt einen Krieg f\u00fchren zu k\u00f6nnen, und das macht es zu einer schwierigen Aufgabe, dem dennoch Regeln zu setzen. Dass das nicht immer gelingt, liegt in der Natur der Sache.<\/p>\n<p>Es gibt also selbst an Aufnahmen ziviler Toter eigentlich nichts, das \u00fcberraschen d\u00fcrfte. \u00c0 la guerre comme \u00e0 la guerre. Um zu wissen, ob Emp\u00f6rung angebracht ist und es sich um eine besondere Schuld handelt \u2013 und falls ja, um wessen Schuld \u2013, muss man die Dinge schon genauer betrachten und nach M\u00f6glichkeit mit einem k\u00fchlen Kopf und nicht in spontaner Erregung. (Die hom\u00f6opathische Berichterstattung hat nat\u00fcrlich auch den Effekt, dass die wenigen Bilder, die dann gezeigt werden, besonders schockierend wirken; aber ich gebe zu, ich habe dennoch in den Jahren seit 2014 allein aus dem Donbass eine solche Menge derartiger Bilder gesehen, dass der schiere Anblick von Toten bei mir keine spontane Ersch\u00fctterung mehr ausl\u00f6st).<\/p>\n<p>Die Behauptung, von der Annalena Baerbock auszugehen scheint, ist die, dass es sich um ein Kriegsverbrechen der russischen Armee handelt. Belegt sei dies allein durch die besagten Bilder aus dem Ort Butscha. Nun zeigen die Aufnahmen bestenfalls schlicht tote Menschen; es gibt einen Videoausschnitt, auf dem sich im R\u00fcckspiegel des Fahrzeugs einer der zuvor gezeigten K\u00f6rper wieder aufsetzt; es ist also noch nicht einmal sicher, dass es sich bei allen gezeigten Personen wirklich um Tote handelt. Aber selbst wenn \u2013 dann blieben immer noch Fragen: Wer hat sie get\u00f6tet, wann und warum? Und es ist erst die letzte der Fragen nach dem Warum, bei der der Gedanke eines Kriegsverbrechens \u00fcberhaupt ins Spiel kommt. Darin unterscheidet sich dieser Fall \u00fcbrigens sehr deutlich von jenem j\u00fcngst aufgetauchten Video von der Misshandlung russischer Kriegsgefangener durch die Ukrainer: in letzterem ist klar erkennbar, wer die T\u00e4ter waren, mehr noch, die Aufnahme selbst stammt schlie\u00dflich auch von ihnen selbst. Aber auch hier gibt es noch Unsch\u00e4rfen; The Intercept hat ein <a href=\"https:\/\/theintercept.com\/2022\/03\/31\/ukrainian-journalist-finds-charred-remains-alleged-war-crime-filmed\/\">Foto<\/a> ver\u00f6ffentlicht, das am selben Ort mehrere verkohlte Leichen zeigt, es kann also sein, dass wir hier nicht nur von Misshandlungen, sondern von Morden reden, aber das ist nicht so eindeutig wie das besagte Video von Misshandlungen.<\/p>\n<p>Aus Butscha gibt es aber mitnichten Aufnahmen, welche die Frage, wer da agiert hatte, eindeutig kl\u00e4ren. Die Bilder aus den Stra\u00dfen des Ortes tauchten am Nachmittag des 2. April auf. Verlassen wurde der Ort von den russischen Truppen einige Tage zuvor. Bereits am 31. M\u00e4rz filmte der B\u00fcrgermeister des Ortes ein Video, in dem verk\u00fcndete, Butscha sei jetzt wieder ukrainisch. Der Ort Butscha hat weniger als 30.000 Einwohner, man sollte davon ausgehen k\u00f6nnen, dass der B\u00fcrgermeister an diesem Tag \u00fcber alles Vorgefallene informiert ist. Aber er blickt da noch entspannt und munter in die Kamera, nicht zornig oder emp\u00f6rt.<\/p>\n<div class=\"EmbedBlock-root EmbedBlock-all\">\n<div class=\"AllEmbed\"><iframe loading=\"lazy\" id=\"odysee-iframe\" src=\"https:\/\/odysee.com\/$\/embed\/Butscha-Tote-Zivilisten-liegen-verstreut-in-den-Stra%C3%9Fen-von-Kiewer-Vorort\/0a6fa212d733a6e960e1165a6b23668dccde484e?r=thUxZ6gaM66JYbEVnyq3i3BpXKxVNEPZ\" width=\"560\" height=\"315\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\"><\/iframe><\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Am 2. April jedenfalls sind auf dem ersten Video, das die Get\u00f6teten zeigt, auch ukrainische Truppen zu sehen, mit blauen Armbinden. Diese blauen Armbinden waren schon \u00f6fter auf Aufnahmen aus Mariupol zu sehen, als Kennzeichen von Asow-K\u00e4mpfern.<\/p>\n<p>Wenn man diese Angaben nimmt, m\u00fcssten die gefilmten Toten also bereits drei Tage lang auf der Stra\u00dfe gelegen haben. Leider gibt es nur eine einzige Aufnahme, n\u00e4mlich die eines Mannes in einem Abwasserschacht, die einen genaueren Blick zul\u00e4sst, und ein, zwei Stellen auf Bildern, auf denen man die Hautfarbe sehen kann.<\/p>\n<p>Dieses eine Bild stammt aus einem Tweet von Dmitri Kuleba, dem ukrainischen Au\u00dfenminister, der es in einer Reihe mit anderen Bildern aus dem Ort ver\u00f6ffentlichte und dazu schrieb, die Russen wollten angeblich so viele Ukrainer wie nur m\u00f6glich t\u00f6ten.<\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p lang=\"en\" dir=\"ltr\">Bucha massacre was deliberate. Russians aim to eliminate as many Ukrainians as they can. We must stop them and kick them out. I demand new devastating G7 sanctions NOW:<\/p>\n<p>-Oil, gas, coal embargo<br \/>-Close all ports to Russian vessels and goods<br \/>-Disconnect all Russian banks from SWIFT <a href=\"https:\/\/t.co\/oZkCAETCQp\">pic.twitter.com\/oZkCAETCQp<\/a><\/p>\n<p>&mdash; Dmytro Kuleba (@DmytroKuleba) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/DmytroKuleba\/status\/1510547460875243529?ref_src=twsrc%5Etfw\">April 3, 2022<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p><script async src=\"https:\/\/platform.twitter.com\/widgets.js\" charset=\"utf-8\"><\/script><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?ssl=1\"><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" data-attachment-id=\"12535\" data-permalink=\"https:\/\/www.freidenker.org\/?attachment_id=12535\" data-orig-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?fit=608%2C1080&amp;ssl=1\" data-orig-size=\"608,1080\" data-comments-opened=\"0\" data-image-meta=\"{&quot;aperture&quot;:&quot;0&quot;,&quot;credit&quot;:&quot;&quot;,&quot;camera&quot;:&quot;&quot;,&quot;caption&quot;:&quot;&quot;,&quot;created_timestamp&quot;:&quot;0&quot;,&quot;copyright&quot;:&quot;&quot;,&quot;focal_length&quot;:&quot;0&quot;,&quot;iso&quot;:&quot;0&quot;,&quot;shutter_speed&quot;:&quot;0&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;orientation&quot;:&quot;0&quot;}\" data-image-title=\"butscha\" data-image-description=\"\" data-image-caption=\"\" data-large-file=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?fit=576%2C1024&amp;ssl=1\" class=\"alignnone wp-image-12535\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?resize=338%2C600&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"338\" height=\"600\" srcset=\"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?resize=576%2C1024&amp;ssl=1 576w, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?resize=169%2C300&amp;ssl=1 169w, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/butscha.jpg?w=608&amp;ssl=1 608w\" sizes=\"auto, (max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Nach drei Tagen sind Leichen sehr w\u00e4chsern. Der Wassergehalt im K\u00f6rper l\u00e4sst nach, dadurch fallen die Gesichtsz\u00fcge ein. Das Blut, das beim Lebenden den Hautton ins Rosige verschiebt (ja, selbst Schwarze werden grau), sammelte sich l\u00e4ngst am tiefsten Punkt des K\u00f6rpers und bildete dort die Leichenflecken.<\/p>\n<p>Der Mann in dem Abwasserschacht kann dort nicht drei Tage gelegen haben. Er ist zu rosig, und die Prellungen sind zu rot; das H\u00e4moglobin, das die rote Farbe bildet, h\u00e4tte zumindest teilweise zerfallen und die Farbe ins Br\u00e4unliche verschieben m\u00fcssen. Noch irritierender ist das Gewebeband, das auf ihm liegt, weil es an ein Kennzeichen erinnert (vermutlich, ohne es zu sein): das Georgs-Band, das die Gegner des Euro-Maidan nutzten, um ihre antifaschistische Gesinnung zu zeigen, und das auch heute Truppen aus dem Donbass oder aus Tschetschenien in Mariupol zur Kennzeichnung tragen.<\/p>\n<p>Selbst wenn es sich nicht um den eigentlichen Gegenstand handelt \u2013 w\u00fcrde ein Angeh\u00f6riger der russischen Truppen jemanden, den er in einen Abwasserschacht packte, mit etwas dekorieren, das einem eigenen Symbol zumindest sehr \u00e4hnelt? Sicher, man kann in einem Krieg so gut wie nichts ausschlie\u00dfen, aber es ist immerhin sehr unwahrscheinlich. Es gibt aber Akteure auf der Szene, die ein solches Band genau auf solche Weise nutzen w\u00fcrden, zum einen, weil sie wom\u00f6glich keinen Zugriff auf das Original haben, und zum anderen, weil das den verh\u00f6hnenden Charakter noch unterstreichen w\u00fcrde. Das sind die Truppen von Asow, genau jene Herren mit den blauen Armb\u00e4ndern, deren Anwesenheit in Butscha durch die Videos eindeutig belegt ist.<\/p>\n<p>In ihrem Code w\u00fcrde ein solches Band einen Gegner kennzeichnen, einen Colorado oder &#8222;Kartoffelk\u00e4fer&#8220;, wie sie die russlandfreundlichen Anti-Maidan-Demonstranten eben wegen des orange-schwarz gestreiften Georgs-Bandes nannten. Nat\u00fcrlich, im Krieg l\u00fcgt jeder, wie er kann, und es k\u00f6nnte auch ein nur vorget\u00e4uschter Mord durch Asow sein, aber dagegen spricht die simple Tatsache, dass dieser Tod keine drei Tage her sein kann und danach keine russischen Truppen mehr vor Ort waren.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: drei Tage? Und niemand hat bis dahin auch nur ein Bettlaken \u00fcber die Toten gebreitet? Geschweige denn, sie zumindest an den Stra\u00dfenrand gelegt? Auch das ist eigenartig. Selbst in den Gegenden von Mariupol, die mehr oder weniger st\u00e4ndig unter Beschuss waren, wurden die Opfer so bald wie m\u00f6glich bedeckt und oft, wenn es keine andere M\u00f6glichkeit gab, im Gr\u00fcnstreifen zwischen den H\u00e4usern begraben. Aber dass sich drei Tage niemand darum k\u00fcmmert, widerspricht allem, was ich bisher gesehen habe. Was ich \u00fcber acht Jahre hinweg in der Ukraine gesehen habe. Nicht nur die Aufnahmen aus den gegenw\u00e4rtigen K\u00e4mpfen, auch die vergangener Jahre aus dem Donbass belegen, dass sowohl mit eigenen wie mit gegnerischen Toten \u00fcblicherweise mit Respekt umgegangen wird. Auf ukrainischer Seite ist das allerdings nicht so sicher. Da gibt es unz\u00e4hlige Berichte, dass eigene Gefallene nicht geborgen, ja, \u00f6fter sogar nicht einmal entgegengenommen wurden, wenn die Gegner sie bargen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnte der Grund sein, dass diese Toten Opfer eines pl\u00f6tzlich einsetzenden Beschusses waren, der in der Folge ununterbrochen anhielt, so dass niemand sich aus den Kellern wagte, um sie auch nur zu bedecken. Nachdem die russische Seite abgezogen war, h\u00e4tte dieser Beschuss durch die ukrainischen Truppen geschehen m\u00fcssen. Daf\u00fcr fehlen aber die Schrapnelle auf der Stra\u00dfe, und es fehlen die sichtbaren, brutalen Verletzungen, die explodierende Granaten verursachen. Niemandem wurde ein Bein oder ein Arm abgerissen. Auch die Blutflecke halten sich in bescheidenen Grenzen.<\/p>\n<p>Die n\u00e4chste M\u00f6glichkeit w\u00e4re, dass sie Scharfsch\u00fctzen zum Opfer gefallen sind. Das w\u00fcrde mit dem, was an Verletzungen zu erahnen ist, besser \u00fcbereinstimmen. Auch da w\u00e4re eher zu vermuten, dass das Feuer von ukrainischer Seite kam. Es ergibt jedenfalls keinen Sinn, einsame Scharfsch\u00fctzen zur\u00fcckzulassen, wenn Truppen abziehen. Deren Aufgabe ist es, milit\u00e4risch die Deckung der Truppe gegen gegnerische Scharfsch\u00fctzen zu bieten. Selbst wenn man davon ausginge, dass sie die Aufgabe h\u00e4tten, die Zivilbev\u00f6lkerung zu terrorisieren, wie es jene von Asow in Mariupol taten \u2013 sie entfernen sich in der Regel h\u00f6chstens ein paar Kilometer von der Haupttruppe, nicht Dutzende. Best\u00e4ndige T\u00e4tigkeit von Scharfsch\u00fctzen w\u00fcrde ebenfalls einen Grund liefern, warum sich niemand um die Toten k\u00fcmmerte; aber das w\u00e4re dann ein ukrainisches Kriegsverbrechen, kein russisches.<\/p>\n<p>Die letzte Option hat mit den Truppen mit den blauen Armb\u00e4ndern zu tun. Aus den Orten im Donbass, die von ukrainischen Truppen im Sommer 2014 eingenommen wurden, ist bekannt, dass die ideologischen Truppen, wie das Asow-Bataillon, dort regelrecht Jagd auf alle machten, die als prorussisch galten. Was, wenn das auch in Butscha passiert ist? Es ist der Tote im Abwasserschacht, der diesen Gedanken ins Spiel bringt. Was, wenn sich das hier wiederholt hat? Schlie\u00dflich waren russische Truppen l\u00e4ngere Zeit in der Gegend. Einige der Toten tragen \u00fcbrigens wei\u00dfe Binden am Arm; die russischen Truppen sind zum Teil genauso gekennzeichnet, und diese B\u00e4nder sollen genutzt worden sein, um ihnen die &#8222;Eigenen&#8220; zu signalisieren, die dann nat\u00fcrlich f\u00fcr die ukrainische Seite die &#8222;Anderen&#8220; w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Der russische Kriegsreporter Alexander Koz, der f\u00fcr die <em>Komsomolskaja Prawda<\/em> schreibt und den Krieg im Donbass von Anfang an begleitete, kommt zu genau diesem Schluss. Er war nach eigenen Angaben zumindest kurz auch in Butscha, <a href=\"https:\/\/www.kp.ru\/daily\/27374.5\/4567342\/\">schreibt<\/a> aber: &#8222;W\u00e4hrend dieser anderthalb Monate haben russische Truppen diesen Ort keinen einzigen Tag vollst\u00e4ndig kontrolliert. Und die Lage dort war f\u00fcr eine &#8218;anhaltende&#8216; Kommunikation mit den Einheimischen nicht g\u00fcnstig. St\u00e4ndige Gefechte, Granatenbeschuss, direkte Zusammenst\u00f6\u00dfe.&#8220; Und weiter schreibt er: &#8222;In Wahrheit verlie\u00dfen die russischen Truppe Butscha mit einer Umgruppierung einige Tage zuvor, ehe die &#8218;Opfer der Besatzung&#8216; entdeckt wurden. Die Streitkr\u00e4fte der Ukraine bemerkten das nicht gleich und bedeckten die Stadt drei weitere Tage lang mit Artillerie, der die Zivilisten gut zum Opfer gefallen sein k\u00f6nnen. Und als sie zu Sinnen kamen, begannen sie, wie \u00fcblich, eine &#8218;Hexenjagd&#8216; auf der Suche nach jenen, die ihrer Meinung nach mit den &#8218;Besatzungstruppen&#8216; kooperiert hatten.&#8220;<\/p>\n<p>Auch er merkt an, dass der Zustand der Toten nicht dem von bereits vor Tagen Verstorbenen entspricht. Und er benennt sogar eine denkbare Option, die Verantwortlichkeit objektiv zu kl\u00e4ren: &#8222;Es reicht, eine Untersuchung durchzuf\u00fchren, die den Todeszeitpunkt der Ungl\u00fccklichen bestimmt. Und das mit den objektiven Daten der NATO abzugleichen (damit meint er Satelliten\u00fcberwachung u.\u00e4.), die den Zeitpunkt des Abzugs der russischen Truppen bestimmen. Aber&#8220;, f\u00fcgt er noch skeptisch hinzu, &#8222;das macht man, wenn man die Wahrheit sucht. Und wer braucht die im Westen?&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich finden sich auch in hiesigen Medien Forderungen nach &#8222;unabh\u00e4ngiger Untersuchung&#8220;. Das Problem dabei ist allerdings, dass daf\u00fcr Organisationen wie Human Rights Watch genannt werden, die alles andere als &#8222;unabh\u00e4ngig&#8220; sind; denn in diesem Fall w\u00fcrde &#8222;unabh\u00e4ngig&#8220; bedeuten, eine Instanz, die von beiden kriegf\u00fchrenden Seiten anerkannt w\u00fcrde, zu beauftragen. Eine solche Instanz gibt es nicht mehr; in den letzten Jahren wurden so gut wie alle internationalen Organisationen auf die eine oder andere Art vom Westen derart instrumentalisiert, dass sie ihre Glaubw\u00fcrdigkeit verloren haben, jedenfalls au\u00dferhalb jener kleinen westlichen Blase, die sich gerne als die &#8222;Weltgemeinschaft&#8220; bezeichnet. Die Informationen ver\u00f6ffentlichen, die der NATO vorliegen, um zu kl\u00e4ren, wer tats\u00e4chlich in Butscha Zivilisten get\u00f6tet hat? Die Informationen der NATO \u00fcber MH17 sind bis heute unter Verschluss. Koz d\u00fcrfte mit seiner Vermutung Recht behalten.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn man all diese Punkte, die Zweifel an der so eiligen wie genehmen Deutung des Westens wecken, beiseitel\u00e4sst und davon ausgeht, dass es aus irgendeinem der ganz am Anfang aufgef\u00fchrten Gr\u00fcnde tats\u00e4chlich russische Truppen waren, ist das kein Grund f\u00fcr die jetzige Reaktion. Denn es m\u00fcsste einwandfrei gekl\u00e4rt werden, dass es sich weder um einen Unfall noch um ein Versehen oder menschliches Versagen handelt. Ein Kriegsverbrechen setzt Vorsatz voraus. Und die wirklich gef\u00e4hrlichen Kriegsverbrecher, solche wie die Truppen des Nazireiches, zeichnet noch etwas anderes aus: sie sind stolz auf ihre Taten. Sie prahlen damit. So, wie jene, die die Misshandlung von Kriegsgefangenen filmten. Oder das Massaker von Odessa im Jahre 2014.<\/p>\n<p>Und erst einmal w\u00e4re es die Handlung einer spezifischen Einheit. Unter keinen Umst\u00e4nden die eines ganzen Volkes. Das sieht der B\u00fcrgermeister von Dnjepropetrowsk, Boris Filatow, anders. Er schreibt auf seiner Facebook-Seite: &#8222;Jetzt haben wir das volle moralische Recht, ruhig und bei v\u00f6llig klarem Verstand diese Nichtmenschen auf der ganzen Welt zu t\u00f6ten, mit unbegrenzter Zeit und in der gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Menge.&#8220; Er meint damit &#8222;die Russen&#8220;. Alle Russen. &#8222;Nichtmenschen&#8220;? Der Tonfall sollte noch bekannt sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dagmar Henn ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p><span class=\"Cover-imageSource\" style=\"font-size: 10pt;\"><span class=\"Cover-captionItem\">Bild oben: <span class=\"Cover-caption\">Im Gegensatz zu den anderen Aufnahmen aus dem Ort bedeckt: ein toter Zivilist in einem Wald bei Butscha am 2. April 2022<\/span><br \/>\n<span class=\"Cover-imageSource\">Foto: \u00a9 Mykhaylo Palinchak<\/span><\/span><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Dagmar Henn<\/b><br \/>\nGanz pl\u00f6tzlich beherrscht der Krieg in der Ukraine wieder die Schlagzeilen, und die politische Klasse \u00fcberschl\u00e4gt sich mit neuen Sanktionsforderungen. &#8222;Die Bilder aus Butscha sind unertr\u00e4glich&#8220;, erkl\u00e4rt beispielsweise Au\u00dfenministerin Baerbock, und fordert sofort neue Sanktionen gegen Russland. Die Bilder aus dem Ort in der N\u00e4he von Kiew wurden sofort &#8222;eingeordnet&#8220; \u2013 das kann nur ein russisches Massaker an unschuldigen ukrainischen Zivilisten sein, ein abscheuliches Kriegsverbrechen. Nun ist die Berichterstattung \u00fcber jeden Krieg seit jenem in Vietnam im Westen unlauter. Weil die Sichtbarkeit des Elends damals weltweit einen starken Widerwillen gegen jenen Krieg ausl\u00f6ste, werden Bilder aus Kriegsgebieten nur noch in hom\u00f6opathischen Dosen verabreicht.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":12536,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[648,746,743,639,989],"class_list":["post-12534","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-frieden-antifaschismus-solidaritaet","tag-2-weltkrieg","tag-kriegsverbrechen","tag-medienluegen","tag-ukraine-konflikt","tag-vietnamkrieg"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/wald_bei_butscha_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-3ga","jetpack-related-posts":[{"id":12562,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=12562","url_meta":{"origin":12534,"position":0},"title":"Ein brennendes Herz f\u00fcr den Frieden braucht einen k\u00fchlen Kopf","author":"Webredaktion","date":"10. 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Zwischen Donezk und Butscha","author":"Webredaktion","date":"5. April 2022","format":false,"excerpt":"Kommentar von Dagmar Henn Wann immer irgendwo Krieg ist, ist die Rede von Kriegsverbrechen. Das ist normal. Psychologische Kriegsf\u00fchrung geh\u00f6rt immer mit dazu, und den Gegner m\u00f6glichst b\u00f6sartig und sich selbst m\u00f6glichst bl\u00fctenwei\u00df zu zeichnen ist Teil des Spiels. Darum ist es wichtig, wann immer dieses Stichwort f\u00e4llt, nach Beweisen\u2026","rel":"","context":"In &quot;Frieden - Antifaschismus - Solidarit\u00e4t&quot;","block_context":{"text":"Frieden - Antifaschismus - Solidarit\u00e4t","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?cat=13"},"img":{"alt_text":"","src":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Donezk_2022-03-15_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200","width":350,"height":200,"srcset":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Donezk_2022-03-15_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=350%2C200 1x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Donezk_2022-03-15_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=525%2C300 1.5x, https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Donezk_2022-03-15_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1&resize=700%2C400 2x"},"classes":[]},{"id":24810,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=24810","url_meta":{"origin":12534,"position":2},"title":"Butscha: Die Propaganda wird nicht besser","author":"Webredaktion","date":"4. April 2026","format":false,"excerpt":"Beitrag von Dagmar Henn Fr\u00fcher ging das schneller, wenn solche Geschichten erz\u00e4hlt wurden. Die Brutkastenl\u00fcge hielt sich vom Oktober\u00a01990 bis zum Januar\u00a01992, dann hat selbst die New York Times\u00a0sie platzen lassen. 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Das gro\u00dfe Verbrechen vor zwei Jahren fand in Kiew statt.","author":"Webredaktion","date":"8. April 2024","format":false,"excerpt":"Beitrag von Dagmar Henn Im R\u00fcckblick, irgendwann, wenn der ukrainische Krieg weit genug zur\u00fcckliegt, wird der Ort Butscha bestenfalls noch eine Fu\u00dfnote liefern. 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