Vorwort von Hans-Günter Eschke

Ich will noch auf eines aufmerksam machen, was vielleicht zum Vorspann zum besseren Verständnis für den Leser dienen kann: Das offizielle Deutschland begeht ein Kant-Jahr und vergeht sich - vereinzelte Publikationen Zeigen - teilweise an ihm. Wir Freidenker haben zum Feuerbach-Jahr aufgerufen. Ich habe mich darum bemüht, beides zu vereinigen, natürlich mit dem Akzent auf Feuerbach. Aber ich denke, es steht auch uns Freidenkern gut zu Gesicht, ihn mit dem Kant der historischen, anthropologischen und ethischen sowie den unmittelbar zur Aufklärung verfaßten Schriften zusammen zu lesen.

 

Religionskritik und Materialismus - eine Einführung in das philosophische Werk und Wirken Ludwig Feuerbachs

Von Hans-Günter Eschke

0. Einleitung

Das Wirken Ludwig Feuerbachs (1804 - 1872) markiert eine philosophische Wende im weltanschaulichen Denken zum Menschen. Dieser Satz sagt und schreibt sich anscheinend leicht dahin. Um ihn in seiner Tragweite auszuloten, ist auch mehr nötig als in einem Vortrag zu sagen möglich ist.

Vor allem mögen die in der Überschrift eingangs verwendeten Begriffe der Religionskritik und des Materialismus, geht man von der durch Medien beherrschten öffentlichen Meinungsbildung aus, zumindest stutzig machen, wo nicht gar befremden. In der Tat haben wir es in den nächsten Stunden mit Philosophie und nicht mit medialer Reizwortakrobatik zu tun. Da müssen wir begriffsgerecht vorgehen, aber mediengemäßes Denken ist selten begriffsgerecht. Das Niveau selbstbewusster Vernünftigkeit philosophischer Gedankengänge, das wirkliche Substanzielle, kann nicht an - sagen wir es einmal im Medienjargon - "Einschaltquoten" oder "Fangemeinden" gemessen werden.

Zuerst möchte ich auf ein Problem aufmerksam machen, das wir vorzugsweise in Deutschland antreffen, auf die Neigung, historische Persönlichkeiten quasi vor ein Tribunal zu stellen. Zwei Extreme sind dafür kennzeichnend: Erstens die Tendenz, die zu würdigende Person quasi zu "vergotten", sie auf Grund einseitig ausgewählter Eigentümlichkeiten ihres Wirkens als "makelloses Wesen" unhistorisch zu überhöhen. Zweitens die Neigung, die mir aus meinem Leben in der DDR bestens bekannt ist, den zu Würdigenden an "Vorleistungen" zu messen, die er für andere, nachfolgende, wirklich oder vermeintlich umfassender bzw. gründlicher vorgehende Denker, die ja letztlich auf seinem Werk aufbauen, erbracht hat,- eine Verfahrensweise, die seine originäre historische Leistung unter der Form angeblichen Lobes verkleinert. Warum nehmen wir ihn nicht in seinem prallen, widersprüchlichen Leben? Warum freuen wir uns nicht einfach seiner wirklichen historischen Leistung? Ich möchte versuchen, etwas von dem bleibenden Substantiellen der Arbeit Ludwig Andreas Feuerbachs (1804 - 1872) einzufangen und uns nahe zu bringen.

Sicherlich ist es eine Äußerlichkeit, wenn ich darauf aufmerksam mache, dass Feuerbach in dem Jahr das Licht der Welt erblickte, in dem Immanuel Kant (1724 - 1804) seine Augen für immer schloss. Wichtiger ist mir zu zeigen, wie sehr er in einer Zeit tiefster politischer Erniedrigung Deutschlands durch die despotische, klerikal-politische "Heilige Allianz", durchdrungen vom humanistischen Ethos des Aufklärungszeitalters, vernünftiges Denken in der brisantesten Frage aller Weltanschauung, der Frage nach dem Menschen, konkretisierte.

Es gehörte viel Mut und "Stehvermögen" dazu, in jener Zeit dem despotischen "Zeitgeist", mit dem die "Heilige Allianz" den feudalen Absolutismus in Europa zu restaurieren suchte, entgegenzutreten. Im Vorwort zum "Wesen des Christentums" charakterisierte Feuerbach die geistige Situation seiner Zeit, in der Weltanschauliches mit Politischem unmittelbar verflochten war und den herrschenden "Ton der ‚guten Gesellschaften’" bestimmte. Religionskritik musste da zwangsläufig in einem höchst praktischen Sinne gegen diesen Ton verstoßen: "Aber freilich für diese Zeit, welche das Bild der Sache, die Kopie dem Original, die Vorstellung der Wirklichkeit, den Schein dem Wesen vorzieht, ist diese Verwandlung" der Religion in reale Anthropologie, "weil Enttäuschung, absolute Vernichtung oder doch ruchlose Profanation; denn heilig ist ihr nur die Illusion, profan aber die Wahrheit." Die Gewandtheit, im "Ton der ‚guten Gesellschaft’" zu plaudern, die - wie schon Kant kritisch vermerkte - , "manche Armseligkeit des eingeschränkten Kopfes" deckt, hatte in deutschen Landen schon lange geherrscht. Aber unter dieser Oberfläche hatte sich weltanschaulich und politisch viel Ernsteres abgespielt, wie eine kritische Äußerung Hegels in einem Brief an seinen ehemaligen Mitschüler, Friedrich Schelling, vom April 1795 zeigte: "Religion und Politik haben unter einer Decke gespielt, jene hat gelehrt, was der Despotismus wollte, Verachtung des Menschengeschlechts. Unfähigkeit desselben zu irgendeinem Guten, durch sich selbst etwas zu sein." Wer nach den Erfahrungen der Befreiungskriege in der Restaurationsperiode daran rührte, war zwar auf der Höhe der emanzipatorischen Notwendigkeiten seiner Zeit, musste jedoch zwangsläufig wider den Stachel des "Zeitgeistes" der herrschenden Mächte löcken. (Ein Schelm, wer Aktuelles dabei denkt!)

1. Abschluss der klassischen deutschen Philosophie

Von einer solchen geistigen Situation aus hat Ludwig Feuerbach eine Reform der Philosophie ins Werk gesetzt und dabei die klassische deutsche Philosophie im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlossen. Er war Geist von ihrem emanzipatorischen Geiste, verfocht ihre Humanitätsgedanken, handhabte "Vernunft und Wissenschaft als des Menschen" (nicht allein des Philosophen) "allerhöchste" weil gemeinschaftliche Kraft, wobei er die von Hegel systematisch bearbeitet Dialektik auf die Philosophie selbst und ihre Geschichte anwendete, und kam auf diesem Wege zur Abstreifung ihrer durch idealistische Reduktion menschlicher Aktivität auf geistige Tätigkeit dem wirklichen Leben der wirklichen, leibhaftigen Menschen philosophisch näher. Reformierung der Philosophie - das hieß buchstäblich: Wandlung in der Liebe, in der sowohl gewussten als auch gefühlten Lebensnotwendigkeit zur wissenschaftlichen Lebensweisheit! Das zielte auf mehr denn neue intellektuelle Einsichten!

Feuerbach ging es - wie auch Hegel - darum, "die Würde des Menschen höher anzuschlagen, sein Vermögen der Freiheit anzuerkennen..." Und er konnte sich auf Kant stützen, der quasi als Quintessenz seines philosophischen Wirkens erklärt hatte, dass der Mensch sich selbst der wichtigste Gegenstand allen geistigen Strebens ist, "weil er sein eigener letzter Zweck" sei, "ob er wohl nur einen kleinen Teil der Erdgeschöpfe ausmacht." In diesem humanistischen Sinne bekennt Feuerbach: "Die wesentliche Tendenz der philosophischen Tätigkeit kann überhaupt keine andere mehr sein als die, den Philosophen zum Menschen, den Menschen zum Philosophen zu machen. Der wahre Philosoph ist der universelle Mensch - der Mensch, der für alles wesentlich Menschliche Sinn und Verstand, also den Sinn und Verstand der Gattung hat." D.h., die Liebe, die bewusste Lebensnotwendigkeit zur Weisheit, soll nicht länger religiös bzw. theologisch bestimmt sein, sondern soll philosophisch werden, den universellen Menschen zur Drehachse weltanschaulichen Bewusstseins haben. In diesem Sinne versteht Feuerbach auch seine Religionskritik: "Mir war es und ist es vor allem darum zu tun, das dunkle Wesen der Religion mit der Fackel der Vernunft zu beleuchten, damit der Mensch endlich aufhöre, eine Beute, ein Spielball aller jener menschenfeindlichen Mächte zu sein, die sich von jeher, die sich noch heute des Dunkels der Religion zur Unterdrückung des Menschen bedienen..."

Damit bewegte ihn eine zweieinige Aufgabenstellung: Erstens war die Aufgabe nur lösbar, wenn die Eigenart religiösen Denkens philosophisch aus dem menschlichen Lebensprozess erklärt wurde. Der theologischen Frage nach dem Ursprung von Welt und Mensch musste bei der Kritik die originär philosophische Frage nach dem Urgrund von Welt und Mensch nicht nur theoretisch entgegengesetzt werden, sondern sich auch methodisch bewähren. Zweitens war die Frage philosophisch zu beantworten, was für eine Weltanschauung denn an die Stelle der tradierten Religion treten soll. Es bedurfte einer Philosophie, welche sowohl die Würde des Menschen aus dem wirklichen Leben begründete als auch das geistig-weltanschaulichen Instrumentarium ausarbeitete, das dem Menschen die Möglichkeit gibt, als menschlich selbstbewusstes, nicht von der Gnade eines fremden Wesens lebendes, freies würdiges Subjekt produktiv zu agieren, also im Hegelschen Sinne "durch sich selbst etwas zu sein." Aber mit den damals herrschenden religiösen wie abstrakt philosophisch-idealistischen Menschenbildern war das nicht zu machen.

In Verfolgung dieser Aufgabe zeigte sich, dass man über das Hegelsche Philosophieren hinausgehen musste. Feuerbach nahm also mit der Kritik der Religion auch die Kritik des seinem Wesen nach spekulativen idealistischen Philosophierens in ihrem damals herrschenden Vertreter, Hegel, - auf philosophisch differenzierende Weise - zusammen. Um den wirklichen Menschen auf der Ebene der Philosophie konkret zu erfassen war eine kritische Betrachtung und Überwindung der weltanschaulichen Prinzipien jener Menschenbilder der Religion und des idealistischen Philosophierens nötig. Die Frage nach der Wirksamkeit von Religion ist aber wissenschaftlich nur sinnvoll zu beantworten, wenn die ihr logisch vorgelagerte Frage nach der weltlichen Herkunft ihrer Inhalte und Formen aus historischer menschlicher Lebenswirklichkeit auch wissenschaftlich geklärt ist. Sie unbefangen zu stellen und sachkundig zu beantworten, implizierte aber materialistische Herangehensweise.

Feuerbach schloss damit zugleich eine lange Periode vorwiegend moralisierender Religionskritik ab. Indem er die Religion und ihre Geschichte auf den Boden des sich historisch entwickelnden Lebens der Menschheit stellte, drang er zu historisch-kritischer Bewertung religiöser Weltanschauung vor. Das weist einmal darauf hin, dass ihm der "universelle Mensch, der für alles wesentlich Menschliche Sinn und Verstand... der Gattung hat," Grundmotiv und Maßstab auch seiner Religionskritik war.

Religion wie Religionskritik vor ihm hatten die Frage vorwiegend ideologisch danach gestellt, was Religion gebietet, wie das mit Vernunft zu beurteilen sei und wie sich ihre Gedanken zur Verwirklichung drängen - also eine Art der Fragestellung, die vom religiösen Bewusstsein und seiner praktischen Wirksamkeit im gesellschaftlichen Leben als vermeintlich a priori feststehenden Größen ausgeht, ohne die Frage zu stellen, woher denn Religion ihre Inhalte nimmt und warum sich ihre Denkformen so zäh am Leben halten. (Wir finden solche Denkhaltung gegenwärtig auch bei der Begründung der Forderung einiger Mächte wieder, einen "Gottesbezug" in eine Europäische Verfassung aufzunehmen.)

In seiner Vorrede zum "Wesen des Christentums" schrieb er: "... so ist es auch die Aufgabe dieser Schrift, nachzuweisen, dass den übernatürlichen Mysterien der Religion ganz einfache, natürliche Wahrheiten zugrunde liegen..." Und deutlich erklärt er seine Position in der Philosophiegeschichte: "Ich habe die spekulative Philosophie an ihrer empfindlichsten Stelle, an ihrem eigentlichen Point d’honneur" (=Ehrenpunkt) "angegriffen, indem ich die scheinbare Eintracht, welche sie sich und der Religion gestiftet, unbarmherzig zerstörte - nachwies, dass sie, um die Religion in Einklang mit sich zu bringen, die Religion ihres wahren, wesenhaften Inhalts beraubt, zugleich aber auch die sogenannte positive Philosophie in ein höchst fatales Licht gesetzt, indem ich zeigte, dass das Original ihres Götzenbildes der Mensch ist, dass zur Persönlichkeit wesentlich Fleisch und Blut gehört - , durch meine extraordinäre Schrift also die ordinären Fachphilosophen gewaltig vor den Kopf gestoßen..."

Er setzt sich dabei auch ins Verhältnis zu anderen Religionskritikern und charakterisiert die Eigenart der von ihm geübten Kritik: "Allein ich sage keineswegs - wie leicht hätte ich es mir dann machen können! - : Gott ist Nichts, die Trinität ist Nichts, das Wort Gottes ist Nichts usw., ich zeige nur, dass sie nicht das sind, was sie in der Illusion der Theologie sind - nicht ausländische, sondern einheimische Mysterien, die Mysterien der menschlichen Natur; ich zeige, dass die Religion das scheinbare, oberflächliche Wesen der Natur und Menschheit für ihr wahres, inneres Wesen nimmt und daher das wahre, esoterische Wesen derselben als ein andres, als ein besondres Wesen vorstellt, dass folglich die Religion in den Bestimmungen, die sie von Gott, z.B. vom Worte Gottes gibt..., nur das wahre Wesen des menschlichen Wortes definiert oder vergegenständlicht..."

Das paradox erscheinende Interessante an dem Abschließen der klassischen deutschen Philosophie ist gerade deren konsequente Durchführung in einer ganzheitlichen, dem wirklichen Leben der Menschheit zugewandten philosophischen Denkweise, die zu einem anthropologischen Materialismus und zu weltlich-historisch begründeter Religionskritik führte.

2. Materialistische Kritik der Religion und des spekulativen Idealismus

Feuerbach ist, gestützt auf eingehende philosophie- und religionsgeschichtliche Untersuchungen, der Frage nachgegangen, warum und wie die Menschen, ausgehend von ihrer wirklichen Lebensweise zu "ihrem Gott" und zur Gottesverehrung gelangen, wie ihre Lebenswirklichkeit sie zu den bestimmten religiösen Gedanken drängt. Damit nahm er theoretisch wie methodisch Abschied vom Glauben an ein "Wort Gottes". Vielmehr hat er Religion nach Inhalt und Form, unter Einschluss auch ihrer Rituale, auf die Ganzheit menschlichen Lebens zurückzuführen unternommen. Dabei verband er den Blick aufs Geschichtliche mit Erkenntnissen der Psychologie.

Seine Frage ist: Warum nimmt Weltanschauung historisch zuerst die Form der religiöser Vorstellungen an? Feuerbach argumentiert historisch-psychologisch: "Der Mensch verlegt sein Wesen zuerst außer sich, ehe er es in sich findet. Die Religion ist das kindliche Wesen der Menschheit;...- als Kind ist der Mensch sich als ein andrer Mensch Gegenstand..." Gott weist - wie Feuerbach in historischen Untersuchungen gezeigt hat - idealisierte Züge des Menschen auf, weshalb auch "jeder Fortschritt in der Religion... eine tiefere Selbsterkenntnis" des Menschen ist. Wir finden demnach in der geschichtlichen Entwicklung religiösen Denkens verschlüsselt eine Entwicklungsgeschichte menschlichen Selbstbewusstseins vor.

Indes, wie bereits oben angedeutet, unterscheidet sich realistische philosophische Betrachtungsweise grundsätzlich von religiösen bzw. theologischen Betrachtungsweisen. Während diese nach dem Ursprung der Welt und des Menschen fragen und sie auf ein angenommenes besonderes, vermeintlich überweltliches Wesen zurückführen, das angeblich alles natürliche und soziale Geschehen schöpft, bestimmt und leitet, fragte Philosophie von Anbeginn nach dem Urgrund, nach der allgemeinen Grundlage, der erforsch- und überprüfbaren Basis aller besonderen Dinge, Erscheinungen und Prozesse in der Wirklichkeit selbst, also danach, was die Welt in ihrem eigenen Innersten "zusammenhält" sowie nach den Weisen, wie die besonderen Objekte damit zusammenhängen.

Mit dem Schöpfungsdogma, das widerspruchslose autoritätsgläubige Annahme fordert, war - wie Wilhelm Dilthey (1833 - 1911) später kurz formulierte - , die Doktrin verbunden, "dass in der Weltentstehung kein Natur-, sondern ein Willensvorgang vorliege, sonach das die Naturvorgänge beherrschende Verhältnis der Notwendigkeit zwischen Ursache und Wirkung hier aufgehoben sei." Diesem Dogma zu Folge steht zugleich die letzte Ursache für bewegende Ereignisse im menschlichen Leben von vornherein fest: Es ist Gottes Wille. Der Dünkel einer so gearteten Überlegenheit des Willens über die Natur, der bis zur Scham über Natürliches getrieben wird, welche wiederum den Menschen den Genuss ihnen innewohnender und ihnen äußerer Naturvorgänge versagt, hält sich modifiziert teilweise bis über die klassische deutsche Philosophie hinaus.

Hinter dieser Verschiebung des natürlichen Urgrundes der Weltzusammenhänge auf einen "göttlichen Willensvorgang" stand und steht nicht wirkliche Erkenntnis, sondern ein Motiv herrschender Gesellschaftskräfte, welche die Autorität ihres Willens in der Gesellschaft mit dem Verweis auf ihre Gotteskindschaft zu stützen suchten. Von daher rührt auch der zählebige mystische Glaube, dass es überhaupt Willensakte gäbe, die Naturgesetze zu überlisten imstande seien.

Der christliche Gott wird - das ist seine Besonderheit gegenüber den Naturgottheiten anderer Religionen - allgemein als "Geist" aufgefasst. D.h., das "von aller... Besonderheit gereinigte Wesen ist Geist. Der Geist wird aber nicht im Fleische, sondern im Geiste ergriffen..." Dank dieser Besonderheit wurde in Ländern christlicher Glaubensherrschaft infolge Wechselwirkung auch in der Philosophie der Geist zum herrschenden Prinzip erhoben. Eine Folge davon war: Die ständige Kollision dieser Glaubensannahme mit der "frustrierenden" Wirklichkeit durchzieht bisher die Geschichte auch des weltanschaulichen Nachdenkens über den Menschen und findet seinen Niederschlag auch in der Philosophie. Feuerbach hat in seinen philosophiegeschichtlichen Vorlesungen viele solcher Kollisionen, speziell zwischen Philosophie und Theologie, auf Schritt und Tritt sichtbar gemacht.

Der grundlegende Schritt, den er nun tat war nachzuweisen, dass der Mensch sich seiner Abhängigkeit von der Natur nicht zu schämen braucht. Denn: "Ursprünglich drückt aber die Religion gar nichts aus als das Gefühl des Menschen von seinem Zusammenhang, seinem Einssein mit der Natur oder Welt." Er erklärt: "Theos", "Gott", sei ein bloßer Name, der alles Mögliche befasst und bekennt vor allem gegenüber Kritikern: "... ich verneine nur das phantastische Scheinwesen der Theologie und Religion, um das wirkliche Wesen des Menschen zu bejahen..."

So sieht er denn als die Aufgabe seiner religionskritischen Schriften an, "nachzuweisen, dass den übernatürlichen Mysterien der Religion ganz einfache, natürliche Wahrheiten zugrunde liegen..." und fasst das Ergebnis dahin zusammen: "Diese meine Lehre ist kürzlich die: Die Theologie ist Anthropologie, d.h., in dem Gegenstande der Religion, den wir griechisch "theos", deutsch "Gott" nennen, spricht sich nichts andres aus als das Wesen des Menschen, oder: Der Gott des Menschen ist nichts andres als das vergötterte Wesen des Menschen, folglich die Religions- oder, was eins ist, Gottesgeschichte... nichts andres als die Geschichte des Menschen...."

Verallgemeinernd spricht er selbst davon, der Mensch sei und fühle sich abhängig von der Welt, weil er zuerst von andern Menschen sich abhängig fühle. Bedürfte er nicht des anderen Menschen, so bedürfte er auch nicht der Welt. "Das Bewusstsein der Welt ist also für das Ich vermittelt durch das Bewusstsein des Du... Dass er ist, verdankt er der Natur, dass er Mensch ist, dem Menschen. Wie er nichts physisch vermag ohne den andern Menschen, so auch nichts geistig." Und erläuternd beschreibt er Äußerungsformen menschlicher Gesellschaftlichkeit: "Vier Hände vermögen mehr als zwei; aber auch vier Augen sehen mehr als zwei. Und diese vereinte Kraft unterscheidet sich nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ von der vereinzelten. Einzeln ist die menschliche Kraft eine beschränkte, vereinigt eine unendliche Kraft. Beschränkt ist das Wissen des Einzelnen, aber unbeschränkt ist die Vernunft, unbeschränkt die Wissenschaft, denn sie ist ein gemeinschaftlicher Akt der Menschheit, und zwar nicht nur deswegen, weil unzählig viele an dem Bau der Wissenschaft mitarbeiten, sondern auch in dem innerlichen Sinne, dass das wissenschaftliche Genie einer bestimmten Zeit die Gedankenkräfte der vorangegangenen Genies in sich vereinigt, wenn auch selbst wieder auf eine bestimmte, individuelle Weise, seine Kraft also keine vereinzelte Kraft ist. Witz, Scharfsinn, Phantasie, Gefühl, als unterschieden von der Empfindung, Vernunft - alle diese sogenannten Seelenkräfte sind Kräfte der Menschheit, nicht des Menschen als eines Einzelwesens, sind Kulturprodukte, Produkte der menschlichen Gesellschaft. Nur wo sich der Mensch am Menschen stößt und reibt, entzündet sich Witz und Scharfsinn..., nur wo sich der Mensch am Menschen sonnt und wärmt, entsteht Gefühl und Phantasie - die Liebe, ein gemeinschaftlicher Akt, ohne Erwiderung darum der größte Schmerz, ist der Urquell der Poesie - , und nur wo der Mensch mit dem Menschen spricht, nur in der Rede, einem gemeinsamen Akte, entsteht die Vernunft. Fragen und Antworten sind die ersten Denkakte. Zum Denken gehören ursprünglich zwei. Erst auf dem Standpunkt der höhern Kultur verdoppelt sich der Mensch, so dass er jetzt in und für sich selbst die Rolle des Andern spielen kann..."

Feuerbach tut damit einen bedeutsamen Schritt dahin, philosophisch bewusst zu machen, was sich unbewusst durch die ganze Geschichte immer wieder geltend gemacht hat: Das menschliche Bedürfnis, die Lebensnotwendigkeit, sich geistig auf das wirkliche Leben in der wirklichen profan-materiellen Welt einzustellen. Zum wirklichen menschlichen Lebensprozess gehört nun einmal das Begreifen von Notwendigkeiten und Möglichkeiten der materiellen, der objektiv realen "Außenwelt", in der die Menschen existieren, mit der sie in Wechselwirkung leben müssen. Dazu ist das Ergründen, Erforschen ihrer Natur, ihrer Bewegungs- und Entwicklungszusammenhänge unumgänglich. In der Zusammenschau der Menschen mit dieser Welt wurden sie allmählich in Widersprüchen und Konflikten des grundlegenden gesellschaftlich-allgemeinen Nutzens, mithin des Wertes ihrer eigenen Kraftentfaltung für die Gestaltung ihres Lebens inne. Schritt für Schritt drängt sich ihnen jene selbstbewusst menschliche Form im weltanschaulichen Denken auf, die sie der Erkenntnis näher bringt, "selbst etwas für sich zu sein", ihr konkretes Dasein eigener Leistung zu verdanken, nicht von der Gnade eines anderen Wesens zu leben. Diesem großen menschlich-emanzipatorischen Vordringen zur Selbsterkenntnis wohnt implizite ein oft und lange Zeit unbewusstes Innewerden der Gesellschaftlichkeit eigenständiger praktischer, intellektueller und moralischer Kraftpotenzen des Menschengeschlechts inne.

Gerade das Lebensgefühl und Selbstbewußtsein eines abhängigen Wesens wird durch die christliche Religion allgemein geistig am Leben erhalten und genährt. Feuerbach resümiert kritisch: "Wir haben bewiesen, dass der Inhalt und Gegenstand der Religion ein durchaus menschlicher ist, bewiesen, dass das Geheimnis der Theologie die Anthropologie, des göttlichen Wesens das menschliche Wesen ist. Aber", so setzt er seine Betrachtung zur notwendigen Überwindung theologisch bestimmter Moralität fort, "die Religion hat nicht das Bewusstsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschlichen entgegen, oder wenigstens, sie gesteht nicht ein, dass ihr Inhalt menschlicher ist." Das dürfte m.E. auch in der Gegenwart einer der ideellen Gründe für persönliche geistige Konflikte vieler Christen sein.

Im Anschluss an diese soeben zitierte Aussage zeigt Feuerbach dann exemplarisch die entfremdende Rolle dieser Religion anhand der Verkehrung moralischen Verhaltens: "Im Christentum werden die moralischen Gesetze als Gebote Gottes gefasst; es wird die Moralität selbst zum Kriterium der Religion gemacht; aber die Moral hat dennoch untergeordnete Bedeutung, hat nicht für sich selbst die Bedeutung der Religion. Diese fällt nur in den Glauben. Über der Moral schwebt Gott als ein vom Menschen unterschiedenes Wesen, dem das Beste angehört, während dem Menschen selbst nur der Abfall zukommt... Die wirkliche Ursache wird zum selbstlosen Mittel, eine nur vorgestellte, eingebildete Ursache zur wahren, wirklichen Ursache. Der Mensch dankt Gott für Wohltaten, die ihm der andere selbst mit Opfern dargebracht. Der Dank, den er seinem Wohltäter ausspricht, ist nur ein scheinbarer, er gilt nicht ihm, sondern Gott. Er ist dankbar gegen Gott, aber undankbar gegen den Menschen.... Wo blutige Menschenopfer Gott dargebracht werden, da gelten diese Opfer für die höchsten, das sinnliche Leben für das höchste Gut. Deswegen opfert man das Leben Gott auf..."

Als Konsequenz aus dieser grundsätzlichen Kritik ergibt sich als unverzichtbare Entwicklungsrichtung auch der Philosophie: "Der notwendige Wendepunkt der Geschichte ist daher dieses offene Bekenntnis und Eingeständnis, dass das Bewusstsein Gottes nichts andres ist als das Bewusstsein der Gattung, dass der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität oder Persönlichkeit erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die Wesensbestimmungen seiner Gattung..."

Solche Einsicht implizierte zwangsläufig ein weltanschauliches Vorhaben, durch das auch die Philosophie zu reformieren war. Feuerbach konstatiert mit ständigem Verweisen auf die Scholastik und ihre Wirkung in der Öffentlichkeit zusammenfassend: "Die neuere Philosophie ist von der Theologie ausgegangen - sie selbst ist nichts anderes als die in Philosophie aufgelöste und verwandelte Theologie." Seine Kritik gilt ganz aktuell vornehmlich dem Hegelschen Idealismus. Dem gegenüber macht er geltend: "Das Sein wird nur da vom Denken abgeleitet,

Damit war aber implizite zugleich angedeutet, dass das Zerreißen der Einheit von Denken und Sein als geistige Form menschlicher Selbstentfremdung seinen eigentlichen Grund in einem wirklichen menschlichen Dasein der Gattung hat. Die Philosophie musste hinsichtlich ihrer geistigen Substanz sowohl theoretisch als auch in ihrer gesellschaftlichen Daseinsweise aus ihrer Abstraktion vom wirklichen Leben der Menschheit befreit werden.

3. Anthropologischer Materialismus

Für Feuerbach war die "theoretische Aufgabe der Menschheit... identisch mit ihrer sittlichen." Nach Lage der Dinge ging es ihm nicht allein darum, Objekt und Inhalt der Philosophie theoretisch neu zu bestimmen, seine Reform zielte zugleich darauf, dem Philosophieren ein neues Subjekt zu vermitteln. Das heißt, das Reformvorhaben läuft auf einen anderen Platz der Philosophie im Leben aller Individuen sowie in den zwischenmenschlichen Beziehungen in der Gesellschaft hinaus. Feuerbach formuliert seiner Kritik folgend seinen "kategorischen Imperativ": "Wolle nicht Philosoph sein im Unterschied vom Menschen, sei nichts weiter als ein denkender Mensch; denke nicht als Denker, d.h. in einer aus der Totalität des wirklichen Menschenwesens herausgerissenen und für sich existierenden Fakultät; denke als lebendiges wirkliches Wesen, als welches Du den belebenden und erfrischenden Wogen des Weltmeeres ausgesetzt bist; denke in der Existenz, in der Welt als ein Mitglied derselben, nicht im Vacuum der Abstraktion als eine vereinzelte Monade, als ein absoluter Monarch, als ein teilnahmsloser, außerweltlicher Gott - dann kannst Du darauf rechnen, dass Deine Gedanken Einheiten sind von Sein und Denken." Damit wird nach der Seite des Subjekts die Umwandlung philosophischen Denkens aus der abgehobenen Geistesbeschäftigung einer nur kleinen Elite "Eingeweihter", die mit der politischen Macht "unter einer Decke spielt", in einen allgemeinen Bestandteil des Denkens "gewöhnlicher Leute" auf die Tagesordnung philosophischer Theorie gesetzt. Die Prämisse ist, das Denken aller, des gesamten Volkes, kann und soll durch die Befähigung zu philosophischem Denken für die Erfassung und Lösung der Lebensfragen der Menschen, also auch der Alltagsprobleme kultiviert werden. Sie musste nach Theorie und gesellschaftlicher Daseinsweise aus ihrer Abstraktion vom wirklichen Leben der Menschheit befreit werden.

Dazu reicht es allein nicht hin, in der philosophischen Theorie auszusprechen, dass der Mensch sein eigener letzter Zweck sei; Philosophie muss auch so sprechen,

Sie hat also einen realen, umfassenden Bildungsauftrag. Eine solche Reformierung der Philosophie zielt offensichtlich nicht auf einen Abbau des in seiner Mannigfaltigkeit reichhaltigen und lebendigen Spektrums philosophischen Fragens und Forschens und noch weniger auf eine die Freiheit des Denkens einengende Uniformierung des Denkens in "verordneten" Welt- und Menschenbildern. Bei ihr geht es sowohl um die sozial-bildungsmäßige Ausdehnung philosophischen Denkens auf alle Menschen, also um die Herstellung gesellschaftlichen Universalität der Philosophie hinsichtlich der Subjekte als auch um den Fortschritt hinsichtlich der realen, lebendigen Tragfähigkeit und Tragweite philosophischen Wissens und Denkvermögens. Das ist sowohl mit der Überwindung abstrakt allgemeiner Fragen als auch mit einer weiteren Universalisierung der Themenfelder philosophischen Fragens verbunden.

In dieser Hinsicht tut Feuerbach etwas für Philosophen geradezu Unerhörtes. Er fordert: "Die Philosophie hat (...) nicht mit sich, sondern mit ihrer Antithese, mit der Nichtphilosophie zu beginnen. Dieses vom Denken unterschiedene, unphilosophische, absolut antischolastische Wesen in uns ist das Prinzip des Sensualismus." Damit ist gesagt:

Erstens hatte es die bisherige, scholastische Philosophie immer nur "mit sich selbst", mit schon weltanschaulich verallgemeinertem Bewusstsein von Welt und Mensch zu tun, auch wo sie ihren Themenkreis erweiterte bzw. vertiefte. Dieses "Weben der Philosophie in sich ist unpopulär" (Marx.) Von diesem Reduktionismus muss sie sich lösen, ohne ihr Wesen als Philosophie aufzugeben, damit sie potentielles weltanschaulich-theoretisches Orientierungsmedium für jedermann werden kann.

Zweitens muss sie sich deshalb der ganzen Welt, also auch dem "nichtphilosophischen" Sein zuwenden, der antithetischen, ungeistigen Existenz von Welt und Mensch, um es philosophisch-theoretisch ganzheitlich zu betrachten. Das tut moderner Materialismus

Drittens bedeutet dies, bezogen auf den Menschen, das Ausgehen vom Sensualismus, von der Wirksamkeit der menschlichen Sinne, die die Verbindung des Menschen zwischen dem "ungeistigen Sein" der Welt und dem menschlichen Bewusstsein herstellen.

Viertens ist der Mensch mit Fleisch und Blut als Objekt philosophischen Denkens zu erfassen. Das ist - ich wiederhole eingangs bereits Gesagtes - der "wahre Philosoph,... der universelle Mensch - der Mensch, der für alles wesentlich Menschliche Sinn und Verstand der Gattung hat." Der Mensch ist ein materielles Wesen mit Bewusstsein. Sein wirkliches, sinnlich-materielles Verhältnis zur Welt beginnt beim Verhältnis zum anderen Menschen, von dessen natürlicher Kraft und Vernunft er ebenso gespeist wird, wie er seinerseits ihm seine praktisch-sinnlichen und geistigen Kräfte vermittelt.

Der Philosophie wird damit in logischer Konsequenz die Aufgabe gestellt, sich mit den Naturwissenschaften zu verbünden wie sich die Naturwissenschaft wieder mit der Philosophie verbinden muss: "Diese auf gegenseitiges Bedürfnis, auf innere Notwendigkeit gegründete Verbindung wird dauerhafter, glücklicher und fruchtbarer sein als die bisherige Mesalliance zwischen der Philosophie und der Theologie."

Mit dieser Andeutung zwischenmenschlicher Wechselbeziehungen zwischen den Individuen, die zum Hervorbringen einer gemeinschaftlichen Kraft führt, wird der Wert des Menschen, "durch sich etwas zu sein", hervorgehoben. Und dieser Wert für die anderen und für sich drückt sich aus in seiner Subjektivität. Denn in ihrer Subjektivität, ihrem gesellschaftlich wirksamen Tun und Lassen ist der gesellschaftliche Wert der vielen Einzelnen als menschliche Wesen praktisch da - und zwar in materieller und in ideeller Form. Dieses Tun und damit den ganz alltäglichen Wert des Menschen durch philosophische Vernunft zu erhellen kann nicht als abstrakt-theoretische Aufgabe einer "Fakultät" erfüllt werden, sondern ist die theoretische Aufgabe der Menschheit. Dabei kann Menschheit - gemäß Kants praktischem Imperativ - verstanden werden sowohl als vielschichtiges und vielgestaltiges Ensemble zwischenmenschlicher Beziehungen wie auch als individuelles menschliches Wesen.

Feuerbach, von Hegel her kommend, lässt keinen Zweifel daran, dass das Werden des Menschen zum Philosophen und des Philosophen zum Menschen für ihn nichts zu tun hat mit jenem Missverstehen von Philosophie als eingeschränktes subjektives Meinen, Planen und Wollen, an dem auch unsere Zeit sehr reich ist. Der Sache nach berührt er damit implizite das Wesen menschlicher Selbstentfremdung und ihrer notwendigen Überwindung. Und damit ergänzt sich das Vorhaben, ein natürliches Menschenbild zu schaffen, implizite zu der zweieinigen Aufgabe, die Spezifik des zwischenmenschlichen menschlichen Lebensprozesses für das Verständnis menschlichen Wesens näher zu bestimmen und zugleich im Zusammenhang damit auch das individuelle Wesen des Einzelnen zu begreifen. Letzteres fasste Feuerbach in Differenz zu den Bildern von Religion und Idealismus auf den einfachen Ausdruck: "... ich selbst bin ja nicht Mensch überhaupt, sondern dieser bestimmte, besondere Mensch..."

Das bedeutete sowohl ein Anknüpfen an seine Vorläufer, speziell an die philosophische Aussage Kant, dass "der wichtigste Gegenstand" in der Welt, auf den der Mensch seine "erworbenen Kenntnisse und Geschicklichkeiten" anwenden kann und muss, der Mensch selbst ist: "weil er sein eigener letzter Zweck ist." Den Wert des Menschen als Wesen für die Gesellschaft historisch zu entwickeln setzt zugleich voraus, dass er sein Wesen in der Gesellschaft entfalten können muss, damit "die Menschheit in der Person eines jeden" sich entfalten und wirksam werden kann, wie Kant es in seinem "praktischen Imperativ" ausdrückte. An die so angedeutete dialektische Beziehung, der zufolge das einzelne Individuum, als in seiner Person durch die Menschheit geprägt, zugleich auch als individuelles Subjekt seiner selbst und der Menschheits-Beziehungen zu verstehen ist, konnte Feuerbach bereits theoretisch anknüpfen. Schließlich hatte auch Johann Gottfried Herder die Menschheit nicht als bloße Anhäufung von Individuen verstanden, sondern als "eine Zusammenwirkung der Individuen..., die uns allein zu Menschen machte."

Den Menschen als solch eigentümliches Wesen und damit als seinen eigenen letzten Zweck zu erfassen und zu verstehen, bietet sich demnach als eine "ewige", stets erneut und auf neue Weise sich stellende Aufgabe aller Kultur dar. In diesem Sinne setzte Ludwig Feuerbach die von Immanuel Kant formulierte allgemeine Erkenntnis der Aufklärung fort und wandte sie nun auch auf die Philosophie selbst an.

Zugleich ließ er seinen eigenen philosophischen Nachfolgern noch genügend zu tun übrig: Die materialistische Erklärung der spezifisch menschlichen Gesellschaftlichkeit hinsichtlich des großen Ensembles zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich eben nicht auf Ich und Du reduzieren lassen, sowie die damit verknüpfte Eigentümlichkeit der menschlichen Individualität.

Dieser zweieinigen Aufgabe nähert er selbst sich durch die Beschreibung notwendiger, wesentlich von den Individuen zu erbringender Voraussetzungen der "eigentümlichen Produktivität" der Menschen. Subjektiv kann ein produktiver, ein "produzierender Geist" Feuerbach zufolge nur insofern zu "unabhängiger Selbständigkeit" vordringen, als er

-"nicht bei einem gegebnen Stoffe stehen bleibt,

- sich nicht in einer überkommenen Welt, die, wenn er sie auch als die seinige empfindet und erkennt, doch immer noch eine andere und äußere bleibt, und insofern außer sich selbst befindet, sondern

- mit sich selber eins geworden, zur intensivsten Einheit mit sich selber und somit zum wahrhaft freien Selbstbewußtsein... gedrungen ist.

- Denn nur diese Einheit ist die Quelle eignen, freien Lebens, ist Spontaneität, Selbsttätigkeit, die Wurzel der Produktivität..."

An diese Seite der Sache, an den materialistisch aufgefassten Lebensgewinnungsprozess durch Produktion knüpfte dann Karl Marx, unterstützt von seinem Freund Friedrich Engels (1820 - 1895) an. Dass Feuerbach diese Aufgabe selbst noch nicht lösen konnte, ist kein Makel. Er hat unendlich viel getan, er hat den Weg freigemacht zur Emanzipation des philosophisch-weltanschaulichen Denkens aus der "babylonischen Gefangenschaft" der Theologie und der davon ausgehenden spekulativ idealistischen Philosophie. Auf seinen Schultern stehen auch Marx und Engels.

Vortrag, gehalten in Springe (Deister) zum Workshop der Freigeistige(n) Aktion für humanistische Kultur, am 3. 4. 2004

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Anhang: Auszüge aus Schriften von Ludwig Feuerbach

 

Auszüge aus Schriften von Ludwig Feuerbach zum Wesen der Philosophie

Ludwig Feuerbach, Gesammelte Werke; Bd. 2, Geschichte der neueren Philosophie von Bacon von Verulam bis Benedikt Spinoza, Berlin (Akademie-Verlag) 1981

In den folgenden Auszügen interessiert das Verständnis des produktiven Charakters philosophischen Denkens im Zusammenhang mit der Kritik der Scholastik:

S. 8 Anm. "Die philosophische Auffassung einer Sache unterscheidet sich natürlicherweise nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalt nach von den populären und ordinären Auffassungen derselben. Der Gedanke der Einheit kommt jedoch auch in den populären Auffassungen des Christentums einigermaßen zum Vorschein, und zwar einerseits in dem Bilde der Zukunft, andererseits als moralische Einheit, wie wenn z.B. behauptet wird, dass die Religion auf der Liebe zu Gott beruhe, aber die Liebe ist nur möglich unter der Voraussetzung einer höheren Einheit. Bei den älteren denkenden Mystikern dagegen ist diese höhere Einheit aufs bestimmteste, freilich in mystischer Weise ausgesprochen, zu finden. ... Zur Verhütung wenigstens der allergröbsten Missverständnisse muss noch bemerkt werden, .../ S. 9 /... dass das reine und allgemeine Wesen des Menschen eben als das reine Wesen ein von dem Menschen selbst, von den Menschen in ihrer Individualität, Vielheit und Besonderheit unterschiedenes Wesen ist, dass jene Einheit für den Menschen nur als eine mittelbare, für das Individuum nur durch die lauterste Reinheit des Denkens, der Handlung und der Gesinnung zu verwirklichende und erringende ist, ferner ... dass der fragliche Gegenstand hier nur im allgemeinen betrachtet und abgehandelt wird, daher die bei einer besondern, ins einzelne gehenden Betrachtung höchst wichtigen und bedeutungsvollen Spezifikationen wegfallen müssen..."

S. 10 "Im Christentum wurde darum Gott als Geist Gegenstand des Menschen und Inhalt der Religion; denn ein mit dem Geiste und Interesse eines besondern Volkes identischer, nur auf es bezogener Gott, wie es der heidnische und jüdische war, ist selbst ein bestimmtes Wesen und nicht Geist; erst Gott, in dieser Reinheit und Allgemeinheit gefasst, in der er im Christentum gefasst wurde, erst das allgemeine, von aller unwesentlichen (nationellen und sonstigen natürlichen Differenz und) Besonderheit gereinigte Wesen ist Geist. Der Geist wird aber nicht im Fleische, sondern im Geiste ergriffen..." < ist nicht leibhaftig anzutreffen.>

S. 11 "Als aber das Christentum in die Erscheinung und Endlichkeit eintrat und die in ihm liegenden Momente in der Geschichte zu bestimmter Entwicklung kamen, bestimmte sich jener in dem reinen, mit der Idee identischen Wesen seines Urhebers überwundene Unterschied bis zum Gegensatze, bis zum Zwiespalte von Geist und Materie, Übersinnlichem und Sinnlichem, und da in diesem endlichen Gegensatze das Übersinnliche als das nur Wesenhafte, das Sinnliche als das nur Unwesenhafte bestimmt war und bestimmt werden musste, wurde das Christentum selbst zu seiner Welterscheinung, zu einer antikosmischen und negativen, von der Natur, dem Menschen, dem Leben, der Welt überhaupt, und nicht etwa dem Eitlen, sondern dem Positiven der Welt, abziehenden, ihr wahres Wesen verkennenden und verneinenden Religiosität." <Spinoza macht (® Ethik) darauf aufmerksam, dass freies Denken dem Leben zugewandt sein muss)

Anmerkung F.’s: "Diese einseitige und negative Religiosität äußerte sich bei den ersten Christen nicht etwa bloß praktisch in der Verachtung aller irdischen Güter und aller, selbst edlen und feineren Genüsse, sondern auch theoretisch, und zwar unter anderm in dem Glauben an den nahen Weltuntergang und in der Vorstellung von der Ehe, dieser tiefen Basis, dieser zugleich politischen und moralischen, physischen und metaphysischen Grundlage des Lebens, als etwas an sich Unheiligem, das nicht an und für sich selbst, sondern nur als Verhütungsmittel moralischer Übel eine religiöse Bedeutung hat..."

S. 20 "Als der formell und negativ religiöse Geist in der Kirche sich zu einer weltbeherrschenden Macht erhoben hatte und die anfangs nur innerliche, in der Gesinnung existierende Verkennung und Verachtung alles sogenannten Weltlichen endlich bis zur weltlichen, gewaltsamen Unterdrückung des Weltlichen fortging und selbst die Suprematie der Kirche, als Inbegriff des Geistlichen, über den Staat, als den Inbegriff des Weltlichen, sich anmaßte, bestand seine Negativität gegen Künste und Wissenschaften näher darin, dass er sie band und gefangennahm, sie nicht frei gewähren, / 21 / ihnen keine Selbständigkeit angedeihen ließ, sondern sich ihrer nur als Mittel einerseits zu seiner Verherrlichung, andererseits zu seiner Befestigung bediente. Allein diese scheinbar nur dienstfertigen Geister führten notwendig den Sturz der Herrschaft jenes negativ religiösen Geistes und seiner äußern Existenz, der Kirche, von innen aus herbei, ein Sturz, der die unvermeidliche Folge ebendieser beschränkten Einseitigkeit, seiner unterdrückenden Negativität war.

Obgleich nämlich die scholastische Philosophie im Dienste der Kirche stand, inwiefern sie ihre Sätze anerkannte, bewies und verteidigte, ging sie doch hervor aus einem wissenschaftlichen Interesse, weckte und erzeugte sie doch freien Forschungsgeist und Sinn für die Erkenntnis. Sie machte die Gegenstände des Glaubens zu Gegenständen des Denkens, hob den Menschen aus der Sphäre des unbedingten Glaubens in die Sphäre des Zweifels, der Untersuchung, des Wissens, und indem sie die Sachen des bloßen Autoritätsglaubens zu beweisen und durch Gründe zu bekräftigen suchte, begründete sie gerade dadurch, größtenteils wohl wider Wissen und Willen, die Autorität der Vernunft und brachte sie so ein anderes Prinzip in die Welt, als das der alten Kirche war, das Prinzip des denkenden Geistes, das Selbstbewusstsein der Vernunft, oder bereitete es doch wenigstens vor..."

S. 26 "Was als ein neues Prinzip in die Welt tritt, muss sich zugleich als ein religiöses Prinzip aussprechen, denn nur dadurch schlägt es als ein zerschmetternder und erschreckender Blitz in die Welt ein, denn nur dadurch wird es eine gemeinsame, die Gemüter beherrschende Weltsache; nur dadurch, dass das Individuum, durch welches sich der Geist ins Werk setzt, diesen Geist in Gott erkennt, seine Tat, seinen Abfall von dem frühern Prinzip, welches sich gleichfalls als Religion aussprach, als eine göttliche Notwendigkeit, als einen religiösen Akt anschaut, bekommt es jenen unwiderstehlichen Mut, vor dem alle äußere Gewalt als ein Machtloses verschwindet. Der Protestantismus ist das neue Prinzip, wie es sich als religiöses Prinzip aussprach. Derselbe Geist,

- der die scholastische Philosophie, inwiefern sie ein Befreiungsmittel / 27 / von äußrer Autorität und bloßem positivem Kirchenglauben war, hervorrief,

- der in der Kunst die Idee der Schönheit in ihrer Unabhängigkeit und Selbständigkeit zur Wirklichkeit und dem Menschen seine göttliche Produktivkraft zur Anschauung brachte,

- der die alten, vom beschränkt religiösen Geiste in die Hölle verstoßnen und verdammten Heiden wieder zum Leben hervorrief und bewirkte, dass die Christen sie als ihre nächsten Blutsverwandten, die sie nach langer schmerzlicher Trennung wiedergefunden, erkannten und umarmten,

- der das freie bürgertümliche Leben erzeugt hatte, wodurch praktischer Weltsinn, sinnreich erfinderische, mit der Gegenwart versöhnende, das Leben verschönernde, erleichternde du veredelnde, das Selbstbewusstsein des Menschen erhöhende und erweiternde Tätigkeit und Regsamkeit des Verstandes entstand,...

- ... derselbe und kein anderer Geist, der Geist, der sich in dem Individuum als Unabhängigkeitsgefühl und persönliche Freiheit äußert, der ihm das Bewusstsein oder Gefühl von der seinem Wesen eingebornen Gottähnlichkeit gibt und dadurch die Kraft, keine äußere, das Gewissen bindende Macht anzuerkennen, aus sich selbst zu entscheiden und zu bestimmen, was für ihn die bindende Macht der Wahrheit sein soll, dieser und kein anderer Geist, sage ich, ist es, welcher auch den Protestantismus hervorrief, der daher nur als eine besondere, eine partikuläre Erscheinung von ihm anzusehen ist."

S. 28 Da der / "Protestantismus aus dem Wesen desselben Geistes hervorging, aus welchem die neuere Zeit und Philosophie entsprang, so steht er zu dieser in der innersten Beziehung, obgleich natürlich ein spezifischer Unterschied zwischen der Art, wie er sich als wissenschaftliches Prinzip verwirklichte, stattfindet..."

S. 29 "Das Prinzip des denkenden Geistes, auf dem der Protestantismus beruht und aus dem er hervorging, offenbart sich in ihm näher darin, dass er,

- mit jener Einsicht und Kritik, die allein Sache des Denkens ist, das Unwesentliche von dem Wesentlichen, das Willkürliche von dem Wesentlichen, das nur Historische von dem Ursprünglichen /30/ scheidend, den Inhalt der Religion vereinfachte,

- ihn auf seine einfachen, wesentlichen Bestandteile analysierend zurückführte,

- die frühere bunte, zerstreuende, sinnliche Vielheit und Mannigfaltigkeit von religiösen Gegenständen auf einen Gegenstand reduzierte und durch diese Reduktion auf die Einheit, durch diese Hinwegräumung aller die Aussicht des Menschen verhindernden Gegenstände den Blick in die Nähe und Ferne erweiterte und dem Denken Raum machte,

- dass er die Religion von einer Menge sinn- und vernunftloser Äußerlichkeiten befreite,

- sie zu einer Sache der Gesinnung, des Geistes erhob und dadurch die von der Kirche absorbierte und konsumierte Lebenskraft und Tätigkeit des Menschen wieder dem Menschen vernünftigen, reellen Zwecken, der Welt und Wissenschaft vindizierte

- und in dieser Emanzipation des Menschen die weltliche Macht statt der Kirche als bestimmende, gesetzgebende anerkannte...

... es war eine innere, im Protestantismus selbst gelegene Notwendigkeit, dass sich in ihm erst die Philosophie der neuern Zeit welthistorisch bedeutsames Dasein gab und zu freier, fruchtbarer, immer weiterschreitender Entwicklung heranwuchs und noch heranwächst. Denn die Reduktion der Religion auf ihre einfachen Elemente, die der Protestantismus einmal begonnen, aber bei der Bibel abgebrochen und sistiert hatte, musste notwendig weiter fortgesetzt und bis auf die letzten, ursprünglichen, übergeschichtlichen Elemente, bis auf die sich als den Ursprung wie aller Philosophie so aller Religion wissenden Vernunft zurückgeführt werden, musste daher notwendig aus dem Protestantismus die Philosophie als seine wahre Frucht er- /31/ zeugen..."

S. 31 "Ehe aber der neuerwachte, denkende, selbstbewusste Geist zu der Kraft und Fähigkeit kam, aus sich selbst eine eigne, neue geistige Welt zu schaffen, ehe er aus sich selbst neuen Stoff und Inhalt schöpfen und erzeugen konnte, musste er erst empfangend sich verhalten und eine empfangene, schon fertige und vollbrachte Welt, in der ihm schon als Wirklichkeit entgegentrat, was ihm nur noch als Streben und Verlangen vorhanden war, als belebenden, entwickelnden und bildenden Stoff in sein Wesen zu verwandeln. Wie die erste Anschauung des Menschen von sich die Anschauung seiner als eines andern ist,... so gelangte der menschliche Geist auch in neurer Zeit nur durch die Anschauung seiner als eines Objekts, d.i. die Erkenntnis und Assimilation des ihm im Innersten verwandten Geistes der Werke des klassischen Altertums zum wahrhaft selbständigen Selbstbewusstsein und damit zur Produktivität. Ehe er produktiv wurde, musste er sich eine Welt reproduzieren, die seines Geistes, seines Wesens und Ursprungs war..."

S. 32 Die antiken Schriftsteller und Philosophen wurden nur deshalb so begeistert aufgenommen, "weil die von diesem Enthusiasmus ergriffenen Geister die Befriedigung ihres eignen innersten Geistesbedürfnisses in ihnen fanden, die Erlösung und das Auferstehungsfest ihrer eignen Vernunft in ihnen feierten, weil der freie, der universelle, denkende Geist, der in ihnen zur Tätigkeit und Wirklichkeit erwachte, in jenen Werken die Produkte seiner selbst, sein Wesen in ihnen und sie in seinem Wesen erkannte. -

Anm. dazu: "Das Studium" dieser alten Literatur "war daher im Zeitalter der wiedererwachenden Wissenschaftlichkeit keine äußerliche, den Geist, die Gesinnung, das Herz, die innersten Angelegenheiten gleichgültig lassende, nur die zeit, sonst aber auch gar nichts vertreibende Beschäftigung..."

Forts. S. 32 "Durch diese Anschauung einer / S. 33/ Welt, die dem Geiste, obwohl eine objektive, eine gegebne Welt, ein überliefertes Wort, ein aus der Seele gesprochenes Wort war, das vollkommen das sagte, was er selbst auf dem Herzen hatte und sagen wollte," obwohl nicht vermochte oder wollte, "kam er daher zu sich selbst, stieg er in seine eigne Tiefe hinab, zu jener innersten Einheit mit sich selbst, die allein die Quelle produktiver Wissenschaftlichkeit ist.

/ D / Denn ein produzierender Geist ist eben nur der,

- welcher nicht bei einem gegebnen Stoffe stehen bleibt,

- sich nicht in einer überkommenen Welt, die, wenn er sie auch als die seinige empfindet und erkennt, doch immer noch eine andere und äußere bleibt, und insofern außer sich selbst befindet,

- sondern mit sich selber eins geworden, zur intensivsten Einheit mit sich selber und somit zum wahrhaft freien Selbstbewusstsein,

- zu unabhängiger Selbständigkeit gedrungen ist. Denn nur diese Einheit ist die Quelle eignen, freien Lebens, ist Spontaneität, Selbsttätigkeit, die Wurzel der Produktivität..." <Einheit mit sich selbst als Wesen? Einklang, Übereinstimmung der Zwecksetzungen mit dem Grunde, der wirklichen Basis des Menschseins>

S. 34 "Die Naturforschungswissenschaften bekamen erst in neurer Zeit welthistorische Bedeutung, wurden erst in ihr allgemeine Sache der Menschheit und produzierten aus sich eine zusammenhängende Geschichte, eine fortlaufende Reihe von qualitativ das Gebiet der Erfahrung bereichernden Entdeckungen und Erfindungen.

/ D / Eine Sache tritt aber nur dann erst in welthistorische Bedeutung und Wirksamkeit..., bringt erst dann eine zusammenhängende, qualitativ fortschreitende, mit innerer Notwendigkeit vor sich gehende Geschichte vor sich, wenn sie ein objektives Weltprinzip zu ihrem Grunde hat, denn nur dann ist sie notwendig, und diese objektive Notwendigkeit allein ist der Grund, dass sie in produktiver, frucht- und erfolgreicher Entwicklung fortschreitet, eben weil sie nicht von bloß subjektiven Bestrebungen und partikulären Neigungen ausgeht und abhängt. Dieses objektive Geistes- und Weltprinzip der neuern Zeit, in dem die Notwendigkeit und der Grund der neuern Erfahrungswissenschaften lag, war aber im allgemeinen kein andres als eben der zur Selbständigkeit und zum freien Selbstbewusstsein gelangte denkende Geist."

<Zusatz von mir, H.-G.E.: In bezug auf den Geist ist die "objektive Notwendigkeit" das Prinzip, das seinen Grund in der realen Problemsituation des Lebens (=Diskrepanz zwischen realem Zustand und sich geltend machenden Bedürfnissen, die in dem Zustand nicht zu befriedigen vermögen) hat und damit Voraussetzung und organischer Leitfaden der Problemlösung ist. Aber es liegen schon Teilerkenntnisse (-erfahrungen) vor, die auch geistig partiell über diesen Zustand hinausgehen.>

S. 35 "Die Erfahrung (im Sinne wissenschaftlicher Erfahrung...) ist nämlich nicht... ein unmittelbar sich von sich selbst ergebender und verstehender, kein kindlicher und unbefangener Standpunkt und ebenso wenig ein anfänglicher, ursprünglicher, durch sich selbst begründeter, sondern wesentlich ein von einem höhern Standpunkte, als die Erfahrung selbst ist, abhängiger, ein bestimmtes Geistesprinzip als seinen Grund voraussetzender Standpunkt. Der Standpunkt der Erfahrung setzt...

- zunächst den Trieb voraus, die Natur erkennen und ergründen zu wollen, ein Trieb,

- der selbst wieder hervorgeht aus dem Bewusstsein über den Zwiespalt von Sein und Schein,

- aus dem Zweifel, dass die Dinge so sind, wie sie erscheinen, dass das Wesen der Natur so geradezu und ohne weiteres bei der Hand ist und in die Sinne fällt.

- Ferner setzt dieser Standpunkt voraus ein Selbständigkeitsgefühl, ein unabhängiges Selbstbewusstsein des Individuums, eine Losreißung von Autorität und Autoritätsglauben, kurz, er setzt Skepsis voraus....

- Dieses kräftige Selbstgefühl, dieses Unabhängigkeitsbewusstsein und diese Skepsis setzen aber selbst wieder voraus, dass der Geist im Menschen und mit ihm das menschliche Individuum sich für sich selbst, sich selbständig erfasst, und zwar im Unterschiede von der Natur sein Bewusstsein erfasst, dass der Geist ebendiesen seinen Unterschied von der Natur als sein Wesen erkennt und in dieser Unterscheidung wie sich, so die Natur zum wesenhaften / 36 / Objekte seines Denkens macht."

S. 36 "Bacon... setzt doch dem Wesen nach das Prinzip des selbstbewussten, sich im Unterschiede von der Natur erfassenden und sie als sein wesentliches Objekt sich gegenübersetzenden Geistes, also das Prinzip voraus, das als solches Cartesius zuerst zum Objekte der Philosophie machte."

í Die Orientiertheit an Systemen (überhaupt am ideell Fertigen), die doktrinär gebraucht werden, bedeutet in der Regel das Festhalten am Status quo in einer sich wandelnden Lebenswirklichkeit und muss deshalb mit dem Appell an Gläubigkeit an elitäre Subjekte, Autoritäten, zu deren Auffassungen es angeblich "keine Alternative" gibt, durchgesetzt werden.ý

 

 

 

 

 

Auszüge aus Ludwig Feuerbach, Vorlesungen über das Wesen der Religion. In: Werner Schuffenhauer (Hrg.), Ludwig Feuerbach, Gesammelte Werke, Bd. 6, 2. Aufl., Berlin (Akademie-Verlag) 1981

í Die "Vorlesungen..." wurden von 1. Dezember 1848 bis 2. März 1849 in der Stadt Heidelberg (nicht an der Universität!) gehalten.ý

S. 24 (3. Vorl.): "Diese meine Lehre ist kürzlich die: Die Theologie ist Anthropologie, d.h., in dem Gegenstande der Religion, den wir griechisch "theos", deutsch "Gott" nennen, spricht sich nichts andres aus als das Wesen des Menschen, oder: Der Gott des Menschen ist nichts andres als das vergötterte Wesen des Menschen, folglich die Religions- oder, was eins ist, Gottesgeschichte... nichts andres als die Geschichte des Menschen.... Der Unterschied zwischen dem heidnischen Gotte und dem christlichen Gott ist nur der Unterschied zwischen dem heidnischen und dem christlichen Menschen oder Volke..."

S. 27: Verteidigung gegen Angriffe und Unterstellungen: Weil "das Christentum nicht Sonne, Mond und Sterne, Feuer, Erde, Luft, sondern das Menschliche Wesen im Unterschied von der Natur begründenden Kräften: Wille, Verstand, Bewusstsein, als göttliche Kräfte und Wesen verehrt, so glaubte man von mir, dass ich das menschliche Wesen aus nichts entspringen ließe, zu einem nichts voraussetzenden Wesen mache, und opponierte dieser meiner angeblichen Vergötterung des Menschen mit dem unmittelbaren Abhängigkeitsgefühl, mit dem Anspruch des natürlichen Verstandes und Bewusstseins, dass ja der Mensch sich nicht selbst gemacht habe, dass er ein abhängiges, entstandenes Wesen sei, also den Grund seines Daseins außer sich habe, aus sich und über sich hinaus verweise auf ein anderes Wesen... Aber das Wesen, welches der Mensch voraussetzt, worauf er sich notwendig bezieht, ohne welches weder seine Existenz noch sein Wesen gedacht werden kann, dieses Wesen, meine Herren, ist nichts andres als die Natur, nicht euer Gott..."

S. 30: "Mir war es und ist es vor allem darum zu tun, das dunkle Wesen der Religion mit der Fackel der Vernunft zu beleuchten, damit der Mensch endlich aufhöre, eine Beute, ein Spielball aller jener menschenfeindlichen Mächte zu sein, die sich von jeher, die sich noch heute des Dunkels der Religion zur Unterdrückung des Menschen bedienen..."

S. 31: "... ich verneine nur das phantastische Scheinwesen der Theologie und Religion, um das wirkliche Wesen des Menschen zu bejahen... " "Theos", "Gott", ist ein bloßer Name, der alles Mögliche befasst, dessen Inhalt so verschieden ist, als die Zeiten und Menschen es sind; es kommt daher darauf an, was einer unter Gott versteht."

S. 43 (5. Vorl): "Ursprünglich drückt aber die Religion gar nichts aus als das Gefühl des Menschen von seinem Zusammenhang, seinem Einssein mit der Natur oder Welt."

S. 44: "Ich hasse den Idealismus, welcher den Menschen aus der Natur herausreißt; ich schäme mich nicht meiner Abhängigkeit von der Natur; ich gestehe offen, dass die Wirkungen der Natur nicht nur meine Oberfläche, meine Rinde, meinen Leib, sondern auch meinen Kern, mein Inneres affizieren, dass die Luft, die ich bei heiterm Wetter einatme, nicht nur auf meine Lunge, sondern auch meinen Kopf wohltätig einwirkt, das Licht der Sonne nicht nur meine Augen, sondern auch meinen Geist und mein Herz erleuchtet..."

S. 45: "... ich anerkenne nur ihre einfache Grundwahrheit. Diese Wahrheit ist aber nur, dass der Mensch abhängig ist von der Natur, dass er in Eintracht mit der Natur leben, dass er selbst auf seinem höchsten, geistigen Standpunkt nicht vergessen soll, dass er ein Kind und Glied der Natur ist, dass er die Natur so wie als den Quell seiner Existenz, so auch als den Grund und Quell seiner geistigen und leiblichen Gesundheit stets ver- / 46 / ehren, heilig halten soll, denn nur durch sie wird der Mensch frei von allen krankhaften überspannten Forderungen und Wünschen, wie z.B. von dem widernatürlichen Wunsche der Unsterblichkeit..."

S. 47: "Der Inhalt des dritten Paragraphen ist, dass die Existenz und das Wesen des Menschen, inwiefern er ein bestimmter ist, auch von einer bestimmten Natur, der Natur seines Landes abhänge und er daher notwendig und mit vollem Rechte die Natur seines Vaterlandes zum Gegenstand seiner Religion mache."

S.48: "... ich selbst bin ja nicht Mensch überhaupt, sondern dieser bestimmte, besondere Mensch..."

S. 56 (6. Vorl.): Zum Tierkult in verschiedenen Religionen. "Wir brauchen uns... gar nicht darüber zu verwundern und zu schämen, dass der Mensch die Tiere verehrte, denn der Mensch hat nur sich in ihnen geliebt und verehrt; er hat nur, wenigstens da, wo der Tierkultus ein kulturgeschichtliches Moment bildet, die Tiere wegen ihrer Verdienste um die Menschheit, also seinetwegen, nicht aus bestialischen, sondern humanen Gründen verehrt."

 

 

 

 

 

Splitter aus Arbeiten von Marx

Aus der Doktordissertation, MEW, EB I

S. 268: Es scheint mir, dass, wenn die frühern Systeme für den Inhalt, die nacharistotelischen, und vorzugsweise der Zyklus der epikureischen, stoischen und skeptischen Schulen, für die subjektive Form, den Charakter der griechischen Philosophie bedeutsamer und interessanter sind. Allein eben die subjektive Form, der geistige Träger der philosophischen Systeme, ist bisher fast gänzlich über ihren metaphysischen Bestimmungen vergessen worden."

 

Aus: Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral, MEW, Bd. 4

S. 339: "Die Menschen bauen sich eine neue Welt, nicht aus ihren ‚Erdengütern’, wie der grobianische Aberglauben wähnt, sondern aus den geschichtlichen Errungenschaften ihrer untergehenden Welt. Sie müssen im Lauf ihrer Entwicklung die materiellen Bedingungen einer neuen Gesellschaft selber erst produzieren, und keine Kraftanstrengung der Gesinnung oder des Willens kann sie von diesem Schicksal befreien."

Friedrich Engels: Aus "Dialektik der Natur, MEW, Bd. 20

S. 498: Naturwissenschaft wie Philosophie haben den Einfluss der Tätigkeit des Menschen auf sein Denken bisher ganz vernachlässigt, sie kennen nur Natur einerseits, Gedanken andrerseits. Aber gerade die Veränderung der Natur durch den Menschen, nicht die Natur als solche allein, ist die wesentlichste und nächste Grundlage des menschlichen Denkens, und im Verhältnis, wie der Mensch die Natur verändern lernte, in dem Verhältnis wuchs seine Intelligenz. Die naturalistische Auffassung der Geschichte... ist daher einseitig und vergisst, dass der Mensch auf die Natur zurückwirkt, sie verändert, sich neue Existenzbedingungen schafft. Von der "Natur" Deutschlands zur Zeit, als die Germanen einwanderten, ist verdammt wenig übrig."