Junge Welt v. 26.05.2009
Freidenkerverband tagte in Berlin. Debatte um politische Schwerpunktsetzung Leonardo Löwe
Am Wochenende trafen sich die Delegierten der Landesverbände des Deutschen Freidenker-Verbandes zu ihrem alle drei Jahre stattfindenden Verbandstag in Berlin. Die Versammlung bekräftigte, daß die Freidenker in der Aufklärung die Hauptaufgabe ihrer weltanschaulichen Tätigkeit sehen. Allerdings befassen sie sich dabei nicht mit der Existenz Gottes, sondern mit der aktuellen Wirtschaftskrise, der zunehmenden Militarisierung der internationalen Beziehungen und Schäubles Marsch in den Überwachungsstaat.
In seinem Referat forderte der Bundesvorsitzende Klaus Hartmann, daß Freidenker den Irrationalismus insgesamt, in religiöser wie weltlicher Gestalt, ins Visier nehmen müssen, und folgerte: »Der Kapitalismus, der Imperialismus ist in unübertrefflichem Maße unvernünftig, ja er ist mehr als das: lebensgefährlich. Diese Gefahr, von den Kriegen über Armut, Elend und Ausgrenzung bis zur Umweltzerstörung, sie ist real, und ihre Bekämpfung hat Priorität.
Gegen Volksverdummung und für die Verteidigung der Vernunft einzutreten bedeutet für die Freidenker, gegen den ›Mainstream‹ der Konzernmedien und ›Denkfabriken‹ wie der Bertelsmann-Stiftung die Fähigkeit zu emanzipativem Denken und Handeln zu fördern. Dafür sei auch die ›Richtigstellung der Begriffe‹ unabdingbar, von der ›Leitkultur‹, die keine Kultur, sondern Chauvinismus sei, bis zur verlogenen ›Verstaatlichungs‹-Debatte.«
Einen ihrer Schwerpunkte sehen die Freidenker in der längerfristig angelegten Kampagne »Deutschlands NATO-Mitgliedschaft beenden!«, mit der ein einseitiger Austritt aus dem Kriegsbündnis propagiert wird. (www.neinzurnato.de/ ) Dieses Konzept von Freidenkerarbeit war in den letzten Jahren keineswegs unumstritten. Auch auf dem Verbandstag wurde die Forderung erhoben, daß die Freidenker sich weniger »allgemeinpolitisch« exponieren, sondern mehr auf kirchen- und religionskritische Themen konzentrieren sollten.
Klaus Hartmann widersprach solchen Vorstellungen: »Die Kirchen, so zeigt auch der jüngste Evangelische Kirchentag, beschränken sich keineswegs auf ihr ›Jenseits‹, sondern propagieren einen starken Glauben für die Erneuerung der ›sozialen Marktwirtschaft‹. Da werden ausgerechnet die Freidenker, deren Zuständigkeit das Leben vor dem Tod ist, sich nicht in den Laufstall der Religionskritik einsperren lassen, sondern für ihre antikapitalistischen, sozialistischen Positionen werben.«
Auf die Person Hartmanns konzentrierten sich jene Kritiker, die eine »andere Richtung« forderten, sodaß im Vorfeld des Verbandstages bereits über eine Abwahl spekuliert worden war. Doch schon bei der überwältigenden Mehrheit für die Entlastung des Vorstandes wurde deutlich, daß die Kritiker chancenlos bleiben werden. Schließlich wurde Klaus Hartmann mit einer Mehrheit von 82,5 Prozent der Stimmen für eine achte Amtszeit als Bundesvorsitzender wiedergewählt.
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