Aus: "Freidenker" Nr. 1-09 März 2009 68. Jahrgang - Thema
Von Horst Pickert und Horst Schild
Dass die Religionen derzeit weltweit starken Zulauf haben, kann nicht übersehen werden. Ausnahmen bilden allenfalls West- und Mitteleuropa und Teile Osteuropas. Nicht einmal jeder Achte der Weltbevölkerung bekennt sich heute als Nichtgläubiger. In den USA glauben etwa 90 Prozent der Menschen an Gott und rund drei Viertel gar noch an die Hölle.1 Die Zuwächse Gläubiger sind vor allem in den ärmeren Ländern Afrikas, Lateinamerikas und Asiens zu verzeichnen. Und das ist keineswegs zufällig. Zwischen Religiosität einerseits und sozialökonomischer und politisch-ideologischer Situation andererseits besteht ein Zusammenhang, der durch die veröffentlichte Meinung allzu oft verkleistert wird. Jedoch ist die krisenhafte globale Entwicklung mit ihrem derzeitigen Höhepunkt, die daraus resultierende Zunahme von Massenverelendung und auch von medienunterstützter geistiger Verunsicherung und Verdummung nicht zu übersehen. Nicht zu übersehen sind Kriege, Terror und andere militärische Auseinandersetzungen, Krankheiten bei völlig unzureichender medizinischer Versorgung in weiten Teilen der Welt und leider eine fehlende, real erscheinende gesellschaftliche Alternative. All das hat maßgeblich dazu beigetragen, dass das „religiöse Elend“ als „Ausdruck des wirklichen Elends …, (als) Seufzer der bedrängten Kreatur (und als) Gemüt einer herzlosen Welt“ (Karl Marx) Aufschwung erhielt und erhält. Hinzu kommt, dass sich Areligiosität und Atheismus in Lichte ihrer weltanschaulichen „Erfolge“ – von der Aufklärung bis zu Ludwig Feuerbach, über die Propagierung der Evolutionstheorie Darwins (u. a. durch Wilhelm Ostwald und Ernst Haeckel) bis zu den anderen herausragenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des 19. und auch 20. Jahrhunderts – wohl etwas zu zeitig zurückgezogen haben. Die Fortdauer von Religionen wurde nicht als bedrohlich, weil nur noch als temporär empfunden. Diese Auffassung wurde bis weit ins 20. Jahrhundert hinein auch von Teilen der Arbeiterbewegung geteilt. Unstreitig hat die Naturwissenschaft dem religiösen Glauben manch tiefe Wunde geschlagen und ihn zu „Frontbegradigungen“ gezwungen. Sie tut es permanent noch heute. Aber daran ist er eben nicht gestorben. Und Gott ist auch längst nicht „tot“, wie Nietzsche meinte.
|
|
Weiterlesen...
|
|
Freidenker trauern um Hans Lutter |
|
Professor Dr. Hans Lutter aus Güstrow ist am 1. März 2009 verstorben. Mit Hans Lutter verliert der Deutsche Freidenker-Verband einen Genossen, der sich große Verdienste um unseren Verband, die marxistische Religionswissenschaft und den christlich-marxistischen Dialog erworben hat. Hans Lutter war Gründungsmitglied des Verbandes der Freidenker der DDR und maßgeblich an der Zusammenführung der Freidenker aus den alten und neuen Bundesländer zum einheitlichen Deutschen Freidenker-Verband beteiligt. Nach der Zusammenführung übernahm er Funktionen als stellvertretender Verbandsvorsitzender und Referent für Weltanschauungsfragen. Hier profilierte er sich als Verfechter einer eindeutig marxistisch ausgerichteten Religionskritik, die mit Sektierertum und Religionsbeschimpfung nichts gemein hat. Hans Lutter war über Jahre Herausgeber der den christlich-marxistischen Dialog befördernden Berliner Dialog-Hefte. Hans Lutter wurde am 29.April 1928 als Arbeiterkind in Magdeburg geboren. Er erlernte den Beruf des Maurers und beschritt dann einen Bildungsweg wie er nur in der DDR möglich war: Arbeiterkind – Maurer – Neulehrer – Schuldirektor – Schulrat – Lehrerbildner – Diplom (Berlin 1960) – Promotion(Jena 1966) – Habilitation (Potsdam 1971) – Dozent – Professor. Von der DDR-Regierung wurde er für sein wissenschaftliches und politisches Wirken mit hohen Auszeichnungen bedacht, so 1984 mit dem Karl-Marx-Orden, 1990, im Lichte der Demokratie, dann kaltschnäuzig „abgewickelt“. Deutscher Freidenker-Verband e.V. Landesverband Nord e.V. |
Aus: "Freidenker" Nr. 4-08 67. Jahrgang - Thema
Von Klaus Hartmann Zur Vorbereitung kämpferischer Feierlichkeiten zum 90. Jahrestag der Novemberrevolution in Deutschland hatten sich im Sommer 2008 linke Organisationen, Vereine und Parteien in Berlin zu einem Bündnis zusammengeschlossen, in dem auch Berliner Freidenker mitarbeiten. Das Bündnis hatte an den Deutschen Freidenker-Verbandes den Wunsch herangetragen, dass Klaus Hartmann in der Veranstaltung am 15. November 2008 eine der Hauptreden (neben Prof. Dr. Gerhard Fischer, Bundessprecher der VVN) halten und darin die weltanschaulich-freidenkerische Würdigung dieses Ereignisses vornehmen soll. Dieser Bitte hat der geschäftsführende Verbandsvorstand in seiner September-Sitzung gerne entsprochen. Ebenso kommen wir dem vielfachen Wunsch nach Veröffentlichung dieser wichtigen Rede im vollen Wortlaut nach.
Wenn sich Freidenker zum Thema Revolution zu Wort melden, mag das manchen verwundern oder etwas seltsam erscheinen. Im Gegensatz dazu reklamiert der Deutsche Freidenker-Verband geradezu eine besondere Zuständigkeit für Revolutionen. Revolutionen als Freidenker-Thema – das erklärt sich aus unserem Selbstverständnis als Weltanschauungsgemeinschaft und Kultur-organisation. Deshalb veranstalteten wir 1989 in Nürnberg ein Symposium zum 200. Jahrestag der Französischen Revolution, deshalb luden wir 2007 in Berlin zu einer Wissenschaftlichen Konferenz zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution ein.
|
|
Weiterlesen...
|
Aus: "Freidenker" Nr. 4-08 67. Jahrgang - Thema
Von Clara Zetkin
Es ist inzwischen weit verbreitet, ja, üblich geworden, Rosa Luxemburg als Kronzeugin gegen Lenin, die russischen Kommunisten und die Oktoberrevolution aufzurufen oder sie wahlweise der zu starken Anlehnung an die russischen Revolutionäre zu bezichtigen. Dass diese Bemühungen keineswegs neu sind, sondern bereits wenige Tage nach Rosas Ermordung ihren Anfang nahmen, bezeugt dieser Text von Clara Zetkin. Wegen seiner ungebrochenen Aktualität bringen wir diesen historischen Text, auch als Antwort auf zeitgenössische Bemühungen, die Erinnerung an Rosa Luxemburg gleichsam zum Vorwand zu nehmen, um die alten Legenden wieder aufzuwärmen.
Das „Erinnerungsblatt“, das Genossin Luise Kautsky „Rosa Luxemburg zum Gedächtnis“ geschrieben hat – Nr. 35 der „Freiheit“ vom 20. Januar – fordert den entschiedensten Widerspruch aller heraus, die die große Seele der Gemeuchelten wirklich gekannt haben. Es läuft meinem Geschmack zuwider, gleichsam am offenen Grabe um eine Tote zu streiten. Jedoch Wahrheit und Freundschaft zwingen mich, einigen Behauptungen Luise Kautskys entgegenzutreten. Ich glaube es nicht nur der Toten, sondern auch den Lebenden schuldig zu sein, abzuwehren, dass die von Rosa Luxemburgs zahlreichen Gegnern geschaffene und verbreitete Karikatur der scharfgeprägten Persönlichkeit durch verzeichnete Striche von Freundesseite noch weiter vergröbert und verzerrt wird. Es ist richtig, wenn Luise Kautsky von Rosa Luxemburg als Kämpferin schreibt: „Sie schonte ihre ältesten, besten Freunde nicht, im Gegenteil.“ Allein als verstehende Freundin der Toten müsste Genossin Kautsky daneben einiges andere betonen. Mit welch zäher, rücksichtsvoller Geduld gerade Rosa Luxemburg stets um die Überzeugung, um die Seele der ältesten Freunde gerungen hat, ehe sie ihnen kämpfend entgegentrat. Wie groß ihr Schmerz war, wenn sie die Waffen gegen einen früheren Bundesgenossen erheben musste; wie bitter ihre Enttäuschung, wenn sie an der Art seines Kampfes und seiner Waffenführung erkannte, dass er menschlich nicht auf der Höhe stand, auf der sie ihn gewähnt hatte.
|
|
Weiterlesen...
|
Aus: "Freidenker" Nr. 4-08 67. Jahrgang - Thema
Horst Schneider
Jährlich pilgern Zehntausende zur Erinnerung an die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts zur Gedenkstätte der Sozialisten in Berlin-Friedrichsfelde. Die Toten mahnen. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg waren die Verkörperung des Kampfes der besten Deutschen gegen die Rüstungshaie, die Kriegstreiber und Volksverhetzer. Sie setzten sich in der Novemberrevolution 1918 für eine sozialistische Perspektive Deutschlands ein, nachdem sie leidenschaftlich die Oktoberrevolution in Russland begrüßt hatten. Damit zogen sie den tödlichen Hass der Bourgeoisie auf sich. Sie wurden Märtyrer ihrer edlen Sache. Sind sie auch Helden? Wir wissen, dass Bertolt Brecht das Land pries, das keine Helden nötig hat. Zu diesen glücklichen Ländern gehört Deutschland nicht. Bundespräsident Horst Köhler hat in Zusammenarbeit mit der Körber- Stiftung zu einem Wettbewerb unter dem Motto „Helden verehrt – verkannt – vergessen“ aufgerufen. Der Wettbewerb ist für Schüler und Schulen gedacht und mit 250.000 Euro dotiert. Teilnehmer sollen Helden suchen, die „wagemutig und stark“ sind und etwas Außergewöhnliches geleistet oder sich unerschrocken einer schweren Aufgabe gestellt haben. Der Wettbewerb wird von einem 13-köpfigen Kuratorium geleitet, zu dem der Leiter des Bundespräsidialamtes und als Mitglieder u.a. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, und die Professoren Rürup und Schäfer gehören. Damit die Schüler nicht die falschen Helden wählen, hat der Bundespräsident in einem Aufruf einige Tipps gegeben. Mancher, der früher als Held galt, ist es heute nicht mehr. Horst Köhler nennt zwei beispielhafte Gruppen, „aufrechte Menschen“, die „im Nationalsozialismus jüdische Mitbürger vor Verfolgung und Tod bewahrt haben“ und „Oppositionelle, die in der DDR trotz persönlicher Nachteile unerschrocken für die Freiheit eingetreten sind.“ Antifaschisten, die schon 1933 gewarnt hatten: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ zieht Köhler nicht in Betracht, denn damit könnte er u.a. die Frage provozieren, warum deren Denkmäler nach 1990 abgewickelt wurden. Liebknecht und Luxemburg waren Verfechter der sozialistischen Idee, die Horst Köhler verteufeln hilft.
|
|
Weiterlesen...
|
Aus: "Freidenker" Nr. 4-08 67. Jahrgang - Thema
Günther Stamer
Vor 90 Jahren hatten Matrosen, Soldaten und Arbeiter in Kiel den Mut, gegen Krieg und Militarismus und für die „Beseitigung der herrschenden Klasse“ auf die Barrikaden zu gehen. Ende 1918 ist klar, dass der 1914 vom kaiserlichen Deutschland und dessen Konzernherren, Landjunkern und Militaristen vom Zaun gebrochene Erste Weltkrieg verloren ist. Angetreten, Deutschland zur führenden Macht in Europa zu machen und dem Reich neue Kolonien in Übersee zu erobern, steht die herrschende Klasse vor den Trümmern ihrer Kriegspolitik. Militärisch in auswegloser Lage bietet sich im Reich ein Bild des sozialen Elends und des Hungers. Das militärische Ende vor Augen, will sich die Militärkaste zum Schluss noch einen „standesgemäßen Abgang“ verschaffen. Um in den bereits eingeleiteten Waffenstillstandsverhandlungen eine bessere Position zu erlangen, soll nach dem Willen der Militärführung die deutsche Hochseeflotte noch in eine aussichtslose Schlacht gegen die englische Kriegsmarine geschickt werden. Doch diesem Himmelfahrtskommando verweigert sich am 29. Oktober 1918 in Wilhelmshaven ein Teil der Kriegsflotte. Nach atemberaubenden Minuten, in denen die meuternden und die nicht meuternden deutschen Kriegsschiffe auf der Schilling- Reede in Wilhelmshaven ihre Kanonen aufeinander gerichtet haben, ergeben sich die Meuterer.
|
|
Weiterlesen...
|
|
|