Wir trauern um Gerhard Broquard
Wir trauern um
Gerhard Broquard
13. Juli 1948 – 13. Juli 2026
Seit seiner Schlosserlehre war Gerhard in der Gewerkschaftsjugend und der SDAJ organisiert, er engagierte sich in in der IG Metall und der DKP, bei den Naturfreunden und im Freidenker-Verband.
Sein besonderes Engagement galt dem Frieden und der internationalistischen Solidarität, auch in schwierigen Zeiten hielt er unbeirrt am Ziel einer sozialistischen Gesellschaftsordnung fest. Als Mitglied des Landesvorstandes sowie bei Tagungen, Konferenzen und den Liedersommer-Seminaren der Freidenker war er ein unermüdlicher Organisator.
Unser Mitgefühl gilt seiner Frau Monique und allen Angehörigen, seinen Freunden, Genossinnen und Genossen.
Deutscher Freidenker-Verband
Verbandsvorstand
Landesverband Rheinland-Pfalz / Saarland
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Die Trauerfeier fand am 05.08.2026 in Sulzbach/Saar statt. Wir veröffentlichen nachfolgend einige Fotos und die Trauerrede von Klaus Hartmann, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes.
Galerie
Fotos: Ralf Lux und Monika Krotter-Hartmann (gekennzeichnet).
Trauerrede
von Klaus Hartmann
Liebe Monique, liebe Geschwister von Gerhard,
liebe Freunde, Kolleginnen und Kollegen, Genossinnen und Genossen,
geehrte Trauergäste.
Wir trauern um Gerhard Broquard, der uns am 13. Juli, an seinem 78. Geburtstag verlassen hat. Der Satz, „nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben“, trifft bei Gerhard voll und ganz zu. Zwischen der Diagnose einer multiplen, schnell fortscheitenden und nicht heilbaren Krebserkrankung und seinem Tod lagen nur wenige Tage. Damit hatten die Angehörigen praktisch keine Zeit zum Abschiednehmen und wir sind alle sehr bedrückt. Es bleibt uns nur der Trost, dass Gerhard zumindest ein längeres, qualvolles Leiden erspart blieb.
Wir sind heute zusammengekommen, um uns an Gerhard, an sein Leben und die gemeinsamen Erlebnisse mit ihm zu erinnern.
Er kam am 13. Juli 1948 in Sulzbach als Sohn von Franjo bzw. Franz Majid und seiner Frau Mathilde zur Welt. Vater Franz stammte aus Vukovár und war Bergmann, und Gerhard wuchs gemeinsam mit seinen Geschwistern in dieser Arbeiterfamilie heran, die noch mit der Not der Nachkriegsjahre zu kämpfen hatte. Der Vater verstarb 1997, seine Mutter Mathilde hat Robert Schlachter geheiratet, und so bekam Gerhard weitere Geschwister.
Nach dem Abschluss der Hauptschule begann er mit 14 Jahren eine Schlosserlehre, und nach dem Lehrabschluss arbeitete er als Schlosser weiter, in verschiedenen, meist kleineren Betrieben. Im Laufe seines Berufslebens musste er auch tageweise außerhalb arbeiten, bei der Reparatur von Bergbaumaschinen sogar unter Tage. Gerhard blieb in seinem Beruf bis zur Rente.
Mit dem Beginn seiner Lehrzeit wurde er Mitglied der IG Metall und in der Gewerkschaftsjugend aktiv, außerdem engagierte er sich in dem örtlichen Jugendbündnis für die Durchsetzung eines Jugendzentrums in Sulzbach. In der Jugendbewegung lernte Gerhard Mitglieder der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend kennen und besuchte deren Gruppenabende. Ihr Einsatz für die Grundrechte der Jugend und für eine gerechtere, eine sozialistische Gesellschaftsordnung entsprach auch Gerhards Vorstellungen und so wurde er Mitglied der SDAJ, und Anfang der 1970er Jahre trat er auch in die Deutsche Kommunistische Partei ein. Bei Bildungsabenden und eigenem Literaturstudium eignete sich Gerhard die Grundlagen der marxistischen Weltanschauung an.
Seine Überzeugungen hat sich Gerhard selbst erarbeitet, er war keiner, der einfach übernahm und akzeptierte, was man ihm erzählte, er musste schon selbst prüfen, ob Worte und Positionen der Realität standhielten. Daher sah er die Erfolge, aber auch die Fehlentwicklungen im „real existierenden Sozialismus“ immer kritisch, ohne sich opportunistisch dem antikommunistischen Mainstream anzupassen und seine Grundüberzeugungen aufzugeben. Das Ende der sozialistischen Länder in Europa 1989 bis 1991 war für ihn wie seine Genossinnen und Genossen ein schmerzlicher Einschnitt, aber für Gerhard kein Grund, seinem Ideal einer Welt ohne Ausbeutung, Unterdrückung und Kriege abzuschwören oder den Kapitalismus für das letzte Wort der Geschichte zu halten. Er widersprach Wendehälsen und Anpassern, und er hielt am Ziel einer sozialistischen Gesellschaftsordnung fest.
Knapp zwei Jahrzehnte vor diesen Ereignissen, 1973, nahm Gerhard an den X. Weltfestspielen der Jugend und Studenten, veranstaltet vom Weltbund der Demokratischen Jugend unter dem Motto „Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft“, in Berlin, Hauptstadt der DDR teil. Am Rande dieses Festivals hatte Gerhard die Gelegenheit, die Bekanntschaft mit einem anderen, zweifellos bekannteren Saarländer zu machen, nämlich mit Erich Honecker, den er an der Seite des Oktoberclub-Liedermachers Reinhold Andert besuchte, der in Honeckers Nachbarschaft wohnte. Den Besuch wiederholten beide, aber unter gänzlich veränderten Umständen, 1990 in der untergehenden DDR, in den Heilstätten Beelitz, wo das Ehepaar Honecker sein letztes Asyl gefunden hatte.
Das politische Engagement war für Gerhard aber auch in einer anderen, ganz persönlichen Hinsicht von weitreichender Bedeutung. Denn auf seiner Brautschau ging er von der Prämisse aus, eine Frau muss auch politisch zu mir passen. Und die Frau, die passte, war die Genossin Monique, wie er in der SDAJ organisiert, und später ebenfalls in der DKP. Monique war beruflich viele Jahre in der linken Saarbrücker Buchhandlung Lenchen Demuth tätig, und sie war bei den Naturfreunden in zahlreichen Funktionen aktiv – auch dort wurde Gerhard Mitglied. Ende der 1990er Jahren nahmen beide an den Philosophieseminaren teil, die der Freidenkerverband in Rheinhessen veranstaltete. Davon ausgehend engagierten sich beide fortan auch bei den Freidenkern, Gerhard als Mitglied des Landesvorstandes, Monique im Geschäftsführenden Verbandsvorstand.
Mit der Heirat von Monique und Gerhard 1990 löste sich für Gerhard noch ein anderes Problem: eine seit seinem 18. Lebensjahr andauernde Episode, da ihm die bundesdeutschen Behörden bei Erreichen der Volljährigkeit die Staatsbürgerschaft aberkannt hatten – ein weder mit Logik noch mit rechtsstaatlichen Maßstäben erklärbarer Willkürakt. Um nicht staatenlos zu werden, hatte Gerhard die jugoslawische Staatsbürgerschaft seines Vaters angenommen, für die anstehende Hochzeit legte Monique die französische Staatsbürgerschaft ab, Gerhard heiratete also eine Deutsche, und wurde daher wieder gnädig in die Staatsbürgerschaft der Bundesrepublik Deutschland aufgenommen.
Über die politischen Überzeugungen und Aktivitäten hinaus verbanden Gerhard und Monique eine Reihe gemeinsamer Interessen – da ist insbesondere und an erster Stelle das Reisen zu nennen, in Nachbarländer, aber auch in entfernte Erdteile.
Mit dem Freundschaftszug in die Sowjetunion besuchten sie Moskau und Leningrad, mit Kreuzfahrtschiffen das Nordmeer und skandinavische Länder, das Mittelmeer und den Nahen Osten, sie reisten nach New York und nach Peking, nach Cuba und Vietnam sowie zum Solidaritätsprojekt der Naturfreunde im Senegal.
Daneben gab es freilich auch Hobbys von Gerhard, bei denen Monique staunend daneben stand: Das war einerseits die Leidenschaft fürs Briefmarkensammeln. Und dann, das stand auch im Zusammenhang mit dem Reisen, die Begeisterung für den Nahverkehr und alle seine Verkehrsmittel. Angefangen von Fahrplänen und Kursbüchern über historische Loks – es gab keine Stadt, in die Gerhard kam, wo er nicht ausgiebig die Bahn, Straßenbahn und Busse, S- und U-Bahnen testete. Alle Hauptstädte Europas hat er so im Wortsinn „erfahren“ – bis auf jene, die durch Staatsneugründung in den letzten Jahren dazu kamen.
Im Mittelpunkt standen aber für beide immer das gesellschaftliche Leben und die politischen Aktivitäten – die Ostermärsche für Frieden und Abrüstung, Demonstrationen gegen die US-Airbase Ramstein, Solidaritätsbasare für die Unterstützung der Länder des Globalen Südens. Wie im Alltag und zu Hause stand Gerhard seiner Monique auch dabei immer hilfreich und unterstützend zur Seite, und ermöglichte ihr damit, das umfangreiche Pensum ihrer politischen Aktivitäten zu bewältigen – im Stadtrat von Sulzbach sowie in den zahlreichen Funktionen bei den Naturfreunden und im Freidenkerverband. Darüber hinaus hat Gerhard bei Vorstandstagungen und Konferenzen der Freidenker sowie bei den von Monique geleiteten Liedersommer-Seminaren unermüdlich technisch-organisatorische Hilfe geleistet. Beim Freidenker-Liedersommer 2022 in Bad Orb konnte er mit seinem Freund, dem Liedermacher Reinhold Andert, ein herzliches Wiedersehen feiern.
Die wenigen Hinweise genügen, um zu ermessen, wie sehr uns Gerhard fehlen wird. Uns in der politischen Arbeit, aber besonders Monique in ihrem täglichen Lebensumfeld. Unsere guten Wünsche in dieser Stunde gelten an erster Stelle ihr, dass sie in den nächsten Wochen mit fachlicher Hilfe wieder einen Grad an Beweglichkeit und Selbstständigkeit erreicht, der ihr ein Leben in ihrem Haus mit nachbarschaftlicher und pflegerischer Unterstützung ermöglicht.
Unser Gerhard war als Freidenker Vertreter einer philosophisch-materialistischen Weltanschauung. Religiöse Vorstellungen, der Glaube an Götter, an „höhere Wesen“, übersinnliche Kräfte oder ein „Leben nach dem Tod“ waren ihm fremd. Er war überzeugt: Das Leben findet hier, auf der Erde statt, und wir müssen unsere Zeit nutzen, um es besser zu machen. Dafür hat Gerhard unablässig und bis kurz vor seinem Tod gearbeitet.
Wir freuen uns ihn kennengelernt zu haben, seine sprichwörtliche Hilfsbereitschaft, seine Freundlichkeit und Bescheidenheit – und nicht zu vergessen – sein Sinn für Humor, Ironie und Satire, haben auch unser Leben leichter und freundlicher gemacht. So wollen wir ihn in Erinnerung behalten und uns weiter für seine Ideale einsetzen.
Bild oben: Gerhard Broquard.
Karikatur von Jürgen Schanz
