Zukunft ohne Wirklichkeit
von Michael Meyen
Aus: „FREIDENKER“ Nr. 2-26, Juni 2026, S. 24-28, 85. Jahrgang
KI baut gerade den Journalismus um und überhaupt alles, was in die Öffentlichkeit geflutet wird. Vier Beobachtungen und fünf Thesen.
Beobachtung eins:
Mathias Döpfner, Chef von Axel Springer, verordnet den Redaktionen seines Hauses im Herbst 2025 eine Kehrtwende. ChatGPT, KI-Prüfung aller Inhalte und im Zweifel ein Algorithmus auch da, wo bisher ein Mensch war. Die Zauberformel heißt in diesem Medienkonzern Technik plus Stars wie Paul Ronzheimer, ausgestattet mit Topverträgen. Auch er selbst, sagt Döpfner dem Bayerischen Rundfunk, arbeite heute ganz anders. „Früher habe ich auf Google alles gesucht und gefunden. Das hat sich um 95 Prozent reduziert. Ich benutze jeden Tag, in fast jedem Meeting Perplexity und ChatGPT und Copilot.“
Beobachtung zwei:
Holger Friedrich, Verleger der Berliner Zeitung, kündigt nur ein paar Tage später ein Blatt für den ganzen Osten an – mit Ablegern in allen größeren Städten und damit auch mit Lokalberichterstattung. Kosten und Aufwand seien überschaubar: jeweils drei bis vier Leute vor Ort und eine KI, die alles findet, was so im Netz über Chemnitz, Flöha und Limbach-Oberfrohna steht. Der Reporter, so lässt sich das deuten, muss gar nicht mehr in den Gemeinderat. Was dort besprochen und beschlossen wird, sagt ihm ein Algorithmus.
Beobachtung drei:
Verlage und ihre Zulieferer im PR-Bereich suchen Personal, das „prompten“ kann, bezahlen das ordentlich und entsorgen gleichzeitig das, was früher im Zentrum redaktioneller Arbeit stand – Menschen, die rausgehen oder wenigstens zum Telefonhörer greifen, sich mit anderen Menschen unterhalten und dann Beiträge aus dem machen, was man dabei gehört und gesehen hat. Zu teuer, wird der Belegschaft mitgeteilt. Sagt der KI, was sie machen soll. Wenn ihr das Optimum herauskitzelt, sparen wir drei Kollegen.
Und eine letzte Beobachtung:
„Gespräche“ mit Algorithmen lassen sich verkaufen – auch und vor allem in der Gegenöffentlichkeit. Kayvan Soufi-Siavash zum Beispiel hatte von August bis Oktober 2025 gleich fünf Auftritte im Format „Apolut fragt. KI antwortet“. Fans freuen sich, welche „Wahrheiten“ der Interviewer dem System „entlockt“, und feiern sich selbst, weil sie es schon immer wussten und nun auch den letzten denkbaren Gewissheitsstempel zu haben glauben. Fast folgerichtig gibt es neben solchen Videos schriftliche „Gespräche“ im Netz und auf dem Sachbuchmarkt, stets verbunden mit dem Anspruch „Wahrheit“.
These 1: KI ist die Brücke in eine Medienzukunft, die den Menschen verschwinden lässt.
Es ist nicht schwer, diese vier Mosaiksteine zusammenzusetzen. Die Technologien, die spätestens mit dem Start von ChatGPT Ende 2022 im Arbeitsalltag der Bewusstseinsindustrie angekommen sind und damit auch an den Abendbrottischen im Land, krempeln den Maschinenraum um, in dem das entsteht, was wir in der Öffentlichkeit wahrnehmen können. Algorithmen ersetzen den Menschen. Die Frage heißt längst nicht mehr „ob“, sondern „wo noch nicht“.
Meine Universität hat schon vor mehr als zehn Jahren einen Professor für Roboterjournalismus berufen. Möglich war das, weil die Volkswagen-Stiftung der LMU ein „Freigeist-Stipendium“ spendierte – einen Geldtopf für Forscher, die etwas machen, von dem die anderen noch nicht wissen, dass es wichtig werden wird. Die Stiftung wusste das offenbar sehr wohl und hat einen Professor auf den Weg gebracht, der zunächst von nicht wenigen belächelt wurde, als er Zeitungsleser fragte, ob sie merken, wenn die Sportmeldung nicht von einem Reporter geschrieben wird, und gemessen hat, wie oft das vorkommt. Heute sitzt dieser Kollege auf dem akademischen Olymp und hat noch etliche Jahre vor sich, in denen er das Hohelied der neuen Technologien singen kann.
Ich erzähle das aus zwei Gründen. Die Algorithmen sind, das wird in den aktuellen Debatten oft übersehen, in der Branche zum einen viel länger zu Hause als ChatGPT. Was heute unter dem Label KI diskutiert wird, schreibt nur die Trends der letzten anderthalb Jahrzehnte fort. Einen Zwischenstand hat der Dokumentarfilm „Grundrauschen“ festgehalten – 2016 gedreht in der Zentrale der Deutschen Presseagentur (dpa) in Berlin, wo Redakteure vor Bildschirmen sitzen und aus digitalen Welten etwas destillieren, was draußen als Wirklichkeit ankommen soll. Der rasende Reporter ist schon in den 2010er Jahren immer häufiger nur noch von Account zu Account gehüpft und hat dabei zwangsläufig die Menschen übersehen, die nicht im Netz sind, und damit einen ganzen Strauß an Sorgen, Nöten und Positionen. Von diesen Robotermenschen, das ist mein zweiter Grund, wird genauso wenig Kritik kommen wie aus einer Wissenschaft, die schon vor Jahren über Zweit- und Drittmittel korrumpiert wurde.
Das heißt auch: Wenn die Gegenöffentlichkeit KI anbetet, entfällt das letzte Korrektiv. Dass es dabei um alles geht und um die letzte große Schlacht, hat Daniel Sandmann im Dezember am Medien-Tresen vorgeführt. Schon die „Anrede“ des Chats, sagt Sandmann, macht aus der KI ein „mentales Subjekt“, tarnt so „das Kapital bzw. die Macht, die diese Ware entwickelt und programmiert“ hat, und macht uns dadurch „selbst zum Objekt“. Der Mensch, daran lässt dieser Autor keinen Zweifel, werde im „Gespräch“ mit einem Algorithmus zur Simulation und gebe damit nicht nur das auf, was ihn ausmacht, sondern auch die „Möglichkeit zum Widerstand schlechthin“, weil niemand mehr da sei, der auf die Idee kommen könnte, aufstehen zu müssen. Auch jenseits solcher „Interviews“ räumt Daniel Sandmann alles ab, was von Medienleuten für KI ins Feld geführt wird. Bequemlichkeit, Effizienz, Schreibblockaden überwinden. Zitat: Wer der „Aushöhlung des Menschen und seiner Würde – geht es fundamental nicht darum in dieser Zeit? – entgegentreten möchte, wer diese Aushöhlung als genuine Zielsetzung der westlichen Zivilisation begreift, dem bleibt nur der Verzicht auf KI und auf alle digitalen Operationen, die Mentales simulierend ersetzen und tilgen.“
These 2: KI ist ein Angriff auf die Zukunft der Menschheit.
Größer geht es nicht, ich weiß. Was ist der Mensch? Was unterscheidet uns von anderen Tieren? In so einem Artikel kann ich das allenfalls anreißen. Deshalb nur zwei Punkte. Wir können Instinkte, Prägungen, Vorurteile hinter uns lassen. Der Hund muss fressen, wenn er Hunger hat. Wir nicht. Vielleicht noch wichtiger ist Transzendenz. Wir können uns etwas vorstellen, was es noch nicht gibt, und das Wirklichkeit werden lassen, wahrscheinlich meist nicht allein, aber mit ein paar Leuten, die an uns und unsere Idee glauben. Die Sprache verschleiert das, wenn sie von „er-finden“ sagt oder „ent-decken“ spricht – ganz so, als ob schon alles da ist und nur auf uns wartet. Selbst eine perfekte KI schaut immer nur zurück, verlängert deshalb die Vergangenheit und zerstört so die Zukunft. Anders formuliert: Der KI fehlt sowohl die Transzendenz als auch die Option, heute alles ganz anders zu machen als bis gestern. Wenn dieser Satz nicht mehr stimmt, können wir das „K“ streichen und haben ein anderes Problem.
Der Begriff KI ist eine Mogelpackung, die uns etwas verspricht, was nicht zu haben ist (ein Mensch ohne seine Schwächen, ohne seine Natur, ohne die Launen der Tagesform), und uns so das nehmen könnte, was uns als Menschen ausmacht. Das ist so ähnlich wie beim Begriff „Faktencheck“. DIE Wahrheit, und das auch noch von Profis geprüft. Warum sollte ich nicht glauben, was dort steht? Wenn zwei Götter wie Technik und Intelligenz zusammen auf dem Altar platziert werden, sinken auch Dissidenten reihenweise auf die Knie und übersehen, wem und was sie da auf den Leim gehen. Wie sonst auch gilt hier: An den Begriffen werdet ihr sie erkennen.
Damit das hier nicht Theorie bleibt, habe ich ChatGPT gebeten, diesen Text zu übernehmen. Etwas zu „KI und Journalismus“ im Stil von Michael Meyen. Versuch eins war so lala. Viele Kommas. Begriffe und Konstruktionen, die ich nie verwenden würde. Eine „der größten Herausforderungen der Geschichte“. Gähn. Auch eine freundliche Nachfrage hat nicht geholfen, obwohl mir der Bildschirm versprach, jetzt „kritisch und analytisch“ zu werden und meinen „klaren, prägnanten Schreibstil“ zu berücksichtigen. Nicht ein einziger Satz, den ich so formulieren würde, vom Inhalt ganz zu schweigen. Das übliche Blabla, schon in der Überschrift: „Die Zukunft der Medienwelt: Künstliche Intelligenz als Schlüsselakteur“. So hätten sie das gern im „militärisch-technologisch-industriellen Komplex“, der bei Daniel Sandmann den schwarzen Peter hält.
These 3: KI erleichtert es, Teile der Wirklichkeit aus der Öffentlichkeit zu verbannen.
Ich mache zwei Nummern kleiner weiter und komme zurück zum Journalismus. Mein Ideal habe ich oft beschrieben: Alles, was in der Gesellschaft diskutiert wird, muss dorthin, wo es jeder sehen kann – und zwar so, dass sich jeder selbst einen Reim darauf machen kann. Die Wirklichkeit war schon lange vor „Grundrauschen“ anders, weil der Beruf vor allem Mittelschichtkinder anlockt, die noch weiter nach oben wollen und wenig Kontakt und noch weniger Verständnis für Menschen haben, die ihr Geld mit den Händen verdienen. Der Bildschirmjournalismus hat die Leerstelle größer werden lassen. Welche Verkäuferin und welcher Handwerker hat schon Zeit, den halben Tag zu posten, zu liken, zu teilen? Die Plattformen haben die Redaktionen außerdem dazu gebracht, nicht mehr zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, sondern nur noch zwischen gut und böse. An der Tür zu den Leitmedien steht seitdem das Stoppschild der Moral. Mit KI wird aus diesen beiden Leerstellen eine Wüste, weil die Algorithmen keine Chance haben, irgendwann zu Oma zu fahren und zu sehen, was draußen tatsächlich los ist. Das Internet, sagt Patrik Baab, ein Überlebender aus jenen Tagen, in denen Reporter das Büro noch verlassen mussten, das Internet ist zwar ein Fenster zur Welt, geputzt aber wird dieses Fenster von der Macht. Anders formuliert: Was die Algorithmen finden, hat jemand platziert, damit sie es finden.
These 4: Die Kreativen, die KI heute feiern, sollten sich eher fürchten.
Noch einmal Mathias Döpfner, diesmal im OMR-Podcast von Philipp Westermeyer, einem Trendsetter der neuen Medienwelt, gesendet Anfang 2025. Döpfner singt auch hier ein Loblied auf die KI. Endlich, endlich könne sich der Journalist auf seinen Job konzentrieren. Recherchieren und so exklusive Nachrichten produzieren. Zusammenschreiben, was da ist: Das mache die Maschine jetzt schon besser.
Mag sein. Alles, was von der Wiederholung lebt, kann ersetzt werden. In der Bewusstseinsindustrie sind das acht von zehn Jobs. Möglichkeit eins: Harari bekommt Recht. Lauter Nutzlose und Überflüssige, abzulenken mit Drogen und Computerspielen. Möglichkeit zwei: Die acht wollen das nicht, klammern sich an ihre Jobs und ziehen dafür die beiden auf ihr Niveau herunter, die das verkörpern, was Döpfner als den Kern des Journalismus feiert. Überraschend bleiben. Nicht ausrechenbar sein.
Ich muss das nicht ausbuchstabieren und auch nicht sagen, was ich für wahrscheinlicher halte. Kein Text von Michael Meyen mehr. Stattdessen überall Vorgestanztes. Die KI schreibt dabei nur weiter, was wir seit Jahr und Tag erleben. Es ist ohnehin fast alles verschwunden, was sich nicht in Zahlen ausdrücken lässt. Bauchgefühl, Urteilskraft. Zehntausend Schritte musst du gehen, auch wenn der Körper sagt: Ich will das heute nicht. KI wird das verstärken. Eins oder null. Und wehe, dir gefällt das Ergebnis nicht. Schon heute schreiben selbst schlaue Menschen Bücher, die KI als Letztbeweis nutzen. Schaut her, liebe Leute: Die KI sagt das auch. Ich muss also Recht haben. Na dann.
These 5: KI ist ein neuer Filter für die Meinungs- und Willensbildung.
Wer schreibt, der bleibt, hieß es früher beim Kartenspiel. Übersetzt: Es gewinnt der, der die Maschinen füttert oder ihnen sagt, wo sie zu essen haben und wo besser nicht. Ich nenne hier nur die Stichworte: Überwachungskapitalismus, Digital Services Act, Propaganda und Zensur.
Um das nicht wiederholen zu müssen, erzähle ich eine Anekdote – eingesammelt bei einem Spaziergang mit jemandem, der in einem der Medienkonzerne ganz weit oben ist. Dieser Manager erzählte mir, dass sein Haus ein paar Jahre herumgebastelt habe an einem Programm, das die dpa ersetzt. Inzwischen sei man so weit. Kein Unterschied mehr zwischen dem, was über den Ticker kommt, und dem, was das Tool aus dem Netz zusammenbaut. Und? Hat man die dpa abbestellt, einen nicht ganz billigen Dienst? Das nun doch nicht. Es fiel das Wort Opportunitätskosten. Die Nachrichtenagentur gehört den Medienkonzernen. Wenn einer aussteigt, wird es für alle anderen teurer.
Fast hätte ich geschrieben: Es wäre auch schwerer geworden für Regierung, Behörden, Parteien und überhaupt alle, die die Medienwirklichkeit formen wollen, weil damit Herrschaft steht und fällt. Ein Anruf oder ein Mensch bei der dpa – und der Journalismus ruft im Chor zurück. KI macht sowohl den Anruf obsolet als auch den Brückenkopf im dpa-Raumschiff. Meine Empfehlung ergibt sich fast von selbst: Bleiben wir offline, wo immer es geht.
Michael Meyen ist Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU München. Veröffentlichungen in der Hintergrund-Reihe „Wissen kompakt“: Cancel Culture (2024), Der dressierte Nachwuchs (2024) und Staatsfunk (2025). Videos: https://www.youtube.com/@Michael_Meyen
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