Nord Stream – Die Sprengung
Besprechung der neuen Dokumentation über die Zerstörung Nord Streams ‚Nord Stream – Die Sprengung‚.
Rezension von Tobias Baumann
Als Pluspunkte sind die große Detailfülle (etwa eindrucksvolle Archivbilder von Nulands Treffen mit Großindustriellen von Chevron und die berühmte Aussage von Condoleezza Rice über die Notwendigkeit, mehr Frackinggas nach Europa zu exportieren von 2014) und die hervorragende Auswahl der Interviewpartner zu nennen: ein ehem. CIA-Analyst, ein sehr gut unterrichteter schwedischer Ingenieur, ein renommierter bayerischer Propagandaforscher und Dr. Werner Rügemer, General Kujat, der BPK-Journalist Florian Warweg (Nachdenkseiten, Ostdeutsche Allgemeine) sowie der bekannte Geopolitik- und Wirtschafts-Analyst Demostenes Floros.
Weiterer Vorteil des Dokufilms ist, dass die Propagandamethoden ausführlich erklärt werden (covert story, covert operation etc.) und der Mechanismus der NATO-Kriegsdynamik sehr plastisch wird – auch mit Hinweisen auf einen drohenden, weiteren imperialistischen Weltkonflikt gegen Moskau Ende dieses Jahrzehnts.
Es gilt jedoch bei dieser sehenswerten Dokumentation hinzuweisen auf einen Fehler in einem der präsentierten Interviews: Der Professor aus Cambridge, der die Quelle von Seymour Hersh verifizierte, behauptet in einem gezeigten Interview, dass die Zerstörung der drei Stränge der Pipeline die Industrie „Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens“ geschwächt hätte.
In Wahrheit waren allerdings insbesondere an Nord Stream 2 Deutschland, die Niederlande, Frankreich, Italien und Österreich direkt beteiligt.
Dies ist umso relevanter, als bekanntlich das Vereinigte Königreich im Unterschied zu Kontinentaleuropa, vor allem zu Deutschland/Holland/Österreich/Norditalien, schon vor 2022 weitgehend deindustrialisiert war. Die City of London und ihre Regierung ist bekanntlich überdies eine der Haupttriebfedern des antieurasiachen Gefüges.
Überdies ist die präsentierte Stratfor-Analogie zum Ersten Weltkrieg irreführend; stattdessen besteht vielmehr eine relative Kontinuität seit der Ermordung des Außenministers Walther Rathenau im Juni 1922, woraufhin die atlantische Relegierung des Geistes von Rapallo mit voller Macht einsetzte sowie die nachfolgende, einhundertjährige deutsch-nordamerikanische Annäherung, die massive Investition von US-Kapital in Deutschland und die daraus folgende, zunehmend einseitige Westbindung (West-)Deutschlands.
Seit den 1920er Jahren ist Deutschland schließlich Hauptspringer auf dem Schachbrett des US-Imperialismus in Europa wider Eurasia und gegen nationale sowie Volkssouveränität.
Die wichtige Kontinuitätslinie, die in puncto (west)deutsch-russische Energiepartnerschaft von Walther Rathenau (Vertrag von Rapallo 1922) über Willy Brandt und dessen Ostpolitik (Export rheinland-westfälischer Erdgasrohre in die UdSSR etc.) über Schmidt bis Schröder und Merkel ist in der Dokumentation nur auszugsweise angedeutet. Die Zwischenkriegszeit ist in Gänze ausgeblendet, die Pionierrolle des ehem. Spanienkämpfers Willy Brandt hinsichtlich der russisch-westdeutschen Energiekooperation im Geiste Rapallos wird nicht aufgezeigt. Dafür erscheint Schmidt, der in Wahrheit in Brandts Fußstapfen trat und die Energiepartnerschaft auf den Ölbereich ausdehnte, breit dargestellt als Opfer der US-Einflusspolitik Anfang der 1980er Jahre. Auch Schröder und Merkel werden anerkennend in dieser souveränen Tradition der eurasischen Energiepolitik erwähnt, nicht jedoch deren Ursprung: der Vertrag, den Bonn und Moskau im April 1922 in Rapallo besiegelten und worin sogar geregelt war, dass das sowjetische Erdöl mit der Hilfe deutscher Raffinerietechnologie verarbeitet werden sollte – zu einer Zeit, als Öl noch gar nicht der Hauptenergieträger war (bis in die 1950er Jahre galt Kohle als wichtigster Energieträger).
Zusätzlich zur Bagdad-Bahn, die in der Doku großen Raum einnimmt, hätte also diese Kontinuitätslinie (1922-2022) hervorgehoben werden können – oder an ihrer statt.
Tobias Baumann ist Vorsitzender des Landesverbandes Berlin
Nordstream – Die Sprengung, D 2026,
R: Moritz Enders und Gunther Merz,
121 Min
Siehe auch: Nordstream-Sprengung und Mythenbildung, Rezension von Sabine Schiffer
Bild oben: Vor dem Deutschen Meeresmuseum Stralsund: Erklärungstafel für ein Rohrsegment von Nord Stream. Dort wird das industrielle Fantom Nord Stream immerhin noch gewürdigt als nationales Juwel des regionalen Transports von Energieträgern; es wird hervorgehoben, dass um die innere Stahlröhre Betonschicht liegt
Foto: Tobias Baumann
Das Rohrsegment komplett:

