Die große Unübersichtlichkeit

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 2-18, Juni 2018, S. 5-13, 77. Jahrgang

von Klaus Hartmann

 

„Gender“ – das Problem beginnt schon beim Begriff: Wie heißt das eigentlich? „Genderismus“? Es gibt Gender-Forschung, Gender-Politik, Gender-Ideologie, und Kritker sprechen vom „Gender-Wahn“.

Im offiziellen Sprachgebrauch ist die Rede – auch in Deutschland – von „Gender Mainstreaming“. Der Anglizismus lässt schon einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ratlos zurück. Deshalb muss ihn die Bundesregierung dem Wahlvolk erklären, und das macht sie so:

„Gender Mainstreaming bedeutet, bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen, da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt.

Gender kommt aus dem Englischen und bezeichnet die gesellschaftlich, sozial und kulturell geprägten Geschlechtsrollen von Frauen und Männern. Diese sind – anders als das biologische Geschlecht – erlernt und damit auch veränderbar.

Mainstreaming (englisch für „Hauptstrom“) bedeutet, dass eine bestimmte inhaltliche Vorgabe, die bisher nicht das Handeln bestimmt hat, nun zum zentralen Bestandteil bei allen Entscheidungen und Prozessen gemacht wird.“[1]

Die Thesen der „Chef-Theoretikerin“ des „gesellschaftlichen Geschlechts“, der US-Professorin Judith Butler, dokumentieren wir im folgenden Artikel, im Beitrag von Prof. Dr. Helga Hörz ist der Weg der Gender-Thematik in den Vereinten Nationen nachgezeichnet.

Was genau ist im „Mainstream“ angekommen?

Die schönen Worte der Bundesregierung verdeutlichen auch, um was es bei der Gender-Politik nicht geht: Die weiterbestehenden Benachteiligungen von Frauen sind nicht das Thema. „Unterschiedliche Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern berücksichtigen“ kann man auf unterschiedliche Art, sogar mit gegensätzlichen Ergebnissen. Und sowenig es eine „geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt“, gibt es schon gar keine klassenneutrale Wirklichkeit und Wirkungen.

Geht es beim „Gender Mainstreaming“ um die Fortsetzung des Kampfes für Frauenrechte, gegen geschlechtsspezifische Benachteiligungen, mit andern Mitteln, auf einer höheren, eventuell sogar effektiveren Ebene? Mitnichten! Es würde auch an ein Wunder grenzen, wenn solche Ziele binnen weniger Jahre Eingang in die offizielle Politik, z. B. der Bundesregierung und der EU, gefunden hätten.

Die EU hat „Gender Mainstreaming“ schon Ende der 1990er Jahre zum „Ziel“ erhoben, um Hindernisse zu beseitigen, „dass die Wirtschaft ihr Potenzial nicht ausschöpfen kann und wertvolle Begabungen [der Frauen] ungenutzt bleiben“[2]. Die Interessen der „Wirtschaft“ sind also das Leitmotiv.

Obwohl immer wieder betont wird, dass die so begründete „Gleichstellungspolitik“ nicht die spezifische „Frauenförderung“ ersetzen soll, sieht die Praxis anders aus. In vielen Betrieben und Behörden wurden die Stellen von Frauenbeauftragten oder Frauenbüros kurzerhand abgeschafft bzw. umbenannt in „Gleichstellungsbeauftragte“ oder „Gleichstellungsbüros“.

Auch in „regierungsnahen“ Fachzeitschriften wird zugegeben, dass „eine deutliche Tendenz weg von der Frauenförderung hin zur Geschlechtergleichstellung vollzogen“ wurde, und in den Gesetzen „nun überwiegend von der Gleichstellungsbeauftragten und nicht mehr von der Frauenbeauftragten die Rede“ sei.[3]

So hat sich überwiegend auch die praktische Tätigkeit dieser Beauftragten verändert. Ihr Schwerpunkt liegt jetzt weniger bis gar nicht mehr im Einsatz für Frauen in den unteren Lohngruppen, sondern für die Besetzung von Führungspositionen mit Frauen.

Frauenförderung passé?

Haben sich die Probleme der Benachteiligung von Frauen in der Arbeitswelt so entspannt, dass mangels Handlungsbedarf in diesem Bereich nun die Karrierechancen der Spitzenverdienerinnen in den Fokus gerückt sind?

Das ist keineswegs so. Seit Jahren liegt die Lohndifferenz zwischen Männern und Frauen bei rund 21%. Die vom Statistischen Bundesamt errechneten Bruttostundenlöhne der Frauen betrugen im Jahr 2017 16,59 Euro, während Männer auf 21 Euro kamen.[4]

Dagegen wird seit einigen Jahren de­monstriert, allerdings wieder auf Englisch: am „Equal Pay Day“ gegen den „Gender Pay Gap“ (statt am Tag für gleiche Bezahlung gegen die Bezahlungslücke zwischen Frauen und Männern).

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren 2016 15,3% der Männer und 17,8% der Frauen von Armut bedroht.

Bei Alleinerziehenden mit einem Kind unter sechs Jahren liegt die Armutsgrenze bei 1.192 Euro. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen, sie tragen mit ihren Kindern das höchste Armutsrisiko: Fast 1 Million Kinder in Ein-Elternfamilien leben in Armut.

„Derzeit sind 85 Prozent der bis zu 20 Wochenstunden Beschäftigten Frauen. Damit ist der Aufbau einer armutsfesten Altersversorgung nicht möglich“, so Ursula König-Schneyer, Landesvertreterin der Frauen im VdK Hessen-Thüringen.[5]

Der Rentenversicherungsbericht 2017 des Deutschen Bundestages vermeldet für 2016 eine durchschittliche Rentenhöhe für Männer von 1.065 Euro, für Frauen von 671,32 Euro. Dabei ist der Ost-West-Unterschied zu beachten, denn die regelmäßig berufstätigen Rentnerinnen aus der DDR erhielten 888 Euro, ihre West-Schwestern aber nur 613 Euro.[6]

Da die Armutsgrenze für Alleinstehende 2016 bei 917 Euro netto lag, leben die weiblichen Durchschnittsrentner unterhalb der Armutsgrenze. Dies ist ein Resultat verschiedener Faktoren wie der unterschiedlichen Erwerbsbiografien (höherer Anteil an Erziehungs- und Pflegezeiten), mehr prekären Arbeitsverhältnissen und schließlich dem vorenthaltenen gleichen Lohn bei gleicher Arbeit. Da sich die genannten Zahlen in den letzten Jahren eher verschlechtert haben, wäre hier eigentlich ein verstärkter Einsatz für die Rechte der Frauen nötig.

Freidenker für Frauenrechte

Die Freidenkerbewegung hat von ihren Anfängen an den Kampf für die Rechte der Frau auf ihre Fahnen geschrieben: Frauenwahlrecht und Straffreiheit der Abtreibung gehörten zu den ersten Forderungen der Freidenker.

Eine der ersten und die vielleicht bekannteste Freidenkerin war Bertha von Suttner (1843 – 1914), die erste Frau, die den Friedensnobelpreis erhielt. Freidenker wie u. a. der spätere Vorsitzende Max Sievers, kämpften in der Novemberrevolution 1918 für die sozialistische Räterepublik an der Seite der Frauenrechtlerin Clara Zetkin.

In der Weimarer Republik wirkte die Freidenkerin Anna Lindemann an der Seite ihres Mannes für die Weltlichkeit des Schulwesens in Thüringen, eine weltliche Feierkultur und die Enteignung der Kirchen. Angelica Balabanoff, frühe Kampfgefährtin von Rosa Luxemburg und Clara Zetkin, engagierte sich in den den 1920er Jahren für die Gründung der Proletarischen Freidenker-Internationale.

Vielen Freidenkern gilt die russischen Revolutionärin Alexandra Kollontai als großes Vorbild, Volkskommisarin für soziale Angelegenheiten und Leiterin der Frauenabteilung beim ZK der KPdSU.

In unserer „Berliner Erklärung“ (1994) formulieren wir:

„Der Deutsche Freidenker-Verband tritt für die völlige Gleichstellung der Frau in allen gesellschaftlichen Bereichen und deren materielle Absicherung, einschließlich der Kinder, ein. Die Gesellschaft hat die Mittel bereitzustellen und Möglichkeiten zu realisieren, damit die Frau und Mutter weitestgehend genauso wie der Mann – in voller Gleichberechtigung und Akzeptanz, ohne finanzielle Einbuße oder sonstige Benachteiligung, am beruflichen und gesellschaftlichen Leben teilnehmen kann. Wir sehen aber auch die jahrtausende alte Unterdrückung und Ausbeutung der Frau durch das Patriarchat, ihre fast vollständige Verdrängung aus der Geschichte. Solche bis heute fortwirkenden Tendenzen zur Verhinderung und Unterschlagung wissenschaftlicher, kultureller und allgemein gesellschaftlicher Leistungen der Frau durch die männerdominierte Gesellschaft müssen durchbrochen und beendet werden.“

Der Kampf für die Rechte und für die Befreiung der Frau ist für uns Teil des Klassenkampfes, der vorrangig auf ökonomischem Gebiet, aber keineswegs nur auf diesem auszufechten ist. Es ist zugleich eine kulturpolitische Aufgabe ersten Ranges, auch gegen überkommene Einstellungen und Gewohnheiten der „halben Menschheit“ ihren selbstverständlichen Platz als vollkommen gleichberechtigte Menschen zu schaffen.

Es dürfte auf der Hand liegen, dass ein Verband mit solcher Tradition und diesen Positionen alles begrüßt, was diesen Kampf befördert. Ob das bei der Genderismus-Strömung gegeben ist, daran kann man zweifeln. Die Zweifel gründen zunächst auf dem Umstand, dass die sozialen Belange und somit die Mehrheit der Betroffenen offenbar nicht der Hauptgegenstand der Bemühungen sind.

Kontroverses …

Kritik am Genderismus kommt selbstverständlich von der politisch reaktionären Seite: Den Anhängern des Frauenbildes „Kinder, Küche, Kirche“, ebenso fanatischen „Lebensschützern“, die Abtreibungen verbieten und generell unter Strafe stellen wollen. Mit jenen, die auf alles allergisch reagieren, was irgendwie „feministisch“ zu sein scheint, müssen wir uns nicht weiter befassen.

Leider gedeihen unter der „Gender“-Losung auch Kuriositäten, die der Polemik Wasser auf die Mühlen leiten. Wir können auch nicht damit einverstanden sein, wenn der Kampf für Frauenrechte hauptsächlich oder völlig auf das Feld der Sprache bzw. der „korrekten Schreibweise“ verlagert wird.

Wahlweise können wir damit beginnen, dass die Uni Leipzig nur noch weibliche Bezeichnungen für Professoren zulässt – Professorin Dr. Johannes Huber zum Beispiel.

Uta Brandes, Professorin für Gender und Design in Köln, will sich nicht mit der Verschönerung der deutschen Sprache zufrieden geben. Des halb hat sie „vorgeschlagen, dass die englischen Wörter ‚teacher’ und ‚professor‘, die für Männer und Frauen gelten, eine weibliche Form bekommen: ‚teacheress‘ und ‚professoress.‘ ‚Frauen müssen in der Sprache sichtbar sein‘, sagt sie.“ [7]

Die Engländer werden nach dem Rat der deutschen Professorin sicher umgehend ihre Sprache reformieren.

Der Europarat in Straßburg empfiehlt seinen 47 Mitgliedsstaaten, in ihren Behörden eine „nicht sexistische Sprache“ zu verwenden. Dem sollen auch die „Mütter“ und „Väter“ zum Opfer fallen, weil – das eindeutig sexistische Bezeichnungen seien.[8]

Der „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein erlebte einen „Shitstorm“ (geballte Kritik einer großen Menge Menschen), weil er sich über einen Beschluss der Bezirksversammlung von Friedrichshain-Kreuzberg mokierte, neben den Toiletten für Männer und Frauen auch sogenannte „Unisex-Toiletten“ für Menschen einzurichten, die nicht so genau sagen können, ob sie nun Mann oder Frau sind.[9] Uwe Fleischhauer im „Spiegel“: „Wenn es um Genderpolitik geht, hört in Deutschland der Spaß auf.“

… und Obskures

Nachdem „Mutter“ also ein sexistischer Be­griff sein soll, und biologische Geschlechtsmerkmale für die Geschlechtsbestimmung eher weniger taugen sollen, ist es ganz bemerkenswert, wie das Ganze auf die Kinder „runtergebrochen“ wird – hier scheint das hässliche Wort einmal angebracht.

Im Feuilleton der „Süddeutschen Zeitung“ wurde von „einer praktische Übung für den Sexualkundeunterricht“ berichtet: „Der neue Puff für alle“. Zu bedenken seien „verschiedene Lebensweisen und verschiedene sexuelle Praktiken und Präferenzen“, „Werbung und Preisgestaltung“, und nicht zuletzt: „Brauchen asexuelle Menschen überhaupt einen Puff?“ [10]

Dies und weiteres stammt aus „Sexualpädagogik der Vielfalt“ von Elisabeth Tuider u.a., einem Standardwerk. So bietet es ein Arbeitsblatt, zum „Ja/Nein“ anzukreuzen: „Zur Liebe gehört für mich“ … “mindestens jeden zweiten Tag miteinander Sex zu haben“, „die Freiheit, mit anderen ins Bett zu gehen“, „Oralverkehr“. Das ist dann für 12-jährige.

14-Jährige können in einer virtuellen Auktion ersteigern: „Dildo, Kondome, Potenzmittel, Handschellen, Aktfotos, Vaginalkugeln, Windeln, Lack/Latex oder Leder.“ „Siebtklässler sollen sich damit auseinandersetzen, ob ‚Sadomasochismus und Fetischismus eigentlich nur sexuelle Vorlieben oder auch Identitätsbausteine sind‘, wie das gelehrte Autorenteam empfiehlt, Lernziel: ‚Die Jugendlichen sollen Heterosexualität als Norm infrage stellen.‘“

Abschließend fragt Christian Weber im Feuilleton der „Süddeutschen“: „Muss man ein verklemmter, pietistischer und homophober Spießer sein, wenn man sein Kind nicht mit allergrößter Begeisterung in diese Art von Unterricht schicken möchte?“

Kehren wir von diesem „Ausflug“ zurück zum wissenschaftlichen Gehalt des Unternehmens. Hier ist auf den Streit hinzuweisen, ob Verhalten biologisch oder kulturell bedingt ist. In einem norwegischen TV-Bericht mit dem Titel „Gehirnwäsche – das Gleichstellungsparadox“ stellen Biologen aus den USA und Großbritannien ihre Untersuchungen vor, die ihrer Meinung nach belegen, dass unterschiedliches Fühlen und Verhalten von Mädchen und Jungen bereits kurz nach der Geburt ausgeprägt ist, ohne dass kulturelle Einflüsse dies bereits hätten bestimmen können.[11]

Die Schlussfolgerung wäre: Die Wissenschaft ist gar keine. Dem gegenüber steht die merkwürdig wohlwollende staatliche Förderung der Gender-Ideologie Dass es an Geld nicht überall im Bildungsbereich mangelt, zeigen die immerhin rund 250 Lehrstühle und Zentren für „Genderforschung“ in Deutschland.[12] Für Slawistik sind es nur rund 100 Lehrstühle.[13]

Nochmals Uwe Fleischhauer: „An deutschen Hochschulen hat sich die Gender-Forschung an nahezu jedem geisteswissenschaftlichen Lehrstuhl etabliert.

Das ist ein bemerkenswerter Erfolg für eine Theorie, die ihren Ursprung in den Seminarräumen der philologischen Fakultät einer kalifornischen Hochschule hat und bis heute ohne jede wissenschaftlich nachprüfbare Fakten auskommt. Dass Menschen sich nicht entscheiden können, ob sie sich als Männer oder Frauen fühlen, mag vorkommen – auf der Überwindung des biologischen Geschlechts aber ein Konzept aufzubauen, das dann Richtlinie staatlichen Handelns wird, verlangt einiges an Phantasie. Der klassische Feminismus hat sich aus gutem Grund bescheidenere und in jedem Fall pragmatischere Ziele gesetzt wie die Veränderung der Machtverhältnisse.“[14]

Stellt sich die Frage nach dem Nutzen, nach der wundersamen Beliebtheit der „neuen Welle“ bei den Herrschenden.

„Vielfalt“ als neue Monstranz

Dies ist Anlass, nochmals – ausführlich – an die Kritik von Diana Jonstone an der Kandidatin Hillary Clinton zu erinnern (s. „Freidenker“ 3-2016). In dem Kapitel „Von der Gleichheit zur Vielfalt“ stellt Johnstone fest. dass „in den letzten dreißig Jahren die westliche ökonomische Linke auf beiden Seiten des Atlantiks eine vernichtende Niederlage erlitten“ habe.

„Die ‚Arbeiter‘-Parteien Europas kümmern sich nicht mehr um die Arbeiter und die ‚sozialistischen“ Parteien haben mit Sozialismus nicht das Geringste mehr im Sinn.

In den USA hat die Demokratische Partei den Sozialreformismus des New Deal längst aufgegeben. Eine bestimmte Sorte von ‚Linken‘ besteht zwar weiterhin und geriert sich als weitherzig und progressiv, aber es ist nicht mehr die alte sozialdemokratische Linke, die für Maßnahmen zur Förderung wirtschaftlicher Gleichheit eintrat. Statt mit Gleichheit befasst sich die neue soziale Linke lieber mit Vielfalt und dem ‚Recht auf Anderssein‘.

Natürlich ist es so, dass Menschen verschieden sind. Es gibt keinen Grund, das als ein ‚Recht‘ zu betrachten. Es ist einfach eine Tatsache. In einer anständigen, gerechten und vernünftigen Gesellschaft wären die Menschen einfach ganz selbstverständlich verschieden und niemand würde darum großes Aufheben machen. Aber heute ist ‚Identität‘ zu einer Hauptsorge geworden.

Die bestehende Wirtschaftsordnung wird als logisch, wissenschaftlich fundiert und unausweichlich betrachtet. Obwohl die herrschende Wirtschaftslehre alles andere ist als eine exakte Wissenschaft, wird so der Eindruck vermittelt, die gegenwärtige Wirtschaftsordnung folge einem Naturgesetz.

Aber für die Linke gibt es einen Trostpreis, nämlich die ideologische Hegemonie im emotionaleren Bereich der menschlichen Beziehungen, besonders dem der ‚Menschenrechte‘. Nach ihrer kompletten Niederlage in der wirtschaftlichen Arena darf die Linke nun die dominante gesellschaftliche Doktrin definieren, die auf den Konzepten Multikulturalismus, Sorge um Minderheiten und Antirassismus basiert: In den USA hält man die Bürger an, Regierungen anderer Länder fast ausschließlich danach zu beurteilen, wie sie prowestliche Dissidenten oder ausgewählte Minoritäten behandeln.

In den 1970ern verloren viele radikale Linke allmählich das Interesse an der Arbeiterklasse als „revolutionärem Subjekt“, da sie nicht die sozialistische Revolution gemacht hatte, die damals eine schwelgerische Massenillusion war. So verlagerte sich ihr Fokus auf – zunächst als effektivere „Subjekte der Revolution“ angesehene – Identitätsgruppen wie Studenten, Frauen oder Schwule. Daraus ist seitdem eine generelle Konzentration der Linken auf „Identitätsgruppen“ aller Art geworden. Der Multikulturalismus sieht die Gesellschaft als Mosaik von „Identitäten“ statt von Klassen. Aber diese Klassen existieren dennoch weiterhin.

Für einige kleine, ultralinke anarchistische Gruppen besteht das langfristige Ziel in einer Welt ohne Grenzen, in der jeder frei ist, überall hinzugehen und in der die nationalen Grenzen ebenso wie die Nationalstaaten verschwunden sind. Diese Gruppen betrachten sich selbst als radikal antikapitalistisch, doch leider ist ihr Idee identisch mit dem der kapitalistischen Globalisierer, denen viel klarer ist, dass bei einem Wegfall der Nationalstaaten die privaten Konzerne und Finanzinteressen den Rest der Welt gänzlich ungehemmt beherrschen würden.

Der Unterschied zwischen den Anarchisten und den kapitalistischen Globalisierern liegt in der Wahrnehmung der Kräfteverhältnisse, die von Ersteren ignoriert werden, während Letztere sie aktiv gestalten.“

Statt Karrierefeminismus: Recht auf Arbeit und soziale Sicherheit

Welche Absichten verfolgen der Herrschenden mit ihrer Gender-Politik? Einen wichtigen Hinweis gibt die Soziologin Dr. Christa Wichterich, im Übrigen selbst in diesem Bereich aktiv – sie war Gastprofessorin für Geschlechterpolitik an der Universität Kassel, ist aktuell Dozentin am Zentrum für Geschlechterstudien der Universität Basel.

Sie berichtet über ein Treffen im Vorfeld des Hamburger G20-Gipfels: „W(oman)20“, um „die Rolle der Frauen in der Wirtschaft zu stärken“ – das wollten dort z.B. Bundeskanzlerin Merkel und Ivanka Trump: Die „Förderung von Unternehmerinnen“.[15]

Wichterich: Hinter der zentralen Botschaft „Frauen schaffen das“ „verbirgt sich ein neuer knallharter Businessfeminismus, der die neoliberale Strategie eines Empowerments von Frauen durch die Märkte, vor allem aber zum Wohle der Märkte, auf die Spitze treibt.“ [Empowerment wird ungern auf Deutsch gebraucht, weil es Ermächtigung heißt. K.H.]

Merkel „fördert den selbst erklärten Feminismus von Elitefrauen, der sich das Etikett Geschlechtergleichheit für die eigene Machtbildung aneignet. Dieser Karrierefeminismus verkehrt das ursprüngliche Konzept vom Empowerment der Schwachen, das die Grundrechte aller Frauen emanzipatorisch mit der Befreiung von armut wie von struktureller wie sexistischer Gewalt verband, geradezu in sein Gegenteil. Es ist eine Farce und ein Betrug an den weltweiten Interessen benachteiligter Frauen, dass sich mehrere der Spitzenfrauen mit dem Titel „Feministin“ schmückten, ohne über die Rechte der Armen auf eine sichere Lebensgrundlage, auf Verfügung über Ressourcen, Anerkennung ihrer Arbeit und soziale Sicherheit zu reden.“

Priti Darooka, Sprecherin des BRICS Feminist Watch, „empörte sich denn auch über das ‚Mantra des weiblichen Unternehmertums‘ und den Eurozentrismus der Debatten bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber den Armuts- und Ungleichheitsproblemen von Frauen im globalen Süden, die ihre Existenzgrundlage in der informellen Ökonomie oder Landwirtschaft gegen Privatisierung, In­dustrialisierung, Landraub und Ressourcenextraktivismus erhalten wollen. Das frauen­politische Kernanliegen der Feministinnen aus Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika ist: ‚Alle Frauen arbeiten und ha­ben ein Anrecht auf soziale Sicherheit.‘“[16]

In einer großen Zahl weiterer Arbeiten bekräftigt Christa Wichterich, dass die Befreiung der Frau auch weiterhin nur durch Gesellschaftsveränderung zu haben ist:

„Das Konzept eines „guten Lebens“ wirft die Fragen auf, was und wieviel man braucht, was und wieviel genug ist, um bedürfnisorientiert zu versorgen, Rechte einzulösen, existentielle Sicherheiten herzustellen, eine lebenswerte gesunde Umwelt zu erhalten und Zugang zu Ressourcen für alle nach der Maßgabe von Gleichheit und Gerechtigkeit zu schaffen.“

Es komme auch aus feministischer Perspektive darauf an, „Umbau- und Übergangsstrategien zu identifizieren, die dem Trend weiterer Ökonomisierung, Privatisierung und Kommodifizierung entgegenlaufen oder ihn unterlaufen.“[17]

Einen ebeno kritischen Blick auf „feministische Abwege“ wirft die britische Feministin Nina Power. In ihrem Buch „Die eindimensionale Frau“ mahnt sie: „Feminismus lässt sich ohne eine Betrachtung der Arbeitswelt nicht verstehen.“[18]

Wobei sie plädiert: „Ein erweiterter Arbeitsbegriff, der Care – Sorgearbeit – angemessen berücksichtigt, ist überfällig. (…) Die Unterminierung, ja Leugnung der Rolle, die Frauen dabei übernehmen, gehört zu den bestimmenden Eigenschaften des Kapitalismus.“[19]

Dabei stimmt sie der italienischen Philosophin Silvia Federici zu, die diesen Bereich als „das verborgene Terrain der Ausbeutung“ bezeichnet.

So sehr Power die historischen Errungenschaften des Feminismus hochhält, macht sie darauf aufmerksam, dass er auch „für zutiefst reaktionäre Ziele eingespannt worden“ sei („Rechtfertigung imperialer Kriege“, Durchsetzung bedrückender Konsumismusmodelle“), auch müsse die Fähigkeit des Kapitalismus beachtet werden, Diskurse und Begriffe für eigene Zwecke umzudeuten, insbesondere seine „frappierende Fähigkeit, selbst die radikalsten Forderungen derart umzumodeln, dass sie neue Ausbeutungsmöglichkeiten eröffnen.“

„So wird die Freiheit, derer sich Frauen im Westen angeblich erfeuen, als universalistisches Ideal präsentiert,obwohl doch Gleichheit in den Ländern, die die diese Freiheit so gern überallhin exportieren möchten, nach wie vor ein unvollendetes Projekt bleibt.

Nina Power spricht von einer „zweiten Welle des Feminismus“, die „Gender-Ungerechtigkeit“ mit Ungerechtigkeiten der Klasse, „Rasse“, Sexualität und Nation verband, doch der Kapitalismus konnte Elemente dieses Projekts kurzschließen, untergraben, sich zu eigen machen. Zustimmend zitiert sie Nancy Fraser: „Gab es untergründig so etwas wie eine abartige Wahlverschaft zwischen der zweiten Welle des Feminismus und dem Neoliberalismus“:[20]

Hester Eisenstein spricht bereits von einer „dritten Welle“: „Der Feminismus des 21. Jahrhunderts dienst sich ideologisch den Prinzipien an, die hinter der Globalisierung stecken.“[21]

Laut Fraser habe „der Feminismus seine Stoßrichtung zum ‚schlechtestmöglichen‘ Zeitpunkt zu Lasten der Klassenorientierung auf die Anerkennung von Identität und Differenz verlagert.“

Angesichts „der unheimlichen Fähigkeit des Kapitalismus, die Rhetorik des Feminismus auf seine Mühlen zu leiten,“ sieht sich „der Feminismus in der schwierigen Situation, einem System hinterherzuhinken, das sein Projekt regelrecht ausschlachtet, so Nina Power.

„Doch die Grundfragen – die Rolle des Patriarchats, die Komplizenschaft des Kapitalismus bei der Abwertung der Frauen und Frauenarbeit – bleiben als solche die Themen eines genuin revolutionären Projekts.

Die Tasache, dass in gegenwärtigen Diskussionen zum Thema Arbeit der Beitrag feministischer Forschungen und ihrer theoretischen Perspektiven häufig übersehen wird, macht überdeutlich, wie dringlich die Wiedervereinigung sozialrevolutionärer und feministischer Ansätze ist und wie defizitär jede der beiden Seiten ohne die andere bleibt.“

So sehr wir Freidenker an den ursprünglichen Zielen der Frauenbewegung festhalten, und auch das Formulieren neuer Ziele, das Beschreiten neuer Wege unterstützen, umso entschiedener werden wir Irrwege kritisieren, die das Engagement in systemkonforme Bahnen kanalisieren und zur Apologie des imperialistischen Systems missbrauchen und verfälschen wollen.

Klaus Hartmann ist Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes

 

[1] Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen & Jugend: Gender Mainstreaming, was ist das?

[2] Europäische Kommission – Beschäftigung, Soziales und Integration: Strategie 2010–2015.

[3] https://www.gleichstellung-im-blick.de/frauen-und-gleichstellungsgesetze

[4] https://www.destatis.de/DE/PresseService/Presse/Pressemitteilungen/2018/03/PD18_099_621.html

[5] https://www.vdk.de/hessen‑thueringen/pages/vdk-pressemeldung/73545/frauenarmut_verhindern

[6] http://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/PDF‑Pressemitteilungen/2017/rentenversicherungsbericht‑2017.pdf;jsessionid=EB1F7E6E5F263D3CE33C9FCF067BCC22?__blob=publicationFile&v=2

[7] http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede/komplettansicht

[8] https://www.welt.de/politik/ausland/article9339873/Europarat-will-Mutter-und-Vater-abschaffen.html

[9] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/beim-thema-genderpolitik-hoert-in-deutschland-der-spass-auf-a-890180.html

[10] Süddeutsche Zeitung, Do 24.04.2014 Seite 9 Feuilleton Was sie noch nie über Sex wissen wollten

[11] http://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/gender-debatte-tv-bericht-biologen-widersprechen-gender-theorie/8309672.html

[12] Focus, 13.06.2013

[13] http://www.zeit.de/2013/24/genderforschung-kulturelle-unterschiede/komplettansicht

[14] http://www.spiegel.de/politik/deutschland/beim-thema-genderpolitik-hoert-in-deutschland-der-spass-auf-a-890180.html

[15] Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 7/2017, S. 79 ff.

[16] ebenda

[17] https://www.postwachstum.de/feministische-bausteine-fuer-die-zukunft-20160824

[18] Nina Power: „Die eindimensionale Frau“. Merve Verlag, Berlin 2010, 80 Seiten, 8 Euro

[19] Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 3/2018, S. 59 ff.

[20] Feminismus, Kapitalismus und die List der Geschichte, Blätter für deutsche und internationale Politik, Nr. 3/2018, S. 43 ff.

[21] Hester Eisenstein, Feminism Seduced. How Global Elites Use Woman‘s Labor and Ideas to Exploit the world, London 2009


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Klaus Hartmann: Das große Durcheinander (Auszug aus FREIDENKER 2-18, ca. 462 KB)


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