AktuellesDemokratie – Medien – Aufklärung

Nordstream-Sprengung und Mythenbildung

Filmbesprechung von Sabine Schiffer

Erstveröffentlichung am 02.07.2026 auf medienverantwortung.de

Am Montag, 29.06.2026 fand im Berliner Sprechsaal eine Pressevorführung des Dokumentarfilms „Nordstream – die Sprengung“ statt. Es folgen Aufführungen im Berliner Babylon-Kino, gegen Bezahlung auch online: https://nordstreamfilm.de/

 

Die Doku ist sowohl inhaltlich, als auch dramaturgisch gut gestaltet und verfolgt einen roten Faden. Dieser rankt um die These, dass das Hauptinteresse an der Sprengung der Nordstream-Pipelines in den USA liegt. Die Entwicklung seither, die am Ende des Films Bezug zu geopolitischen Ereignissen in Osteuropa nimmt, gibt dieser These recht – belässt aber auch einige offene Fragen, die am Ende erörtert und nicht als gelöst dargestellt werden; wie es hingegen die aktuelle Berichterstattung um einen verhafteten, mutmaßlichen ukrainischen Attentäter tut.

Ohne zu viel spoilern zu wollen, denn es lohnt den 120-minütigen Film in epischer Gänze zu sehen, muss besonders das Verhältnis von Seymour Hersh und Theodore Postol in den Blick genommen werden. Hersh hat 2023 mit seinem Scoop, dass US-Kräfte wie die CIA hinter der Sprengung der Pipelines stecken, Furore gemacht und sofort Kritik auf sich gezogen, weil er einem Whistleblower vertraute und keine zweite Quelle vorweisen konnte, die das Gesagte bestätigt. Zwar sind unsere Medien ansonsten nicht so (selbst)kritisch, immer auf eine zweite, wirklich unabhängige Quelle zu achten, aber hier scheint es als (Gegen)Argument nützlich.

Allerdings gibt es mit Prof. Ted Postol, Emeritus des renommierten Massachussets Institute of Technologie (MIT), durchaus eine Art zweite Quelle, denn er war mit seiner technischen Prüfung am Prüfungsprozess der Aussagen der CIA-Quelle beteiligt. Sein exklusives Interview im Film gibt tiefe Einblicke in ein journalistisches Prüfverfahren, das davon ausgeht, dass man mit einem strategischen Leak instrumentalisiert werden könnte, sich und den Sachverhalt in jeder Hinsicht absichern muss, bevor er die Öffentlichkeit erreicht, und gleichzeitig die Quelle unbedingt schützen muss. Die Einhaltung dieser journalistischen Standards würde man sich immer wünschen.

Neben eindrücklichen Aufnahmen vor Ort und Orten der Geschehen, die auch bekanntes und vor allem weniger bekanntes Videomaterial umschließen, lebt der Film von gehaltvollen Interviews. Zu Wort kommen neben den bereits Genannten der Journalist Dirk Pohlmann, der Amerikanist Dr. Jonas Tögel, der Publizist Dr. Werner Rügemer, der ehemalige CIA-Mitarbeiter Ray McGovern, der Osloer Forschungsprofessor Ola Tunander, der italienische Energie- und Geopolitik-Experte Demostenes Floros, der Experte für Unterwasser- und Offshore Operationen Erik Andersson, der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat sowie der Lüdenscheider Unternehmer Axel Turck. Alle zusammen zeichnen das Bild einer Vorführung Deutschlands auf dem internationalen Parkett, dem die Bundesregierung nichts entgegensetzt – im Gegenteil, man könnte den Eindruck haben, dass diese für andere arbeitet, etwa die US-Regierung oder Investment-Fonds. Gerade mit den letzten Eindrücken der Doku rückt die Energie- und Wirtschaftskrise in den Fokus, die die Folge der Machenschaften auf den anderen sichtbaren und unsichtbaren Ebenen der Machtausübung sind, als die, die in den meisten unserer Medien erörtert werden. Aber auch die gerade breit kolportierte Segelboottheorie erhält ihre Würdigung.

Dr. Sabine Schiffer ist Leiterin des Instituts für Medienverantwortung Erlangen


Bild oben: Symbolbild, erstellt mit KI