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Haftstrafe für einen Freiheitshelden des Westens

Urteil gegen Thaçi erschüttert NATO-Erzählung von der „humanitären Intervention“ in Jugoslawien

UÇK-Führer Hashim Thaçi wurde in Den Haag wegen 96 Morden, Hunderten Fällen von Folter und rechtwidriger Inhaftierung verurteilt.

von Klaus Hartmann

Erstveröffentlichung in der UZ vom 02.10.2026

25 Jahre Knast für Hashim Thaçi. Bei dieser Nachricht aus Den Haag haben sich viele verwundert die Augen gerieben. Die einen fassungslos darüber, dass dies einem widerfährt, der uns Jahrzehnte als Freiheitsheld des Kosovo verkauft wurde, und dass ein „westliches Gericht“ überhaupt Hand an einen ehemaligen Schützling gelegt hat. Die anderen, die das Strafmaß mit weit drakonischeren Strafen gegen Serben vergleichen, erblicken darin die Fortsetzung des antiserbischen Rassismus. Entscheidend ist, ob man die UÇK als Befreiungs- oder als Terrororganisation sieht.

Das Urteil sprach ein „Kosovo-Sondergericht“, das auch für die Ex-UÇK-Führer Jakup Krasniqi, Kadri Veseli und Rexhep Selimi langjährige Haftstrafen verhängte, gegen die alle wohl in Revision gehen. Zunächst die Frage, „welches Gericht“? Denn davon gibt es in Den Haag so viele, dass man den Überblick verlieren kann. Es ist nicht der Internationale Gerichtshof, vor dem Staaten gegeneinander klagen, und auch nicht der Internationale Strafgerichtshof, bei dem aktuell Israel wegen Völkermord auf der Anklagebank sitzt – und Deutschland wegen Beihilfe.

Es handelt sich ebenfalls nicht um den sogenannten „Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien“ (ICTY, 2017 geschlossen). Den hatte der UN-Sicherheitsrat 1993 unter Verletzung der UN-Charta auf Druck der USA installiert. Seine Kosten trugen die USA, andere NATO-Regierungen, Time Warner nebst Stiftungen wie Rockefeller und Soros. Jahrelang kritisierten Serbien und Nicht-NATO-gehorsame Völkerrechtler, dass sich das „Jugoslawien-Tribunal“ weigerte, auch nur Ermittlungen gegen die Kriegsverbrechen der NATO-Aggressoren aufzunehmen, von Verurteilungen ganz zu schweigen. Hingegen wurden überwiegend Serben, die „Feinde der NATO“, abgeurteilt.

Die „Sonderkammern und Sonderstaatsanwaltschaft für den Kosovo“ wurden als „hybrides Strafgericht“ geschaffen, international nach den Vorschriften der UN-Interimsverwaltung des Kosovo, aber zugleich Teil des „Kosovo-Rechtssystems“, auf Beschluss des „Parlaments des Kosovo“. Das geschah 2015 auf massiven internationalen Druck, nachdem ein unter Leitung des Schweizers Dick Marty erstellter Bericht des Europarats von 2011 der UÇK schwere Verbrechen anlastete. Hashim Thaçi und andere Führer der Organisation werden darin „Kopf der Organisierten Kriminalität“ genannt, wegen Mädchenhandel, Drogenhandel, Handel mit Organen serbischer Gefangener, Auftragsmorden und Einrichtung von Geheimgefängnissen.

Der jetzt erfolgte Schuldspruch stellte die Beteiligung der UÇK-Führer an 96 Morden, Hunderten Fällen von Folter und rechtwidriger Inhaftierung sowie weiteren Grausamkeiten fest. Sie wurden als „Ergebnis eines kriminellen Plans“ gekennzeichnet, der sich gegen Serben, Roma, Aschkali und Ägypter sowie jene Albaner richtete, die als „Kollaborateure Belgrads“ galten, wie sie die verfassungstreuen Bürger nannten.

Die Anklage hatte 45 Jahre Haft für jeden Angeklagten wegen Verbrechen gegen die Menschheit – in Deutschland meist zu „gegen die Menschlichkeit“ verniedlicht – gefordert. Das Gericht hielt sie für „nicht erwiesen“, zahlreiche im Bericht des Europarates genannte schwere Verbrechen fielen unter den Richtertisch. So auch jene an Serben und anderen Nationalitäten nach dem 20. Juni 1999, weil da bereits die NATO-geführte „Friedenstruppe“ KFOR vor Ort gewesen sei, und das Gericht von der irrealen Fiktion ausging, damit seien die bewaffneten Kämpfe beendet gewesen. Sogar die schweren Pogrome und ethnischen Säuberungen gegen Nicht-Albaner 2004 unter Aufsicht der KFOR wurden ignoriert.

Die „Deutsche Welle“, Regierungssender für Auslandspropaganda, sieht „mit der Verurteilung Thaçis das Ansehen einer zentralen Figur des kosovarischen Unabhängigkeitskampfs schwer erschüttert“. Als früherer politischer Führer der UÇK sei Thaçi maßgeblich von westlichen Staats- und Regierungschefs unterstützt worden, weiß der Sender. „Die Verurteilung der ehemaligen UÇK-Anführer ist ein schreckliches Urteil für unseren Befreiungskrieg, ein schwerer Schlag für die historische Erzählung“, so ein Regierungsvertreter aus Priština. Diese Sorge teilt er mit allen NATO-Propagandisten, denn bei allen Mängeln hat das Urteil das Potenzial, die NATO-Erzählung von der „humanitären Intervention“ zu erschüttern, mit der sie ihren ersten völkerrechtswidrigen Angriffskrieg in Europa seit 1945 legitimieren wollte.

Doch besonders stramme Vertreter der 4. Waffengattung eilten zu Hilfe: „Hat der Westen mit einem Helden oder mit einem Mörder zusammengearbeitet?“, so die scheinheilige Überschrift in der FAZ zum Prozess. Der notorische Michael Martens, der gar nicht genug getötete Russen erwarten kann, wollte es natürlich genau wissen. Deshalb hat er ausgerechnet Thaçi persönlich befragt, „ob er selbst ein Kriegsverbrecher ist“, denn „als die NATO 1999 Serbien bombardierte,“ war er doch „ihr wichtigster Partner im Kosovo“. Beachtlich, was alles als „investigativer Journalismus“ gilt. Schriftsteller Peter Handke wusste bereits 1999: die FAZ ist das „zentrale europäische Serbenfressblatt“.

Klaus Hartmann ist Präsident der Weltunion der Freidenker und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes


Bild oben: Hashim Thaçi als Präsident des Kosovo. Aufnahme von 2016
Foto: Presidency of Kosovo – president-ksgov.net, Public Domain
Quelle: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=103682600