Demokratie – Medien – AufklärungZeit der Verleumder - Freidenker für Klartext

Bratanovic in der Offensive?

Am 03.08.15 hat Daniel Bratanovic in der „jungen Welt“ ein Pamphlet mit dem Titel „Aus der Defensive – Wolfgang Gehrckes Schrift zum Antisemitismusvorwurf gegen Linke“ veröffentlicht. Die gewählte Form einer Buchbesprechung erscheint als Vorwand für eine Abrechnung, denn über den Inhalt des Buches erfährt man wenig bis nichts.

Zumindest zwei kritische Leserbriefe dazu wurden bisher nicht veröffentlicht, daher die folgende gründliche Stellungnahme, verfasst in der Sorge um den Erhalt der „jungen Welt“ als linke Zeitung. Rainer Rupp schrieb gegenüber einem der ‚abgelehnten Leserbriefschreiber‘ von „Leuten, … die in einem sanften Coup die jW an sich gerissen haben und andere Meinungen nicht mehr zulassen“.

Deshalb ging die Bitte an die „junge Welt“-Redaktion, die folgende Stellungnahme als Gegenposition zu veröffentlichen. Für den Fall einer Ablehnung wurde angekündigt, die Veröffentlichung an anderer Stelle vorzunehmen.

Da die „junge Welt“ die Veröffentlichung ablehnte, erfolgte die Erstveröffentlichung auf der Facebook-Seite von KenFM: https://www.facebook.com/KenFM.de/posts/10152975858896583:0

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Vom Titel des besprochenen Werkes, „Rufmord“, hat sich der ‚Rezensent‘ offenbar inspirieren lassen. Neben dem Autor Wolfgang Gehrcke sind es namentlich der Bundestagsabgeordnete Dr. Diether Dehm und „der ehemalige RBB-Moderator“ und „prominente Vertreter der Montagsmahnwachen“ Ken Jebsen, die von Bratanovic ‚entlarvt‘ werden. Eingangs konzediert er, „der Vorwurf des Antisemitismus auch und gerade gegen Linke wird nicht selten leichtfertig und in verleumderischer Absicht erhoben“, anschließend tritt er in seinem Artikel selbst den Beweis an.

Tatsächlich ist Bratanovics scheinbare ‚Konzession‘ nur scheinheilig, sie soll ihn vorab exkulpieren und sein Hauptanliegen legitimieren: Nämlich „auf der anderen Seite (wird) Antisemitismus nicht selten geleugnet“, und sozusagen als Beleg werden Dehm und Jebsen vorgeführt; beide würden vom Autor Gehrcke unentschuldbarer Weise nicht als Antisemiten geoutet, sondern im Gegenteil „verteidigt“, „als Opfer der nämlichen Kampagne“.

Die „Existenz einer Kampagne“, um Antisemitismus zum politischen Kampfbegriff gegen Antifaschisten und Linke umzuformen, wird nach seinen Worten von Gehrcke „unterstellt“. Wir alle haben die Kampagnen gegen Attac, Günter Grass, Jakob Augstein, Werner Rügemer, gegen Occupy und die Partei DIE LINKE in Erinnerung. Bratanovic scheint sie verschlafen zu haben. Um Gehrcke mit seiner „Unterstellung“ einer Kampagne vollends lächerlich zu machen, unterstellt er, dass demnach „noch der letzte antideutsche Fußtrupp seine Order erhalten haben soll“.

Von der Frage abgesehen, ob die „Antideutschen“ auch noch eine Kavallerie oder Luftwaffe unterhalten, ist Bratanovics Suggestion selbst absurd und lächerlich: Seit wann brauchen denn „Antideutsche“ eine „Order“? Es ist doch geradezu ihre Raison d’être, ihr Daseinszweck, Antikriegsproteste als „antiamerikanisch“, Kritik am Finanzkapital und seinem Imperialismus als „antisemitisch“ zu denunzieren, und die Politik des zionistischen Regimes bis aufs Blut (des letzten Palästinensers) zu verteidigen. Würden sie das nicht tun, wären sie keine „Antideutschen“. Dazu brauchen sie keinen Auftrag, sie selbst geben vielmehr die Order. Wie das funktioniert, steht in Gehrckes Buch, aber davon in einer „Buchbesprechung“ zu erfahren, wäre wohl zu viel verlangt.

Wir erfahren hingegen, dass es Gercke ist, der mit „fragwürdiger Methode“ dem „arglosen Leser“ etwas „suggerieren“ will. Dabei „bediene“ er „ein Klischee“ – welches, verrät der ‚Rezensent* nicht, da verlässt er sich ganz auf das Assoziationsvermögen des Publikums. Um was geht es in dem Buch nochmal? Ach ja, Antisemitismus. Alles klar. Auch wir wissen jetzt, welches Klischee gemeint ist. Man braucht’s gar nicht hinzuschreiben.

Und Gehrckes „fragwürdige Methode“ tut noch etwas, etwas Entlarvendes, denn „sie zeigt allemal ein unterkomplexes Verständnis“. Unterkomplex! Das Zauber- und Lieblingswort der „Antideutschen“: die Kapitalismuskritik der Linken sei „unterkomplex“, weil sie komplizierte Vorgänge „personalisiere“ und „dämonisiere“ – „Dämonisierung der als schuldig befundenen Akteure“, nennt es die „Antideutsche Antifa Jena“. Deshalb sei die Kritik (nächstes Lieblingswort:) „anschlussfähig“ nach „rechts“ (wie Donnergrollen wird hier die Nazilosung vom „guten schaffenden und bösen raffenden Kapital“ eingespielt), und daher handle es sich um (noch ein Gedicht:) „strukturellen Antisemitismus“. So geht der ganze „antideutsche“ Zauber. Offenbar ist der Bratanovic auch schon verzaubert.

Eine Unterstellung, unbegründet? Bloß eine Retourkutsche für des Kritikers Unterstellung, Gehrcke bediene antisemitische Klischees? Vielleicht hat er das Wort „unterkomplex“ auch nur gebraucht um zu zeigen, dass er es auch kennt. Es ist auch keineswegs mehr ein „antideutsches“ Monopol, auch in der „Welt“ wird damit unbefangen hantiert. (Obwohl: Wo man sich per Arbeitsvertrag zur US- und Israelsolidarität verpflichten muss, sind „Antideutsche“ hochwillkommen.) Aber auch dort ist „unterkomplex“ fast immer zum Abwatschen von Kapitalismuskritik im genannten Sinn in Gebrauch.

Auch andere Formulierungen verraten, dass der Autor in der „antideutschen“ Welt heimisch ist. Die von Gehrcke „unterstellte“ Kampagne gegen links übersetzt er als „ein (von oben) zentral geplantes und gesteuertes Vorgehen“ – und dieses „von oben“ ist wiederum in „antideutschen“ Argumentationsmustern sehr beliebt: damit denken sie, das „antisemitische Ressentiment“ gegen „Eliten“, das „eine Prozent“, gegen G7, Bilderberger, Davos-Treffen, Münchner Sicherheitskonferenz etc. markieren zu können, gegen die „geheimen Weltenlenker“, also – in ihrer! Vorstellung – die Juden. Verkündigung der „Antideutschen Antifa Jena“: Die „Verantwortung“ werde „bei den ‚herrschenden Eliten‘ verortet“, und „daraus resultieren … Verschwörungstheorien“.

Damit wären wir auch schon beim Lieblingsfeind der „Antideutschen“, dem „ehemaligen RBB-Moderator Ken Jebsen“, dem ein „Beitrag voll von übelriechendem Unrat“ attestiert wird. Jebsen lässt sich in diesem Beitrag (in scharfen Worten) über die terroristische Politik Israels gegenüber den Palästinensern aus, einen Beitrag, „den nicht als antisemitisch zu bezeichnen, ausgesprochen schwerfallen dürfte“, gibt sich Bratanovic sicher. In der Kritik vieler Juden kommt Israel viel unvorteilhafter weg – sind sie deshalb „Antisemiten“?

Doch wieso der israelischen Regierung auf den Leim gehen, die einen selbsternannten „Judenstaat“ repräsentieren, womit sie ausdrückt, dass in diesem Staat nicht alle Bürger gleiche Rechte haben und haben sollen? Die Anmaßung der Zionisten, für alle Juden sprechen und handeln zu wollen, das ist antisemitisch. Alle Juden unabhängig ihrer politischen Haltung in Sippenhaft für die völkerrechtswidrige israelische Politik zu nehmen, das ist Antisemitismus. Jebsen tut das nicht, Bratanovic schon.

Als Kettenglied zwischen Gehrcke und Jebsen will unser (vermeintlicher) Rezensent Diether Dehm vorführen. Dessen Zitat vom Ostermarsch 2009 in Kassel ist ein Evergreen für die „taz“, „Antideutsche“ und natürlich diesen jW-Autor. In Kassel kam Diether Dehm nach dem Schauspieler, Antifaschist und Freidenker Rolf Becker auf die Bühne, und verwahrte sich dagegen, dass während dessen Rede mit „Antisemitismus!“-Zwischenrufen „dazwischengepöbelt wird“. Man dürfe „nicht zulassen, dass der Begriff Antisemitismus für alles und jedes inflationiert wird“, weil seit dem deutschen Faschismus Antisemitismus nicht mehr ohne Massenmord gedacht werden kann. Dass der Vorwurf „Antisemitismus dem Massenmord vorbehalten bleiben muss“, liege daran, dass der das wurde, was er wirklich ist: Eine massenmordende Bestie.“ Also das Gegenteil der Verharmlosung, was aber in „antideutscher“ Lesart negiert wird.

Sie lügen wie gedruckt. Bratanovic druckt sie nach, die Lügen, statt sie zu entlarven. Warum tut er das? In der jungen Welt-Redaktion erfreut sich bei einigen die „Enten-Typologie“ einer gewissen Beliebtheit: „Wenn ich einen Vogel sehe, der watschelt wie eine Ente, schwimmt wie eine Ente und quakt wie eine Ente, nenne ich diesen Vogel eine Ente“. Daran anschließend könnte man folgern: Wenn ich einen Bratanovic lese, der „antideutsche“ Themen bedient, der die Feinde der „Antideutschen“ angreift, und sich dabei auf „antideutsche“ Thesen stützt, dann nenne ich diesen Bratanovic einen „antideutschen“ Vogel.

Dass der Mann „antideutsch“ agitiert, steht außer Frage, ob er das jedoch aus Überzeugung tut, steht auf einem anderen Blatt. Zunächst stellt sich die Frage, warum er ausgerechnet unbestreitbar Linke und Antimilitaristen aus der Bundestagsfraktion der gleichnamigen Partei attackiert. Soll es eine Anbiederung an die „Atlantiker“ um Liebich & Co sein? Ist es Stimmungsmache im Hinblick auf den bevorstehenden Wechsel an der Fraktionsspitze, bei dem sich die Parteilinken und die „Reformer“ auf Sarah Wagenknecht und Dietmar Bartsch geeinigt haben? Diether Dehm und Wolfgang Gehrcke haben diese Lösung nachdrücklich unterstützt, das Nachsehen hat die Strömung „Mittelerde“ um Parteichefin Kipping. Wie die „junge Welt“ vom 24.06.2015 („‘Mittelerde‘ macht mobil“) berichtete, kommen aus ihrem Umfeld weiterhin Querschüsse gegen das Personalpaket. Leistet hier Bratanovic nach dem Motto „haut den Sack und meint den Esel“ seinen Beitrag? Es soll auch Anhänger der Milchmädchenrechnung geben, dass falls Wagenknecht in der PDL nicht die erforderliche Unterstützung findet, es dort viele Marxisten nicht mehr aushalten, die dann in die DKP strömen würden.

Welche „Verschwörungstheorie“ plausibler ist, ob es eine ‚angeregte‘ Auftragsarbeit, ein selbst erteilter Parteiauftrag war oder der blanke Opportunismus die Feder führte, mag dahingestellt bleiben. Rainer Rupp schrieb dem Autor eines nicht veröffentlichten Leserbriefs zu der Frage, „für wen eigentlich Daniel Bratanovic arbeitet? Objektiv arbeiten er und seine Bundesgenossen für die Kriegstreiber, indem er eine starke anti-Kriegsbewegung, die nichts links-rrrrrevoluzzzionär ist, zu verhindern versucht. Ob er das auch subjektiv so empfindet, ist die große Frage.“

Es wäre unerträglich, wenn eine großartige und für Linke unverzichtbare Zeitung wie die „junge Welt“, die mit dem leider verstorbenen Werner Pirker einen Kommentator von einsamer Klasse hatte, die auch heute brillanten Journalismus und Analyse liefert, wofür stellvertretend Arnold Schölzel steht, ihre Rolle und Bedeutung verliert, weil sie auf den Bratanovic kommt.

Klaus Hartmann, Bundesvorsitzender des Deutschen Freidenker-Verbandes

 


Collage: rlx; verwendete Fotos:
– Portrait Daniel Bratanovic  – © by arbeiterfotografie.com
– Logo Junge Welt – von Jejungewelt – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38458498
– Antideutsche in Frankfurt am Main 2006 – von Irmel Hirsch – http://de.indymedia.org/2006/06/150265.shtml, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4760699