Was ist Fundamentalismus?

von Dr. Berthold Häßlin

Die Anschläge vom 11. September werden im allgemeinen fundamentalistischen islamischen Kreisen zugeschrieben. Bin Laden und die Taliban sollen hierfür verantwortlich sein. Ich möchte hier nur eines eingangs feststellen: die Taliban haben in Afghanistan nicht gerade ein typisches fundamentalistisches Regime geschaffen. Dass nämlich Mädchen keine Schulausbildung erhalten können, ist alles andere als eine übliche fundamentalistische islamische Praxis. Auch die Fundamentalisten vertreten dies für gewöhnlich nicht. Damit will ich sagen: Die Taliban sind keine typischen islamischen Fundamentalisten. Und wenn sie für die Anschläge des 11. September verantwortlich sein sollen, so sollte man sich davor hüten gleichzeitig den gesamten islamischen Fundamentalismus mit in die Haftung für diese Anschläge zu nehmen. Wie scharf bzw. unscharf die Grenze zwischen diesen beiden Bewegungen ist, darum soll es hier u.a. gehen.

Die Frage was Fundamentalismus ist, ist für uns als Atheisten von großer Bedeutung. Denn zumindest oberflächlich betrachtet kommt es hier zu einer Revitalisierung von Religion. Stimmt das aber auch? Ist das der Kern der Geschichte?

Steht der islamische Fundamentalismus für eine Revitalisierung von Religion?

Riesebrodt (s. Literaturverzeichnis) kommt zu dem Ergebnis, dass in fundamentalistischen Ansprachen und Schriften kulturelle und sozialmoralische Themen, insbesondere sexualmoralische im Vordergrund stehen, während ökonomische Fragen im Hintergrund bleiben. Fundamentalisten ziehen daher zu Felde gegen Prostitution, Ehebruch, Homosexualität und Abtreibung, gegen Alkoholismus und Wettspiel, gegen Diskotheken, Kinos und Kasinos. Der Feind sind die Verderber der Jugend, Intellektuelle, Journalisten, Schriftsteller, Künstler und Lehrer oder Unternehmer, die mit Unmoral Geschäfte machen. (Riesebrodt, S. 85). Ein weiteres Thema ist der religiöse Identitätsverlust der Nation. Und natürlich ist fundamentalistische Lebensführung angesagt. Ganz allgemein wird die alleinige Legitimität patriarchaler Autorität und ein gottgewollter Geschlechterdualismus vertreten. Mann und Frau seien unterschiedlich geschaffen, weil sie füreinander geschaffen seien. Die Familie ist eine heilige Institution. Die gottgewollte Funktion der Frau sei das Gebären und Aufziehen von Kindern, ihre natürliche Sphäre die häusliche (Riesebrodt, S. 88). Fundamentalismus zeigt in der Regel eine feindselige Haltung gegenüber der Demokratie. Das ist nicht erstaunlich, geht es doch um die Errichtung einer gottgewollten Ordnung, die nicht vom menschlichen Willen abhängig gemacht werden kann. Das fundamentalistische Geschichtsbild ist nicht anthropozentrisch geprägt, sondern von einem theozentrischen Weltbild. Danach liegt das Heil nicht in der Überwindung der Gegenwart durch künftigen Fortschritt, sondern in der Rückkehr zur Vergangenheit. Der gegenwärtige Konflikt ist demzufolge auch kein wirtschaftlicher oder politischer Interessenkonflikt im Sinne eines ökonomischen Verteilungskampfes oder eines systemimmanenten Machtkampfes, sondern ein apokalyptischer Kampf zwischen den göttlichen und den satanischen Mächten. Es geht nicht um Menschheitsgeschichte, sondern um Heilsgeschichte, in der Kompromiss und Pluralismus nicht Tugend, sondern Verderbnis bedeuten. So die Darstellung bei Riesebrodt S. 90.

Wenn das so richtig ist, wird man sagen müssen, dass auch für uns als Freidenker nur eine ablehnende Haltung gegenüber dieser Bewegung übrig bleibt. Denn sie ist ganz offensichtlich eine anti-emanzipatorische Bewegung. Aber weshalb machen dann Frauen mit?

Hierzu ist der Text von Losurdo „Was ist Fundamentalismus?“(S.9) hilfreich. Er schreibt: „Selbst was das Geschlechterverhältnis anbetrifft, sind die reaktionären Aspekte zwar offensichtlich, aber die Angelegenheit zeigt sich auch hier bei näherem Hinsehen viel komplizierter, als man meinen könnte. Zunächst muss festgestellt werden, dass der maschilistische Moralismus in erster Linie ein soziologischer und nicht ein ideologischer Tatbestand ist: Denn gerade die Frauen aus der `Unterschicht` bilden eine `Stütze` des iranischen schiitischen `Regimes`, und wir wissen von Smith, dass diese Schichten, besonders auf sexuellem Gebiet, dahin tendieren, eine `strenge`, alles andere als `liberale Moral` zum Ausdruck zu bringen. …Der radikale Islamismus weist die traditionelle Auffassung zurück, nach der die Braut Gegenstand eines Vertrags ist, und besteht vielmehr `auf der absoluten Freiheit bei der Wahl des Partners seitens der Frau`; er verurteilt scharf die `systematische Polygamie` des Harems und versucht die Polygamie als solche in Grenzen zu halten und manchmal sogar zu entmutigen. Der Schleier … zeigt einen weiteren Aspekt auf, der an die Polemik der westlichen Feministinnen gegen die Vermarktung des Körpers der Frau denken lässt.“

M.E. ist der islamische Fundamentalismus keine schlichte Revitalisierung von Religion. Sein Prinzip ist eher, dass er die vorhandene kulturelle Strömung (eben der Islam) aufgreift, sich durchaus auf ihn bezieht, aber eine den Bedürfnissen verschiedenster Klassen entsprechende Ideologie und Handlungsanweisung gibt, die darauf abzielt, den Einfluss der imperialistischen Mächte zu brechen und dies v.a. auf kulturellem Gebiet. Dabei ist der von ihm vertretene kulturelle Rückzug, sein behaupteter Isolationismus, gar keiner. Denn die kritisierten Erscheinungen des Westens dienen ja gerade als Ausgangspunkt für die eigene Identitätsfindung. Anders gesagt: Ohne interkulturellen Diskurs kein Fundamentalismus. Freilich suggeriert die Kritik an diesen Erscheinungen zugleich, wie wenn die eigene Kultur frei wäre von Ehebruch usw., nur Erscheinungen des Westens wären. Es ist der verzweifelte Versuch, die eigene Kultur zu etwas von fremden Einflüssen Separierten und unbedingt zu Schützenden zu machen, um ein Abwehrargument gegen den imperialistischen kulturellen Einfluss des Westens zu bekommen. In der Propaganda gerät dieser Ansatz notwendig in eine vollkommene Abwehrhaltung gegenüber allem, was den Westen ausmacht – auch gegenüber seinen positiven Erscheinungen. Die eigene Kultur, das eigene Dasein wird für von ewig und für ewig angesehen, obwohl auch diese Haltung mit der vorgefundenen Realität wenig zu tun haben dürfte. Dadurch wird sie aber zur Natur, zu einer Eigenheit der Ethnie arabischer Völker. Sie gerät unter der Hand damit zu einem rassistischen Begriff des eigenen Daseins. Dass diese Bewegung zugleich eine klassenheterogene Zusammensetzung aufweist, wie von Riesebrodt festgestellt, zeigt die Sprengkraft dieser Bewegung. Dass diese Bewegung aber im Grunde versucht ihre Identität in Abgrenzung gegen den westlichen Menschen als solchen zu definieren, trägt dazu bei, dass sie von westlichen Apologeten des Krieges gegen die arabische Welt umgemünzt werden kann in ein Argument für die Beseitigung dieser Kultur. Bei diesem sich anbahnenden jahrzehntelangen Krieg des Westens gegen die arabische Welt verschwindet damit der eigentliche Beweggrund des Westens: Sein Interesse an Beherrschung der Öl- und Energiereserven der arabischen Welt.

Wie sehen westliche Wissenschaftler den Fundamentalismus?

Es ist m.E. bemerkenswert, dass islamische Fundamentalisten ihre Bezeichnung als solche oft ablehnen. Dies ist nicht unverständlich, wenn man bedenkt, dass die üblichen Definitionen ihre Anleihe beim amerikanischen protestantischen Fundamentalismus der 20 er Jahre machen. Interessanterweise erläutert nur Meyer was der wesentliche Inhalt des protestantischen Fundamentalismus in den USA war: die Ablehnung von Darwins Evolutionstheorie. Der göttliche Schöpfungsmythos wurde demgegenüber hochgehalten und verteidigt. Damit hat der sogenannte islamische Fundamentalismus gar nichts am Hut. Und bedenkt man, wie viele gut ausgebildete Leute ihm angehören, ist dies auch gut zu verstehen. Man kann mit gutem Grund bei den amerikanischen Protestanten der 20er Jahre von Fundamentalisten sprechen, weil sie wirklich verlangten, dass die Bibel wörtlich genommen wird.

Die neuen Interpretationen dessen was religiöser Fundamentalismus ist, sprechen beide christliche Religionen im Großen und Ganzen frei von diesem Vorwurf. Dabei ist für Bielefeldt und Heitmeyer (s. Literaturverzeichnis) nicht die Verbindung zwischen Religion und Politik als solches ein Problem für die Demokratie. „Kritisch wird es erst dann“ schreiben sie, „wenn eine religiöse Sprache unvermittelt, d.h. unter Missachtung des oben genannten Wechsels der Diskursebene, auf die politische Debatte durchschlägt. Dies ist v.a. dann der Fall, wenn religiöse Gebote unmittelbar auf alle Lebensbereiche übertragen werden und folglich auch das politische Gemeinwesen als ganzes unmittelbar fundieren sollen. Nicht die Verbindung von Religion und Politik als solche, sondern ein spezifischer Modus dieser Verbindung, nämlich der Modus der Unmittelbarkeit, stellt für die freiheitliche Demokratie in der Tat ein Problem dar. Denn der Anspruch, aus religiöser Offenbarung unmittelbar verbindliche Anweisungen für die Politik ableiten zu können, läuft implizit oder explizit auf die Negierung einer säkularen Rechtsordnung und einer relativ autonomen Ebene politischen Diskurses hinaus.“

Andere sehen im Fundamentalismus nicht viel mehr als einen obskuranten Reflex auf die für unvermeidbar gehaltenen Herausforderungen der Moderne. Dabei wird der Begriff der Moderne als Synonym für den globalisierten Kapitalismus genommen, der gleichzeitig für nach vorne gerichtet interpretiert wird, als zukunftsweisend, als fortschrittlich, als modern eben. Die Gegner der Moderne, die Fundamentalisten, seien damit rückwärtsgewandte, sich gegen die Aufklärung richtende Menschen. Es ist einigermaßen klar, dass in dieser Definition vom Fundamentalismus ein Moment mitschwingt, sämtliche Oppositionsbewegungen gegen den globalisierten Kapitalismus generell unter Fundamentalismusverdacht zu stellen. Ist Fundamentalismus erst einmal als ein denunziatorisch zu verwendender Begriff anerkannt und allgemein eingeführt, kann er damit leicht gegen jegliche Opposition in Anschlag gebracht werden. Auch dies ist ein Grund warum gerade Freidenker sich hüten sollten, diesen Begriff zu verwenden. Meyer, der diesen Ansatz verficht, bringt jede Betonung kultureller Eigenständigkeit unter Fundamentalismusverdacht. Deutlich wird hier auch: Es geht nicht zwingend bei den Interpreten des Fundamentalismus darum, dass Religion im Spiel ist. Und deshalb ist es so, dass auch die Kurden inzwischen unter Fundamentalismusverdacht stehen dürften.

Huntingtons „Kampf der Kulturen“ und die Fundamentalisten

Die Fundamentalisten führen den Kampf der Kulturen als Reaktion. Und es ist daher nützlich bei Huntington nachzusehen, was ihn als Vertreter des Westens wirklich umtreibt, was die Triebkraft seines Kampfes gegen andere Kulturen ist auf den die Fundamentalisten reagieren. Er schreibt nämlich:

„Alles in allem wird der Westen wohl bis in die ersten Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts hinein der mächtigste Kulturkreis bleiben. Danach wird er wahrscheinlich weiterhin eine führende Rolle innehaben, was wissenschaftliches Talent, Forschungs- und Entwicklungspotentiale und zivile und militärische technologische Neuerungen betrifft. Die Kontrolle über die anderen Machtressourcen wird jedoch in zunehmendem Maße auf die Kernstaaten und führenden Länder nichtwestlicher Kulturkreise übergehen. Die Kontrolle des Westens über diese Ressourcen erreichte ihren Höhepunkt 1920 und ist seither zwar nicht gleichmäßig, aber signifikant zurückgegangen. Um das Jahr 2020, hundert Jahre nach jenem Höhepunkt, wird der Westen wahrscheinlich 24 Prozent des Weltterritoriums kontrollieren (nach einem Spitzenwert von 49 Prozent), 10 Prozent der Weltbevölkerung (früher 48 Prozent) und vielleicht 15 bis 20 Prozent der sozial mobilen Bevölkerung der Welt, etwa 30 Prozent des Weltbruttosozialprodukts (früher etwa 70 Prozent), vielleicht 25 Prozent der Industrieerzeugung (früher 84 Prozent) und weniger als 10 Prozent der globalen militärischen Mannschaftsstärke (früher 45 Prozent).“ (S. 135 und 136)

Das soll verhindert werden. Und um den Kampf gegen diese Tendenz aufzunehmen, schreibt er: „Die Machtverschiebungen zwischen den Kulturkreisen führen heute und in unmittelbarer Zukunft zur Erneuerung und Steigerung des kulturellen Selbstbewusstseins der nichtwestlichen Gesellschaften und zu ihrer wachsenden Ablehnung der westlichen Kultur.“ (S. 119)

Es geht ihm also darum durch einen kulturellen Ausgrenzungskampf den Völkern des Südens das Selbstbewusstsein für ihre eigene Kraft und Entwicklung zu nehmen und sie zu isolieren. Das Ziel ist ein ökonomisches. Westlicher Kulturexport ist ein ganz entscheidendes ökonomisches Moment. Der „Kampf der Kulturen“ ist der großangelegte Versuch ein Feindbild aufzubauen, um die eigene Vorherrschaftsstellung auch in Zukunft erhalten zu können.

Man ist geneigt zu sagen: Die Fundamentalisten schreiben mit am Drehbuch des „Kampfs der Kulturen“, wie es Samuel Huntington als Zukunftsvision für das 21. Jahrhundert beschrieben hat. „Die politische Ideologie des Fundamentalismus und die politische Ideologie des Kampfes der Kulturen sind zwei Seiten derselben Medaille“ wie Thomas Meyer geschrieben hat (s. sein Beitrag in dem Werk „Politisierte Religion“). Aber Thomas Meyer hat nicht recht. Der islamische Fundamentalismus hat im Vergleich zum westlichen Imperialismus keinen weltumspannenden Herrschaftsanspruch.

Ich bin aber abschließend der Meinung, dass die Attentäter des 11. September 2001 im Unterschied zu den islamischen Fundamentalisten tatsächlich mitgeschrieben haben an jenem Drehbuch des „Kampfs der Kulturen“. Ich bin aber überzeugt, dass bei den arabischen Völkern dieser Anschlag keine Sympathie findet und die Chancen nicht schlecht sind, dass die im Elend lebenden Menschen dieser Staaten ihr gemeinsames Interesse mit den im Westen lebenden lohnabhängigen Menschen finden werden. Aber damit das möglich wird, werden Linke einen Dialog mit diesen Menschen über die gemeinsamen Interessen führen müssen. Ich bin davon überzeugt, dass ohne Änderung der westlichen Kultur dieser Dialog nicht gelingen wird. Das bedeutet aber im Ergebnis die Aufgabe des bei Huntington anklingenden Versuchs, die industrielle Entwicklung der Staaten des Südens behindern zu wollen. Gelingt das nicht fürchte ich wirklich, dass wir hineingezogen werden in einen rassistisch motivierten Kulturkampf des Westens mit der Folge, dass die Gegenseite ähnlich motiviert handeln wird und ein endloses Blutvergießen angezettelt wird.

Entgegen aller Polemiken gegen den angeblich totalitären fundamentalistischen islamischen Staat Iran ist bemerkenswert, dass gerade dieser Staat es war der die Vereinten Nationen in 1998 dazu aufforderte, das Jahr 2001 zum „Jahr des Dialogs der Kulturen“ zu bestimmen. Ergebnis dieser Bemühungen ist ein von Kofi Annan herausgegebenes Buch „Brücken in die Zukunft – ein Manifest für den Dialog der Kulturen“. Auch wenn Joschka Fischer das Vorwort dazu geschrieben hat, ist es dennoch ein lesenswertes Buch.

Wortliste

anthropozentrisch: den Menschen in den Mittelpunkt stellend apokalyptisch: die Apokalypse betreffend; dunkel, unheimlich, unheilbringend maschilistisch: (leider nicht im Duden-Fremdwörterbuch erklärt, s. Textzusammenhang) obskurant, obskurantisch: aufklärungs- und fortschrittsfeindlich Revitalisierung: Wiederbelebung theozentrisch: einen Gott in den Mittelpunkt stellend


Literatur

Martin Riesebrodt: Die Rückkehr der Religionen – Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen“ – Verlag C.H. Beck, 2001, ISBN 3406459285

Domenico Losurdo: Was ist Fundamentalismus? Marxistische Blätter, Flugschriften 07, 2001, ISBN 3-910080-30-8

Thomas Meyer: Fundamentalismus – Aufstand gegen die Moderne – Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1989, 1800-ISBN 349912149

Heiner Bielefeldt und Wilhelm Heitmeyer (Herausgeber): Politisierte Religion, Edition suhrkamp, 1998, ISBN 3-518-12073-5


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