{"id":11239,"date":"2021-09-24T04:30:30","date_gmt":"2021-09-24T02:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=11239"},"modified":"2021-10-11T21:00:05","modified_gmt":"2021-10-11T19:00:05","slug":"gendersprache-placebo-oder-kollaboration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=11239","title":{"rendered":"Gendersprache: Placebo oder Kollaboration?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sie ist das letzte Restchen, das vom einstigen Feminismus \u00fcbrig geblieben ist, und seine Verfechterinnen laufen inzwischen Amok auf allen sprachlichen Ebenen. Als m\u00fcsste die Wirklichkeit folgen, wenn man ihre Beschreibung in eine Richtung ab\u00e4ndert. Nur, sie tut es nicht. <\/strong><\/p>\n<p><em>von <strong>Dagmar Henn<\/strong><\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Erstver\u00f6ffentlichung am 22.09.2021 auf <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/124448-gendersprache-placebo-oder-kollaboration\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">RT DE<\/a><\/span><\/p>\n<p>Ich war dabei, als die ganze Sache losging. Mitte der 1980er, also vor bald vierzig Jahren, war das ein Thema in Frauenzentren und unter Feministinnen, das Auftauchen oder Nichtauftauchen von Frauen in der Sprache. Damals gab es einige Sprachwissenschaftlerinnen, die zu dem Thema forschten, und reihenweise Beispiele brachten, wie Frauen aus der Wahrnehmung verschwinden konnten. Damals war es noch nicht lange her, dass die Berufsbezeichnung Krankenpfleger eingef\u00fchrt wurde. Vorher hie\u00df die Ausbildung Krankenschwester; aber kaum waren ein paar M\u00e4nner unter den Auszubildenden, wurde die gesamte Berufsbezeichnung m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p>Wir haben damals diese Dinge erfunden, das Zwischen-I beispielsweise. Oder damit experimentiert, wie Texte wirken, wenn nur noch weibliche Formen darin vorkommen. Aber \u2013 wir haben uns noch mit ganz anderen Fragen besch\u00e4ftigt. Mit Gewalt in Beziehungen. Mit den Lebensbedingungen Alleinerziehender. Mit dem Paragrafen 218. Und mit dem Einkommensabstand zwischen M\u00e4nnern und Frauen. Dieses Sprachding, das war eher eine kleine Spielerei am Rande, ein Versuch, aufmerksam zu machen, indem man das gewohnte Denken etwas ins Stolpern bringt.<\/p>\n<p>Und heute? Ist von all den Auseinandersetzungen, um die es damals ging und im Grunde noch heute geht, nur noch das Nebenproblem \u00fcbrig. Nein, nicht in dem Sinne, dass alle anderen Fragen gel\u00f6st w\u00e4ren, mitnichten. Aber in dem, dass eine ganze Generation inzwischen v\u00f6llig den Blick f\u00fcr die materielle Wirklichkeit verloren hat und sich darin ergeht, immer neue Varianten des Sprachspiels zu ersinnen, mit geradezu kabbalistischem Eifer. Als w\u00fcrde sich irgend etwas \u00e4ndern, wenn man nur lange genug an den Worten schraubt.<\/p>\n<p>Nur, damit klar ist, wor\u00fcber wir reden, ein paar Zahlen. Selbst die Konrad-Adenauer-Stiftung <a href=\"https:\/\/www.kas.de\/c\/document_library\/get_file?uuid=d80fe2cc-2d45-eb10-15ca-bc90cfd6ab9e&amp;groupId=252038\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">gibt zu<\/a>: &#8222;Zwischen M\u00e4nnern und Frauen unterscheiden sich die individuellen Nettoverm\u00f6gen deutlich. M\u00e4nner verf\u00fcgten 2012 \u00fcber etwa 42 Prozent mehr Nettoverm\u00f6gen als Frauen. Diese Unterschiede entwickelten sich in den letzten zehn Jahren weitestgehend unver\u00e4ndert.&#8220; Trotz Friede Springer, Liz Mohn und Susanne Klatten ist nur ein Drittel der Million\u00e4re weiblich. Daf\u00fcr sind es \u00fcber 90 Prozent der Alleinerziehenden Frauen, und mehr als 40 Prozent davon leben in Armut.<\/p>\n<p>Am Einkommensabstand zwischen M\u00e4nnern und Frauen haben die letzten vierzig Jahre nicht all zu viel ge\u00e4ndert; der sogenannte <a href=\"https:\/\/www.dgb.de\/themen\/++co++37dffeb0-5bc3-11eb-ac48-001a4a160123\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gender Pay Gap<\/a> liegt in Deutschland immer noch bei 19 Prozent; 2018 war der Abstand zwischen M\u00e4nnern und Frauen in der gesamten EU nur in Estland h\u00f6her. Vierzig Jahre best\u00e4ndigen Geredes von Gleichberechtigung haben nicht dazu gef\u00fchrt, dass diese Tatsachen, die immerhin den Alltag der allermeisten Frauen bestimmen, sich entscheidend ge\u00e4ndert h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Schlimmer noch. Die Erh\u00f6hung des Rentenalters ging vor allem auf Kosten der Frauen; bis zum Jahr 2000 lag das Renteneintrittsalter f\u00fcr Frauen noch bei 60, inzwischen wurde es auf 67 heraufgesetzt. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass erst mit 67 in Rente gegangen wird; es hei\u00dft vor allem, dass Abz\u00fcge vorgenommen werden, die sich bei den niedrigeren Renten von Frauen noch deutlich unangenehmer bemerkbar machen. Immerhin liegt der durchschnittliche <a href=\"https:\/\/www.deutsche-rentenversicherung.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Statistiken-und-Berichte\/statistikpublikationen\/altersrenten_im_zeitablauf.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Rentenzahlbetrag<\/a> bei Neurentnerinnen West nur bei 774 Euro, bei Neurentnerinnen Ost immerhin bei 1.058 Euro. Und selbst bei mindestens 35 Versicherungsjahren kommen die Frauen West auf nur 72 Prozent ihrer m\u00e4nnlichen Kollegen. Dass es Rentnerinnen im Osten besser geht, ist ein Verdienst, aber nicht das der bundesdeutschen Politik.<\/p>\n<p>Klar, f\u00fcr Akademikerinnen wurde es etwas besser, und vielleicht sind deshalb die Fans der Genderschreibung so blind f\u00fcr den sonstigen Zustand. Immerhin, \u00fcber die H\u00e4lfte der Richter sind Frauen, auch wenn sie in den Bundesgerichten erst ein Drittel stellen. Mit rechtlichem Zwang wurde daf\u00fcr gesorgt, dass sich auch in den Vorst\u00e4nden deutscher Unternehmen inzwischen mehr Frauen finden als in saudi-arabischen. Je nach <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/197898\/umfrage\/frauenanteil-in-der-professorenschaft-nach-bundeslaendern\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bundesland<\/a> sind zwischen 20 und 31 Prozent der Universit\u00e4tsprofessuren mit Frauen besetzt, allerdings eher die schlechter bezahlten Juniorprofessuren; bei den dauerhaften C4-Professuren sind es immer noch nur 11,4 Prozent.<\/p>\n<p>Das ist der Zustand \u00fcber hundert Jahre, nachdem Frauen in Deutschland allgemein zum Studium zugelassen wurden. Ich erspare den Lesern hier die Zahlen aus der DDR, das w\u00e4re endg\u00fcltig zu peinlich.<\/p>\n<p>Im Bundestag ist mittlerweile ein Drittel weiblich; auch das hat gedauert. Im allerersten Reichstag der Weimarer Republik waren es n\u00e4mlich schon einmal acht Prozent; im Westen wurde dieser Wert erst 1980 wieder erreicht. Die Volkskammer der DDR hatte \u00fcbrigens schon 1986 einen Frauenanteil von 32,2 Prozent.<\/p>\n<p>Ja, das kann man sehr deutlich formulieren \u2013 die kleinen Verbesserungen, die es bezogen auf die Geschlechtergerechtigkeit in der Bundesrepublik gab, seit damals in den 1980ern, sind samt und sonders ein Erbe der anderen deutschen Republik, und in einigen Punkten, wie bei den Renten, auch nur auf diesem Gebiet real. Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik liegen die Dinge noch so, wie sie damals lagen, wenn man mal von den kleinen Fortschritten der akademischen Minderheit absieht.<\/p>\n<p>Ob Sternchen oder Unterstrich oder Doppelpunkt, ob Islamist*innen oder Kriegsverbrecher*innen oder Nazi*innen \u2013 am liebsten w\u00fcrde ich allen, ja, beiden Seiten dieses d\u00e4mlichen Spiels eins mit dem Kn\u00fcppel auf den Kopf verpassen, wie der Kasper dem Krokodil. Nur, damit der Unfug endlich aufh\u00f6rt. Weil dieser Unfug gleichsam automatisch den Eindruck vermittelt, alles andere w\u00e4re kein Problem mehr. Weil er eine ganze Generation in einen Glaubenskrieg verstrickt, der f\u00fcr die wirkliche Welt etwa so bedeutend ist wie die scholastische Debatte, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz h\u00e4tten, und gleichzeitig daf\u00fcr sorgt, dass sich die k\u00fcnftigen Richterinnen und Professorinnen mit nichts weniger besch\u00e4ftigen und identifizieren als mit dem Lebensalltag einer Verk\u00e4uferin oder alleinerziehenden Friseurin.<\/p>\n<p>Klar, einige der derart Engagierten werden schon alleine deshalb hart auf dem Boden der Tatsachen aufschlagen, weil sie sich eines Tages als alleinerziehende M\u00fctter wiederfinden, und entsetzt feststellen, dass noch so viele Sternchen und Unterstriche nichts n\u00fctzen, wenn das Geld wieder einmal nicht f\u00fcr die Kinderschuhe beim Aldi reicht. Dass sie beim besten Willen nicht das Einkommen erzielen k\u00f6nnen, dass sie f\u00fcr sich und die Kinder br\u00e4uchten, und der Unterschied zwischen den M\u00e4nner- und den Fraueneinkommen auf einmal der zwischen einem unabh\u00e4ngigen Leben und dem regelm\u00e4\u00dfigen Antritt beim Jobcenter ist. Und dass sie die Grundsicherung im Alter schon fest gebucht haben, weil sich die Armut durch das weitere Leben durchzieht und die Rentenanspr\u00fcche nicht ausreichen werden.<\/p>\n<p>Und sie werden feststellen, dass die ganze Spielerei ganz nebenbei daf\u00fcr sorgt, dass es keinerlei Anerkennung daf\u00fcr gibt, wenn es ihnen trotzdem gelingt, ihre Kinder gut aufzuziehen. Weil alles, wirklich alles weiter oben auf der Liste der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit steht als dieses Hauptrisiko eines weiblichen Lebenslaufes, und ihnen die Sprachkapriolen sogar den Anspruch auf das Wort &#8222;Mutter&#8220;, das diese Leistung noch irgendwie abbildet, abgesprochen haben.<\/p>\n<p>Unter all den Fantasien \u00fcber Geschlecht als Konstruktion und v\u00f6llig willk\u00fcrlich w\u00e4hlbare Identit\u00e4ten liegen immer noch harte Tatsachen, die sich dem individuellen Willen ganz entziehen. Die Schufa kennt keine Transfinanziellen, und die Unterschiede zwischen M\u00e4nnern und Frauen bemessen sich immer noch in Euro und Cent. Und an den kritischsten Punkten wird sichtbar, dass die extreme Form der Gendersprache, die tats\u00e4chlich das grammatikalische Geschlecht ausl\u00f6schen will, in einer Gesellschaft, die real von sehr gro\u00dfen Unterschieden gepr\u00e4gt ist, nur eine Folge hat: dass diese Unterschiede nicht mehr benannt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das konnte man schon miterleben, als die Alleinerziehenden, die auf Sozialhilfe angewiesen waren, pl\u00f6tzlich hinter dem Etikett &#8222;Langzeitarbeitslose&#8220; verschwanden, weil dieses Etikett nun einmal auf dem ALG II klebte, das die Sozialhilfe abl\u00f6ste. Wie soll man noch \u00fcber diese N\u00f6te, \u00fcber die gesellschaftliche Schande dieser N\u00f6te sprechen, wenn es nur noch &#8222;enz Elter&#8220; gibt?<\/p>\n<p>Die Hysterie der Sprachdebatte nahm in dem Ausma\u00df zu, in dem die Wahrnehmung f\u00fcr die wirklichen gesellschaftlichen Zust\u00e4nde abnahm. Sie ist bestenfalls ein Placebo, kein Heilmittel. Schlimmstenfalls ist sie ein Akt der Kollaboration mit der realen Ungleichheit, die damit vom Unausgesprochenen zum Unaussprechbaren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Dagmar Henn ist Mitglied des Deutschen Freidenker-Verbandes<\/em><\/p>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\">Link zur Erstver\u00f6ffentlichung: <a href=\"https:\/\/de.rt.com\/meinung\/124448-gendersprache-placebo-oder-kollaboration\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/de.rt.com\/meinung\/124448-gendersprache-placebo-oder-kollaboration\/<\/a><\/span><\/p>\n<hr \/>\n<p><span style=\"font-size: 10pt;\"><span class=\"mw-mmv-title\">Bild: Aufkleber auf einem Hinweis\u00adschild in Kiel an der H\u00f6rnbr\u00fccke (2015)<br \/>\nFoto: <\/span>Coyote III &#8211; Eigenes Werk, <a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">CC BY-SA 4.0<\/a><\/span><br \/>\n<span style=\"font-size: 10pt;\">Quelle: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=39411941\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=39411941<\/a><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><b>Beitrag von Dagmar Henn<\/b><br \/>\nIch war dabei, als die ganze Sache losging. Mitte der 1980er, also vor bald vierzig Jahren, war das ein Thema in Frauenzentren und unter Feministinnen, das Auftauchen oder Nichtauftauchen von Frauen in der Sprache. Damals gab es einige Sprachwissenschaftlerinnen, die zu dem Thema forschten, und reihenweise Beispiele brachten, wie Frauen aus der Wahrnehmung verschwinden konnten. &#8230;<br \/>\nWir haben damals diese Dinge erfunden, das Zwischen-I beispielsweise. Oder damit experimentiert, wie Texte wirken, wenn nur noch weibliche Formen darin vorkommen. Aber \u2013 wir haben uns noch mit ganz anderen Fragen besch\u00e4ftigt. &#8230;<br \/>\nUnd heute? Ist von all den Auseinandersetzungen, um die es damals ging und im Grunde noch heute geht, nur noch das Nebenproblem \u00fcbrig.<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":11242,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"colormag_page_container_layout":"default_layout","colormag_page_sidebar_layout":"default_layout","advanced_seo_description":"","jetpack_seo_html_title":"","jetpack_seo_noindex":false,"jetpack_post_was_ever_published":false,"footnotes":""},"categories":[11],"tags":[1054,1058,1055,1053,1052,464],"class_list":["post-11239","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-arbeit-soziales","tag-feminismus","tag-frauenbewegung","tag-frauenrechte","tag-gender-politik","tag-genderismus","tag-sprache"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/i0.wp.com\/www.freidenker.org\/fw17\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Radfahrer-innen_absteigen_800x450.jpg?fit=800%2C450&ssl=1","jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9stpK-2Vh","jetpack-related-posts":[{"id":5211,"url":"https:\/\/www.freidenker.org\/?p=5211","url_meta":{"origin":11239,"position":0},"title":"Pyrrhussieg des Feminismus","author":"Webredaktion","date":"16. 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